Schlagwort-Archive: erinnerung

biografisches schreiben und frucht

es ist vielleicht noch einmal an der zeit, über die früchte des biografischen schreibens zu schreiben. denn viele menschen glauben, dass biografisches schreiben häufig nur menschen betreiben, die einen drang zu selbstdarstellung haben oder bekannt und berühmt sind. der blick auf sich selbst, das eingeständnis, dass es blinde flecken in den eigenen erinnerungen gibt oder der gedanke, dass es ungelöste schwierigkeiten und probleme im eigenen leben gibt, das ist eine vorstellung, die viele menschen für sich nicht in betracht ziehen.

denn erst sehr spät nach dem zweiten weltkrieg bemerkten die menschen, die ihn als junge erwachsene oder als kinder miterlebt haben, dass es da noch erinnerungen und gedanken gibt, die ihnen auch nach über 70 jahren nicht aus dem kopf gehen. teils sind es schreckliche momente, teils ängste oder es ist auch nur ein diffuses unwohlsein. erst wenn sich die beschwerden so verstärken, dass man nicht mehr drumherum kommt, dann fangen die menschen an, sich mit ihren erinnerungen auseinanderzusetzen. das ist nicht negativ, nein, es ist oft eine schutzfunktion nach traumatisierenden ereignissen, verdrängen zu können. doch es signalisiert gleichzeitig, dass verdrängen nicht verarbeiten bedeutet.

das biografische schreiben kann einem helfen, erinnerungen beim namen zu nennen, sie sich bewusst zu machen, einen schriftlichen weg zu suchen, sie zu verarbeiten. so, wie wir häufig zu vorsorgeuntersuchungen gehen, so könnte man sich auch seiner psyche widmen und nach vielen gelebten jahren ein resümee ziehen, das gleichzeitig eine entlastung und neuorientierung sein kann. denn wir werden alle immer älter, haben also auch oft die kraft und möglichkeit, unserem leben noch einmal eine andere richtung zu geben. die frucht dieses prozesses besteht darin, seinen eigenen ganz persönlichen bedürfnissen ein stück näher zu kommen.

eine andere frucht des biografischen schreibens ist es, nach einem langen arbeitsleben der freizeit das gewicht zu geben, das sie verdient hat. vor allen dingen die älteren generationen scheuen heute noch formen der „selbstverwirklichung“, obwohl dies eine freiheit ist, die sie verdient haben. die schwarzen löcher, die sich vor ihnen auftun, wenn sie das arbeitsleben verlassen, dürfen ohne schlechtes Weiterlesen

Kulturstiftung des Bundes – Kulturen des Bruchs – ein veranstaltungstipp

eine spannende veranstaltung der kulturstiftung, die sich der frage widmet, wie weit wir mit unseren biografischen erfahrungen und erkenntnissen unseren eigenen spielraum einengen und wie weit wir wieder mut zu vergessen haben sollten. hier geht es um text, um sprache, um politik, um digitales und um das schreiben.

und nur am rande sei bemerkt: das ganze kostet nichts, es ist keine voranmeldung notwendig und die themen erscheinen ausnehmend spannend. also, nichts wie hin und sich gedanken über die zukunft machen! das ganze findet in berlin, im haus der berliner festspiele statt.

Kulturstiftung des Bundes – Kulturen des Bruchs.

biografisches schreiben und alter

als jugendlicher schreibt man nicht unbedingt eine autobiografie (obwohl es auch beinahe jugendliche (er)lebensberichte gibt). die meisten menschen kommen erst nach dem ausscheiden aus dem beruflichen leben auf die Idee, ihr eigenes leben aufzuschreiben. oder bekannte und verwandte bitten sie darum, doch einmal die spannende lebensgeschichte zu notieren. immer wieder entbrennt danach bei biografien der streit, ob das beschriebene denn wirklich so gewesen sei oder ob nicht manche darstellungen geschönt und auslassungen gemacht wurden.

doch die form des umgangs mit der eigenen lebensgeschichte ist auch in jungen jahren kein anderer. ganz gleich welches alter man hat, biografisches schreiben geschieht immer beeinflusst von der aktuellen lebenssituation. in jüngeren jahren blendet man eventuell andere dinge aus, als in älteren jahren. dafür blickt man im alter mit mehr erkenntnissen und erfahrungen auf das eigene leben zurück und kann es vielleicht in einen größeren zusammenhang stellen. eine objektive (auto)biografie gibt es nicht. selbst bei der aneinanderreihung von puren daten ist schon die auswahl der daten eine subjektive.

