Schlagwort-Archive: kommentar

schreibidee (384)

manches taschenbuch umfasst textlich ungefähr 160 seiten und bietet einen großen lesegenuss. manche überregionale tageszeitung kommt täglich beinahe auf ähnliche textmengen und kann nie vollständig durchgelesen sondern nur selektiv wahrgenommen werden. da befindet sich jeden morgen ein neues taschenbuch im briefkasten. was für ein ausmaß an information. aber auch ein großes ausmaß an anregungen. darum eine schreibanregung zu „tageszeitungstexten“.

die vorgehensweise in der schreibgruppe wird dieses mal umgekehrt: nicht die gruppenleitung entwickelt im vorfeld die jeweiligen schreibanregungen, sondern die teilnehmerInnen gestalten ihre schreibideen selber. grundlage dafür ist die ausgabe einer überregionalen tageszeitung. alle teilnehmerInnen bekommen ein aktuelles exemplar der zeitung. dann werden sie eingeladen, die zeitung durchzugehen und sich zu überlegen, welche schreibanregungen man aus der vorliegenden zeitung entwicklen kann.

nach einer gewissen zeit stellen die schreibgruppenteilnehmerInnen ihre schreibideen vor. nun werden die ideen gesammelt, kurz diskutiert oder noch ein wenig verändert und erweitert, wenn sie sich ähneln, um im anschluss abzustimmen, welche idee man in der gruppe umsetzen möchte. wenn die texte geschrieben und vorgelesen sind, dann gibt es dieses mal eine feedbackrunde nicht zum entstandenen text sondern zur schreibidee: wie gut hat sie funktioniert, was könnte man noch anders machen und in welchen zusammenhängen lässt sie sich anwenden? im laufe des gruppentreffens entsteht so eine kleine sammlung von schreibanregungen, die auch bei weiteren schreibgruppentreffen noch umgesetzt werden können.

sollte es den teilnehmerInnen erst einmal schwer fallen, eigene schreibanregungen zu entwickeln (obwohl dies selten der fall ist), kann die schreibgruppenleitung ein paar anregungen geben: man kann den eigenen alltag in eine zeitungsmeldung verwandeln (oder nur in artikelüberschriften). man kann die geschichte hinter kurzmeldungen schreiben. man kann die todesanzeigen nutzen, um ein leben aufzuzeichnen. man kann seine zukunft in eine wettervorhersage packen. man kann aufgrund einer bekanntschaftsanzeige die folgenden kontakte in geschichten packen. man kann berufe erfinden und dafür stellenanzeigen formulieren. man kann einen kommentar über ein alltägliches ereignis verfassen. man kann eine textbesprechung für die zeitung zu einem eben geschriebenen text verfassen. man kann ausgehend von einer buchbesprechung, den anfang des buches selbst schreiben. man kann diverse collagetechniken anwenden. man kann absurde leserbriefe verfassen. man kann börsennachrichten zum eigenen geldbeutel verfassen … oder man erstellt eine ganz eigene zeitung für den morgigen tag und versendet sie an freunde und bekannte. eine ausgabe, in die gleich die schreibanregungen integriert sind.

wund-starr-krampf (08)

herr gottlieb und seine tagesthemen-kommentare

es gibt wahrscheinlich keinen kommentator, keine kommentatorin bei den tagesthemen der ard, der oder die so vorhersehbar sind, wie herr gottlieb vom bayerischen rundfunk. und es gibt wahrscheinlich keinen kommentator und keine kommentatorin, die so oft kommentieren.

generell ist die idee einer kommentar-ecke eine schöne einrichtung, denn die politischen ereignisse in geballter form einer ausführlichen nachrichtensendung bedürfen manchmal einer anmerkung. und wie es auch auf der kommentar-seite einer zeitung der fall ist, gibt es kommentare, die etwas langweilen, da sie keine klare meinung transportieren, oder es gibt kommentare, die konträr zur eigenen meinung liegen und eine reibungsfläche bieten. und natürlich, wie es auch bei kommentaren zu politischen ereignissen notwendig ist, schimmert die politische haltung der kommentierenden durch.

