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schreibpädagogik und unsicherheit

wie geht man mit teilnehmerInnen um, die das erste mal in ihrem leben eine schreibgruppe besuchen? natürlich genauso wie mit anderen teilnehmerInnen, die schon häufiger schreibgruppen aufgesucht haben. und doch hat man darauf zu achten, inwieweit neue in der gruppe aufgenommen werden. das unterscheidet sich nicht von der anleitung anderer gruppen.

erster ansprechpartner für alle ist die gruppenleitung. dies bedeutet, allen teilnehmerInnen gleichviel aufmerksamkeit entgegenzubringen. auch wenn man zum beispiel aus vorherigen schon manche kennt, sollte man ihnen nicht viel mehr aufmerksamkeit schenken, als anderen, da sich sonst menschen, die das erste mal an einer schreibgruppe teilnehmen, zurückgesetzt fühlen. sie bekommen das gefühl, in einen zusammenhang geraten zu sein, der sich schon lang kennt und keinen zugang offeriert.

es ist damit zu rechnen, dass sich dadurch alte bekannte zurückgesetzt fühlen, hier ist eine balance zu halten. am besten gleicht man diese verschiedenen interessen und empfindungen dadurch aus, dass man am anfang die gruppenregeln formuliert, die jedem und jeder die gleichen chancen einräumt, die eigenen texte und geschichten vorzustellen, die im laufe der übungen entstanden sind und auch allen dieselbe ausführlichkeit beim feedback garantiert.

man nehme also möglichst wenig bezug auf frühere gruppen, das kann man außerhalb der eigentlichen treffen machen, wenn es zum beispiel zum privaten besuch einer kneipe im anschluss geht. doch auch hier sollte man darauf achten, möglichst alle einzubeziehen, wenn diese ein interesse daran signalisieren. denn die rolle der leitung verliert man in diesen momenten immer noch nicht, so sehr man sich auch müht.
oft kann aber in gruppen damit gerechnet werden, dass die anderen teilnehmerInnen sich neuen bereitwillig widmen, da sie das gefühl, neu in einer gruppe zu sein, etwas das erste mal zu machen, gut kennen.

wortklauberei (39)

„Stück für Stück ins Homoglück“

Luja, sog i! Halleluja! Berlin hatte die letzten Jahre beständig ein unglückliches Händchen, was das Motto des CSD (Christopher-Street-Day) anging. Doch dieses Jahr wurden auch die allerletzten Hürden zum gnadenlosen Ausverkauf einer politischen Idee genommen. So einigte sich die Findungskommission, also ein Treffen, an dem jede(r) teilnehmen kann, auf den weitreichenden Aufruf „Stück für Stück ins Homoglück – Alle Rechte für alle!„. Luja, sog i!

Da sitzen wir Homosexuellen also nun auf rosa Wölkchen, von Glück beseelt bei der Himmelsnahrung „Manna“, betrachten die Welt von oben und stellen fest, es ist alles schön. Mag die Finanzkrise die Welt noch so erschüttern, mag der Klimawandel die schwulen und lesbischen Feierlichkeiten in drückende Hitze oder gewittrige Schauer zwängen, mag das Leben immer komplizierter werden, das Homoglück winkt von weitem. ‚Wenn, ja wenn nur die Gesetze endlich angeglichen sind.

Das Motto des diesjährigen CSD reiht sich ein in die freitäglichen Rosamunde-Pilcher-Fernsehabende der ARD, die nichts besseres bringen, als eine heile Welt. Einzige FürsprecherInnen werden sich wahrscheinlich unter den GlücksforscherInnen finden, die bis heute nicht sagen können, was Glück eigentlich ist. Glück kann es für jemanden sein, dass die eigenen Eltern überhaupt akzeptieren, dass man schwul ist. Glück kann es sein, dass der Sexualpartner nicht infiziert wurde, obwohl das Kondom platzte. Glück kann es sein, dass man nach drei Jahren Suche endlich einen Arbeitsplatz bekommen hat.