also kann man nur empfehlen, sich erst gar nicht außergewöhnlich zu bemühen, bei den beschreibungen immer objektiv zu sein. vielmehr sollte man zeit und energie auf ein paar (schreib)techniken verwenden, die einem das erinnern erleichtern und die „verschüttetes“ wieder zu tage befördern. denn meist erinnert man sich im laufe der zeit an mehr, als man vorher annahm. einmal angefangen mit der erinnerungsarbeit fallen einem stück für stück weitere details ein. und sollte dies nicht der fall sein, tut es einer biografie keinen abbruch, wenn man schreibt, dass man sich an manche details nicht mehr erinnern könne.

spannender scheint mir beim biografischen schreiben der blick darauf, was das alter mit einem macht. hat man das gefühl, dass sich in bezug auf die eigenen einstellungen und vorstellungen etwas verändert hat? hat man im laufe der jahre eine neues lebenskonzept für sich entwickelt? wie geht man mit dem prozess des alterns um? was sind die vorteile des alters, wo liegen Weiterlesen

biografisches schreiben und sonne

ganz schlicht: welche rolle hat die sonne in ihrem leben bisher gespielt? auf diese frage kann man den aspekt „sonne“ beim biografischen schreiben reduzieren. natürlich schließen sich meist andere fragen an: wie? was soll die sonne mit meinem lebens zu tun haben? warum sollte ich mich das fragen?

es ist eine möglichkeit, einen zugang zur eigenen lebensgeschichte zu finden. wenn man bei adam und eva beginnen möchte, dann basiert unser ganzes leben auf der sonne. die pflanzen benötigen die sonne, um energie mit hilfe des chlorophyls zu speichern und zu verwenden. inzwischen werden wir wie die pflanzen und bauen solaranlagen für unseren energiebedarf.

aber man kann an der sonne entlang die eigene lebensgeschichte wie an einer schnur aufreihen: wie waren die ersten familienurlaube? was spielte man als kind draußen? ging man in freibäder und an seen, um freundInnen zu treffen? was passierte da? wie war es mit den ersten flirts draußen? wie romantisch war der eigene naturbezug? garten und schönes wetter? wo fuhr man mit den eigenen kindern zum urlaub hin? hatte man einen job draußen oder drinnen? wie stark beeinflusst das wetter das eigene einkommen? spürt man den klimawandel? ist das eigene gemüt immer sonnig gewesen oder auch bewölkt? und wie war es mit der stimmung wann? wie ist der bezug zum eigenen körper? mag man es nackt in der sonne zu liegen? …

es gibt so viele möglichkeiten die sonne in die betrachtungen und als startpunkt einzubeziehen. dies natürlich nur, wenn es einem schwer fällt, einen ausgangspunkt für das aufschreiben der eigenen biografie zu finden. ansonsten sind die sonne, das wetter, die natur eventuell einzelne aspekte in der eigenen lebensgeschichte. man erinnert sich oft an harte winter oder heisse sommer im zusammenhang mit anderen ereignissen. diese müssen nicht mit dem wetter im zusammenhang stehen, doch die temperaturen können Weiterlesen

schnickschnack (112)

wenn schon digital und web-orientiert, dann richtig – heute ist so ein tag. im netz finden sich nicht nur innovative, multimediale experimente oder homepages, es finden sich auch erinnerungsstücke, über deren entdeckung man sich freut. erinnern sie sich noch an die „muppets“? diese schrägen, teils anarchischen hand- und ganzkörper-puppen mit denen ganze shows gestaltet wurden. und in diesen shows traten meist musikerInnen oder schauspielerInnen von rang und namen auf.

wer etwas von sich hielt oder von dem etwas gehalten wurde, ging in die muppet show. mindestens ein lied, ein musikstück pro show wurde mit den gästen umgesetzt. dabei entstanden schräge szenen und aberwitzige duetts mit synchronisierten handpuppen. aber auch die einzelnen puppen mutierten zu stars, die wiederum in andere shows eingeladen wurden. erfinder dieser show waren jim henson und frank oz (mehr infos hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Muppet_Show). leider wurde die show auf wunsch von henson beendet und die rechte gehören inzwischen disney. die muppets werden nicht mehr im fernsehen gezeigt.

aber man kann sie teilweise auf youtube finden und sich an schräge szenen und lieder erinnern, zum beispiel hier: http://www.youtube.com/watch?v=zCRUPWDIgYM und http://www.youtube.com/watch?v=ARUM0-jtjIg. aber noch viel mehr muppet ist bei youtube zu finden – eine schöne erinnerung.

biografisches schreiben und lust (2)

über die lustvollen erlebnisse im eigenen leben wurde hier schon nachgedacht und darüber wie man sie in die eigene biografie einbinden könnte (siehe https://schreibschrift.wordpress.com/2009/06/15/biografisches-schreiben-und-lust/). doch dieses mal möchte ich den blick auf die lust am biografischen schreiben lenken, denn die beschäftigung mit dem eigenen leben hat auch eine sehr angenehme komponente, mit der wenige rechnen.

