Schlagwort-Archive: kindheit

schreibidee (369)

das wort kommt ein wenig altbacken daher. gern wurde es im sexuellen kontext verwendet, doch schon bald erweiterte sich der begriff auf alle lebensbereiche – die „unschuld“. verbunden wird damit eine gewisse naivität, unbedarftheit und unerfahrenheit. dahinter steckt der gedanke, dass man ab einem gewissen alter ernüchtert auf die welt blickt. man kann darüber streiten, ob erwachsen sein mit enttäuschung einhergehen muss – eine recht asketische vorstellung. darum eine schreibanregung für „verlust-der-unschuld-geschichten“.

dies soll keine biografische schreibanregung sein, also werden beim einstieg in das thema auch keine persönlichen bezüge relevant. die schreibgruppenteilnehmerInnen notieren in kurzen stichworte, wobei man seine unschuld verlieren kann. was schleudert einen plötzlich in einen erweiterten bezug zur welt? die stichworte werden in der gruppe zusammengetragen und alle teilnehmerInnen wählen sich ein beispiel aus. darüber verfassen sie eine kleine geschichte (maximal zwei seiten lang), die anschließend vorgelesen wird. es findet keine feedbackrunde statt.

im nächsten schritt, geht es um die entzauberung der kindheit. denn in bezug auf das naive, unschuldige, wird gern die kindheit als ehemaliges paradies dargestellt. doch genauer betrachtet ist man als kind regeln und gegebenheiten ausgeliefert, die von den erwachsenen bestimmt werden. die unschuld zu verlieren bedeutet auch, mehr mitsprache über das eigene leben zu erhalten. alle schreibgruppenteilnehmerInnen werden eingeladen, einen kurzen text über die unangenehmen seiten des kindseins zu schreiben. die texte werden vorgetragen. es findet keine feedbackrunde statt, aber vielleicht eine kurze diskussion über die idealisierung von unschuld.

nun wird eine längere geschichte über jemanden geschrieben, der sich „schuldig“ gemacht hat. dies ist nicht im juristischen oder kriminellen sinn gemeint, sondern im alltäglichen. es gibt keine weitere vorgabe als die annahme, dass in der geschichte jemand seine „unschuld verliert“. ob sich etwas zum positiven oder negativen entwickelt, bleibt den schreibenden überlassen. anschließend werden die geschichten vorgelesen und es findet einen ausführliche feedbackrunde statt. dabei kann man den fokus darauf richten, wie schuld in der jeweiligen geschichte dargestellt wurde.

zum abschluss werden von allen teilnehmerInnen kurze emanzipatorische aufrufe verfasst: zehn punkte, wovon man sich nach seiner kindheit befreien sollte. also zehn punkte die einen weiteren verlust der unschuld bedeuten. die aufrufe werden in der gruppe vorgetragen (und im realen leben umgesetzt 😉 ).

wund-starr-krampf (02)

dressierte kinder

man dachte, es sei vorbei – weit gefehlt. diese sendungen, in denen man die lieben kleinen auf eine bühne stellt, sie irgendwie vorgeführt werden und etwas vorführen, mutti und vati begeistert im publikum sitzen und der rest so gerührt ist, tauchen immer wieder auf.

mich erinnert das immer an das kinderfest einer kleinstadt. da wurden kinder in den schulen mit kleinen geschenken erfreut, mussten durch die strassen wandern, dann in ein stadion marschieren, dort gemeinsam ein lied singen, aufführungen und wettkämpfe absolvieren, während an den hängen sitzend stolze eltern sich was hinter die binde kippten und die kinder als deko dienten.

und so schmückt sich in regelmäßigen abständen das fernsehen mit diesen kinderauftritten, die bei mir sofortiges fremdschämen auslösen. nicht, weil es kinder sind. nein, weil die kinder so dressiert sind, dass sie versuchen die erwachsenen in einer zu professionellen art und weise nachzumachen und sich die erwachsenen wiederum daran ganz seltsam ergötzen.

kinder können garantiert witzig, direkt, fantasievoll und lebhaft sein. aber diese kinder sind es nicht mehr, es wirkt aufgesetzt. es wirkt, wie wenn man hunden kleidung anzieht oder affen als schauspieler auftreten lässt. das „süße“ besteht für erwachsene anscheinend darin, dass sie sich schmücken können mit den leistungen ihrer kinder, im nachahmen von erwachsenen. klar spielen kinder erwachsene nach, um sich die welt zu erschließen. aber sie dabei zu filmen und zu feiern schmerzt als zuschauer.

jedes mal bleibt der geschmack zurück, dass eltern ein größeres interesse an dem ruhm ihrer kinder haben, als die kinder selbst. die wollen wahrscheinlich nur spielen. doch es wurde ihnen schon früh vermittelt, dass es ganz toll ist, auf einer bühne zu stehen und erwachsene zu unterhalten. ja, dass es noch toller ist, ins fernsehen zu kommen. teile ihrer kindheit sind futsch. und jeder dieser sendungen sollte der spielfilm „little miss sunshine“ vorangestellt werden – nur so als empfehlung.

