Schlagwort-Archive: konventionen

wissenschaftliches schreiben und schreiben

im gegensatz zum vorherigen post ist das wissenschaftliche schreiben ein ort der konventionen. kaum eine schreibform ist so klar reglementiert und standardisiert. es gibt einen beinahe weltweiten konsens für veröffentlichungen, formen des zitierens, abschlussarbeiten und dergleichen mehr. ziel des ganzen ist der (krampfhafte) versuch, wissenschaftliche erkenntnisse vergleichbar zu machen. leider leidet unter diesen konventionen meist die schreibsprache und ein großteil der wissenschaftlichen schreibe kommt unglaublich langweilig daher.

dass es auch anders geht, zeigen meist vorträge, vorlesungen oder „populärwissenschaftliche“ texte. hier darf wieder ausgeschmückt, animiert oder akzentuiert werden auf teufel komm raus. von sehr ernsten wissenschaftlern werden diese formen der äußerung abgewertet und gleichzeitig ihr gehalt in frage gestellt. wie wenn wissenschaft frei von jeder schreiblust sein müsse. so lange nicht fabuliert wird, also behauptungen aufgestellt werden, die nicht beweisbar und nachvollziehbar sind, dürfte eine entkrampfte sprache den wissenschaften eigentlich nicht schaden. (übrigens wird in den konventionellen forschungstexten teilweise versteckt unglaublich viel fabuliert, werden ganze forschungsergebnisse gefälscht.)

wer also nicht seinen status in den forschenden welten verlieren möchte, der halte sich an die konventionen. und wenn er mutig ist, dann veröffentlicht er noch nebenher ein knalliges populärwerk. doch auch dabei sei vorsicht geboten, denn zu viel aufmerksamkeit kann schnell bei anderen den oben beschriebenen reflex auslösen: zweifel an der ernsthaftigkeit des wissenschaftlichen vorgehens. es ist faszinierend, wie durch diese bewertungen eine form der Weiterlesen

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wie schreibe ich kreativ?

ich möchte gern den kommentar von regido aufgreifen und behaupten: kreativ schreibt man dann, wenn man den mut aufbringt, die beschränkungen und konventionen des schreibens, zumindest ansatzweise, zu überwinden. eine der größten hürden ist sicherlich die vorstellung, dass man sich erst dann schriftlich äußert, wenn gedanken und geschichten ausgereift sind, qualitativ hochwertige produkte sind. dabei wird unterschätzt, wie profan die meisten schriftstellerInnen ihre werke beginnen.

hier steht die vorstellung vom großen mut, der notwendig ist, um sich zu äußern, um kreativ sein zu können, um sich bewusst in beziehung zu anderen zu setzen, im widerspruch zu den kleinen schritten, die alle menschen eigentlich machen. das überschreiten von regeln und konventionen wird natürlich mit sanktionen belegt und es kann nicht von einzelnen erwartet werden, locker diese „grenzen“ zu überschreiten und alle konsequenzen in kauf zu nehmen. doch oft wird die hürde selber so hoch veranschlagt, dass es gar nicht die sanktionen sind, die bremsen, sondern die eigenen vorstellungen.

zweigleisiges vorgehen erscheint mir sinnvoll. das eine ist, sich bewusst zu machen, was mich erwartet, wenn ich anfange mit allem zu spielen, mit worten, sätzen und erlebnissen. was ist das schlimmste, das mir passieren kann, wenn ich meine ideen zu papier bringe? sollte die bedrohung zu groß erscheinen, kann ich mich strategisch verhalten. ich kann zum einen die erwartungen an mich bedienen und mich im rahmen der konventionen bewegen. gleichzeitig kann ich aber für mich, kleine schritte versuchen. das wäre sozusagen das zweite gleis. es muss nicht gleich der große schriftliche wurf sein. es genügt vielleicht schon einmal ein abc-darium, eine kurz-kurz-geschichte oder einfach „nur“ ein brief an jemand anderen.

das schöne an den kleinen schritten ist es, dass auch sie schon das gefühl vermitteln können, etwas geschaffen zu haben, aus sich und der umgebung geschöpft zu haben. es fühlt sich gut an. Weiterlesen

selbstbefragung (38) – strafe

die fragebögen zur selbstbefragung versuche ich unter rubriken zu bündeln. dieses mal geht es um „strafe„.