so weit, so gut. aber wie das mit bayern so ist, kennt man sich da. soll heißen, der bayerische rundfunk ist bekannt für seine nähe zur csu und geht gern sonderwege, wenn es sich um das einnehmen einer meinung handelt. so schaffte es der bayerische rundfunk noch in den 80er jahren sich aus dem verbundprogramm der ard auszuklinken, wenn inhalte missfielen. das ist heute nicht mehr so. und ja, auch der bayerische rundfunkt ist kritischer geworden, tritt vielfältiger und differenzierter auf.

nur herr gottlieb scheint damit noch seine schwierigkeiten zu haben. da gibt es themen, die man aus konservativer sicht kritisieren muss. doch leider nimmt die csu eine gegenteilige haltung ein. schönes beispiel dafür ist das vorgehen um den fiskalpakt und die rettungsmaßnahmen, also auch der gang zum bundesverfassungsgericht. als regierungspartei muss die csu für die eu-beschlüsse sein, doch als konservativer mensch möchte man sich der eu nicht zu sehr angliedern. da gerät herr gottlieb in die bredouille. er möchte die finanzielle unterstützung für die schlecht wirtschaftenden länder kritisieren, aber der csu nicht auf die füsse treten.

dies sind die amüsantesten kommentare der tagethemen. jedesmal sitze ich da und denke – „kriegt er die kurve noch?“. schafft es herr gottlieb wieder, die krititker zu kritisieren, um der csu mit seinem kommentar nicht zu nahe zu treten. und irgendwie schafft er es immer wieder. rhetorisch manchmal ein meisterstück, zum beispiel nur den teil der kritikerInnen herauszugreifen und zu belehren, der zwar das gleiche wie die konservative welt sagt, aber aus dem falschen politischen kontext kommt. bei herrn gottlieb wird man es nie erleben, dass die csu wirklich kritisiert wird.

aber neben dem amüsement ist es doch ärgerlich, dass die landespolitisch angebundenen kommentare so oft das angebot der ard besetzen. hier wäre mehr vielfalt wünschenswert. aber irgendwo konnte man einmal lesen, dass die restlichen sendeanstalten gar nicht so scharf darauf sind, zu kommentieren. also ich würde mich gern da hinsetzen und einen kommentar zur bayerischen gschafftelhuberei sprechen. kommentare sollen ja nicht neutral sein, sondern die persönliche meinung wiederspiegeln 😉

web 2.0 und haltung

das web 2.0 lädt dazu ein, eine haltung einzunehmen: „gefällt mir“-buttons, bewertungssternchen oder ranglisten zu hauf. dies sind abkürzungen einer haltung, denn die eigentliche begründung fehlt bei diesen schnell-bewertungen. umstritten bleibt diese vorgehensweise, da sie zum einen inzwischen professionell genutzt wird und menschen beauftragt positive statements zu produkten abzugeben. amazon schwächt dies dadurch ab, dass rezensionen eingestellt werden können und wiederum leserInnen bewerten können, ob sie die rezensionen hilfreich fanden oder nicht.

und auf der anderen seite hängen von den bewertungen inzwischen das wohl und wehe ganzer industriezweige ab. die schnellbewertungen fördern das konkurrenzdenken und feuern manchmal gerüchteküchen an. darum gibt es auf vielen seiten eine zusätzliche komponente: die kommentarfunktion. es können gründe für bewertungen abgegeben werden. leider werden aber die kommentarfunktionen oft genug für spam oder für spass-bewertungen genutzt. darum werden alle ernsthaften seiten inzwischen moderiert und lassen sich nicht mehr auf die freie zugänglichkeit für kommentare ein.

generell lässt sich aber sagen, befördert das web 2.0 den diskurs. denn wenn menschen sich nicht in gegenseitigen abqualifizierungen erschöpfen, dann können über kommentare oder foren meinungsbildungen stattfinden. die immer noch leichte zugänglichkeit, im gegensatz zu den früher üblichen leserbriefen, erleichtert es leserInnen eine haltung einzunehmen.

