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details einer wissenschaftlichen arbeit auf schreibboutique.de

eine wissenschaftliche arbeit zu verfassen und zu schreiben, unterliegt mehr oder weniger regeln. es wird oft vermittelt, es gebe eine eindeutige vorgehensweise in den wissenschaften. dies stimmt nur bis zu einem gewissen punkt. um ein wenig orientierung zu geben, habe ich auf meiner homepage http://schreibboutique.de einmal die einzelnen groben abschnitte einer wissenschaftlichen arbeit ausführlicher dargestellt.

doch wer erwartet hier ein allgemeingültiges konzept zu erhalten, dem sei geschrieben, dass es dies in den wissenschaften in der form nicht gibt. die einzelnen posts können nicht mehr sein als ein pfad, an dem man sich beim verfassen einer arbeit entlanghangeln kann. es war mir wichtig, an den entsprechenden stellen darauf zu verweisen, wenn man beim schreiben der arbeit lieber sein (forschungs)umfeld fragen sollte, wie bestimmte aspekte einer arbeit umgesetzt werden.

bei den darstellungen handelt es sich also um den kleinsten gemeinsamen nenner beim schreiben einer wissenschaftlichen arbeit, da die welt der wissenschaften so vielfältig und verschieden ist. doch vielleicht hilft es trotzdem dem einen oder der anderen beim verfassen eines angemessenen textes. garantien kann ich dafür nicht übernehmen – einfach mal reinschauen:

1. die einleitung

2. die these / fragestellung

3. theoretische grundlagen

4. die forschung / die methode

5. datenerhebung

6. datenauswertung und das ergebnis

7. diskussion und abschluss

8. inhaltsverzeichnis, zitate, literaturverzeichnis, fussnoten

nabelschau (65)

neuropsychologie oder die bedrohung geht von den wahrsagern der naturwissenschaften aus. das schlimme internet, die bedrohung des menschlichen geistes. so oder ähnlich lassen sich etliche äußerungen von neurowissenschaftlerInnen, psychologInnen und gesellschaftsbetrachterInnen zusammenfassen. und sie berufen sich alle inzwischen auf erkenntnisse über die veränderungen der hirnstruktur beim nutzen des netzes. die neuropsychologie bringt es dann so schön auf den punkt, wenn sie den zusammenhang zwischen ergebnissen der gehirnwissenschaften und dem menschlichen verhalten herstellt.

um überhaupt zu erkenntnissen zu kommen, werden probanden diversen reizen ausgesetzt oder ihnen werden (denk)aufgaben gegeben und gleichzeitig werden hirnströme gemessen, wird die aktivierung von hirnregionen im mrt (magnetresonanztomographen) abgebildet. zwischen den messergebnissen, den aufgaben und reizen wird ein statistischer zusammenhang hergestellt, der eigentlich keine schlussfolgerungen zulässt. aber sie werden vorgenommen. eigentlich könnte man nur sagen: wenn ich das und das lese, dann wird mit einer wahrscheinlichkeit von xy % die und die hirnregion aktiver.

aha! und jetzt? jetzt wird das gemacht, was die zahlen einfach nicht hergeben: jetzt wird aus den vermuteten funktionen der hirnregionen und deren aktivierung auf das zurückgeschlossen, was der mensch wohl denkt und wie er denkt. das ganze verfahren ist sehr aufwendig und teuer, endet aber meist in kaffeesatzleserei. da wäre es interessanter, die menschen zu fragen, was sie denken, während sie den reizen ausgesetzt sind, während sie die (denk)aufgaben lösen. sie können sicher sein, bei hundert probanden werden sie hundert verschiedene antworten bekommen (auch wenn sich die inhalte der antworten annähern, so werden sie doch mit unterschiedlichen worten und im hintergrund in individuellen emotionalen zuständen geäußert).