beim biografischen schreiben geht es nicht nur darum, vergangenheiten aufzuarbeiten, verdecktes offenzulegen und erinnerungen zu reaktivieren. es geht auch darum, sich seiner zu vergewissern, also für sich selbst eine haltung zu finden, die nicht mit vergangenem hadert. oft wird erklärt, dass der schritt dorthin anstrengend und schwer sei. sich all die widrigkeiten zu vergegenwärtigen, um sie loszulassen, koste viel energie und es gehe einem dann nicht immer gut. das ist möglich, doch oft genug ist das gegenteil der fall.

die schönen momente im leben vergessen wir gern schneller, als die widrigen. das schmerzhafte und problematische bleibt anscheinend besser im langzeitgedächtnis haften und scheint leichter abrufbar zu sein. fragen sie einmal andere menschen, welches die eindrücklichsten erlebnisse in ihrem leben waren und sie bekommen oft traumatische ereignisse geschildert. viele schreibtechniken des biografischen schreibens können aber auch darauf angewendet werden, sich verstärkt an die schönen dinge der eigenen biografie zu erinnern.

und plötzlich fällt menschen auf, wie viele schöne momente sie erlebt haben. es geht mir hier nicht um vorstellungen des „positive thinking“, sondern um das gleichgewicht Weiterlesen

biografisches schreiben und schreiben

beim biografischen schreiben geht es ebenso um ein angenehmes schreiben, wie beim kreativen schreiben. und doch steht die kreativität nicht so im vordergrund, scheinen nicht alle gestalterischen und künstlerischen freiheiten sinnvoll. denn das biografische schreiben verfolgt vor allen dingen eine linie, den eigenen erinnerungen auf die spur zu kommen.

dabei kann manchmal ein recht strukturiertes schreiben hilfreich sein. es geht darum, beim schreiben reihenfolgen herzustellen, eventuell zeitintervalle zu betrachten. in diesen momenten tritt das schreibwerkzeug ein wenig in den hintergrund und es scheint wichtiger, die abfolge der ereignisse nicht zu vertauschen, möglichst wahrhaft die eigene lebensgeschichte wiederzugeben. so kann man sich tabellen anlegen, karteikarten füllen oder sich an datenreihen entlang bewegen. erst wenn die daten stimmig sind, dann können schreibweisen und schreibwerkzeuge gewählt werden.

doch auch hierbei gibt es eine sinnvolle vorüberlegung: vielleicht am computer schreiben, da sich dort am leichtesten in die abfolgen neue erinnerungen einfügen lassen. das eigene leben bildet sich oft wie ein patchwork-teppich ab, die wieder zusammengefügt werden will. natürlich lassen sich die texte handschriftlich vorformulieren, aber letztendlich zusammenfügen und ein leben abbilden lässt sich leichter am pc.

der einstieg in die eigene biografie kann auch ganz ohne schreiben erfolgen. professionelle biografie-schreiberInnen führen interviews. dies kann man ebenso für sich selber nutzen. man lade junge menschen Weiterlesen

biografisches schreiben und vielfalt

manche menschen glauben im alter, ihr leben wäre doch ein ruhiges, ja geradezu langweiliges gewesen, das keinen anderen menschen interessieren könnte. kommt man jedoch mit ihnen ins gespräch, stellt sich sehr schnell heraus, was in ihrem leben alles los war. manchmal waren es kleinigkeiten oder weltereignisse, die etwas auslösten, veränderten und vor allen dingen von den menschen alles forderten. alle sind bemüht aus ihrer perspektive, das beste aus ihrem leben zu machen. allein dieses bemühen ist einen bericht wert.

und wenn man dann mal anfängt nachzufragen oder die menschen sich hinsetzen und anfangen, sich schriftlich an manches zu erinnern, dann wird das erlebte mehr und mehr. schön öfter habe ich in schreibgruppen den effekt erlebt, dass die teilnehmerInnen über die vielfalt ihres eigenen leben erstaunt waren. wen hatte man nicht alles in der zwischenzeit vergessen, welche schwierigkeiten hatte man so gut verdrängt, dass man glaubt, nichts erlebt zu haben. auch die schönen ereignisse verblassen teilweise, wenn man sie sich nicht immer wieder ins gedächtnis ruft. und das biografische schreiben ist eine der besten möglichkeiten, es sich ins gedächtnis zu rufen.

