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kreatives schreiben und kuschelig

seltsam, aber wenn man genau hinschaut, dann interessieren die leserInnen weniger wohlfühl-texte als texte, die brüche, kraftvolles und konflikte vermitteln. da wird gekämpft, intrigiert, gestritten, gelogen oder in einem ganzen genre gemordet. anscheinend lesen menschen lieber über die abgründe denn über harmonische und kuschelige momente. gut, es darf ein happy-end geben, aber davor müssen sich viele hürden befinden.

so scheint das kreative schreiben, in einem zwiespalt zu stecken: auf der einen seite möchte es gern die positive einstellung eines menschen fördern, seine kreativität verstärken und befördern, auf der anderen seite fließt persönliches ein und dazu gehören oft eher die unangenehmen momente. kuschelige texte befinden sich meist auf der schwelle zum kitsch (diese form der literatur und des schreibens gibt es natürlich auch), vor allen dingen langweilen sie aber oft.

was hat man von einem text, der über seiten beschreibt, wie zwei menschen gemeinsam inniglich in den sonnenuntergang schauen und feststellen, wie gut sie sich verstehen, wie ähnlich ihre haltungen sind. das beruhigt nicht als leser, sondern führt vielen zu sehr das vor augen, was sie bis dahin nicht erlebt haben und wahrscheinlich auch nicht erleben werden. vielleicht ist kuscheln gar kein lebensinhalt. vielleicht ist es nur eine form der intimität, die niedergeschrieben eher befremdet.

doch warum ist dies beim schreiben so anders im gegensatz zu der gesamten wellness- und entspannungs-bewegung? warum dem täglichen stress noch einen drauf setzen, indem man ein problematisierendes und angespanntes buch liest, texte mit vielen Weiterlesen

kreatives schreiben und weinen

beim kreativen schreiben ist die wahrscheinlichkeit größer, dass einem die freudentränen in die augen steigen, als dass man über das geschriebene so traurig wird, dass geweint wird. hier unterscheidet sich das kreative schreiben vom biografischen schreiben. aber das möchte ich nicht genauer betrachten. es stellt sich für mich eher die frage, wie lässt sich weinen in texten umsetzen.

die gefahr, protagonistInnen in der eigenen geschichte weinen zu lassen, besteht darin, dass es recht schnell kitschig und gefühlig wird. da in der deutschen sprache die worte für das weinen und die tränen fehlen, also nicht viele verschiedene varianten gewählt werden können, ist zu überlegen, ob man die große traurigkeit oder hilflosigkeit nicht in metaphorische umschreibungen packt. dabei wird das eigentliche weinen zwar in den hintergrund gedrängt, aber für die leserInnen erschließt sich die gefühlslage besser.

in dialogen lässt sich das weinen noch schwerer darstellen. es klingt nicht unbedingt gut, wenn man „huhuhu“ schreibt, um dem weinen einen klang zu geben. „schnief“ und „schneuz“ gehören eher in den comic, als in einen dialog. es müssen also verbale ausdrücke für die traurigkeit gefunden werden und vielleicht kann man dann noch die regieanweisung angeben, wann jemandem die tränen herunterlaufen. mehr kann man nicht machen.

beim weinen unterscheidet sich das schreiben sehr stark vom film oder theater, wo dieser gefühlsregung die unterschiedlichsten ausformungen gegeben werden können. aber man kann dafür die zuspitzung der traurigkeit durch lautes und niedergeschriebenes denken schriftlich umsetzen. hier ist der spielraum wiederum unendlich. wie erlebt ein mensch innerlich die sich zuspitzende krise? welche gefühlsregungen machen sich breit? ab wann erreicht jemand einen karthatischen zustand und ergibt sich Weiterlesen

kreatives schreiben und liebe (2)

seltsam, dass ich bis heute nicht zu diesem thema geschrieben habe, sind doch die beziehungsgeflechte grundlage vieler geschichten und texte. wahrscheinlich liegt es daran, dass die liebe meist eine sehr persönliche vorstellung ist, die schwer verallgemeinert werden kann. klar, es gibt sie, die schnulzen und romantischen schmachtfetzen, die meist wenig mit der realität vieler menschen zu tun haben, denn sie bieten oft ein happy-end. hier wird eine verheissung transportiert, die eher zur satire neigt, denn ein abbild des lebens ist.