woran das liegt? daran, dass wir subjekte sind. der eine proband sitzt zum beispiel gerade an einer hausarbeit und stellt sich für den versuch zur verfügung. er ist gestresst und erlebt das experiment in diesem zustand. die andere probandin hat sich gerade von ihrem partner getrennt und ist traurig. der nächste proband hatte die nacht vorher tollen sex usw. auch dies steckt alles in den hirnen der versuchspersonen, wird aber im versuchsdesign ausgeschlossen. denn man möchte „unverfälschte“ ergebnisse.

und so kommt man zu dem schluss, dass das surfen im internet unsere hirnregionen, unser denken verändert. aha! wahrscheinlich so, wie das tägliche stundenlange stumpfsinnige autofahren von berufspendlern dies auch tut. unser gehirn ist sehr anpassungsfähig, es kann sich den zielen des denkenden menschen anpassen. wenn ich mich also auf einen bild- oder textausschnitt konzentrieren möchte, dann kann ich das tun und alle anderen wahrnehmungen bis zu einem gewissen grad ausschließen. nur autisten haben teilweise die schwierigkeit, andere sinnesreize zu filtern.

die neuro-expertInnen gehen in ihren aussagen einen schritt weiter: sie stellen fest, dass der mensch, der regelmäßig surft, dinge schneller erfasst, aber oberflächlicher denkt. aha! die technik führt also zu einer kürzeren aufmerksamkeit? liegt wahrscheinlich an der menge der informationen, an den kurzen texten, an den vielen bildern, an der gehäuften zahl von sinneseindrücken? da kann man dann ja den umkehrschluss ziehen, dass menschen, die regelmäßig die bild-zeitung lesen (viele bilder, wenig text, durch große kontrastreiche lettern starke sinnesreize) oberflächlicher denken und ihre hirnstruktur sich verändert – oder?

und was sagt das über den menschen aus? nichts. doch eben diese unterschwellige bewertung Weiterlesen

wissenschaftliches schreiben und störung

die häufig auftretenden störungen beim verfassen eines wissenschaftlichen textes habe ich schon im post „schreibberatung und störung“ benannt. hier möchte ich eher betrachten, welche störungen explizit im zusammenhang mit den wissenschaften und der forschung auftreten können, denn es handelt sich hier um ein besonderes schreibumfeld.

das grösste problem in den wissenschaften stellt die möglichkeit dar, überhaupt in den relevanten zeitschriften veröffentlicht zu werden. man ist also nicht nur mit dem schreiben eines fachtextes beschäftigt, sondern nebenher mit den besonderheiten der fachspezifischen presse. diese abläufe können als sehr störend und zeitraubend erlebt werden. doch ohne veröffentlichungen, also nur mit texten zu den forschungsergebnisse für den eigenbedarf und die forschungsgruppe, kann man in den wissenschaften keine karriere machen.

neben der teils sehr bürokratischen veröffentlichungspraxis geht zudem beim wissenschaftlichen schreiben darum, die hierarchien zu wahren. lästig und störend können dann die veröffentlichungsmodalitäten im forschungsbereich sein. ist man nicht professorIn, hat man meist die über einem stehenden im forschungsbericht mit zu benennen, auch wenn sie mit der eigentlichen untersuchung nichts zu tun haben. diese strukturen und abläufe sind also auch zusätzlich beim schreiben eines textes zu bedenken. dies zieht sich weiter durch den text, denn auch hier gibt es unausgesprochene gepflogenheiten, wenn der anderen man wie zitiert und erwähnt (teilweise auch wie oft).

und dann steht man in den angesagten wissenschaften unter enormem zeitdruck. ein ergebnis, eine entdeckung sollte veröffentlicht und als eigene ausgegeben werden, bevor andere einem zuvorkommen. man muss also nebenher noch die Weiterlesen

schreibgruppen selber gründen (10)

ergebnisse

haben alle vorbereitungen geklappt und findet eine schreibgruppe regelmäßig statt, ergibt sich früher oder später die frage, ob man mit den geschriebenen texten an die öffentlichkeit gehen soll. die anfängliche zurückhaltung bei vielen schreibenden verschwindet langsam und es kommt der wunsch auf, andere an den schöpferischen ergebnissen teilhaben zu lassen. nicht bei allen teilnehmerInnen aber meist bei etlichen.