„die unruhezone“ von jonathan franzen – ein buchtipp

es ist kein neues buch, es ist schon länger auf dem markt, aber manchmal kommt man nicht gleich dazu, ein buch zu lesen. es sagt auf keinen fall etwas über die qualität des buches aus. das buch „die unruhezone“ ist ein wunderbares beispiel für biografisches schreiben.

jonathan franzen führt vor, wie man seine kindheit und jugend in verschiedene erinnerungen, begebenheiten und entwicklungen aufteilen kann, wie man sie berichten und bewerten kann und wie sie sich leicht und unverkrampft lesen lassen. da franzen selber noch nicht auf ein langes leben zurückblicken kann, sondern auf eine etwas angestrengte und ereignisarme kindheit und jugend, ist dies nicht unbedingt stoff für fesselnde geschichten.

aber er schafft es, dass man seine berichte in einer wahrscheinlich durchschnittlichen, bürgerlichen amerikanischen familie mit all ihren unebenheiten und verkrampfungen schwer beiseite legen kann. es ist ein plauderton, der so zu sagen „nebenher“ die vielen unsicherheiten der pubertät und des finden des eigenen wegs offenlegt. dabei wirkt das buch von franzen sehr ehrlich (obwohl man natürlich nicht sagen kann, ob sich wirklich alles so zugetragen hat) und legt sein großes bemühen, anschluss an die welt zu finden, offen.

er verschachtelt seine erinnerungen in einer art und weise, dass sie am ende des buches ein rundes bild seiner gewordenheit wiedergeben. ein lohnenswertes buch in zweierlei hinsicht: als entspannte unterhaltung und als orientierung für das eigene biografische schreiben. das buch ist 2008 bei rororo in reinbek bei hamburg erschienen. ISBN 978-3-499-24439-1

kreatives schreiben und angst

das kreative schreiben macht normalerweise keine angst. es ist etwas spielerisches, ein ausprobieren, ein neu kombinieren, ein form des ideen produzierens. gut, es kann einem schwer fallen, sich in eine spielerische stimmung zu begeben, aber angstbesetzt ist dies nicht unbedingt. aber es gibt einen anderen aspekt, der einem angst einflößen kann: angst vor der eigenen fantasie.

manche kreativ schreibende erschrecken manchmal, nachdem sie einen text oder eine geschichte abgeschlossen haben, ob ihrer ausufernden fantasie. da widmen sie sich den grausamkeiten der menschen, schreiben geschichten und entwerfen bilder, wie wenn sie einen trip eingeschmissen hätten und versinken in fremden welten, die ihnen bis jetzt unbekannt waren. und das macht angst. dabei unterscheiden sich ihre geschichten in ihren bildern gar nicht so sehr von ihren träumen, die sie nacht für nacht haben, aber an die sie sich nicht mehr erinnern können.

doch sie erinnern sich an die erwachsenen, die ihnen als kind und jugendliche zu verstehen gegeben haben, dass ihre ausufernde fantasie gefährlich sei. dass man, wenn man sich zu sehr in etwas hineinsteigert, dort nicht mehr rauskommt, dies psychisch problematisch werden kann. dabei haben sie eigentlich kein problem damit, nur ihre umwelt hat ein problem damit. doch dies wird ihnen sehr klar gemacht.

solch eine vorstellung legt man nicht schnell wieder ab. was passiert mit einem, wenn die pferde mit einem durchgehen? Weiterlesen

schreibidee (232)

gibt es ein gegenteil zu „salzig“ aus der letzten schreibidee? „salzlos“. bei geschmacksrichtungen ist es mit den gegenteilen schwierig, hier gibt es kein „gut“ oder „böse“. darum wähle ich die alternative: „süss“. beinahe alle mögen süsses, kaum ein mensch kann dem zuckerigen geschmack widerstehen und inzwischen sehen dies viele als grundübel ihres daseins. diese kalorien, diese gewichtzunahme, das verführerische der süsse bildet den hintergrund für ganztagsbeschäftigungen. warum also nicht als alternative „süsse geschichten“ schreiben.