und doch kann sich das kreative schreiben natürlich der liebe annähern. man nehme nur die riesige auswahl an kosewörtern, die grundlagen unzähliger geschichten oder gedichte sein können. ein wenig langweilig für kreatives sind die heutigen formen des kennenlernens durch internet und speed-dating geworden. verklemmtere gesellschaften bieten hier für das schreiben viel mehr spielraum. wo strenge regeln des zusammenseins gelten, werden fantasievolle wege gesucht, den spontanen gefühlen und zuneigungen ausdruck zu verleihen. auch darüber könnten unzählige geschichten verfasst werden.

und seitdem es paarberatungsstellen oder beziehungscoaching gibt, wurde auch das mysterium des dauerhaften zusammenlebens analysiert, katalogisiert und seziert. texte von der „großen liebe“, dem ewigen versprechen und der liebe auf den ersten blick wirken in diesen momenten meist kitschig und altbacken. aber das macht eigentlich nichts. seltsamerweise binden solche geschichten selbst den hatgesottendsten coolen. es gibt da beim menschen anscheinend ein gefühlsregister, das er nie so richtig im griff haben kann, wenn er auch noch so sehr versucht, kontrolle darüber zu erlangen. Weiterlesen

schreibidee (232)

gibt es ein gegenteil zu „salzig“ aus der letzten schreibidee? „salzlos“. bei geschmacksrichtungen ist es mit den gegenteilen schwierig, hier gibt es kein „gut“ oder „böse“. darum wähle ich die alternative: „süss“. beinahe alle mögen süsses, kaum ein mensch kann dem zuckerigen geschmack widerstehen und inzwischen sehen dies viele als grundübel ihres daseins. diese kalorien, diese gewichtzunahme, das verführerische der süsse bildet den hintergrund für ganztagsbeschäftigungen. warum also nicht als alternative „süsse geschichten“ schreiben.

zu beginn der schreibgruppe wird eine große auswahl an süssigkeiten mitgebracht. darunter sollten süssigkeiten sein, die schon längere zeit auf dem markt sind, da sich die schreibgruppenteilnehmerInnen eine süssigkeit wählen sollten, die sie an frühere zeiten erinnern. ob das nun „saure stäbchen“, „kinderschokolade“, die „erfrischungsstäbchen“, brause oder bestimmte lutscher (sorry heute sagt man ja eher lolipops dazu) waren. zu dieser gewählten süssigkeit, auch wenn sie sich nicht in dem angebot der schreibgruppenleitung befindet, soll ein kurzer einstimmungstext verfasst werden. dieser text wird in der gruppe vorgetragen.

im anschluss wendet man sich dem „süssstoff“ zu. die süsse ist stärker, die kalorienzahl sehr viel geringer. diese ersatzsüsse ist grundlage eines clusters, das von den schreibgruppenteilnehmerInnen erstellt wird. aus diesem cluster soll eine geschichte generiert werden. die schreibgruppenteilnehmerInnen werden angeregt aus der interessantesten assoziation oder idee ihres clusters eine längere geschichte zu verfassen. daraufhin werden die geschichten vorgetragen und in der feedbackrunde wird sich über den „süssegrad“ der geschichte ausgetauscht.

