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biografisches schreiben und verlust

leben besteht aus beständigen verlusten. so wird demnach eine lebensgeschichte auch immer eine geschichte von verlusten sein (und auf der anderen seite natürlich auch eine geschichte von gewinnen). man mag noch so sehr der meinung sein, dass das eigene leben eigentlich nur aus verlusten besteht, schaut man genau hin, wird man immer feststellen, dass neues hinzukommt.

doch dieses mal soll der blick auf die verluste gerichtet sein. man kann alles verlieren, das man einmal sein eigen nannte. um es einmal ein wenig philosophisch zu formulieren, man kann der meinung sein, unser leben sei nur geliehen. in diesem moment schmerzt der verlust vielleicht nicht so groß. doch in den seltensten fällen wird vom leihen ausgegangen. man hat freundschaften, mitmenschen, die existenz oder den besitz verloren. man hat seine selbstachtung, seine unschuld und seinen glauben verloren. welcher verlust wiegt schwerer? das kann man nicht verallgemeinern, das bleibt immer individuell.

darum ist das biografische schreiben ideal, um sich mit seinen verlusten auseinanderzusetzen. teilen sie ihre verluste einmal auf, in die verluste von menschen (durch trennung oder tod), von dingen (gegenstände und besitztümer), in die ideellen (gefühle oder gedanken, haltungen) und in die finanziellen (einem mischung aus gegenständen und ideellem). machen sie sich ruhig eine tabelle und staffeln sie, welche verluste am schwersten wogen. manchmal stellt man fest, dass ideelles höher wiegt als gegenständliches. doch hier soll nicht einer vergeistigten schönfärberei das wort geredet werden. ist die exitstenz bedroht, da noch nicht einmal besitz vorhanden ist, der die ernährung sichert, dann wiegt der verlust lebensbedrohlich schwer.

zur subjektiven sicht gehört es auch, dass der verlust von besitz, die ganze person in frage stellen kann, der boden unter den füssen verloren wird und kein rückweg gefunden wird. da beruhigt es nicht, zu hören, dass ja so viel anderes schön sein kann. sie bewerten selbst, welche verluste für sie zu bewältigen waren und welche nicht. geben sie beim schreiben auch ihrer ganz persönlichen trauer raum. sich den persönlichen verlusten zu zu wenden, ist keine einfache schreibarbeit, es geht an die nieren. wir würden für bestimmtes nicht das wort „verlust“ wählen, wenn es keine bedeutung für uns hätte.

sollte einem die auseinandersetzung mit den verlusten zu bedrohlich werden, dann stelle man Weiterlesen

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nabelschau (55)

privatisierung der demokratie. seltsames geschieht gerade. vertreterInnen europas fahren nach china, um anteile an europa zu verkaufen. hier wird aber etwas verkauft, das nur ideell existent ist: ein land, eine nation, ein zusammenschluss, absprachen und verträge und ein politisches bündnis. aber wer hat diesen verkaufsverhandlungen zugestimmt? wurde das im bundestag von den volksvertreterInnen abgesegnet, dass hier anteile an wirtschafts- und gesellschaftszusammenschlüssen zum verkauf stehen?

was ist also eine staatsanleihe, ein staatlicher kredit, der rettungsschirm, der gehebelt werden soll, in der realität? es sind die grundlagen unserer gesellschaft, die durch steuern und mitsprache der bürger geschaffen und aufrecht erhalten werden. die instrumente der steuerung für die bürger sind die wahlen, ist die mitsprache im demokratischen ganzen. dies steht nun also zum verkauf, in anteile zerschnitten und ohne klare preisvorstellung. in den nachrichten wurde schon formuliert, dass es sein kann, dass china gegenleistungen erwartet, wenn es sich finanziell an unserer gesellschaft beteiligt.

da wird was schräg: ein ideeller zusammenschluss beteiligt sich finanziell an einem anderen ideellen zusammenschluss, um was zu tun? wenn man es runterbricht, dann geht es nicht um so etwas wie aktien, bei denen geld zur verfügung gestellt wird, um mit hilfe von produktionsmitteln und arbeitskraft mehrwert zu schöpfen. es geht darum, dass steuern, die der entlohnung einzelner entnommen werden und der organisation des gemeinwesens dienen, entnommen werden, um ein größeres gemeinswesen zu organisieren und zu retten.

so weit, so gut. doch nun wird das gemeinwesen selbst zur finanziellen verhandlungsmasse. oder anders gefragt: wie viel ist ein gemeinwesen wert? auf welchen wertvorstellungen basiert die berechnung? noch ein stück runtergebrochen: was kostet demokratie? wie groß war das geschrei ob der „heuschrecken“, die produktionsmittel und arbeitskraft aufkauften, um gewinn abzuschöpfen. doch wie schöpft man einer demokratie gewinn ab?

vielleicht sollten wir anfangen, unsere eigenen stimmanteile zu verkaufen. die stimme für den bundestag ist höher zu bewerten als die für landtagswahlen. und der wert für eine stimme bei den europawahlen steigt gerade beträchtlich, je mehr befugnisse das europäische parlament erhält. es findet also nichts anderes statt, als die privatisierung der demokratie, ohne die demokratischen instrumente einzusetzen. die europäische bevölkerung hat nicht beschlossen, ihre steuern für das gemeinwesen zu einem anlagefonds umzuwandeln. hier wird wirtschaftliche leistung mit gesellschaftlichen werten gleichgesetzt. das kann nur schief gehen.