gibt es eine gruppenleitung in der schreibgruppe, kann diese vorschläge für formen der veröffentlichung machen. gibt es keine gruppenleitung, dann muss eine einzelperson den anstoss zum weiteren vorgehen geben und im anschluss sollte die gruppe diskutieren, wie sie vorgehen möchte. es gibt etliche möglichkeiten, die öffentlichkeit an den ergebnissen einer schreibgruppe teilhaben zu lassen:

  • alle teilnehmerInnen tragen ihre subjektiv gefühlt besten texte zusammen. diese werden mit hilfe von buchbinderInnen zu einem ganz persönlichen ergebnisbuch gebunden. dieses buch ist einmalig und kann an gute freunde und bekannte weitergereicht werden.
  • man kann gemeinsam eine lesung organisieren. dazu benötigt es einen passenden ort, freunde und bekannte werden eingeladen, es gibt schnittchen und getränke und man gestaltet gemeinsam einen gemütlichen literarischen abend.
  • jemand richtet eine homepage oder einen blog ein und alle teilnehmerInnen können dort eine bestimmte anzahl oder alle texte, die einem selber gefallen, auf der seite hochladen.
  • man stellt gemeinsam eine broschüre oder ein buch zusammen. dazu dürfen alle schreibgruppenteilnehmerInnen eine bestimmte anzahl an texten mit einer festgelegten anzahl an seiten beisteuern. dieses buch kann man nun entweder über „books on demand“ über das internet drucken lassen (hierbei sollte man durchrechnen ab wie vielen exemplaren sich diese vorgehensweise lohnt).
  • man hört sich um, ob ein verlag interesse an dem buch haben könnte (die wahrscheinlichkeit ist nicht besonders groß) und lässt das buch verlegen.
  • oder man wendet sich an einen verlag, muss den druck selber bezahlen (ist relativ teuer) und lässt eine bestimmte auflage drucken.
  • zu guterletzt kann man heute das buch auch selber layouten, druckt es im copyshop aus und lässt es dort auch binden. sollte es sich um eine kleinere broschüre handeln, gibt es auch druckereien über das internet, die recht preiswert broschüren über online-bestellungen drucken.

vorher sollte in der gruppe noch darüber diskutiert werden, was es bedeutet mit den eigenen, persönlichen texten an die öffentlichkeit zu gehen. manchmal wird unterschätzt, wie sehr einem das selbstgeschriebene am herz liegt und kritik am geschriebenen ist schwerer auszuhalten, als man dachte. dessen sollten sich alle schreibgruppenteilnehmerInnen bewusst sein.

nabelschau (42)

zitronenkern und blinddarmentzündung. das internet hat seine tücken, die schwer zu überwinden sind. da sitzt ein mensch zuhause, macht sich gedanken, ob das verschlucken eines zitronenkerns, wie auch das verschlucken eine kirschkerns zu einer blinddarmentzündung führen kann. viele menschen gehen davon aus, dass ein zusammenhang zwischen beidem besteht.

also gibt man in der suchmaschine die begriffe „zitronenkern“ und „blinddarmentzündung“ ein, um weitere informationen zu bekommen. das ist eine gute möglichkeit, seinen wissenshorizont zu erweitern, denkt der mensch. doch weit gefehlt: bei der suchmaschine wird an erster stelle dieser blog angegeben. nun gibt es aber hier kein post zum thema, wie weit obstkerne zu blinddarmentzündungen führen können. nein, es gibt hier nur eine schreibidee, in der auch zitronenkerne eine rolle spielen. und es gibt einen „blinddarm“, der gern mal kommentiert.

