Schlagwort-Archive: intoleranz

web 2.0 und die freie schreibe

der zunehmende diskurs im internet hat den vorteil, dass überhaupt wieder mehr diskutiert wird. der nachteil besteht aber darin, dass bei diesen diskussionen verschwimmt, was denn nun toleranz ist und was nicht oder anders formuliert, wann es an der zeit ist nicht mehr tolerant zu sein.

schaut man sich die diskussionen vor allen dingen auf den kommentarseiten an, kann man feststellen, dass es oft erst inhaltliche kritik gibt, vor allen dingen, wenn jemand missstände in bezug auf gesellschaft und toleranz im post formuliert hat. dies ruft widerspruch hervor und es wird oft genug aufgefordert, die kirche doch im dorf zu lassen. es werden gründe benannt, weshalb die gesellschaft sich intolerant und sanktionierend verhält. das löst bei betroffenen reflexe aus, die sich gegen die beschuldigungen positionieren.

und dann kommt irgendwann die obligatorische toleranz-stimme, die eigentlich keine ist. es wird gefordert, dass es doch auch möglich sein müsse mal zu schreiben, was man denke, ohne gleich angegriffen zu werden. auch die folgenden reaktionen seien ein zeichen von intoleranz und keinen deut besser als das, was man kritisiere. diesen umkehrschluss finde ich immer wieder faszinierend. denn er fordert ein, dass unter dem zeichen der toleranz intolerantes verhalten toleriert werden muss. kommt noch jemand mit oder haben schon alle aufgehört zu lesen?

so jedenfalls schleicht sich in viele diskurse im internet aber auch auf den leserbriefseiten der zeitungen eine form von forderung nach freier schreibe, also man sollte doch schreiben können, was man denkt, die vor allen dingen intolerante haltungen stützen soll. dadurch wird versucht, die im post geübte gesellschaftskritik ein für alle mal zu entsorgen. denn wer gesellschaftliche missstände kritisiert, muss bereit sein, die gegenposition stehen zu lassen. nein, muss man nicht, kann man. denn die gegenposition transportiert genau das, was man kritisiert. es scheint, hinter allem steckt die forderung bei uns, dass der der kritisiert generell ein in allen lebenslagen viel besserer mensch zu sein hat. wie soll das gehen?

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was zwei sich küssende männer heute noch auslösen können – irgendwie eine nabelschau

eigentlich freut es einen kleinen blogger, wenn er mit dem magazin der süddeutschen zeitung verlinkt wird. wäre der anlass nicht so traurig. das sz-magazin brachte vor zwei wochen in seiner geschichte das erste mal ein titelbild mit zwei sich küssenden älteren männern. im heft gab es ein interview mit den beiden seit 40 jahren zusammenlebenden schwulen. anscheinend waren die reaktionen von teilen der leserschaft so intolerant, dass das magazin manche dieser äußerungen auf seiner homepage zitiert und im gleichen atemzug positive reaktionen veröffentlicht, darunter auch diesen blog.

auch wenn es nur ein paar zitierte intolerante reaktionen sind, sie zeigen, wie es auch heute noch vielen homosexuellen und vor allen dingen schwulen geht. mal wieder diese aussage, es sei „eklig“ zwei männer zu sehen, die sich küssen. psychologisch betrachtet hat „ekel“ viel mit angst zu tun, nur wovor? davor, dass sich zwei menschen lieben? sehen wir lieber bilder, wie sich zwei menschen gegenseitig umbringen, übrigens auch oft männer? erst einmal ist doch ein mensch ein mensch und nur ein mensch. und der eine ist nicht mehr oder weniger wert als der andere. ein leser bemerkt sogar noch (stolz?), dass dies seit 37 jahren sein erster leserbrief sei. was lösen nur zwei sich küssende männer für tiefgreifende reaktionen aus?

die andere, auch oft gehörte reaktion zum beispiel bei schulaufklärungsveranstaltungen, lautet: muss man das denn auch noch zeigen? es würden ja schon so viele homosexuelle gezeigt. ja, man muss es so lange zeigen bis es nichts besonderes mehr ist. denn homosexualität kommt in den besten familien vor, ist eine lebensäußerung von menschen und muss sich nicht verstecken (obwohl viele lesbische und schwulen paare dies auf der straße immer noch tun). darum ist es dem sz-magazin auch hoch anzurechnen, dass es dieses titelbild druckte. denn die reaktionen sind ähnlich, wie in den 80ern, als der film „die konsequenz“ ausgestrahlt wurde, oder als in den 90ern in der „lindenstraße“ der erste kuss zwischen zwei männern gezeigt wurde. man kann ganze bücher mit den empörten reaktionen füllen.

jetzt fehlt nur noch ein „homosexuellen“-heft, nachdem das magazin schon regelmäßig „männer“- und „frauen“-hefte veröffentlicht. doch eigentlich sind wir ja männer, also mal ein schwules männer-heft. die macher können sich sicher sein, ihre telefone werden nicht mehr stillstehen. und es werden sich hauptsächlich empörte männer melden.
zu finden sind die reaktionen zum sz-magazin hier: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/29546 und das post in diesem blog ist hier: https://schreibschrift.wordpress.com/2009/05/23/biografisches-schreiben-und-diskriminierung-2/  .