Schlagwort-Archive: formulierung

wissenschaftliches schreiben und spiel

die wissenschaft ist eine ernste angelegenheit, wenn man den wissenschaftlerInnen glauben möchte. doch das spannende am forschen und am experimentieren, ja am durchdenken von fragestellungen und thesen, besteht darin, dass im hintergrund immer eine spielerische komponente stattfinden. ähnlich dem kreativen schreiben oder andere kreativen techniken, besteht der fortschritt in wissenschaften immer wieder in der neukombination von wissen und gewohntem.

in vielen denkfabriken wird ein gehöriges quantum an zeit für spielerische momente verwendet. schaut man sich an unseren hochschulen und instituten um, ist davon leider nicht viel zu merken. es herrscht immer noch die auffassung, dass eine streng statistisch-naturwissenschaftliche herangehensweise (auch in sozialwissenschaftlichen fächern) den forschungsprozess begünstigt. schaut man sich zum beispiel die natur und das ökosystem an, dann gibt es diese form der eindeutigkeit und klarheit an kaum einem punkt.

so stellt sich die frage, ob auch beim wissenschaftlichen schreiben nicht mehr „spielraum“ genutzt werden kann. es geht nicht darum, das grundprinzip der wissenschaftlichen herangehensweise, die belegpflicht für behauptungen und schlussfolgerungen, abzuschaffen. es geht darum, dass allein die formen der formulierung, das einfließen eigener position und die verankerung von gedankenspielen, mehr platz finden könnte. abgesehen davon, dass die texte lesbarer würden, ist damit zu rechnen, dass sie auch zu mehr nachdenken und weiteren gedankenspielen anregen.

es wird oft unterschätzt, wie groß das interesse, auch von menschen, die nicht an hochschulen oder in instituten forschen, an wissenschaftlichen erkenntnissen ist. man schaue sich nur Weiterlesen

kreatives schreiben und kritik (2)

wie in den vorherigen posts zu lesen war, ist kritik nicht per se negativ, aber es ist immer wieder eine frage, wie sie formuliert wird. das kreative schreiben ist eigentlich die perfekte möglichkeit, kritik in klare und ansprechende worte zu verpacken. es geht nicht darum, durch schöne worte, die eigentliche kritik zu verschleiern, es geht darum die „richtigen“ worte zu finden.

zum einen ist es natürlich notwendig, die adressaten für die kritik zu kennen, um die „richtigen“ worte wählen zu können. ich möchte ja auch, dass meine kritik gehört wird und nicht im raum verpufft. also versuche ich mich auf mein gegenüber einzustellen. der anderen person kann ich mich zum beispiel, wenn ich sie nicht sowieso gut kenne, durch ein paar schreibübungen annähern, indem ich versuche sie mit verschiedenen worten zu charakterisieren. oder ich spiele schriftlich den dialog um die kritik durch. ich kann so zu sagen durchspielen, die reaktion oder auch verschiedene reaktionen vorwegzunehmen. wie möchte ich mich in diesen momenten verhalten, wie möchte ich reagieren?

man muss nur aufpassen, dass man dann nicht davon ausgeht, dass alles exakt so geschehen wird, wie man es antizipiert hat. es geht eher um spielerische kommunikation, die raum für verschiedenes offen lässt. denn keine kommunikation endet verheerender als eine, die darauf basiert, dem anderen zu signalisieren, man wisse wie er ist. natürlich darf man seinen ahnungen ausdruck verleihen, kann nachfragen, darf spekulieren. man sollte es nur klar benennen, denn dies gibt dem kritisierten den raum, zu zu stimmen oder abzulehnen.

und dann kann man natürlich mit dem kreativen schreiben, die richtigen worte finden. das ist oft das schwierigste. mal will nichts schön reden, man möchte aber auch nicht verletzen, sondern raum für reaktionen und veränderungen lassen. Weiterlesen

nabelschau (43)

zur strecke bringen. die wortwahl ist eine vertrackte sache. da versucht man die ganze zeit, menschen habhaft zu werden, die anderen etwas angetan haben, um sie, wie man so schön sagt, „einer gerechten strafe zu zu führen“. als innenminister ist man der chef derjenigen, die den straftätern auf der spur sein sollten. soweit die gesellschaftliche abmachung, der konsens vieler.