einmal mit der erinnerungen angefangen, ergibt gern eins das andere, und immer mehr details werden wieder erinnerbar. wenn man sie dann aufschreibt, schützt man sich davor, vieles schnell wieder zu vergessen. wer ernsthaft noch einmal einen blick auf seine vergangenheit werfen möchte, der führe am besten ein kleines notizbuch bei sich, um erinnerungsfetzen, die einem an verschiedenen orten begegnen können, gleich zu notieren. auslöser können dabei zum beispiel gerüche, geräusche, bilder oder auch Weiterlesen

web 2.54 – erinnerungsstücke vom ersten weltkrieg

es wird kaum mehr zeitzeugen geben, die noch den ersten weltkrieg miterlebt haben. das ist ganz normal. doch erst jetzt hat man die möglichkeit, relativ leicht und ohne großen aufwand, digitale archive zu erstellen, vor allen dingen unter der beteiligung der gesamten bevölkerung.

und dann gibt es da familien und sippen, die erinnerungsstücke ihrer vor-vorfahren bewahren. vor allen dingen aus zeiten, die eine zäsur für das land, für die familien und für das zusammenleben bedeuteten. früher war die sammlung von erinnerungsstücken schwierig, da die aufbewahrerInnen der erinnerungsstücke schwer zu erreichen waren. vieles fand sich eher auf flohmärkten oder bei wohnungsauflösungen.

jetzt werden die neuen medien genutzt. hinweise dazu gibt es über das radio und als flyer, die an vielen orten ausliegen. unter dem label „100 jahre erster weltkrieg„, einem traurigen erinnerungsdatum, soll eine virtuelle sammlung auf der europäischen kulturhomepage aufgebaut werden. dazu kann jeder mensch, der erinnerungsstücke, wie bilder, briefe oder erinnerungen an den ersten weltkrieg sein eigen nennt, diese selber ins internet stellen.

zum beispiel einfach bilder einscannen, dann auf die website http://www.europeana1914-1918.eu gehen und den hinweisen folgen, schon beteiligt man sich an dem erinnerungsprojekt. eigentlich eine ganz gute idee, die dem vorwurf, das internet würde das gesellschaftliche gedächtnis abschaffen, entgegensteht. gleichzeitig bietet das internet viel raum für biografisches archivieren und zeitzeugen-materialien. es ist zu wünschen, dass der erste absurde weltkrieg nicht vergessen wird.

schreibidee (232)

gibt es ein gegenteil zu „salzig“ aus der letzten schreibidee? „salzlos“. bei geschmacksrichtungen ist es mit den gegenteilen schwierig, hier gibt es kein „gut“ oder „böse“. darum wähle ich die alternative: „süss“. beinahe alle mögen süsses, kaum ein mensch kann dem zuckerigen geschmack widerstehen und inzwischen sehen dies viele als grundübel ihres daseins. diese kalorien, diese gewichtzunahme, das verführerische der süsse bildet den hintergrund für ganztagsbeschäftigungen. warum also nicht als alternative „süsse geschichten“ schreiben.

zu beginn der schreibgruppe wird eine große auswahl an süssigkeiten mitgebracht. darunter sollten süssigkeiten sein, die schon längere zeit auf dem markt sind, da sich die schreibgruppenteilnehmerInnen eine süssigkeit wählen sollten, die sie an frühere zeiten erinnern. ob das nun „saure stäbchen“, „kinderschokolade“, die „erfrischungsstäbchen“, brause oder bestimmte lutscher (sorry heute sagt man ja eher lolipops dazu) waren. zu dieser gewählten süssigkeit, auch wenn sie sich nicht in dem angebot der schreibgruppenleitung befindet, soll ein kurzer einstimmungstext verfasst werden. dieser text wird in der gruppe vorgetragen.

im anschluss wendet man sich dem „süssstoff“ zu. die süsse ist stärker, die kalorienzahl sehr viel geringer. diese ersatzsüsse ist grundlage eines clusters, das von den schreibgruppenteilnehmerInnen erstellt wird. aus diesem cluster soll eine geschichte generiert werden. die schreibgruppenteilnehmerInnen werden angeregt aus der interessantesten assoziation oder idee ihres clusters eine längere geschichte zu verfassen. daraufhin werden die geschichten vorgetragen und in der feedbackrunde wird sich über den „süssegrad“ der geschichte ausgetauscht.

dies ist dann auch die überleitung zur abschließenden schreibanregung. denn nun ist eine definitiv „süsse geschichte“ zu verfassen, die nicht länger als drei seiten sein sollte. es soll aus jeder pore der geschichte süsse hervorquellen, also eine „bambi“-like story verfasst werden. dies kann mit verniedlichungen, mit klebrigen dialogen oder ähnlichem erreicht werden. und wenn dann alle teilnehmerInnen sowieso schon zu viele der bereitliegenden süssigkeiten zu sich genommen haben, werden zum abschluss noch die süssen geschichten ohne feedbackrunde vorgetragen.