zu beginn der schreibgruppe wird eine große auswahl an süssigkeiten mitgebracht. darunter sollten süssigkeiten sein, die schon längere zeit auf dem markt sind, da sich die schreibgruppenteilnehmerInnen eine süssigkeit wählen sollten, die sie an frühere zeiten erinnern. ob das nun „saure stäbchen“, „kinderschokolade“, die „erfrischungsstäbchen“, brause oder bestimmte lutscher (sorry heute sagt man ja eher lolipops dazu) waren. zu dieser gewählten süssigkeit, auch wenn sie sich nicht in dem angebot der schreibgruppenleitung befindet, soll ein kurzer einstimmungstext verfasst werden. dieser text wird in der gruppe vorgetragen.

im anschluss wendet man sich dem „süssstoff“ zu. die süsse ist stärker, die kalorienzahl sehr viel geringer. diese ersatzsüsse ist grundlage eines clusters, das von den schreibgruppenteilnehmerInnen erstellt wird. aus diesem cluster soll eine geschichte generiert werden. die schreibgruppenteilnehmerInnen werden angeregt aus der interessantesten assoziation oder idee ihres clusters eine längere geschichte zu verfassen. daraufhin werden die geschichten vorgetragen und in der feedbackrunde wird sich über den „süssegrad“ der geschichte ausgetauscht.

dies ist dann auch die überleitung zur abschließenden schreibanregung. denn nun ist eine definitiv „süsse geschichte“ zu verfassen, die nicht länger als drei seiten sein sollte. es soll aus jeder pore der geschichte süsse hervorquellen, also eine „bambi“-like story verfasst werden. dies kann mit verniedlichungen, mit klebrigen dialogen oder ähnlichem erreicht werden. und wenn dann alle teilnehmerInnen sowieso schon zu viele der bereitliegenden süssigkeiten zu sich genommen haben, werden zum abschluss noch die süssen geschichten ohne feedbackrunde vorgetragen.

biografisches schreiben und familienrituale

es ist die zeit der jahresendzeitfeierlichkeiten. zwei wochen vorher werden die menschen in den nahverkehrsmitteln schon genervter, gestresster und mürrisch. abseits der abendlichen alkoholisierten truppen von weihnachtsfeierteilnehmerInnen, bereiten sich viele auf „das fest der liebe“ vor. ein fest, das oft das gegenteil des titels wird. hohe erwartungen, noch höhere erwartungen und viele enttäuschungen vereinen sich mit dem vorhergehenden stress zu einem kleinen pulverfass. aber das ritual der weihnachtlichen zusammenkunft möchten die wenigsten menschen durchbrechen.

bei der betrachtung der eigenen lebensgeschichte könnte jedoch ein blick auf familiäre rituale die augen für das system, in dem man aufgewachsen ist, öffnen. ja, man kann eine erklärung für den nachhall mancher verhaltensweisen in sich selber finden. denn familien sind familien, da sie auf etlichen ritualen basieren.

man werfe einmal einen blick darauf, wie geburtstage in der eigenen familie begangen wurden. wie sah solch ein moment aus? was geschah dann oder was geschah auch nicht, obwohl man es gern gehabt hätte? gab es feste zeitabläufe, gab es die erfüllung von wünschen? oder man schaut sich einmal an, wie weihnachten begangen wurde. wurde dieses ritual allen familienmitgliedern gerecht? konnte man einen emotionalen bezug zu den feierlichkeiten herstellen? führt man das ritual weiter, so wie man es kennengelernt hat?

am spannendsten bei ritualen ist es, festzustellen, wer welche rolle übernommen hat. Weiterlesen

biografisches schreiben und dunkelheit

erinnern sie sich an ihre ersten albträume als kind? irgendwann steht jedes kind einmal nachts auf und ruft nach seinen eltern oder kriecht zu ihnen ins bett, da es von bösen wesen oder unangenehmen dingen geträumt hat. ab diesem moment wird einem die wirkung der dunkelheit, der nacht, ein wenig bewusst.

dann entwickeln sich die menschen im laufe ihrer entwicklungen auseinander. die einen werden „lerchen“, menschen, die gern früh aufstehen und viel tageslicht mitnehmen, die anderen, „eulen“, sind die, die nachts am besten arbeiten können, die die nacht zum tag machen. sie haben sich mit der dunkelheit arrangiert und bevorzugen eventuell die stille die nachts einkehrt.