und dann wird da ein weltweit gesuchter terrorist umgebracht. man kann geteilter meinung sein, wie weit dies nun ein gesellschaftlicher erfolg ist oder auch nicht. doch man kann schwerlich sagen, dass es gut sei, einen menschen umzubringen, dazu muss man nicht christlichen glaubens sein. wir haben aus guten gründen keine todesstrafe mehr. leider muss man immer wieder daran erinnern, dass demokratische gesellschaften auch manche dinge aushalten müssen, weil diese gesellschaftsform unserer meinung nach den archaischen überlegen ist.

aber unser innenminister friedrich äußerte sich zur „erfolgreichen“ terroristenjagd in den tagesthemen vor etlichen tagen beständig mit dem satz, er sei „zur strecke gebracht worden„. da diskutiert das land, ob sich die bundeskanzlerin freuen dürfe, und im gleichen atemzug verwundert niemanden die formulierung des ministers, der der strafverfolgung vorsteht. ich assoziiere mit „zur strecke bringen“, die waidmännische vorstellung, tiere im wald abzuknallen, wild zu erlegen. am schluss wird ihnen ein zweiglein tannegrün in den mund gesteckt.

nun kann sich ein mensch ja mal verplappern, die falschen worte wählen. wenn man diesen ausdruck aber in einem interview immer wieder verwendet, vor allen dingen als politiker, der sich normalerweise sehr wohl der wortwahl bewusst ist, dann sagt dies schon etwas über die geisteshaltung aus. und gelinde geschrieben, das klingt problematisch. unsere gesellschaft hat dem abgeschworen, menschen zur strecke zu bringen. wir wollten auch keine kriege mehr führen, sondern uns nur verteidigen, wenn wir angegriffen werden. auch dann kann es nicht darum gehen, jemanden zur strecke zu bringen.

man kann dies als übertriebene krittelei abtun. aber gerade die verwendete sprache ist oft ein zeichen für gesellschaftliche veränderungen, die parallel verlaufen. es stimmt einfach bedenklich.

kreatives schreiben und entschuldigungen

so, da sitzt man nun und möchte eine entschuldigung schreiben. eigentlich steht schon fest, für was man sich entschuldigen sollte. aber der einstieg klappt nicht. es ist so verteufelt schwer, die richtigen worte zu finden. dabei würden wahrscheinlich zwei, drei einfache sätze genügen, um sich zu entschuldigen. man möchte noch ein wenig erklären, ein wenig in interaktion mit dem gegenüber treten. und man hat angst davor, die entschuldigung abzusenden. was, wenn das gegenüber nicht reagiert? wenn es sich viel zeit lässt und man sich fragt, ob die entschuldigung überhaupt angekommen ist?

diese situation kann durch das kreative schreiben vielleicht ein wenig entschärft werden. oft ist die entschuldigung ohne große umschweife das beste. und natürlich liegt die letztendliche entscheidung, ob die entschuldigung angenommen werden kann, beim gegenüber. das ist nun mal so. vielleicht sollte man erst noch einmal ein freewriting zu der frage, weshalb man sich überhaupt entschuldigen möchte oder was man mit einer entschuldigung erreichen möchte, aufschreiben. denn vielleicht stellt man dann fest, dass man eine gegenleistung für eine entschuldigung haben möchte. man möchte, dass das gegenüber sich auch entschuldigt. dann sollte man es lieber bleiben lassen.

man kann ebenso freewritings zum entschuldigungstext machen. man kann also mehrmals fünf minuten einfach eine entschuldigung schreiben, ohne lang darüber nachzudenken. dann vergleicht man die entstandenen texte und wählt den ansprechendsten aus. den überarbeitet man, feilt ihn aus und versendet ihn. man kann aber auch in einem freewriting darüber reflektieren, warum es einem so schwer fällt, sich eine blöße zu geben, also einen schritt auf jemanden zu zu machen, ohne eine reaktion erwarten zu können.