befördert wird der prozess zusätzlich dadurch, dass das internet halb-anonymität zulässt. viele sehen das als problem. doch wenn man sich genau umschaut, wird man feststellen, dass im laufe der letzten jahre immer mehr menschen eine gewisse ernsthaftigkeit bei ihren stellungnahmen an den tag legen, da sie keinen sinn darin sehe, mit Weiterlesen

nabelschau (56)

wie die demokratie sich selbst abschafft! es ist wirklich spannend, was gerade in verschiedenen ländern europas passiert. letztendlich findet ein politischer offenbarungseid statt, der unsäglicher nicht sein kann. da wird in italien eine regierung eingesetzt, die vor allen dingen betont, dass sie ohne politiker auskommt. die begründung: das regieren würde dadurch unkomplizierter.

damit einher geht aber eine gnadenlose abschaffung des diskurses. und das schlimmste, das heissen auch noch alle gut. die gewählten volksvertreterInnen begrüßen den schritt in italien. dafür kann es nur zwei gründe geben: entweder hat politik die schnauze voll, diskurse zu führen und meinungen zu vertreten, oder politik fühlt sich ohnmächtig ob der übermacht des kapitals.

das absurdeste an dieser entwicklung ist, dass jetzt (auch in griechenland) experten eingesetzt werden, die aus der branche kommen, die die ganze misere mit eingebrockt hat. so wird in italien jemand minister, der mal chef eines großen bankhauses war und in griechenland wird jemand regierungschef, der einen hohen posten bei der europäischen zentralbank hatte. es schleicht sich das gefühl ein, dass hier böcke zu gärtnern gemacht werden.

beschrieben wird diese entwicklung schon etliche jahre: regierungen werden immer mehr zu den sachwaltern des kapitalismus, letztendlich zu bankiers und spekulanten, und sie geben ihre eigentlich rolle, die vertretung der gesellschaft und die regelung des sozialen miteinanders, auf.

wie konnte das geschehen? seit ungefähr 20 jahren werden die aktuelle mehrwertschöpung und der geldverkehr, wie sie bei uns stattfinden, noch naturgegebener betrachtet als die jahre vorher. und ab diesem moment entstand der zwang, auf gedeih und verderb das system aufrecht zu erhalten. die verwunderung darüber, dass die kluft zwischen arm und reich Weiterlesen

schnickschnack (90)

das f***-wort ist inzwischen gebräuchlicher als noch vor jahrzehnten, ja es hat etwas freundliches, beinahe umgangssprachlich kuscheliges erhalten. manchen deutschen deftigen dialekten ist das nicht fremd. hier werden ausdrücke, die in anderen regionen beleidigungen darstellen, als freundschaftsbeweise und sprachliche zuneigung ausgeteilt.

ähnlich zu verstehen ist die website „fuck you very much“ aus dänemark. sie geht eine wunderbare verbindung aus diashow und gaaaanz knapper selbstdarstellung in ein paar worten ein. jeden tag kommen neue bilder und neue anmerkungen hinzu. die bilder sind fundstücke aus dem internet, die kommentare sind von zwei schreibenden verfasst.

wenn man dieses digitale bilderbuch aufschlägt, dann findet man wahrscheinlich sehr schnell ein gefallen daran, immer weiter zu blättern, sich eigene kommentare zu den bildern zu überlegen und einfach die schreibenden stück für stück kennenzulernen. wie weit die durchschimmernden haltungen der beiden veröffentlichenden nur virtuelle fantasie sind oder realität, das lässt sich nicht sagen, spielt aber auch keine rolle.

die seite ist vor allen dingen eine anregung. eine anregung zum bildersammeln, eine anregung sich selber mit ein paar worten und vielen bildern darzustellen. oder eine anregung, zu einzelnen bildern ganz eigene geschichten zu erfinden und zu schreiben. einfach mal vorbeischauen bei http://fuckyouverymuch.dk/ .

aus aktuellem anlass: Moderner Scheiss

liebe leserInnen, aus aktuellem anlass eine kleine kolumne, die im oktober 2010 veröffentlicht wurde. man beachte vor allen dingen den letzten längeren absatz (dann doch noch einmal markiert). wer heute nicht über die ereignisse in japan aus mitgefühl diskutieren möchte, hat lang sein mitgefühl mit den menschen und ihren bedenken vernachlässigt.