dies fasst die suchmaschine zusammen und verknüpft die beiden begriffe zu einem suchergebnis. in der darstellung der ergebnisse erscheint es, wie wenn in einem text die begriffe „zitronenkern“ und „blinddarmentzündung“ gleichzeitig auftauchen. aber weit gefehlt. und so verirrt sich der mensch in der digitalen welt, wenn er einen schreibpädagogischen blog vorfindet, der ihm vieles geben kann, nur keine antwort auf die leibesschmerzen, die er nach dem verschlucken eines zitronenkerns verspürt.

aber ich sehe diese suchbegriffe in der statistik und frage mich, wie man denn bei diesen suchbegriffen ausgerechnet auf den schreibschrift-blog kommt. also gebe ich diese suchbegriffe ein und finde den blog an stelle eins der suchergebnisse. doch damit fördere ich die position eins noch. und mit dem nun hier verfassten text zum faszinosum wortkombinationen in suchmaschinen steigere ich die wahrscheinlichkeit, abermals bei dieser wortkombination auf dem blog zu landen. aber lieber mensch, falls sie mit schmerzen vor ihrem computer sitzen und sich fragen, wie sie hier landen konnten: es ist ein irrtum. suchen sie lieber weiter und geben sie vielleicht die begriffe „kirschkern“ und „blinddarmentzündung“ ein. ich wünsche gute besserung.

nabelschau (19)

skurrile suchanfragen. der mensch ist ein suchender. er such den sinn des lebens, seinen platz, er sucht sie oder ihn, er sucht seine ruhe und vor allen dingen sucht der mensch informationen. dafür gibt es suchmaschinen. und suchmaschinen verweisen dann, wenn es entsprechungen auf homepages oder blogs zu den suchbegriffen gibt, auf diese. nur manchmal suchen sich die suchmaschinen zum beispiel in einzelnen artikeln ganz schön was zusammen. wenn der mensch dann auch noch auf das zusammengesuchte klickt, zeigt einem der eigene blog im hintergrund, was gesucht wurde.

so wird nach einem „waschbecken mit schmutzsammler“ gesucht. ich habe aber nie über waschbecken mit schmutzsammler geschrieben. gibt man die suchbegriffe bei google ein finden sich fünf treffer und dieser blog steht an erster stelle, denn in der letzten nabelschau zur körperbe- und -enthaarung tauchten die begriffe „waschbecken“ und „schmutzsammler“ auf, wenn auch in ganz anderen zusammenhängen.

noch absurder wird es bei suchanfrage „heteros abfüllen und benutzen„. abgesehen von der tatsache, dass jemand auf so eine blödsinnige idee kommt und meint, daran gefallen zu finden, habe ich nun wirklich nie, nie, nie dazu geschrieben. aber einzeln kommen alle begriffe der suchanfrage eigentlich im gegenteiligen post vor, nämlich in dem zur diskriminierung homosexueller. jedenfalls wird der suchende mensch erstaunt gewesen sein, als er infos bekam, die er wahrscheinlich nie haben wollte. sie schadeten ihm wahrscheinlich nicht.

und auch im zusammenhang mit dem eigentlichen thema dieses blog, nämlich der schreibpädagogik fand sich eine schöne anfrage: „erkältung beim schreiben„. in diesem moment kann fantasiert werden, wie dies zustande kommt. es wurde draußen in der natur geschrieben und war ein wenig frisch, oder es fragt sich jemand wie man erkältung schreibt, hat dies aber schon richtig gemacht. doch dass man generell während des schreibens eine erkältung bekommen kann, erstaunte mich sehr. es wäre eine untersuchung hilfreich, die schreibende und erkältungsanfälligkeit in relation zueinander setzt.

schreibaufgabe (25) – ergebnis – kurz-kurzgeschichten

das gummibärchen

du bist ja das letzte„, sagt sabine, als sie mit dem zeigefinger versucht das rote gummibärchen aus dem tütenzipfel zu puhlen. „ach so stehst du zu mir!“, rief uwe in diesem moment und verließ sabine für immer, nachdem er sich so mühe mit dem heiratsantrag gegeben hatte.

