Schlagwort-Archive: direkt

schreibidee (322)

die deutsche sprache weist ein paar eigenheiten auf, die sich nicht gleich zu erkennen geben. generell ist es eine sprache, die unglaublich viele variationen und wortfindungen zulässt – vieles kann mit vielem kombiniert werden und emotionen lassen sich dadurch in unendlich vielen ausdrücken darstellen. etwas ins hintertreffen gerät meiner ansicht nach die „deftige“ form des schreibens. die nette, hübsche variante wird oft bevorzugt, doch wir haben noch ganz andere möglichkeiten. darum dieses mal eine schreibanregung zu „o-t-z-texten„.

was das ist? – ist ihnen schon einmal aufgefallen, dass alle deutschen worte, die die buchstabenabfolge „otz“ enthalten eher in die kategorie „geradeheraus und deftig“ gehören? als einstieg in der schreibgruppe sammeln die teilnehmerInnen alle worte, die ihnen zu „otz“ einfallen am flipchart. nun wählen sich alle jeweils ein wort aus und erstellen ein cluster dazu. anschließend wird eine kurze geschichte geschrieben.

im zweiten schritt wird ein fantasiewort mit „otz“ ausgewählt (also z.b. notzen, wotzen, gotzen …) und ebenfalls ein cluster dazu erstellt. was könnte dieses wort bedeuten, was umschreiben. die teilnehmerInnen sollten auf der ebene der deftigkeit bleiben, da es dieser buchstabenkombination anscheinend entspricht. auch zu dem gefundenen fantasiewort wird eine kurze geschichte geschrieben. die beiden geschichten werden hintereinander in der schreibgruppe vorgetragen und es findet eine kurze feedbackrunde statt.

im anschluss wird eine längere geschichte geschrieben. einzige vorgabe für den text ist es, möglichst viele „otz“-wörter zu verwenden. allein diese vorgabe wird mit großer wahrscheinlichkeit dazu führen, dass texte mit einer direkteren sprache entstehen. die gruppenleitung kann dazu animieren, bei diesem text zu probieren, die scham und den inneren zensor beiseite zu schieben und einmal „in die vollen“ zu gehen. anschließend werden die geschichten vorgelesen und in der feedbackrunde eventuell auch über tabu und scham beim kreativen schreiben diskutiert.

zum abschluss wird noch ein kurzes gedicht mit „o-t-z“-wörtern verfasst, also mit einem reim der die wörter verwendet (ein vierzeiler oder ähnliches). die gedichte werden in der abschlussrunde vorgetragen.
alternativ kann man einmal texte mit „a-t-z“- und mit „i-t-z“-wörtern verfassen. worin unterscheiden sie sich von den „o-t-z-texten“?

schreibpädagogik und kommunikation

gruppen, auch schreibgruppen, anzuleiten, hat sehr viel mit der fähigkeit zu mündlicher kommunikation zu tun. denn obwohl in den gruppen die meiste zeit geschrieben wird, sollten die gruppenleitung klar und eindeutig sein. das fängt bei der formulierung der schreibanregungen an, denn sie sollten von jederman verstanden werden. es geht weiter über die fähigkeit gruppendynamiken zu erkennen und gegebenenfalls offen zu thematisieren. und es endet bei der kompetenz, auf persönliche krisen von (schreib)gruppenteilnehmerInnen eingehen zu können.

das bedeutet, auch schreibpädagogInnen sollten die richtigen worte finden können. beim schreiben mag dies vielen leicht fallen, bei der mündlichen kommunikation empfinden es die meisten anstrengend und fühlen sich verunsichert. eine gute übung stellt daher der versuch dar, mit guten kollegInnen einmal die anleitung einer schreibgruppe auszuprobieren. denn wenn man ins kalte wasser springt und ohne vorübung gruppen anleitet, kann man sich schnell verkühlen. ausgestrahlte unsicherheit, der falsche tonfall oder angst vor den reaktionen der gruppenteilnehmerInnen verunsichern schnell jede (schreib)gruppe.