Ein kleiner LeseZirkel

Es muss ja mal geschrieben werden. Es gibt Dinge, die schwer zu akzeptieren sind. Je älter man wird, um so schwerer fällt es, diese Dinge zu akzeptieren. Zweifel überkommen einen, ob man sich langsam in ein konservatives Fahrwasser begibt oder ob doch vermehrt Scheisse in den Alltag Einzug hält. Ja, so drastisch darf das mal geschrieben werden. Und da die Moderne schon längst an uns vorüber gezogen ist, müsste ich eigentlich schreiben, dass es sich um post-post-modernen Scheiss handelt. Der sei hier nun aus ganz persönlicher Sicht aufgezählt:

3-D-Fernsehen. Wer braucht das? Einen Wal, der einem im Wohnzimmer entgegenspringt oder das Maschinengewehr, das einem unter die Nase gehalten wird? Würden wir die Wal nicht umbringen, könnte man sie live erleben. Würde man sich bei der Bundeswehr (demnächst eine Söldnertruppe im Kriegseinsatz) bewerben, kann man das Maschinengewehr hautnah haben. Und ginge man einmal ins Theater, wäre das 3-D-Erlebnis ganz real. (Leider ist Schlingensief verstorben, mit ihm konnte man in der Volksbühne Schauspieler hautnah erleben, die einem Nivea ins Gesicht schmierten.)

Homestories. Was interessiert es mich, was Herr Kachelmann gemacht hat, was Herr Sarrazin denkt oder wie sich Bergleute monatelang in einem Berg die Zeit totschlagen? Mich interessiert eher, warum meine Nachbarn so einen fürchterlichen Tschilp-Vogel haben, der mit dem Sonnenaufgang zu kreischen beginnt oder warum das Nettogewicht vieler Produkte abnimmt, aber der Preis gleich bleibt. Es würde mich auch noch interessieren, warum die Banken, die für sie gemachten Schulden nicht zurückzahlen, anderen aber gleich mit der Pfändung gedroht wird, wenn sie im Rückstand sind. Doch heute müssen sie alle medial aufbereitet kochen, heiraten, Häuser kaufen, sich bewerben und natürlich ihre Schulden in Griff bekommen, ganz abgesehen von der Kindererziehung. Ich will das nicht.

Filme ohne Abspann. Das Fernsehen zeigt Spielfilme. Teilweise sogar gute Spielfilme (selten vor 24.00 Uhr). Doch das Fernsehen zeigt nicht mehr, wer die Filme gemacht hat, noch welche Musik gespielt wurde. Es gibt keinen Abspann mehr. Das Nachschmecken der Filme mit passender Musik wird einfach gestrichen. Gut, bei den privaten Sendern bleibt dadurch mehr Zeit für die Werbung. Aber wieso ARD, ZDF und arte inzwischen in den Abspann quatschen müssen, ja, ihn sogar beschleunigen, wodurch die Musik dann nicht mehr hinterherkommt und irgendwann ausgeblendet wird, das kann einem niemand erklären. Anscheinend sind wir selbst in der tiefen Nacht noch so in Eile, dass wir den Film überhaupt nicht mehr wirken lassen können.

Mütter in Geländewagen vor Privatschulen. Ja, die lieben Kleinen, die Brut, sie muss geschützt werden. Dazu gehört es, dass sie nicht mehr die öffentlichen Nahverkehrsbetriebe nutzen dürfen, dass sie nicht nass werden dürfen und dass sie auch nicht mehr Fahrrad fahren können. Dazu gehört, dass die alle von Mutti an der Schule abgeholt werden müssen. Na ja, und auf eine Privatschule schicken vor allen Dingen Eltern mit Schotter ihre Kinder (Apropos Bildungsgerechtigkeit). Da der Schotter mit der Brut transportiert werden muss, braucht es einen Geländewagen. Denn der Kampf, auf den die Kleinen vorbereitet werden, beginnt vor der Haus- und der Schultür. Deswegen fährt Mutti auch alle anderen über den Haufen, die nicht zu ihr gehören. Ich glaube Darwin nannte das Selektion. Da kommt was auf uns zu, wenn die Küken groß sind.