 

das schaf

„du bist ja das letzte!!“, murmelt paul verzweifelt im halbschlaf. ich ahnte, dass dieser tag kommen würde, dachte er. seit achtzig jahren zählte er abends im bett schafe, wie sein vater ihm das gezeigt hatte, um einschlafen zu können. nie waren ihm die schafe ausgegangen. doch nun spürte er nur noch den starken stechenden schmerz in der brust.

 

das rennen

„du bist ja das letzte kind“, rief hildegard zornig ihrer tochter zu, „das über die ziellinie gesprintet ist!“ und dachte dabei an die vielen männer, die sie als callgirl bedient hatte, damit anastasia am training für die landesauswahl der unter 10-jährigen mädchen teilnehmen konnte. die macht das nur, um mich zu ärgern, kam ihr in den sinn. seit sie vorletzte woche nachts aufwachte und ich nicht da war, versucht sie immer so lang wie möglich wach zu bleiben, damit ich nicht gehe.

 

das cremetörtchen

„du bischd ja dasch letschte“, ruft holger panisch mit dem letzten cremetörtchen im mund vor dem kühlschrank sitzend. es ist noch nicht genug. irgendwo müssen noch die schokoriegel sein. wo hat er sie nur hingelegt? es ist noch zu wenig, um sich den finger in den hals zu stecken.

 

die sparbüchse

„du bist ja das letzte!“, sagt edgar zu sich, als er im kinderzimmer auf dem boden sitzt und die sparbüchse von tom öffnet. „aber was soll ich machen, wenn kein schnaps mehr im haus ist?“ er kann auch nichts dafür, wenn helga alles weggeschüttet hat. ich lass sie erst wieder aus dem keller, wenn ich etwas wodka getrunken habe, denkt er bei sich, sonst halt ich das geschrei nicht aus.

 

das essen

„du bist ja das letzte!“, brüllt anna in ihr handy, „mich hier drei stunden mit dem fertigen essen sitzen zu lassen. du glaubst wohl, ich möchte keinen feierabend haben. ist ja nur hausarbeit. jeden tag der gleiche scheiß.“ „tschuldigung?“, murmelt es vom anderen ende. „wer ist denn da?“ „spreche ich mit frau ehrenbach?“ „ja“ „hier ist hauptkommissar bertram, ich wollte ihnen mitteilen, dass wir ihren mann aufgehängt im stadtpark gefunden haben.“

(mörz 2009)

schreibaufgabe (20) – ergebnis von susie heiß – feedback erwünscht

Adeles Sicht:

Hoffentlich hatte ich die Karten auch in meine Tasche gesteckt. Ich schaue lieber nochmals nach. Geldbörse, Taschentücher, Haustürschlüssel, Handy – hatte ich das eigentlich bereits auf stumm gestaltet? Dann mach ich das besser mal gleich, ah, gut erledigt – Taschenspiegel, Handcreme. Wenn Alfons nur noch so rasant fahren würde. Dabei haben wir es ja noch nicht mal so eilig. Die Oper beginnt erst in einer Stunde, uns bleibt sogar noch Zeit für ein Glas Sekt vorweg. Lippenstift, Haarbürste, Regenschirm – wobei es ja eigentlich nicht regnen sollte heute Nacht, bei dem klaren Himmel – Monatsprogramm des Stadttheaters, mein Kalender. Keine Karten. Ich hatte sie doch eingesteckt, wo waren sie nur? Alfons verstand mein Unbehagen natürlich mal wieder gar nicht. 

„Die hast du schon irgendwo, Liebes“, sagte er und fetzte mit 70 Sachen in die nächste Kurve. 