manche menschen schlafen bei vollmond schlecht, wenn er in der nacht aufgeht. sie können sich nicht erklären, wie die natur solche auswirkungen auf ihre befindlichkeit haben kann. in unserer „erleuchteten“ kultur und gesellschaft stellt dunkelheit eher etwas bedrohliches dar, da passt die schlecht geschlafene vollmondnacht gut dazu. aber haben nicht viele von uns auch ihren meisten sex in der dunkelheit, also jedenfalls ist es draußen dunkel, das schlafzimmer mag ja beleuchtet sein.

es lohnt sich, beim betrachten der eigenen lebensgeschichte einmal einen blick auf die nächte und in die dunkelheit zu werfen. wie hat man denn seine nächte verbracht. wer im krieg die wohnungen abdunkeln musste und die nächte in luftschutzkellern verbringen musste, der wird mit der dunkelheit eventuell dramatisches und bedrohliches verbinden. wer immer nachts gearbeitet hat, wird sich im laufe der zeit an diesen rhythmus gewöhnt haben und die anderen menschen mit ganz eigenen augen sehen.

aber man kann beim thema „dunkelheit“ im zusammenhangen mit dem biografischen schreiben noch einen schritt weiter gehen: was war das dunkelste kapitel in der eigenen lebensgeschichte? jeder mensch hat ein dunkles kapitel, das ihn über jahre begleitet. das müssen nicht immer hochdramatische oder grausame situationen sein. es genügt, dass es situationen sind, die einen nicht los lassen, Weiterlesen

biografisches schreiben und kinderspiele

wer in der vorherigen liste noch keine kinderspiele unter den lieblingsspielen vermerkt hatte, kann sich ja noch schnell eine extra-liste anlegen. meine lieblingskinderspiele:

und dann erinnere man sich: im gegensatz zu den heutigen kindern haben wir wahrscheinlich viel mehr gespielt und weniger gepaukt. obwohl wir auch beim spielen viel lernten, viel über fairness, über unsere kräfte und fähigkeiten, über das leben der erwachsenen. kinder spielen gern auch die erwachsenen nach. ob dies nun die kleine reparaturwerkstatt für die fahrräder der freunde war oder die selbstgebauten seifenkisten, die man aufmachte. oder das nachspielen von filmserien, die cowboy-und-indianer-spiele.

ach und dann gab es murmeln, karten, seile oder bälle, die viele möglichkeiten des spielens boten. daneben noch der experimentierkasten, die wälder und wiesen in der nähe, brettspiele, die man nicht beenden wollte oder auch nur das einfache „verstecken spielen“ bis zur dämmerung. es gab so viele varianten des gemeinsamen spielens mit anderen. und erstaunlicherweise ließen viele erwachsene ihre kinder in ruhe, waren sie doch froh mal ruhe zu haben.

beim betrachten der eigenen lebensgeschichte sollten nicht nur die tragischen momente und die problematischen situationen betrachtet werden. auch die einfachen tagesereignisse der kindheit, zu denen neben kindergarten oder schule eben auch die spiele gehörten, hatten einfluss auf unsere entwicklung. manche eltern waren auch damals schon der meinung, dass es wichtigeres für ihre kinder gab als das spielen. sie durften nicht bei der clique dabei sein, mussten damals schon pauken. oder aber auch die kinder, die man nicht mitspielen lassen wollten. meist waren es die jüngeren geschwister der einzelnen, die nervten ja nur. oder es waren die kinder, die nicht verlieren konnten und gleich zu weinen anfingen, wenn sie mal nicht gewonnen hatten.

wenn kinder spielen nehmen sie oft die umwelt überhaupt nicht mehr wahr. Weiterlesen

„als hitler das rosa kaninchen stahl“ von judith kerr – ein buchtipp

es gibt jugendbücher und jugendbücher. durch die einen huschen vampire und zauberer, die anderen basieren auf realen ereignissen, arbeiten historie auf und haben einen biografischen charakter. schon 1974 wurde der deutsche jugendbuchpreis an judith kerr für ihr buch „als hitler das rosa kaninchen stahl“ ausgezeichnet. es ist teil einer trilogie, die judith kerr als romane für jugendliche über die flucht mit ihren eltern vor den nazis verfasste.