Online-Banking und Online-Shopping. Gerade wurde wieder berichtet, dass das Online-Banking alles andere als sicher ist. Auch Kreditkarten-Daten oder persönliche Bankverbindungen werden gern mal ausspioniert, zweckentfremdet und verkauft. Doch der freie Markt versucht die Verbraucher dazu zu zwingen, diese unsicheren Wege zu beschreiten. Die Beratung bei der Bahn kostet Aufschlag, die preiswertesten Zugverbindungen erhält man nur über das Internet. Ähnlich ist es mit Last-Minute-Reisen, mit Schnäppchen beim Musikhandel oder mit dem Abwickeln der Steuer. Und sollte man doch auf persönliche Überweisungen bestehen, bekommt man keine ausgefüllten Vordrucke mehr bei den Berliner Elektrizitätsbetrieben. Man darf gefälligst die mindestens 13-stellige Kundennummer selber eintragen. Ach ja, sollte die Überweisung falsch ankommen, haftet inzwischen der Kunde. Und wie lang war noch einmal meine ganz individuelle Personenkennziffer bei der Steuer, und diese Nummer bei Auslandsüberweisungen und …

Brückentechnologien. Ja, die Betreiber würden gern ihre AKWs laufen lassen, bis sie in die Luft fliegen. Denn eigentlich ist ja alles sicher. Und eine Endlagerstätte für den ganzen Müll kann man sich ja auch später noch aussuchen. Das Zeug hält ja verdammt lange. Also eigentlich ist es gar nicht kaputtbar. Daher kommt wahrscheinlich dann auch der Ausdruck Brückentechnologie, denn Brücken müssen ebenfalls sehr stabil sein. Oder wer hat sonst den Schwachsinn ersonnen, dass wir plötzlich Atomenergie zwischen Öl und Sonne bräuchten. Wie war das noch einmal mit den Blockheizkraftwerken, dem Wind, dem Wasser, dem Biogas, den Gezeiten, der Erdwärme, der Müllverbrennung und all den anderen Dingen? Sie sind keine Brücke, sie sind nicht aus Beton!

Was soll der ganze Scheiss? Irgendwer verarscht uns hier!

schreibidee (203)

nun ging es hier die ganze zeit im blog um das neue jahr, die vorsätze, den umgang mit vorsätzen und deren sinn. es ist an der zeit, das jahr einfach beginnen zu lassen und zu schauen, was es bietet. darum widmet sich die folgend schreibanregung auch nicht mehr dem zukünftigen, sondern dem vergangenen. es sollen „nachsatz-geschichten“ geschrieben werden.

schon vom begriff her ist der einstieg zu finden: es ist von den schreibgruppenteilnehmern eine einseitiger text zu der frage zu verfassen, „wem würde ich gern nachsetzen?“ dieser text wird nicht in der runde vorgetragen, sondern verbleibt bei den autorInnen. denn es ist eine zweit seite zu der frage, „warum würde ich diesen personen gern nachsetzen?“, zu verfassen. auch dieser text wird nicht vorgetragen.

ist dieser bereich erledigt, steht der folgenden anregung nichts mehr im wege. jeweils zwei teilnehmerInnen verfassen gemeinsam einen dialog. dabei geht es darum, dass die schreibenden jeweils ihren protagonisten in dem dialog vertreten. es wird eine verbale auseinandersetzung geschrieben, das thema ist nicht vorgegeben, bei der beide nicht klein beigeben können und immer zum schon gesagten noch einmal etwas nachschieben müssen. es wird also ein dialog geschrieben, in dem beide das letzte wort haben wollen. die dialoge werden dann mit verteilten rollen vorgetragen und es wird ein feedback gegeben.