„Gott gütiger, Alfons, wir sind schließlich in der Stadt. Meines Wissens nach ist hier immer noch 50 erlaubt.“ 

Alfons grummelte. Wie immer, wenn er wusste, dass ich recht hatte. Dennoch drosselte er die Geschwindigkeit, als ich mich bei der nächsten Kurve ganz demonstrativ an den Handgriff oberhalb der Tür hing und ein „aaahhhh“ von mir gab. Gut, vielleicht hatte ich mich auch etwas zu sehr mit in die Kurven gelegt. Trotzdem. Nicht umsonst gab es eine Geschwindigkeitsbegrenzung. Nachdem Alfons endlich in gemäßigterem Tempo fuhr, wühlte ich nochmals in meiner Tasche. Das darf doch nicht wahr sein. 

„Ich glaube, ich habe sie tatsächlich zuhause auf dem Küchentisch liegen lassen.“ 

„Hast du nicht, Liebes“, erwiderte Alfons beharrend. „Du hast sie in dein Portemonnaie getan, direkt hinter dein Monatsticket.“ 

Seufzend schaute ich dort nach und murmelte ungläubig vor mich hin: „Das kann ich mir zwar nicht vorstellen, da würde ich sie doch nie…“ 

Die letzten Worte kamen mir nicht mehr über die Lippen, denn in meinen Händen hielt ich tatsächlich die zwei Karten für Verdis Aida. Ich seufzte. 

„Ach, da bin ich aber froh. Sonst hätten wir noch zurück fahren müssen, und dann wäre doch alles etwas knapp geworden.“ 

Zufrieden und beruhigt schloss ich den Reißverschluss meiner kleinen Handtasche – allerdings nicht ohne vorher nochmals mein Gesicht in dem kleinen Taschenspiegel zu betrachten. Die Lidschatten waren zum Glück nicht verschmiert, wobei ich ja nicht so der Held war im Schminken. Noch dazu in meinem Alter. Rosalie, meine gute Freundin schon aus Schulzeiten, zetert ja immer mit mir und meint, mit über 70 müsse man sich nicht mehr schminken. 

„Wenn man jetzt keinem mehr gefällt, dann ist es eh zu spät.“ 

Recht hatte sie eigentlich. Trotzdem. Verwahrlost in die Oper zu gehen, das geht nun tatsächlich nicht. Den Lippenstift zog ich nach und war froh, dass Alfons ruhig auf den Parkplatz fuhr. Eine Lippenstiftspur über die Wangen hätte ich nicht gebrauchen können. Galant wie immer hielt Alfons mir die Tür auf. Gut sah er aus in seinem Smoking. 

„Danke“, hauchte ich. 

Auch wenn sein Kuss etwas von meinem Lippenstift wegnahm, so war mir dies jeder Kuss von Alfons wert.

 

Alfons Sicht:

Zum Glück hatte ich rechtzeitig zum Abmarsch plädiert. Ich kannte Adele ja zwischenzeitlich. Auch wenn sie sicherlich nicht so lange brauchte wie andere Frauen: etwas Zeitpuffer hatte noch nie geschadet. Kaum saßen wir im Wagen und waren aus der Einfahrt raus, ging es auch schon los. 

„Habe ich die Karten auch wirklich eingesteckt? Ach halte doch nochmals kurz an.“

Und ich hielt nicht an, denn ich wusste ganz genau, dass dies zum ewigen Spiel gehörte, ebenso wie die Frage: „Habe ich jetzt auch die Haustür abgeschlossen oder sie nur ins Schloss fallen lassen?“, wenn wir ins Wochenende fuhren oder der Klassiker vor dem Urlaub: „Ich hoffe, ich habe jetzt auch den Herd ausgeschaltet. Hast du nochmals nachgeschaut, Alfons?“

Habe ich. Immer. Nur, dass ich noch wusste, dass ich nachgeschaut hatte, während meine liebe Frau es anscheinend bereits zehn Minuten nachdem sie es getan hatte, selbst nicht mehr wusste. Ich schüttelte mich mal wieder über die Frauen wundernd den Kopf.