  • finden sie, dass auf jede untat automatisch eine strafe folgen wird? begründen sie.
  • welche strafe ist für sie nicht vorstellbar?
  • braucht es ihrer ansicht nach überhaupt strafen? erklären sie.
  • haben sie schon einmal jemanden bestraft? wie?
  • wie wurden sie bisher bestraft? zählen sie auf.
  • wie gehen sie mit erfahrener bestrafung um? können sie den versuch der durchsetzung von gerechtigkeitsmaßstäben verstehen?
  • was sollte immer ungestraft bleiben?
  • festigen strafen soziales miteinander? was denken sie darüber?
  • belohnen sie auch? begründen sie?
  • wofür haben sie eine belohnung verdient? wofür haben sie eine strafe verdient? oder haben sie nichts davon nötig?

selbstbefragung (34) – rituale

die fragebögen zur selbstbefragung versuche ich unter rubriken zu bündeln. dieses mal geht es um „rituale„.

  • welche täglichen rituale haben sie? beschreiben sie?
  • wie schwer fällt es ihnen, ihre eigenen rituale sein zu lassen? warum?
  • was halten sie von gesellschaftlichen ritualen? begründen sie ihre haltung.
  • ab wann werden für sie rituale zu einschränkenden regeln? wie gehen sie damit um?
  • haben sie schon rituale verweigert, ihnen etwas entgegen gesetzt? beschreiben sie.
  • welches ist für sie das schönste ritual? warum?
  • wenn sie ein tolles ritual erfinden könnten, wie würde das aussehen?
  • welche rituale gefallen ihnen überhaupt nicht (bei sich selber, bei anderen, in der gesellschaft)? zählen sie auf.
  • was verstehen sie überhaupt unter ritualen?
  • wie würde ihrer meinung nach die welt aussehen, wenn die menschen keine rituale entwickeln könnten? beschreiben sie.

schreibpädagogik und der spielerische umgang mit sprache

sprache dient aufgrund von regeln und konventionen dazu, dass menschen sich miteinander verständigen können. wenn jemand zu mir sagt: „das ist ein stuhl“, dann habe ich eine ungefähre vorstellung davon, was er mir gerade zeigt oder auf was er sich bezieht. und dies sogar, wenn der gegenstand, auf den er zeigt, nicht aussieht wie ein sitzmöbel. werden die regeln und konventionen der sprache beiseite gelassen und begriffe vertauscht, kann es schnell passieren, dass menschen sich nicht mehr verstehen.

das beste beispiel für konflikte, die aus sprachlichen veränderungen entstehen können, sind die generationskonflikte. wenn zum beispiel heute ein junger mensch seinen eltern von seinen tätigkeiten am computer oder im internet berichtet, kann es schnell der fall sein, dass er verständnislos angeschaut wird. ja, er muss sich erklären oder man lässt die aussagen einfach im raum stehen, doch eltern haben das gefühl, keine kontrolle mehr über die tätigkeiten ihres kindes zu haben.

darum scheint auch die diskussion über die veränderung der sprache immer so eine moralische und existentielle zu sein. angst vor kontrollverlust könnte dabei eine große rolle spielen. wiederum im gegenzug dient zum beispiel die sprache der juristen und der bürokraten dazu, eine distanz aufzubauen, die macht signalisiert. hier soll möglichst kein missverständnis aufkommen können und gleichzeitig signalisiert werden, dass es sich um normen handelt.

die schreibpädagogik bricht teilweise die sprachkonventionen auf. das macht sie angreifbar, da ihr die ernsthaftigkeit abgesprochen werden kann, bietet aber gleichzeitig die möglichkeit sich spielerisch dem wort, der sprache anzunähern. ein schönes beispiel, dass ich vor kurzem im buch „deutsch! – das handbuch für attraktive texte“ von wolf schneider gefunden habe, handelt von der suche nach einem vergleichbaren begriff für „satt“ bei der nahrungsaufnahme für die flüssigkeitsaufnahme. es gibt zwar „durstig“, aber ist der durst gestillt, gibt es keinen begriff mehr. robert gernhardt hat dafür „schmöll“ vorgeschlagen. hier wurde sprache neu erfunden, auch wenn sie sich nicht durchsetzen konnte und wir bis heute immer noch sagen „ich habe keinen durst mehr“.