biografisches schreiben und vertrauen

mensch sollte sich beim aufschreiben seiner lebensgeschichte selber vertrauen. das ist eine wichtige voraussetzung. oft fällt das nicht ganz leicht, da viele im hinterkopf haben, dass sie ihre erinnerungen vielleicht zu schön oder zu schrecklich einfärben. aber das ist normal. es ist normal, dass der mensch rückblicke aus seiner aktuellen verfasstheit immer in dem blickwinkel des aktuellen zustandes betrachtet.

dies geschieht nicht nur beim biografischen schreiben, dies geschieht auch im arbeitsleben, im alltag und in allen anderen situationen. denn, und das ist ja eigentlich das schöne, man verändert sich im laufe seines lebens. alle erfahrungen, die man gemacht hat, hinterlassen spuren. man richtet sein handeln und denken ganz automatisch an den gemachten erfahrungen aus. deswegen erscheinen viele diskussion über die authentizität von erinnerungen müssig.

natürlich ist es erstrebenswert distanz zum betrug zu halten. was für einen sinn soll es machen, wenn ich in meine biografie einen berufsabschluss oder einen erfolg schreibe, den es nie gegeben hat? ich würde mir im laufe der zeit nur selber schaden. denn irgendwann schaut jemand genauer hin. und allein die anstrengung, bei vielen äußerungen genau darauf achten zu müssen, was man sagen darf und was man lieber verschweigen sollte, ist eine zu große. sicherlich, hochstapelei kann erst einmal zu erfolgen führen. doch man schaue sich die lebensgeschichten von hochstaplern an. man wird schnell feststellen, dass irgendwann, selbst wenn es nach dem tod war, aufgedeckt wurde, dass daten in der biografie nicht stimmen.

also vertraue man erst einmal seinen erinnerungen. dies entlastet ungemein beim aufschreiben der eigenen geschichte. schreibt man unter ständigem misstrauen, selbstmisstrauen, ist man eher geneigt, seine biografie ständig zu verändern. Weiterlesen

biografisches schreiben und farben

in welchen farben ist ihre wohnung gehalten? was sagt das über sie aus? allein diese zwei fragen, geben einen anhaltspunkt über einen selber. man wählt sich sein umfeld nicht ohne grund. beim betrachten der eigenen biografie lohnt ein blick auf das eigene farbempfinden, um sich seiner selbst bewusster zu werden oder auch nur eine beschreibung für sich zu finden. man werfe einmal einen blick um sich herum, wenn man am schreibtisch sitzt: was sticht einem ins auge? welche farbe hat dieser gegenstand, dieser blickfang?

aber man kann noch einen schritt weiter gehen. welche farben verbindet man mit den einzelnen, wichtigen lebensabschnitten? diese überlegungen liefern vielleicht eine gute möglichkeit, worte für das erlebte, für die situation zu finden. umschreiben sie die kapitel ihrer existenz mit farbpaletten und fragen sie sich, was sie damit assoziieren. oder überlegen sie sich, an welche farben sie sich intensiv erinnern. welche farbe hatte ihr lieblingsspielzeug? in welcher farbe war ihr elternhaus gehalten? hatten sie eine bunte oma oder passte sich ihre kleidung der grauen haarfarbe an?

abgesehen davon gibt es menschen, die zum beispiel farben schmecken oder riechen können. das sind zwar sehr spezielle fähigkeiten, aber sie bieten als grundlage noch einmal eine ganz andere betrachtungsweise der eigenen lebensgeschichte. welchen geschmack, welchen geruch verbinde ich mit bestimmten farben? und in der folge, warum ist das eventuell so? habe ich bestimmte erinnerungen in diesem zusammenhang? diese überlegungen können einen an verschüttete erinnerungen heranführen. wichtig dabei ist nur, dass man sich nicht unter druck setzt, etwas assoziieren zu wollen. es kann auch sein, dass es einfach keine eindeutigen bilder gibt. und man sollte sich frei von gesellschaftlichen vorstellungen machen. grau kann zum beispiel eine sehr schöne farbe sein. man stelle einmal verschiedene grautöne nebeneinander und schon befindet man sich in einer bunten welt, ein anderes bunt.

eine weitere aufschlüsselungsmethode wäre es zum beispiel, seine lebenskurve nicht nur mit höhen und tiefen darzustellen, sondern gleichzeitig mit farben. dazu müsste man jeder farbe eine bedeutung geben. auch ein genogramm kann mit farben gestaltet werden. die verbindungen zu ihrem umfeld werden in farben ausgedrückt. die charaktere der einzelnen menschen, die sie kennen und kannten, fassen sie in farben. Weiterlesen