als letzte schreibanregung wird eine längere geschichte ohne vorgaben verfasst, wahlweise können auch ältere geschichten mitgebracht werden. es spielt keine rolle, worum die geschichte handelt. die autorInnen reichen diese geschichten an andere schreibgruppenteilnehmerInnen weiter. die sind nun beauftragt, nach jedem absatz im text einen nachsatz vom allwissenden autor zu verfassen. da kann die hauptperson der geschichte kritisiert werden, es kann das geschehen kommentiert werden, es kann sich über geschehenes lustig gemacht werden und vieles mehr. wichtigster aspekt, es wird dem geschehenen noch etwas angefügt, das nicht die geschichte verändert, sie aber eventuell in einem anderen licht erscheinen lässt. zum abschluss werden die geschichten mit den nachsätzen vorgetragen und ein feedback gegeben.

die schreibordnung – ein kommentar

kreatives und biografisches schreiben, ja schreiben an sich, haben etwas mit einem experiment gemeinsam. ich weiß nie vorher, wie das ergebnis aussehen wird. damit andere verstehen, was ich geschrieben habe, folgt das schreiben festen regeln. sowohl was den satzaufbau betrifft, die zeichensetzung, als auch was stil und die bedeutung der wörter angeht, ist dies bei uns in viele regeln gefasst. da gibt es die schreibregeln, die wörterbücher, den duden, thesaurus und dergleichen mehr. all das kann man beachten, muss es aber nicht.

in dem moment, in dem die kreativität die oberhand des schreibprozesses gewinnt, ist eigentlich alles erlaubt. man erinnere sich nur an die lautmalerischen gedichte von ernst jandl oder die wortschöpfungen aus der werbung. so kann es auch ein stilmittel sein, alles klein zu schreiben. abgesehen davon tippen sich durchweg kleingeschriebene texte noch einen hauch schneller. man kann es für sich benutzen, wenn man möchte. ich möchte, mochte und wollte. doch das schien einfacher als gedacht.

denn in diesem moment, wie immer wenn etwas recht ungewohnt ist (in der kunst ist dies noch verbreiteter als im alltag und dieser blog nimmt nicht für sich in anspruch, kunst zu sein), treten gern die wächterInnen der regeln und der ordnung auf den plan. das ist auch bei einem durch und durch kleingeschriebenen blog nicht anders. leserInnen haben sich beschwert, dass ihnen das lesen meiner texte schwer falle, da alles kleingeschrieben sei. nun könnte ich entscheiden, mich wieder an die groß- und kleinschreibung zu halten, um den leserInnen einen gefallen zu tun. doch ich dachte mir: die bedeutung der wörter verändert sich durch die kleinschreibung einfach nicht. nicht einmal der satzbau (manchmal ganz nett, sicherlich auch öfter gruselig) nimmt dabei schaden. also, warum nicht die regeln, regeln sein lassen?

jedem ist freigestellt, sich auf dieses sehgewohnheiten-experiment einzulassen. eigentlich war es gar kein großes von mir angelegtes experiment. doch je weiter sich die diskussion entwickelte, desto sicherer war ich mir, dass ich diese schreibweise beibehalten möchte. wenn etwas einfach gemachtes so direkte reaktionen auslöst, dann muss daran etwas regelverstossendes sein, etwas neues, ja anderes. das macht es spannend, das macht es erlebbar. die kritiken an der schreibweise stehen sind sehr viel geringer als die lobenden bemerkungen über den inhalt des blogs. dann also die inhalte hegen und pflegen, etwas in diesem rahmen entwickeln und einfach der diskussion um die richtige schreibweise nicht so viel bedeutung schenken. bis jetzt habe ich in den diskussionen und kommentaren nicht den eindruck, dass die menschen nicht verstehen, was ich schreibe. im geschäftsleben und in teilen der literatur mag eine strenge gross- und kleinschreibung ebenso sinn machen, in einem lockeren blog ohne perfektionsanspruch eher nicht.

denn wenn die kreativität ins spiel kommt, dann ist viel erlaubt.

schreibidee (108)

diese schreibidee hat einen spielerischen aspekt, der gleichzeitig den umgang mit kritik an geschriebenem trainieren kann. wenn menschen sich mit eigenem an die öffentlichkeit begeben, fällt es oft schwer, kritik einzustecken. darum soll es in der schreibanregung zu einer „kommentar-orgie“ kommen. diese orgie hat beinahe etwas dialogisches.