es hilft nicht viel, wenn man versucht, die unsicherheit zu überspielen. da ist es sogar oft besser, auch einer gruppe zu erklären, dass man sich gerade unsicher fühle. in solchen momenten ist eine gruppe eher bereit einem unterstützend zur seite zu stehen. viel schwieriger wird es, wenn eine schreibgruppe mitbekommt, dass man seine emotionen und schwierigkeiten krampfhaft überspielen möchte. es muss klar kommuniziert werden.

das bedeutet nicht, dass der ton der kaserne mit befehl und gehorsam gelten sollte. es bedeutet nur, dass man sich nicht in verbale schlagabtäusche mit teilnehmerInnen einlassen sollte. man hat das gruppentreffen organisiert und strukturiert, also sollte man auch dahinter stehen. stellt man alle planungen kurz vor der durchführung in schreibgruppen zur debatte, dann verzettelt man sich in den verschiedenen interessen der teilnehmerInnen. und ich verspreche ihnen, es gibt verschiedene interessen.

also müssen schreibpädagogInnen trainieren, eine gruppe mündlich passend durchzuführen. das geschieht viel zu selten, nicht nur bei schreibpädagogInnen. es ist nichts dabei, wenn etwas schief geht, wenn die kommunikation stockt. alle gruppenleitungen können und sollten stetig hinzulernen und keine gruppe ist vorhersagbar in ihrem verhalten. also: trainieren sie ihre stimme, Weiterlesen

schreibberatung und saftig

ein skurrile kombination. wie kann schreibberatung saftig werden? oder was ist überhaupt eine saftige schreibberatung? damit meine ich eine schreibberatung, die lust am schreiben fördert, die die eigenmotivation zum laufen bringt. und ich meine eine schreibberatung, die die offenen, direkten und kräftigen worte sowohl im text als auch in der kommunikation bevorzugt.

wir sind oft zu vorsichtig im umgang miteinander, gerade im beratungskontext geht es sehr sanft und zurückhaltend zu. das ist auch oft notwendig, um die verunsicherung der ratsuchenden aufzufangen und die ängste zu nehmen. doch ist dieser schritt vollzogen, dann hat sich eine vertrauensbasis aufgebaut, die es möglich macht, ins detail zu gehen. nun kann es darum gehen, die richtigen worte zu finden.

in diesem moment sollten sich menschen fragen, welche bücher, welche texte sie am liebsten lesen. es sind meist nicht die dezenten, braven und zarten wortgebilde, die einen zum nachdenken anregen und das interesse wecken. es sind die frechen, kecken und direkten formulierungen, die einen fesseln, binden und zustimmen lassen. schaut man sich die romane an, die gern gelesen werden, entbehren sie oft jeglicher realität. sie übersteigern geschehen und ereignisse, sie driften in fantasiewelten ab und sie lassen zufälle aufeinander folgen, die kaum vorstellbar sind.

nun kommt selten jemand in eine schreibberatung, der einen roman schreiben will. doch auch eine wissenschaftliche arbeit oder ein bericht kann wie eine karteileiche erscheinen, in der daten aneinander gereiht sind. oder es kann ein erfrischender text sein, der einen zum nachdenken anregt, der eindeutige thesen enthält, die dann mit daten unterfüttert werden. nachdem dieser text gelesen wurde, weiß ich als leser, wo der autor, die autorin steht. um zu solch einem text zu gelangen, benötigt es ein wenig mut und vor allen dingen Weiterlesen

schreibidee (238)

da war es schon in der letzten schreibidee, das grobschlächtige, das ungeschmirgelte, alles andere als glatt. es kommt ungeschminkt daher, direkt und unverblümt. und der alltag ist oft so. egal ob bei der arbeit oder in freizeit, gegenseitig hat der mensch (vor allen dingen in metropolen) keine hemmungen sich zu zeigen, was er denkt. nur wenn hierarchien eine rolle spielen, dann landet man schnell beim „untertan“. ansonsten ist der ton die grundlage für diese schreibanregung zu „rauen geschichten„.