das buch führe ich als gelungenes beispiel für die verankerung von „erinnerungsgegenständen“ in geschichten oder eben autobiografischen romanen hier an. das rosa kaninchen spielt nicht die hauptrolle in dem roman, aber es ist ein symbol für die kinder, die mit ihren eltern in die schweiz fliehen mussten. ein symbol für die flucht, das zurücklassen der vertrauten welt und der gegenstand hat eine enorme bedeutung, eventuell auch für die autorin, obwohl es sich um einen roman handelt, also auch ein fantasieprodukt.

interessant ist das buch aber noch aus einem anderen grund: hier wird die flucht einer jüdischen familie vor den nazis aus der sicht von kindern geschildert. dabei werden die ereignisse erst stück für stück von den kindern verstanden. das buch zeigt ganz gut, wie schwer die welt der erwachsenen zu verstehen ist, dass kinder eine flucht, eine politische verfolgung ganz anders erleben und sich die welt ihrer eltern erst stück für stück erschließen. doch dass etwas dramatisches geschehen ist, ist ihnen von anfang an bewusst. dies kristallisiert sich auch an dem zurückgelassenen kaninchen heraus. das kaninchen symbolisiert den überstürzten aufbruch.

ein buch, das man auch heute noch jugendlichen empfehlen kann, wenn sie einen einblick in die lebenrealität von verfolgten juden aus kindersicht erhalten möchten. es ist beim ravensburger verlag als taschenbuch erschienen. ISBN 978-3-473-58003-3

schreibidee (176)

die psychologie streitet noch darüber, wie wichtig die einflüsse der kindheit für unser späteres leben sind. angefangen bei den ersten wochen im leben eines menschen, die anscheinend prägend sein sollen, bis zu späteren kindheitserfahrungen, die unsere zukunft bestimmen könnten. dazu im widerstreit steht die vorstellung, auch im alter noch dazu lernen zu können, ja sich verändern zu können. doch in den schreibideen wurde bis jetzt kein blick auf die frühen jahre im leben geworfen. sind die erinnerungen daran ein schwieriges feld, da vieles eventuell auf erzählungen beruht, die man gar nicht mehr selber erinnert. doch dies soll hier keine rolle spielen, beim erstellen von „kindheitsgeschichten„.

als einstieg in die schreibidee kann eine kleine zeitreise hilfreich sein. bei einer biografischen schreibgruppe lassen sich dafür kleingruppen der teilnehmerInnen bilden oder wenn alle ein ähnliches alter haben, auch in einer größeren gruppe, erinnerungen sammeln. orientierung bietet ein kleiner fragebogen, den die schreibgruppenleiterInnen erstellt haben. darin können fragen auftauchen, wie folgende: an welchen werbeslogan, an welches produkt ihrer kinderzeit erinnern sie sich? welche kindersendung hat ihnen am besten gefallen? oder für ältere, welches kinderbuch war ihr lieblingsbuch? welche spiele haben sie mit ihren freunden gespielt? wer waren ihre besten freunde? welche mode war in ihrer kinderzeit in? wissen sie noch, welches auto ihre eltern fuhren? wie war die wohnung ihrer eltern eingerichtet? …

die gruppen tauschen sich darüber aus. es können im folgenden auch von allen schreibgruppenteilnehmerInnen noch jeweils fragen formuliert werden. die erinnerungen sollte sich auf das alter bis vierzehn jahre beschränken. dann setzen sich alle teilnehmerInnen hin und schreiben jeweils eine seite lang ihr schönstes und ihr schlimmstes kindheitserlebnis auf. wichtig erscheint in diesem zusammenhang, dass die grenze beim schlimmsten erlebnis die teilnehmerInnen selbst setzen, sie aber im vorfeld darauf aufmerksam gemacht werden. die kindheitserlebnisse werden nicht in der gruppe vorgestellt. im anschluss werden von allen teilnehmerInnen noch fünf metaphern für ihre kindheit gefunden. wie ließe diese zeit umschreiben, darstellen?

um dann zum abschluss eine persönliche kindheitsgeschichte zu schreiben. es sollte sich darauf konzentriert werden, eindrückliche ereignisse in der geschichte wiederzugeben. dies natürlich aus heutiger sicht und der freiheit der autorInnen unterworfen. es geht in dieser schreibidee nicht darum, zeugnis abzulegen, sondern eine geschichte zu schreiben, die der kindheit gerecht wird. die geschichten werden in der schreibgruppe vorgestellt und es wird feedback gegeben.