zum einstieg sind zwei variationen denkbar. entweder alle teilnehmerInnen der schreibgruppe werden im vorfeld aufgefordert, einen kurzen text mitzubringen, den sie erst einmal vortragen. oder es besteht die freie wahl, einen text zu verfassen, der nicht länger als zwei seten sein sollte. die texte werden auf alle fälle an andere teilnehmerInnen weitergegeben.

und nun sind alle aufgefordert, den text, der ihnen vorliegt, zu kommentieren. dazu sollen sie satz für satz vorgehen und nach jedem satz einen kommentarsatz schreiben. steht da zum beispiel: „sie zog ihren moosgrünen mantel an.“ könnte kommentiert werden: „warum nicht einen roten?“ oder „mir gefällt lindgrün besser.“. die kommentare dürfen natürlich auch gehaltvoller sein. wichtig ist nur, dass nach jedem satz ein kommentar steht. die texte werden dann an die verfasserInnen zurückgegeben.

jetzt ist es an den verfasserInnen, die kommentare durchzulesen, und dort änderungen vorzunehmen, wo sie die anmerkungen sinnvoll finden. es geht nicht darum, den text noch einmal vollständig neu zu schreiben, sondern satz für satz den kommentaren zu folgen, also eigentlich den dialog zu lesen. im vorfeld sollte man bei dieser schreibidee auf alle fälle formulieren, dass bei den kommentierungen ruhig witz und sprachspiel zum zuge kommen dürfen. es geht nicht darum, lektorIn zu spielen. es geht darum, eigentlich im nachhinein, gemeinsam einen text zu verfassen, wobei die autorInnen die oberhand behalten. am schluss werden die entstandenen texte vorgelesen.

web 2.34 – m.arschflugkörper

es gibt blogs, auf die man zufällig stößt. irgendwie bleibt man an einem kurzen hinweis hängen und schaut nach. dann kommt der blog extrem schlicht daher und man fängt an, ihn zu lesen. liest ein post, lacht, liest einen zweiten post, lacht abermals. und im laufe der zeit erfreut man sich an der sprache, den satzkonstruktionen, der weltsicht und letztendlich dem manchmal etwas grobschlächtigen aber treffenden humor. unterfüttert werden die posts und statements bei „m.arschflugkörper“ von skurrilen links zu den orten der nachrichten und meinungen, die in dem blog durch den kakao gezogen werden. also, das fazit, einfach lesenswert. zu finden ist der blog unter http://marschflugkoerper.wordpress.com .

500 nutzlose spam-kommentare sind zu entschlüsseln

es gibt jubiläen, die einen nachdenklich stimmen. „akismet“ hat mir vor einem tag gemeldet, dass inzwischen der 500te spam-kommentar abgewehrt wurde. selten ist dem filter einer durchgerutscht, das ist der schöne aspekt dieser meldung. der unangenehme besteht darin, dass es technik gibt, die keine andere aufgabe hat, als schrott zu versenden. meist wird noch nicht einmal für potenzmittel oder armbanduhren geworben. es handelt sich nur um sinnlose buchstaben- und zeichenfolgen.

aus der landwirtschaft kennt man es, dass auch eine ganze menge scheiße produziert wird. doch die kommt auf den misthaufen und kann dann zu dünger verarbeitet werden. spam-kommentare sind nutzlos. es gibt wenig dinge, die ausschließlich nutzlos sind. denn spam-kommentare legen nur noch selten netzwerke lahm oder werden gelesen. sie werden rausgefiltert und entsorgt. weshalb werden sie dann produziert? es muss doch extra rechner für die produktion geben, die jemand installiert und auf denen programme installiert werden, die sinnlose zeichenfolgen produzieren. doch was will uns jemand damit sagen?

postwurfsendungen sind ähnlich lästig, aber sie haben zumindest den zweck, dass jemand doch einmal einen blick hineinwirft und dann auf die heizdecken-ein-tages-busfahrt geht, um den schweinebraten und den ausblick auf die landschaft mitzunehmen. inzwischen hat es dieses werbe-penetranz auch schwer, da auf vielen briefkasten steht, dass man nichts dergleichen darin finden möchte. die zahl des papiermülls reduziert sich also.