da der raue ton in den besten familien vorkommt, nur mit anderen worten, sollen sich die teilnehmerInnen die zwei „un“wörter „bildungsfern“ und „bildungsnah“ zu nutze machen. es werden zwei kurze raue dialoge (ungefähr eine seite jeweils) im „bildungsfernen“ und „bildungsnahen“ milieu geschrieben. hier darf es zur sache gehen, es wird klartext geredet und nicht immer fair. die dialoge werden kurz vorgetragen.

anschließend gehen alle in die raue welt. drei plots für geschichten (in maximal fünf sätzen) über grobe lebenssituationen werden notiert und in der schreibgruppe kurz vorgestellt. anschließend wählen alle jeweils einen plot (es muss nicht ein eigener sein) aus, um eine längere geschichte zu schreiben. auch wenn es in der kurzen zeit nicht „berlin alexanderplatz“ oder „wir kinder vom bahnhof zoo“ werden kann, die grundbilder dürfen ähnlich „krass“ und verzweifelt sein. das leben ist ja kein kindergeburtstag, warum also nicht die raue wirklichkeit schildern.

übrigens fesseln bücher und texte meist erst in der übertreibung so richtig. obwohl die leserInnen sehr wohl wissen, dass so viel gehäuftes elend kaum sein kann und schwer zu ertragen scheint, zweifelt niemand an der story. darum einmal alle schutzvorrichtungen fahren lassen und in die vollen gehen. da landet das geprügelte kind wegen des geringen selbstwertgefühls in der straßengang, raubt und mordet irgendwann. da gerät ein psychotischer mensch an den therapeuten, der klienten braucht, um sein ego zu polieren, egal ob seine kunden dabei auf der strecke bleiben. da kommt ein jugendlicher in ein heim, um seinem alkoholiker-elternhaus zu entfliehen und lernt in der schutzeinrichtung erst so richtig kennen, was es heisst geprügelt zu werden … die rauen geschichten werden in der schreibgruppe vorgelesen und es gibt eine feedbackrunde.

zum abschluss dann noch die raue wirklichkeit im berufsleben. auf zwei seiten wird abseits jeglicher sozialromantik die ausbeutung und selbstausbeutung im berufsleben mit aller dramatik geschildert. wenn erkrankungen in kauf genommen werden, nur um nicht entlassen zu werden, wenn die jüngeren konkurrentInnen die älteren kollegInnen demontieren, wenn die kontrolle der arbeitenden allumfassend ist. das raue arbeitsleben wird anschließend vorgelesen und vielleicht gleich darauf eine gewerkschaft gegründet 😉

schreibidee (224)

passt ja ein wenig in die jahreszeit. in vier tagen ist frühlingsanfang, da kann es nicht schaden, eine schreibanregung zu geben, die der powerriegel unter den schreibanregungen ist. kaum noch nachtfrost, ein wenig regen und schon können die säfte wieder ungehindert fließen. darum, wie kann es nach den letzten posts auch sein, soll dieses mal zu „saftige stories“ angeregt werden.

der einstieg ist leicht. für die schreibgruppenteilnehmerInnen ist eine kleine saft-bar aufgebaut. alle werden aufgefordert, sich ein gläschen ihres lieblingssafts zu nehmen. und wären sie am leckeren getränk nippen soll eine einseitige „hymne“ auf den saft geschrieben werden. sind die gläser geleert, werden die hymnen vorgetragen. es gibt keine feedback-runde.

was kann denn nun „saftig“ bedeuten, wofür steht das wort? für „nektar“, auch ein schöner begriff, oder für „deftig“, „wild“ und „lebhaft“? die schreibgruppenteilnehmerInnen sammeln am flipchart begriffe, die von ihnen mit saftig assoziiert werden. zudem wird eine 30-wort-assoziation zum wort „saftig“ durchgeführt. nun wählen alle jeweils fünf begriffe aus und schreiben in kombination mit ihrer 30-wort-assoziation eine kurze geschichte von maximal drei seiten. diese kurzen geschichten werden auch ohne feedback vorgetragen.