abseits der ganzen selbstfindungsprozesse, die das kreative schreiben unterstützt, kann man auch am gesamten text arbeiten. eine entschuldigung lässt sich in eine geschichte verpacken, man kann ein gedicht schreiben oder einen treffenden slogan dafür finden. eine schön verpackte entschuldigung erweicht das herz Weiterlesen

arbeitszeugnisse formulieren und entschlüsseln – ein buchtipp

es gibt noch ein weiteres schreiben neben dem kreativen, dem biografischen, dem wissenschaftlichen oder dem philosophischen: das bürokratische schreiben. ob es sich nun um finanzanträge, arbeitsberichte, protokolle oder briefwechsel mit behörden handelt, die sprache ist jeweils eine ganz eigene. am augenfälligsten wird dies bei beurteilungen und arbeitszeugnissen. denn als laie klingen die meisten zeugnisse gut. doch als leiter einer personalabteilung ergeben sich aus den formulierungen noten.

es wird wahrscheinlich nur bei nachrichten von geliebten so viel zwischen den zeilen gelesen wie bei arbeitszeugnissen. denn noten dürfen nicht gegeben werden, es geht um eine gerechte beurteilung der arbeitsleistung. doch im hintergrund haben sich längst codes eingeschlichen, die einer benotung gleich kommen. faszinierend, dass sie so selten offengelegt werden.

darum erscheint das buch von christian püttjer und uwe schnierdaarbeitszeugnisse formulieren und entschlüsseln – mit 50 beispielzeugnissen, 400 formulierungshilfen und extratipps für zwischenzeugnisse“ sehr hilfreich. die beiden zeigen sowohl fehler bei selbstformulierungen aber vor allen dingen versteckte botschaften bei formulierungen durch den arbeitgeber auf. und sie geben beispiele, wie man es besser machen kann.

mehr muss man zu dem buch gar nicht schreiben. es ist für jeden arbeitnehmer und arbeitgeber recht hilfreich. mit der lektüre dieses bandes lässt sich eine der vielen hürden des bürokratischen schreibens zum eigenen vorteil nehmen. das buch ist im campus verlag in frankfurt 2010 erschienen. ISBN 978-3-593-39108-3

schreibidee (177)

verkehrte welt. in der gesellschaft der dienstleistungen werden gerade monopolisten und große konzerne, sowie öffentliche verwaltungen kommunikativ unerreichbar. oder haben sie schon einmal bei der post versucht, sich über ein verschwundenes paket beim verteilerzentrum zu informieren. sie werden an eine hotline, die horrendes geld kostet, irgendwo in deutschland verwiesen. oft gibt es weder durchwahlen noch persönliche mailadressen. da bleibt einem nur eine übrig: der traditionelle, getippte oder handgeschriebene „beschwerdebrief„. darum dieses mal eine kleine unterstützung in den schreibideen, eine beschwerde an den adressaten zu bringen.

als einstieg in die beschwerde, sollten sich die gruppenteilnehmerInnen der schreibgruppe bewusst werden, bei wem sie sich überhaupt beschweren wollen. in unserem immer komplizierteren alltag findet sich garantiert ein beschwerdegrund. so ist als erstes ein cluster zu erstellen, das mittig die aussage enthält „was mich schon immer aufregt“. aus dem cluster wird dann die aufregung ausgewählt, bei der eine beschwerde aussicht auf erfolg hat. es kann sich dabei um die geringe anzahl der roten gummibärchen, die am besten schmecken, in der tüte handel, aber auch um die zeitverzögerung beim amt oder eben das verschwundene paket.

nun wird eine tabelle angelegt. in die linke spalte werden die knallharten fakten eingetragen, die zu der beschwerde führen. in die rechte spalte sind dann sätze einzutragen, die knallharte fakten in treffsichere beschwerden verwandeln. denn die schreibgruppe geht ja davon aus, dass ihre beschwerde berechtigt ist und hat somit keinen grund, sich erst mit vielen belegen zu rechtfertigen. hier darf schon die lage der fakten ausgereizt werden. die fakten (maximal fünf) und die entsprechenden sätze werden sich in kleingruppen gegenseitig vorgestellt. die anderen gruppenteilnehmerInnen bewerten wie treffend die sätze sind und bieten eventuell alternative formulierungen an.

nach der kleingruppenarbeit werden nun die fünf wichtigsten sätze des beschwerdebriefs aufgefüllt. dazu dürfen ruhig blumig oder sarkastisch die folgen der versäumnisse des adressaten beschrieben werden. Weiterlesen