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schreibidee (370)

dieses mal lasse ich all meine guten vorsätze sausen, schiebe ethische und moralische bedenken beiseite und empfehle ein schreiben, das alle vorurteile erlaubt, das jegliche spekulation einlädt, sich zu offenbaren. es darf auf teufel komm raus gedeutet und spekuliert werden. vielleicht entsteht ja ein fünkchen realität oder auch nur der spaß am schubladen entwerfen und füllen. darum eine schreibanregung zu „deut-lichen ge-schicht-en“.

man nehme als erstes ein gedicht von paul celan. die garantie, sperriges, metaphorisches und teils unergründliches zu lesen, ist gegeben. somit ist den gruppenteilnehmerInnen viel spielraum gegeben, sich im deuten auszuprobieren. zu dem gedicht werden jeweils zwei kurze deutungen geschrieben: zum einen eine deutung des gedichts (maximal zwei seiten), zum anderen eine deutung des autors (maximal zwei seiten). also: was meint das gedicht? wie der autor so? – so schlicht lässt sich die übung fassen. anschließend werden die ergebnisse nacheinander vorgetragen und zum abschluss über die verschiedenen deutungen diskutiert.

kennt sich die schreibgruppe gut und sind alle damit einverstanden, können gegenseitig texte zur deutung zur verfügung gestellt werden. sollte man lieber vorsicht walten lassen, empfiehlt es sich, dass die schreibgruppenleitung einen kürzeren literarischen text auswählt, den autor und die autorin vorstellt und alle schreibgruppenteilnehmerInnen dazu auffordert, anhand des textes ausführliche deutungen über die intention des autors, der autorin zu formulieren (etwas, das in einem sinnvollen text-feedback eigentlich nichts verloren hat). es dürfen rückschlüsse auf die person gezogen werden. die deutungen werden vorgelesen, es findet keine feedbackrunde statt. die aufgabe kann noch um deutungen von fotografien, gemälden oder skulpturen erweitert werden.

zum abschluss wird eine längere geschichte oder ein dialog geschrieben, in denen die deutung einer anderen person ein wichtiger bestandteil ist. wie dies umgesetzt wird, bleibt den schreibenden überlassen. es können sich zum beispiel die autorInnen in den text einschalten, es können therapeutische sitzungen nachvollzogen werden, es kann ein psychogramm erstellt werden oder es können beziehungskonflikte, die oft in deutungen münden, notiert werden. der spielraum ist groß – er darf ausgeschöpft werden. anschließend werden die texte vorgetragen und es findet eine ausführliche feedbackrunde statt (möglichst ohne deutungen).

schreibidee (202)

ich möchte noch einmal die verschiedenen sichtweisen auf eine szene, eine geschichte oder eine situation aufgreifen. diese schreibanregung ist nur eine von unendlich vielen möglichkeiten, „blickwinkel-texte“ zu verfassen. dieses mal sind die vorgaben durch die schreibgruppenleitung relativ strikt, da alle teilnehmerInnen der schreibgruppe den gleichen blickwinkel einnehmen sollen. spannend bleibt, was alle jeweils sehen und wie sie das gesehene beschreiben.

als einstieg bekommen die schreibgruppenteilnehmerInnen einen alltagsgegenstand in die hand gedrückt oder er wird auf einen zentralen platz gestellt. das kann eine kaffeemaschine, ein voller joghurtbecher oder ein stempel sein. dieser gegenstand ist nun auf jeweils einer viertel seite von oben, unten, rechts und links zu beschreiben. die schreibenden nehmen jeweils den blickwinkel ein und beschreiben den gegenstand. die kurzen betrachtungen werden in der schreibgruppe vorgelesen, aber es wird kein feedback gegeben.

der nächste schritt ist recht aufwendig, kann aber eventuell vor dem gruppentreffen vorbereitet werden. man sollte eine sehr kurze geschichte mit mehreren protagonisten finden. diese geschichte wird vorher von allen gelesen. nun sollen auf maximal zwei seiten für jeden protagonisten die beobachtungen und gedanken, die gemacht werden, aufgeschrieben werden. da es den zeitlichen rahmen der schreibgruppe sprengt, greift man einen protagonisten heraus und lässt mehrer teilnehmerInnen ihre texe vorlesen, für den nächsten protagonisten machen dies dann andere teilnehmerInnen der schreibgruppe. so bekommen alle einen einblick in die vielfalt der betrachtungen.

zum schluss nimmt man noch einen gegenstand, der in der geschichte auftaucht, und lässt ihn aus seiner sicht die ereignisse erzählen. auch dieser gegenstand wird vorgegeben und dient allen als beobachter. die geschichten werden in der schreibgruppe vorgelesen und beim feedback wird darauf geachtet, welcher charakter dem gegenstand von den schreibenden zugeschrieben wurde.

alternativ kann auch ein tier genommen werden und man beschreibt die situation, wie das tier sie wohl sieht. dabei geht es dieses mal aber nicht um eine „vermenschlichtes tier, das sich gedanken macht. man versucht sich eher zum beispiel in die stubenfliege zu versetzen, die mit ihrem insektenauge ein ganz anderes bild der situation empfängt. um dies zu illustrieren kann man in wissenschaftlichen zeitschriften suchen, die den blickwinkel von tieraugen beschreiben. dieser wird auf die jeweilige geschichte angewandt.