zum abschluss wird eine längere geschichte oder „story“ verfasst. die teilnehmerInnen wählen sich nun jeweils nur einen begriff aus, der sie am stärksten in bezug auf „saftig“ anspricht. es sollte ein direkter, kräftiger und praller begriff sein. anhand dieses wortes wird eine saftige story verfasst. das bedeutet, es wird erwartet, dass in der geschichte etwas fließt, das alle hörerInnen mitreisst, sie im strom des lebens schwimmen lässt. anschließend wird die längere story vorgetragen und beim feedback werden anregungen gegeben, wie die geschichte noch saftiger werden kann.

nach allen feedbackrunden mixt die schreibgruppe zur verabschiedung noch einen leckeren saftcocktail und freut sich über den nahenden frühlingsbeginn 😉

kreatives schreiben und saftig

das leben ist bunt. darüber lässt sich vortrefflich schreiben. gern werden die worte gepflegt und geordnet gewählt, wird mit metaphern ein bild gezeichnet und eine story erzählt. doch das leben ist mehr. es ist kraftvoll, manchmal direkt und deftig. aber in diesem zusammenhang ist ein großteil der schreibenden sehr zurückhaltend. die worte werden weiterhin umgänglich verwendet. selten gehen schreibende „in die vollen“. warum eigentlich?

unsere sprache bietet gute möglichkeiten auch das zu formulieren, was vor kraft aus allen nähten platzt. menschen begeben sich gern zwischendurch in rauschhafte zustände, sie werden laut und direkt. aber beim schreiben gilt großteils ein konsens, der dies nicht mit entsprechenden worten abbildet. nur beim sex wird direkter formuliert. aber was schreibt man, wenn sich jemand einfach nur im wohlfühlen baden soll, sich seine wünsche und träume erfüllen und er der meinung, die welt gehöre ihm oder ihr?

klar, viele geschichen leben von der tragik und dramatik, schönes funktioniert teilweise nicht so gut und positives denken ist opium fürs volk, angesichts all der schlechtigkeiten. „schön“ wird es meist nur in den schmonzetten, in denen der sonnenuntergang am meeresstrand auf das glückliche paar scheint oder über die blühende wiese im frühling auf der alm gewandelt wird und die vöglein von den waldrändern zwitschern. dabei wäre es lohnenswert sich literarisch oder schriftlich einmal in ein kneipe zu begeben, wo sich die leute alkoholgeschwängert den mund fusselig reden, kein ende finden, sich die welt erklären und im gemeinsamen schwelgen.

auch in diesen situationen ereignen sich geschichten. oder jemand erfüllt sich nach jahrzehnten den traum seines / ihres lebens. und es klappt. hier braucht es eine umschreibung, die die dimension des erfüllens auch erfasst. da darf nicht nur von glück gesprochen werden, da ist das überschwemmt werden mit positiven gefühlen zu beschreiben. aber das fällt schwerer als die umschreibung, wenn der traum scheitert, wenn alles wieder vernichtet wird.

also, wie sieht das leben, die geschichte aus, wenn sie saftig sind? es wird geschwelgt, geschwärmt, es pulsiert, es tropft aus jeder pore, es blüht, es knallt einem entgegen, es trägt einen, es baut auf, es ergänzt, schmatzt, prall gefüllt öffnet sich der kelch, es ist fettig, süß und macht satt. es blickt einen aus großen augen mit offenem mund an, schreit, tobt und tanzt ekstatisch, es perlt, flüstert und schwimmt oben wie fettaugen, es pulsiert, stampft und atmet rhythmisch, es brüllt vor freude und verliert sich in wollüstigen. das kreative schreiben darf zwischendurch den höhepunkt des saftigen lebens beschreiben, zum beispiel um den kontrast zu den abgründen zu erhöhen oder auch nur eine seite der medaille zu beschreiben.