doch die spam-kommentare nehmen nicht ab, zumindest nicht bei diesem blog. das verleitet mich zu der spekulation, dass sie doch einen sinn haben, der sich mir noch nicht erschlossen hat. und dann fährt es mir wie ein blitz durch die denkschale, die buchstaben- und zeichenfolgen sind gar nicht sinnlos. ich verstehe die sprache nur nicht. wir alle verstehen die sprache nicht. es sind nachrichten der außerirdischen an uns, so wie wir bespielte cds und dvds ins weltall ballern, so senden sie von ihrem server botschaften an uns. und wir stoppen die interstellare kommunikation durch filter. schickt mir bitte noch mehr spam, vielleicht entschlüssel ich irgendwann den code!!! sudoku ist ein dreck dagegen 😆

web 2.19 – arts & letters daily

einer der großen vorteile des web 2.0 ist die enge verzahnung mit suchmaschinen. dazu kommt eine sehr aktuelle berichterstattung im netz. diese vorteile werden vor allen dingen von nachrichtenredaktionen und ihnen folgenden blogs genutzt. seltener finden sich gebündelte kunst- und kulturnachrichten.

doch das web 2.0 wäre nicht das web 2.0 wenn es nicht eine extreme ausnahme gäbe. die seite „arts & letters daily“ versucht im englischsprachigen raum zu bündeln, was nur zu bündeln ist. und bietet dadurch ein gigantisches feuilleton zum nachklicken. ob es sich nun um aktuelle meldungen, einer riesigen auswahl an buchrezensionen, an kommentaren und essays handelt, man kann  beinahe alles finden. dadurch erscheint die seite erst einmal unübersichtlich, doch wenn man sich ein wenig eingelesen hat, eröffnet sich einem eine große fundgrube. eigentlich besteht die seite nur aus weiterführenden links, die kurz beschrieben werden. es wird zu den führenden zeitungen und zeitschriften, die ihre texte ins netz setzen verwiesen. dabei werden themen, wie kunst, literatur, film, architektur, philosophie und mehr bevorzugt.

daneben gibt es eine nicht enden wollende linkliste, auch zu sendern und verlagen und ein unüberschaubares archiv aus den letzten jahren. mit dieser seite kann man sich monatelang beschäftigen, wenn man sich nur noch für kultur interessiert. ansonsten lohnt immer wieder ein abstecher zum reinschnuppern unter http://www.aldaily.com .

schreibidee (31)

kreatives schreiben muss nicht automatisch zu texten über erlebnisse und begebenheiten führen. es gibt weitere möglichkeiten, das kreative schreiben einzusetzen.

dieses mal wird die schreibgruppe aufgefordert, sich einem politisch brinsanten thema zuzuwenden. man kann dabei entweder einen aktuellen gesellschaftlichen diskurs aufgreifen, oder einen bericht (schriftlich oder im fernsehen) zum anlass für das verfassen eines  politschen kommentars machen.

erst greift man die politische diskussion ein wenig auf, und führt die verschiedenen argumente ins feld. dann fordert man die teilnehmerInnen auf, eine eigene position zu dem thema einzunehmen und die eigene haltung in ein paar sätzen zu notieren. anschließend ist aus der eigenen haltung ein politischer kommentar zu verfassen, wie zum beispiel in den „tagesthemen“ gesendet wird.

um zu dem kommentar zu finden kann im vorfeld geclustert oder assoziiert werden, zumindest sollte er rhetorisch knackig sein. der kommentar darf eine festgelegte minutenanzahl nicht überschreiten und ist vor der schreibgruppe vorzutragen. dazu kann ein fernsehstudio simuliert werden, der kommentar vielleicht aufgezeichnet werden. im anschluss eines jeden politischen kommentars sollte es eine kurze feedbackrunde geben. diese soll sich nicht mit der position und den inhalten auseinandersetzen, sondern sie soll sich mit dem auftreten, der betonung und rhetorischen überzeugungskraft beschäftigen.

diese idee ist eine gute vorbereitung für das halten von vorträgen oder reden. zudem können sich die schreibgruppenteilnehmerInnen über ihre persönlichen haltungen noch ein wenig besser kennenlernen.