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wortklauberei (87)

„un-gehalten“

eine seltsame wortkombination. fängt man bei „halt“, dann ist die etwas, das wir menschen gern suchen. ob nun im nahverkehr, auf eine wackeligen untergrund oder überhaupt im leben, wir freuen uns, wenn uns etwas halt gibt.

und wir halten dann daran fest, also an dem, das uns halt gibt. wir haben uns festgehalten. sollten wir dann doch einmal den boden unter den füßen verlieren, dann fallen wir entweder hin oder werden von jemand anderem gehalten. das fühlt sich gut an, von jemand anderem gehalten zu werden. es ist anders, als festgehalten zu werden. damit sind wir nicht immer einverstanden.

doch wenn wir nur gehalten werden, dann will uns jemand schützen, uns helfen und dann ist uns jemand nahe. doch was geschieht mit uns, wenn wir un-gehalten werden? ist dann niemand da, der uns zurückhält oder haben wir den halt vollständig verloren und werden darüber wütend? das führt zu einem verbalen ausbruch gegenüber allen um uns herum?

doch wären wir über bestimmte dinge nicht auch wütend, wenn uns jemand hält und uns rückendeckung gibt? nicht jeder mensch, der den halt verloren hat, wird un-gehalten und nicht jeder mensch der un-gehalten wird, hat den halt verloren. man kann noch in die richtung blicken, dass un-gehaltene aussagen keinen gehalt hätten, doch dies scheint weit hergeholt. wie sollte man sonst seinem ärger ausdruck verleihen, wenn nicht auf der basis von guten gründen? vielleicht haben momente, in denen man un-gehalten wird, gerade einen großen gehalt, so wie die un-tiefe eine anhöhe sein kann.

nabelschau (52)

wolfsburg sehen und vorbeifahren. im laufe dieses jahres kam es bei der bahn inzwischen schon drei mal vor, dass ein ice eigentlich in wolfsburg halten sollte, aber durchfuhr. zum einen muss da wohl jemand das signal auf grün gestellt haben. zum anderen erinnerte sich da ein lokführer nicht mehr an die haltestelle. das gibt zu denken.

aus berlin kennt man zwar, dass einem der busfahrer die tür vor der nase zu macht, obwohl man beim umsteigen quer über die kreuzung joggte oder dass es auch die u-bahn nicht schafft, ein paar sekunden zu warten, aber man kann gewiss sein, da kommt bald wieder ein fahrzeug. bei einem ice sind die zeitabstände größer und die entfernungen gewaltiger. so hielt der ice, der vor ein paar tagen wolfsburg links liegen ließ, nach 100 kilometern in stendhal. da steht man nun auf dem bahnsteig und fragt sich, ob man überhaupt noch in die auto-stadt möchte.

ich persönlich würde ja braunschweig zum durchfahren ohne stopp empfehlen. aber das ist meine ganz persönliche, ungemein fiese meinung. sie baut nur auf einen subjektiven ästhetizismus auf. bei diversen zugfahrten fiel mir auf, dass in braunschweig die am wenigsten ansprechenden menschen einsteigen. diese beobachtung lässt sich nicht verallgemeinern, aber seitdem mir dies bewusst wurde, achte ich bei jedem halt in braunschweig darauf. und es wurde eins ums andere mal bestätigt.

nun weiß ich ja nicht, welchen eindruck die lokführer haben, wenn sie tag für tag die gleiche strecke fahren. vielleicht empfinden sie in wolfsburg das gleiche wie ich in braunschweig. dann wäre das phänomen geklärt. oder sie denken noch ein stück weiter und sagen sich, in dieser stadt fahren sowieso alle nur auto. vielleicht ist es inzwischen auch ein gag, den sie in absprache mit dem stellwerk machen, um auch ein bisschen spaß auf der doch sehr geraden strecke von berlin nach hannover zu haben. oder sie waren ein bisschen spät dran, bei der bahn nicht ganz selten, und dachten sich: die paar, die nach wolfsburg wollen, die fahren auch von stendhal aus wieder zurück.

kaum fängt man an darüber nachzudenken, fallen einem ganz viele gründe ein, weshalb ein ice in wolfsburg nicht unbedingt hält, obwohl er sollte. mir würden noch politische, geschichtliche oder erotische hintergründe einfallen. aber da eröffne ich lieber ein andermal die schreibanregung zu der überschrift „wolfsburg sehen und vorbeifahren“. 😛