biografisches schreiben und altern des lebenspartners

in letzter zeit ging es häufiger durch die presse, dass walter jens einhergehend mit demenz altert. damit öffentlich auseinandergesetzt haben sich sein sohn und seine frau. beide auseinandersetzungen sind auch ein zeichen dafür, wie schwer es einem fällt, zu beobachten, wie ein einem nahestehender mensch altert und sich verändert. man kann diesen prozess ab einem bestimmten punkt nicht mehr beeinflussen und es wird nicht selten ohnmacht gefühlt. es fällt schwer zu akzeptieren, was da vor sich geht.

beim schreiben der eigenen lebensgeschichte kann man sowohl seinen eigenen alterungsprozess beobachten, vor allen dingen aber auch, da das betrachten der eigenen entwicklung einem gar nicht so schnell und verändernd vorkommt, den alterungsprozess von lebenspartnerInnen. von „außen“ fällt einem oft viel stärker auf, wie sehr sich ein mensch verändert. man bekommt vor augen geführt, wie es wahrscheinlich einem selber geht oder gehen wird. die zeit wird für manches, das man unbedingt noch machen wollte, knapp.

wie geht man damit um. kann man den natürlichen entwicklungen ihren lauf lassen oder bäumt man sich dagegen auf? will man nicht wahrhaben, dass die partnerInnen einem lebensende entgegenstreben oder begleitet man sich gegenseitig in dieser entwicklung? früher starben die menschen früher, viele krankheitsbilder traten überhaupt nicht auf. heute werden menschen bei uns sehr alt, doch dies geht oft genug damit einher, dass einer von beiden zu einem pflegefall werden kann oder aufgrund von krankheiten unterstützung benötigt. wie geht man damit um? oder wie erlebt man es, unterstützung vom partner zu benötigen, wie erlebt man diese unterstützung?

das biografische schreiben bietet die chance, in dem moment, in dem man und der partner altert, dies ausführlicher zu reflektieren. vielleicht auch nur, um einen ruhigeren, akzeptierenden umgang damit zu finden.

biografisches schreiben und lücken

man erinnert sich nicht an alles. beim versuch seine eigene lebensgeschichte aufzuschreiben, helfen zwar verschiedene vorgehensweisen, sich immer mehr ereignisse wieder ins gedächtnis zu rufen, doch es wird bei jedem menschen auch eine ganze menge lücken geben, an die man sich nicht mehr genau erinnern kann.

das fängt meist schon damit an, dass menschen sich an sehr verschiedene altersabschnitte in ihrer kindheit erinnern. manch einer kann sich bis ins früheste kindesalter zurückerinnern, manch andere nur an die schulzeit. bei den frühen erinnerungen ist sowieso vieles mit vorsicht zu genießen, da sich gern familienerzählungen mit eigenen erinnerungen vermischen.

auch andere erinnerungen können natürlich nicht mehr ganz der realität entsprechen, da das gehirn zwischenzeitlich gern die lücken, die vorhanden sind, mit fantasie oder erzähltem ausfüllt. anschließend wieder die trennung zu machen, was denn nun tatsächlich geschehen ist und was man sich „einbildet“ ist oft schwer, wenn zum beispiel keine tagebücher oder andere aufzeichnungen vorhanden sind. doch die umgangssprache bietet in diesem zusammenhang die lösung: „mut zur lücke„.

es wird sich mit großer wahrscheinlichkeit keine biografie lückenlos nachvollziehen lassen. es wird auch keine biografie ausschließlich „wahr“ sein. jede geschriebene lebensgeschichte wird auslassungen und zufügungen beinhalten. solang man sich nicht selber dazu antreibt, lügengeschichten wie münchhausen zu schreiben, tut dies dem ganzen werk keinen abbruch. denn das wichtigste ist sicherlich das gesamtbild. zumindest sollte man sich davor hüten, sich selbst dafür zu verurteilen, wenn man sich ob der informationen unsicher ist. das setzt nur unnötig unter druck. es ist eine idealisierung des menschen, zu glauben, man könne jede verdrängung auflösen und sich selber allem bewusst werden. verdrängung bedeutet auch selbstschutz. solang nicht geleugnet wird, zum beispiel in einer diktatur eine unrühmliche rolle eingenommen zu haben, ist alles nur menschlich.

biografisches schreiben und kindheit

 

von großem interesse beim verfassen der eigenen lebensgeschichte ist für viele menschen die eigene kindheit. wahrscheinlich auch deshalb, da sie nicht in der eindeutigkeit präsent ist, wie andere lebensabschnitte.

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