dies ist dann auch die überleitung zur abschließenden schreibanregung. denn nun ist eine definitiv „süsse geschichte“ zu verfassen, die nicht länger als drei seiten sein sollte. es soll aus jeder pore der geschichte süsse hervorquellen, also eine „bambi“-like story verfasst werden. dies kann mit verniedlichungen, mit klebrigen dialogen oder ähnlichem erreicht werden. und wenn dann alle teilnehmerInnen sowieso schon zu viele der bereitliegenden süssigkeiten zu sich genommen haben, werden zum abschluss noch die süssen geschichten ohne feedbackrunde vorgetragen.

schreibaufgabe (29)

wir haben einen winter, wie man ihn sich schöner kaum vorstellen kann, also einen echten winter. einziger nachteil eines echten winter ist es, dass es kalt ist. nun hat der mensch irgendwann sein fell abgestreift und sich kleidung geklöppelt, um allen äußeren einflüssen trotzen zu können. irgendwann erfand er auch den ofen und die heizung und so lässt sich auch ein kalter winter muggelig in der wohnung verbringen. doch die heizungsluft ist trocken, trocknet die haut aus, das schützende fell fehlt ja. was gibt es dann schöneres, als zum cremetöpfchen zu greifen und der haut ein wenig feuchtigkeit zu spenden.

unglaublich lange vorrede, kurzer sinn. die schreibaufgabe fordert zum „verbalen cremen“ auf. tun sie sich mit ihrem text, mit ihrer geschichte etwas gutes. sehen sie nach wo durch die kälte der welt und die hitze des gefechts die eigene haut, die eigene seele trocken geworden ist. um auch in zukunft nicht ledrig durch die welt zu laufen, sollte das schreiben, dermatologisch und psychologisch getestet, ihnen die feuchtigkeit spenden, die sie gerade nötig haben. möbeln sie sich mit der geschichte wieder auf, ölen sie und massieren sie ein! lassen sie ihre haut, ihre hülle aufatmen. wie das geht? das wissen sie am besten. verfassen sie einfach einen text, der ihnen auch später noch gut tut. sie haben angst, das könnte kitschig werden? na und, hauptsache ihnen geht es gut damit. und möchten sie auch andere an ihrer entspannten haut teilhaben lassen, dann stellen sie den text hier hinein.

es ist doch schön, dass der mensch selbst für die folgen seines fellverlusts und der kalten winter eine lösung gefunden hat. die creme.

schnickschnack (78)

wo wir dann schon einmal bei den außergewöhnlichen präsentationen von männern und ihren körpern, vor allen dingen ihrem besten stück sind, kann man auch gleich die nächste fotografieausstellung in berlin erwähnen. dabei handelt es sich um die arbeit eines künstlerpaares, das an keinem kitschigen accessoir für seine aufnahmen spart.

im „c/o berlin“ werden zur zeit die fotografien von „pierre et gilles“ ausgestellt. die bilder der beiden, sowohl von bekannten persönlichkeiten als auch von szenen kann man nicht anders, als mit „fluffig aufgepufft“ beschreiben. es handelt sich dabei um inszenierungen der perfekten art, die anscheinend einen unglaublichen vorlauf benötigen, um die atmosphäre einer kunstwelt zu schaffen.

dabei wird weder an farben, noch an dekoration oder ausleuchtung gespart. so entstehen pathetische, dramatische und erotische fotografien, die mancher als „kitsch“ bezeichnen könnte. doch sie sind schon so überzeichnet, dass man eher von fotografischen gemälden, denn von dokumentierenden fotografien sprechen sollte. auch diese ausstellung bietet viel stoff, um die eigene fantasie für das eigene schreiben anregen zu lassen. mehr informationen finden sich hier: http://www.co-berlin.info/co-neu/web/Aktuell/start.php .

schreibaufgabe (19) – ein ergebnis

romanze

schon der morgen verhieß einen glücklichen tag. sonnenstrahlen kitzelten saskia wach als sie hell und frisch durch das dachfenster auf ihr himmelbett fielen. beim augenaufschlagen bemerkte sie, dass es ein wunderschöner morgen mit blauem himmel und vogelgezwitscher war. der anfang eines tages war für saskia immer ein zeichen für die folgenden wachen stunden. was soll heute noch schief gehen, dachte sie, als sie sich unter der federleichten decke räkelte. ihr kater mohrli schnurrte neben ihr im bett liegend und spielte zwischendurch mit den staubflusen im sonnenstrahl.