„als hitler das rosa kaninchen stahl“ von judith kerr – ein buchtipp

es gibt jugendbücher und jugendbücher. durch die einen huschen vampire und zauberer, die anderen basieren auf realen ereignissen, arbeiten historie auf und haben einen biografischen charakter. schon 1974 wurde der deutsche jugendbuchpreis an judith kerr für ihr buch „als hitler das rosa kaninchen stahl“ ausgezeichnet. es ist teil einer trilogie, die judith kerr als romane für jugendliche über die flucht mit ihren eltern vor den nazis verfasste.

das buch führe ich als gelungenes beispiel für die verankerung von „erinnerungsgegenständen“ in geschichten oder eben autobiografischen romanen hier an. das rosa kaninchen spielt nicht die hauptrolle in dem roman, aber es ist ein symbol für die kinder, die mit ihren eltern in die schweiz fliehen mussten. ein symbol für die flucht, das zurücklassen der vertrauten welt und der gegenstand hat eine enorme bedeutung, eventuell auch für die autorin, obwohl es sich um einen roman handelt, also auch ein fantasieprodukt.

interessant ist das buch aber noch aus einem anderen grund: hier wird die flucht einer jüdischen familie vor den nazis aus der sicht von kindern geschildert. dabei werden die ereignisse erst stück für stück von den kindern verstanden. das buch zeigt ganz gut, wie schwer die welt der erwachsenen zu verstehen ist, dass kinder eine flucht, eine politische verfolgung ganz anders erleben und sich die welt ihrer eltern erst stück für stück erschließen. doch dass etwas dramatisches geschehen ist, ist ihnen von anfang an bewusst. dies kristallisiert sich auch an dem zurückgelassenen kaninchen heraus. das kaninchen symbolisiert den überstürzten aufbruch.

ein buch, das man auch heute noch jugendlichen empfehlen kann, wenn sie einen einblick in die lebenrealität von verfolgten juden aus kindersicht erhalten möchten. es ist beim ravensburger verlag als taschenbuch erschienen. ISBN 978-3-473-58003-3

liste (05) – erinnerungsgegenstände

wer lust hat, kann sich diese seite ausdrucken und ausfüllen. ich schlage listen vor, die einem vielleicht einen überblick zu verschiedenen themen der eigenen lebensgeschichte geben können. dieses mal geht es um „erinnerungsgegenstände„.

ich sammle (nach größe der sammlung):

die schönsten gegenstände in meiner wohnung sind:

die bedeutungsvollsten gegenstände in meiner wohnung erinnern mich an:

schlechte erinnerungen verbinde ich mit folgenden gegenständen (nach bedeutung aufgereiht):

biografisches schreiben und gegenstände

war ich doch gerade beim nutzen des monobloc-stuhls im letzten post, da fiel mir auf, dass es dinge im leben, im alltag gibt, die viele menschen kennen. so erinnern sich etliche generationen an die pril-blumen, einen werbegag, der plötzlich eine menge küchenkacheln verzierte. oder an den zauberwürfel, viele erinnern sich an die erste mondlandung und die übertragung im fernsehen, die moulinette, die rollerskates oder die clementine von ariel. manche wesen, gegenstände oder ereignisse sind heute noch präsent, doch manches vereint auch nur einzelne generationen. diese dinge, vor allen dingen gegenstände, können beim biografischen schreiben als anregung und anker für eine bestimmte zeit aufgegriffen werden. an was erinnern mich die gegenstände? in welchen zusammenhängen meiner lebensgeschichte spielten sie vielleicht eine rolle?

man kann aber noch einen schritt weitergehen. welchen gegenstand verbinde ich mit ganz intensiven erinnerungen? ein gegenstand vielleicht, den ich heute, jahrzehnte später noch habe, als erinnerungsstück. das fängt manchmal bei schmuckstücken an, die über generationen weitergegeben wurden. es können bücher oder bilder sein. es können aber auch nur steine, muscheln, die an einen tollen, romantischen urlaub erinnern oder eine dose, eine schachte, die kleine schätze aufbewahren, sein. diese gegenstände kann man in seiner wohnung suchen, sie vor sich hinstellen und aufschreiben, welche geschichten einem dazu einfallen. diese erinnerungsgegenstände können der schlüssel zu weiteren betrachtungen der eigenen lebensgeschichte werden.