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schreibpädagogik und mut zur fantasie

ob herr der ringe, harry potter oder grimms märchen, all diese geschichten strotzen vor fantasie. da können dinge sprechen, die es bis dahin nicht konnten, da haben gegenstände energien, verursachen wirkungen und folgen, die einem nicht in den sinn kämen und da tauchen wesen auf, die irgendwo eine winzige menschliche komponente haben, aber doch andere wesen sind. würde man einzelne aspekte dieser geschichten herausgreifen und in den alltag einbringen, würden einen die anderen für verrückt erklären: „mein kater hat heute mit mir gesprochen“ (der gestiefelte kater). „ich habe ein bonbon gegessen, dass eiterpickel in meinem gesicht entstehen ließ“ (ein produkt der wesleys).

doch beim mut zu fantasie geht es genau darum. gegen alle widerstände der vernunft und des anstandes etwas denken, das eigentlich nicht gedacht werden sollte. sich gedanklich in welten begeben, die unglaubwürdig sind. bekannt ist zum beispiel das schlaraffenland, das auf der vorstellung der erfüllung beinahe aller wünsche basiert. grundlage ist wahrscheinlich das paradies. und der mensch glaubt immer noch, dass er daraus verstoßen wurde. so hat er sich zu disziplinieren, auch gedanklich, um irgendwann wieder den zutritt zum paradies zu erlangen.

doch das paradies, zumindest in der vorstellung, existiert weiter im menschen. also muss man nur worte für das paradies finden, wesen, die einem schon immer begegnen sollten benennen und vielleicht eine spannende begebenheit neben der wunscherfüllung platzieren. man kann das. die gefahr besteht eigentlich nur darin, dass man das fantasierte mit der realität verwechselt und dann irgendwann wieder auf den harten boden der tatsachen knallt. gedankenflüchtlinge, tagträumerInnen, fantasten sind die bezeichnungen der welt für menschen, die sich in ihrem mut zur fantasie nicht beirren lassen.

die schreibpädagogik bietet eine grundlage, die eigene fantasie wieder aufblühen zu lassen. Weiterlesen

schreibpädagogik und die förderung der schreiblust

kinder möchten immer gern lernen, was die erwachsenen können. so eignen sie sich schon als kleinkinder die sprache ihres umfelds an, teilweise auch die redewendungen der erwachsenen. anschließend versuchen sie sich gern darin, das schreiben zu erlernen, damit sie die geschichten ihrer bilderbücher irgendwann selber lesen können. es geht auch schon bei kindern darum, mehr teilhabe an der verfügung über das eigene leben zu haben.

doch leider kommt dann oft genug die schule dazwischen, die vielen kindern, sowohl das schreiben als auch das lesen verleidet. so führen diktate, schönschreiben und vor allen dingen vorlesen, nicht selten dazu, dass jemand später in seiner freizeit kaum mehr zum stift greift, geschweige denn ein buch liest. der computer hat die situation bei manchen jugendlichen und erwachsenen verändert. sie schreiben plötzlich wieder, sei es eine sms, sei es twittern oder mails und bloggen, es wird geschrieben ohne ende.

die schreibpädagogik kann nur eines in diesem zusammenhang leisten: die lust oder den bedarf am schreiben aufgreifen und ausbauen. dabei ist vor allen dingen darauf zu achten, aus lust nicht frust zu machen. noch schwerer ist es aus frust wieder lust auf das schreiben zu verursachen. doch wie dies bewerkstelligen?

am einfachsten scheint es, die schreibregeln und -konventionen erst einmal außen vor zu lassen. dies bedeutet nicht, dass bestimmte absprachen beim schreiben vollständig unter den tisch fallen gelassen werden können, da sonst die texte nicht mehr zu verstehen sind. es bedeutet aber, erst einmal ins schreiben zu kommen, um dann die texte stück für stück im laufe der zeit zu verbessern. um diesen schritt des „ich möchte mich gern schriftlich ausdrücken können“ zu schaffen, sollten die hürden für den einstieg nicht zu hoch sein. denn jeder mensch kann schreiben (sofern er es einmal ansatzweise in seinem leben gelernt hat). der vorteil der schreibpädagogik ist es, dass im anschluss nicht benotet wird, sondern die wirkung der texte in der gruppe betrachtet werden.

also kann man schon mit kindern und jugendlichen versuchen, einen schriftlichen ausdruck für das erlebte oder fantasierte zu suchen. aber auch erwachsene brauchen erst einmal kleine erfolgserlebnisse, dass das, was sie zu papier bringen, auch in ihren augen bestand hat. Weiterlesen