saskia ließ sich, nachdem sie das bett mit einem fröhlichen seufzer verlassen hatte, ein bad mit ihren lieblingsessenzen aus vanille und orange ein. als sie in der wanne lag, wanderte ihre blick über die hügelige landschaft, die sich vor dem badezimmerfenster ausbreitete wie dahingeworfener grüner stoff. ein paar nebelschwaden schwebten über den kleinen tälern, die den grünen faltenwurf durchkreuzten. und saskias gedanken schwebten ebenso schwerelos zu sabine, der raumpflegerin, die um zehn uhr klingeln wird, wie jeden donnerstag. heute ist der tag, der alles verändern wird, dachte saskia, heute muss es sein.

seit fünf jahren arbeitete sabine für saskia. sie putzte einmal die woche für fünf stunden. dabei lernten sich die beiden frauen immer näher kennen und fühlten sich wohl in der nähe der anderen. durch das aufräumen und reinigen kam sabine dem leben ihrer auftragsgeberin auf die spur. und was sie sah, gefiel ihr. saskia war eine selbstbewusste, hübsche frau, die für jeden ein freundliches wort übrig hatte. und als sie sie vor drei wochen fragte, ob sie sich heute treffen sollten, schlug sabines einen takt schneller als sonst. sie hätte nie gedacht, dass saskia sie jemals fragen würde, ob sie sich außerhalb der üblichen zeiten treffen sollten. ja, es war ein donnerstag, wie jede woche, aber es war ein besonderer donnerstag.

saskia hatte inzwischen ihren grauen hosenanzug von gaultier angezogen, der ihr besonders gut stand und immer nur an außergewöhnlichen tagen von ihr getragen wurde. sie inspizierte noch einmal die küche und das esszimmer, ob alles an seinem platz war, damit es ein tag werden konnte, wie sie ihn schon lang nicht mehr erlebt hatte. in angenehmer gesellschaft es sich gut gehen lassen, das gab es nicht oft in saskias leben, war sie doch als professorin ständig am arbeiten und auf reisen. noch ein blick in den kühlschrank, ob der champagner auch die richtige kühle angenommen hatte. perfekt, sabine konnte kommen.

kaum hatte sie den gedanken zu ende gedacht, klingelte es auch schon. saskia wurde plötzlich ganz nervös. ob es richtig war, mit ihrer reinigungskraft den heutigen tag zu verbringen? was spricht dagegen, dachte sie, du hast keine berührungsängste. sie schritt zur tür und öffnete. als sie die fröhlichen augen von sabine erblickte, verschwanden alle zweifel, die sie vorher geplagt hatten. sie nahm sabine in den arm und sagte: „frohe weihnachten zu dem fest der liebe!“

(christof)

schreibaufgabe (19)

egal ob telenovela, groschenromane oder holly- und bollywood filme der feinsten machart, es ist eine kunst, perfekten kitsch zu verfassen. schreibaufgabe ist es, einen text zu verfassen unter dem motto „kitsch as kitsch can„. es darf in den schmalztopf gegriffen werden, es dürfen herzzerreissend tränen fließen, es kann gefühlig und romantisch werden, bis man die klebrige süße nicht mehr von den fingern bekommt. es kann geschwärmt, gebebt und geliebt werden auf teufel komm raus. und es gibt keine vorgabe der länge oder textsorte. es dürfen also auch anbetungsgedichte und idyllische landschaftbeschreibungen der geschönten natürlichkeit verfasst werden und selbst bambi darf fröhlich über die blütenübersäte wiese vergnügt tollen.

ich freue mich auf qualitativ hochwertigen kitsch, der jedes plastikblumengesteck in den schatten stellt.