bis jetzt habe ich nur positive beispiele genannt. natürlich kann man sich auch an gegenstände erinnern, die man gar nicht mehr besitzt, die aber gekoppelt sind mit traumatischen erfahrungen. Weiterlesen

biografisches schreiben und partys

soziale kristallisationspunkte im persönlichen leben sind nicht selten feierlichkeiten, die es ermöglichen viele menschen zu treffen, kennenzulernen und sich gehen zu lassen. betrachtet man die heutige zeit, fällt ins auge, dass die professionell durchorganisierte party mehr zulauf hat als selbstgestaltete. der aufwand ist sicherlich geringer, der eintritt entlohnt die vorbereitung, doch die regeln der party setzen andere.

erinnern sie sich an die aufregendsten partys oder feiern in ihrem leben? was war da los? wen haben sie über partys kennengelernt? stellen sie doch einmal die außergewöhnlichsten ereignisse zusammen. oft entstehen ja die tollen dinge, wenn sie nicht geplant wurden. in den ländlichen regionen waren motto-partys häufig angesagt, da es keine weiteren angebote bekam. in den großstädten ist solch ein konzept sehr viel schwerer umzusetzen. schon die vorbereitung und organisation solcher veranstaltungen kann viel freude bereiten. allein das sammeln kreativer, oft schräger ideen, ist es schon wert gewesen. so entstanden zum beispiel tischtennis-turniere, deren ergebnistabellen eine weitere party nach sich zogen, da ein zu kochendes menü nach dem stand der tabelle bereitet wurde. oder die damals legendären partys auf den dächern von berlin. eine rätselfahrt über das land, bei der niemand wusste, wo sie endet und manche auf sich verirrten. ohne handy war dies noch ein abenteuer. zum glück gab es den notfallumschlag.

bei der betrachtung der eigenen lebensgeschichte können vor allen dingen die nachwirkungen der partys interessieren. was hat sich nach den partys im zusammenleben mit freunden und anderen menschen geändert? wie lassen sich die erlebnisse im alltag wiederfinden oder ergab sich überhaupt keine veränderung? man kann diese betrachtung auch ausweiten auf die großen feiern. ob es nun runde geburtstage, hochzeiten, religiöse feierlichkeiten oder familientreffen sind, es passiert bei diesem aufeinandertreffen verschiedener personen meist viel und nicht immer nur schönes. sicherlich stellt sich insgesamt die frage, finde ich diese partys relevant für meine lebensgeschichte oder sind sie buntes beiwerk. vielleicht ist es einfach nur schön, sich daran zu erinnern oder der anlass, mal wieder so richtig auf die pauke zu hauen 😛

biografisches schreiben und lücken

man erinnert sich nicht an alles. beim versuch seine eigene lebensgeschichte aufzuschreiben, helfen zwar verschiedene vorgehensweisen, sich immer mehr ereignisse wieder ins gedächtnis zu rufen, doch es wird bei jedem menschen auch eine ganze menge lücken geben, an die man sich nicht mehr genau erinnern kann.

das fängt meist schon damit an, dass menschen sich an sehr verschiedene altersabschnitte in ihrer kindheit erinnern. manch einer kann sich bis ins früheste kindesalter zurückerinnern, manch andere nur an die schulzeit. bei den frühen erinnerungen ist sowieso vieles mit vorsicht zu genießen, da sich gern familienerzählungen mit eigenen erinnerungen vermischen.

auch andere erinnerungen können natürlich nicht mehr ganz der realität entsprechen, da das gehirn zwischenzeitlich gern die lücken, die vorhanden sind, mit fantasie oder erzähltem ausfüllt. anschließend wieder die trennung zu machen, was denn nun tatsächlich geschehen ist und was man sich „einbildet“ ist oft schwer, wenn zum beispiel keine tagebücher oder andere aufzeichnungen vorhanden sind. doch die umgangssprache bietet in diesem zusammenhang die lösung: „mut zur lücke„.

es wird sich mit großer wahrscheinlichkeit keine biografie lückenlos nachvollziehen lassen. es wird auch keine biografie ausschließlich „wahr“ sein. jede geschriebene lebensgeschichte wird auslassungen und zufügungen beinhalten. solang man sich nicht selber dazu antreibt, lügengeschichten wie münchhausen zu schreiben, tut dies dem ganzen werk keinen abbruch. denn das wichtigste ist sicherlich das gesamtbild. zumindest sollte man sich davor hüten, sich selbst dafür zu verurteilen, wenn man sich ob der informationen unsicher ist. das setzt nur unnötig unter druck. es ist eine idealisierung des menschen, zu glauben, man könne jede verdrängung auflösen und sich selber allem bewusst werden. verdrängung bedeutet auch selbstschutz. solang nicht geleugnet wird, zum beispiel in einer diktatur eine unrühmliche rolle eingenommen zu haben, ist alles nur menschlich.