Eine Haarbürste fiel in den Fußraum. Sie suchte. Suchte noch immer diese Karten, dabei hatte sie sie doch in ihre Geldbörse getan – wie immer eben. Ich lies sie erstmal suchen. Auf diese Weise konnte ich immerhin den neuen Mercedes in der Stadt ausfahren. Schnittig war er, da hatte Klaus wieder recht gehabt. Und so wendig, selbst bei kleineren Kurven. Da merkte man halt doch noch, dass das Auto gute deutsche Wertarbeit war und nicht so ein Produkt aus dem Ausland. Denen war ja nicht immer zu trauen. Und Sicherheit wog natürlich ebenso hoch wie das Fahrgefühl. Das sagte ich auch Adele immer, wenn sie über den bezahlten Kaufpreis stöhnte. Trotzdem – auch sie saß gerne drin. Das wollte sie nur nicht zugeben. 

Wieder kam Gemurre vom Nachbarsitz. Fahr nicht so schnell – ja, ja. Die gleiche Leier, auch das war ich eigentlich schon gewohnt. Macht nichts. Manches muss man bei Frauen einfach ignorieren, hatte mein Vater immer gesagt. Und nach diesen Spielregeln lebte ich und war nicht schlecht gefahren. 

Irgendwann wurde mir Adeles Suche aber doch zu dumm. Nachher hätte sie noch umdrehen wollen, und ich hätte mein Vor-Opern-Bier verpasst. Also half ich ihr auf die Sprünge – und: hatte wie immer Recht. Unsere Karten fand sie in ihrer Geldbörse. Immerhin gab sie dann ein Weilchen Ruhe und konzentrierte sich auf das, was sie am besten konnte: auf sich. 

Ich hingegen freute mich an der Leistung des Wagens: 160 PS, schwarz-metallic, Fahrleistung bis zu 230 Kilometer die Stunde – nicht, dass ich jemals in den Genuss käme, diese mit Adele an meiner Seite auszufahren, aber immerhin: Die Freude darüber war groß. Dabei hatte ich Adele bei einem Straßenrennen in Wanne-Eickel kennen gelernt. Und sie wollte keinen geringern heiraten, als den damaligen Schnelligkeitsmeister der Straße. 

Ach, das war lange her. Heute fahren wir in die Oper statt Rennen auf Straßen. So ist das Alter. Ich parkte und hielt Adele die Beifahrertür auf. Gekonnt glitt sie aus dem Wagen. Wie immer sah sie umwerfend aus. Und ich war froh, dass wir es mal wieder zeitig für das Vor-Opern-Bier geschafft hatten.

ergebnisse der schreibaufgabe (12)

aktuelle anlässe machten es mir leicht einen text für die schreibaufgabe zu verfassen:

„schön mit ihnen gesprochen zu haben. das macht 2.50 euro bedienzuschlag.“

scheisse, ich seh doch jetzt schon, dass der auf krawall gebürstet ist. wie ich sie kenne, diese kunden, die bahn fahren aber gleichzeitig etwas zu kritisieren haben. nun, ganz ruhig martin, du regst dich nicht auf. er wird sich aufregen, du nicht. immer schön freundlich. mein magengeschwür zwickt. was bildet der sich ein. ich soll nichts sagen. er möchte den bedienzuschlag sparen. bin ich denn ein automat? er hat schon alle züge rausgesucht. wozu sitz ich eigentlich hier? vorsicht, der blutdruck steigt. immer denken: „du bist hier der boss! du bist hier der boss!“ lächeln und eintippen, was er dir sagt. alles schön langsam. siehst du, du hast ihn in der hand. er hat es eilig und wird nervös. so, so , du willst keinen bedienzuschlag zahlen. dann dauert es eben ein wenig länger.

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