Glück kann es natürlich auch sein, dass man den Traumpartner gefunden hat, Weiterlesen

gleichberechtigung in der literatur

deutschland hat vor beinah genau fünfzig jahren die gleichberechtigung von mann und frau gesetzlich festgeschrieben. dass diese noch nicht verwirklicht ist, darin sind sich sicherlich alle leserInnen einig. noch einmal eindringlich aufgezeigt wurde die problematik in der literatur in einer diskussion im blog. doch auch grundsätzlich liegt noch vieles im argen. das der kampf der geschlechter (oder das wunderbare gender-mainstreaming) längst nicht überflüssig geworden sind, zeigt ein kleiner überblick mit dazugehöriger diskussion in der süddeutschen zeitung. zu finden sind die texte mit den leserInnenkommentaren hier: http://www.sueddeutsche.de/leben/artikel/166/183593/

und ein blick in die literatur zeigt, dass das thema der gleichberechtigung zwar gern schriftlich aufgegriffen, aber nicht unbedingt zu veränderungen führt. sicher, es gab in den letzten jahrzehnten verbesserungen bei der annäherung der geschlechter. aber es gab auch ein verharren in festgefügten patriarchalen strukturen, zum beispiel bei der literaturkritik (was man natürlich wieder nicht so pauschal schreiben kann), bei der literaturpreisvergabe (was man natürlich wieder nicht so pauschal schreiben kann), bei den buchverlegerInnen (was man natürlich wieder nicht so pauschal schreiben kann) oder bei den lesegewohntheiten (was man natürlich nicht so pauschal schreiben kann).

ähnliches lässt sich von allen kreativen berufen sagen. bis heute ist schwer zu klären, woran dies liegen mag. früher war die ablehnung von frauen eindeutig. doch heute ist dies eigentlich nicht mehr usus. hier spielen wahrscheinlich zwei entwicklungen ineinander. frauen haben aus der benachteiligung ihre konsequenzen gezogen. sie suchen sich ihre eigenen räume, die nur für frauen da sind. doch damit entziehen sie sich auch teilweise dem markt. denn der versuch sich einen eigenen markt zu schaffen, von frauen für frauen, wird in vielen bereichen nicht genutzt. das sieht in der literatur nicht anders aus. gelesen wird doch meist, was gefällt. selten werden leserInnen ein buch danach auswählen, ob es von einem mann oder einer frau geschrieben wurde.

anders sieht es sicherlich bei literaturpreisen und verlagen aus. hier hatten lang männer das sagen. das ändert sich nur langsam (siehe suhrkamp und wagenbach). doch hier schadet eventuell der rückzug in die eigenen frauenzusammenhänge. das dilemma aller emanzipationsbewegungen, die versuchen sich eigene räume zu schaffen, besteht darin, dass die gesellschaft (weiterhin männlich dominiert) das gern zulässt, um weiter nicht gestört zu werden. störungen treten erst dadurch auf, dass frauen auf die angestammten posten drängen. und dass die sichtweise, frauen schrieben ganz andere („bessere“) literatur als männer über bord geworfen werden. frauen schreiben genauso gut oder schlecht wie männer. frauen sollten ihre literatur mit dem gleichen selbstbewusstsein vertreten, wie männer. und die leserInnen entscheiden dann per kauf, was sie gut finden. hierzu sollten frauen aber auch in den verlagen und lektoraten die gleichen posten einnehmen. übrigens sind schreibende männer auch erst einmal eine große ausnahme unter männern (abseits des journalismus). sie werden vom patriarchen ebenso beäugt, da sie bereit sind ihre emotionen in texte fließen zu lassen. das ist vielen nicht männlich genug. und heroische-patriarchale literatur hat nicht gerade großen erfolg auf dem buchmarkt. nur leider verfestigen die gender-diskussionen gern die gegensätzlichen vorstellungen, anstatt sie aufzulösen. da frauen, auch beim buchkauf, keine minderheit sind, sollten sie ihr gewicht in die waagschale werfen und den markt beeinflussen. doch da müssten sie einer meinung sein. das sind sie genauso wenig wie die männer. also bleibt nur die möglichkeit, nicht auf das eigene geschlecht zu beharren, sondern auf die generell geschaffene  literatur.