biografisches schreiben und interview

 

eine möglichkeit, die eigene lebensgeschichte dezidierter zu erfassen, besteht darin, menschen, die einem nahestanden oder nahestehen, zu interviewen. diese technik sollte nicht genutzt werden, um das eigene leben erklärt zu bekommen. sie dient eher dazu, weitere meinungen einzuholen.

es ist klar, dass die sicht auf das eigene leben eine subjektive ist und sein wird. viele menschen haben das ziel, die eigene biografie möglichst objektiv erscheinen zu lassen. deshalb ziehen sie manchmal andere menschen heran, die ihnen die biografie schreiben oder fragen andere über das eigene leben. doch die subjetivität der eigenen sichtweise wird dadurch nicht verschwinden. das scheint mir auch nicht weiter schlimm.

interviews mit guten freunden bieten aber eine ganz andere chancen. mit nahestehenden menschen eint einen die erinnerung an vergangenes. doch jeder hat bestimmte situationen anders in erinnerung. oder man erinnert sich an ganz andere aspekte ein und derselben situation. das gibt einem die chance, bei einem interview noch einmal einen anderen blickwinkel zu hören. zum einen kann dies eine anregung sein, sich an weiteres zu erinnern, das man vergessen hatte. zum anderen fallen einem vielleicht ein paar aspekte auf, die man in der eigenen erinnerung geschönt oder geschwärzt hatte.

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biografisches schreiben und erinnerungsvermögen

 

eine schwierigkeit des biografischen schreibens besteht darin, dass es meist von menschen praktiziert wird, die schon ein höheres alter erreicht haben. das hat zur folge, dass die erinnerungen an kleinigkeiten in der entfernten vergangenheit oft nicht mehr zur verfügung stehen. nur wenn regelmäßig tagebuch geschrieben wurde lässt sich manches wieder erinnern. das verlagt aber viele biografien und lebensgeschichten in die nahe vergangenheit.

faszinierend ist die tatsache, dass bei sehr hohem alter dann wieder die erinnerungen an die kindheit wacher scheinen, als die an die nähere vergangenheit. um diesen phänomenen ein schnippchen zu schlagen scheinen assoziationstechniken und systematische zeitlinien hilfreich. es ist zwar zu vermuten, dass die wirklich bewegenden ereignisse erinnert werden beim verfassen der eigenen lebensgeschichte, doch das ist nicht gewiss. denn vor allen dingen die schockierenden, schlimmen vorkomnisse im eigenen leben, werden gern versteckt und abgelegt, um nicht beständig an sie erinnert zu werden.

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biografisches schreiben und geräusche

der mensch hat manchmal ein gedächtnis, das ihn selber erstaunen kann. nichts ahnend geht man eine straße entlang und hört plötzlich ein geräusch, das einen an vergangene tage erinnert. oder die klassische situation, man führt ein gespräch und während des gesprächs hat man das gefühl, genau das gleiche gespräch, die gleiche situation schon einmal erlebt zu haben.

erinnern sie sich an ganz eindrückliche geräusche? erinnern sie sich an die musik, die sie mit ihrer einen großen liebe gehört haben? ein klassiker ist die entscheidung eines paares, ein musikstück zu „unserem lied“ zu machen. geräusche werden mit ereignissen oder gefühlen zusammen im gehirn abgespeichert. man denkt lang nicht mehr dran. dann begegnet einem nach langer zeit unerwartet das geräusch wieder und plötzlich sind die alten gefühle oder ist die alte erinnerung wieder da.

wenn sie nun dabei sind ihre eigene lebensgeschichte zu verfassen, überlegen sie doch einmal, welche geräusche sie beständig erinnert haben. zum beispiel die große standuhr ihrer großmutter, die läutete wieder big ben in london. oder die früher übliche fabriksirene, die über den ganzen wohnort erschallte, wenn schichtwechsel war. auf der suche nach geräuschen des eigenen lebens kann man erstaunliche entdeckungen machen und sich über den umweg der töne an begebenheiten erinnern. es kann sich dabei sowohl um positive als auch negative ereignisse handeln. um sie zu erinnern, müssen sie nur oft etwas in ihnen berührt haben. man erinnert sich anscheinend weniger an geräusche, die beständig zum alltag gehörten und keine weiteren ereignisse begleiteten. oder wissen sie noch, wie die straßengeräusche neben ihrer wohnung den alltag begleiteten?

noch spannender könnte es sein, sich einmal eine geräuschbibliothek anzuhören, wenn es so etwas irgendwo frei zugänglich überhaupt gibt und sich durch diverse alltagsgeräusche zu hören. welche geräusche erinnern einen an vergangene erlebnisse? heutzutage sind mit dem computer zumindest manche geräusche auf cd oder dvd zu kaufen. man kann sich ja mal auf gut glück durchklicken. um vom ohr zur vergangenheit zu gelangen.