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wortklauberei (43)

„internationaler tag des kusses“

die welt hat vor etlichen jahrzehnten die aktionstage entdeckt. diese aktionstage können auf nationaler, auf europäischer ebene oder auf internationaler ausgerufen werden. sie sollen botschaften, gedenken oder produkte thematisieren und ins gedächtnis rufen. so ist heute der „internationale tag des kusses„. das wirft einige fragen auf.

beginne ich doch mal bei den ganz praktischen dingen: um welchen kuss handelt es sich, der ins gedächtnis gerufen werden soll? der zungenkuss, der lippenkuss, der bruderkuss oder der todeskuss? vielleicht sind ja alle gemeint und das küssen an sich. ein weites feld, das eigentlich täglich, stündlich und sekündlich beschmatzt wird. besteht etwa die gefahr, dass der mensch das küssen vergisst, es verlernt? auf den ersten blick macht dies nicht den eindruck. eher das gegenteil scheint der fall zu sein: bussi hier und bussi da wird an allen ecken ausgetauscht, auch wenn die menschen, denen man begegnet nicht unbedingt eine freundschaft mit einem verbindet.

vielleicht soll die wichtigkeit des eigentlichen, echten, nicht lapidar dahingedrückten kusses hervorgehoben werden. das wäre zumindest einmal eine sinnvolle perspektive. den öffentlichen, aufdringlichen und grenzüberschreitenden begrüßungskuss wieder in den hintergrund drängen, um sich auf das wesentliche zu konzentrieren, den austausch von körpersäften wie speichel. soll ja auch einen positiven effekt neben dem kalorienverbrauch haben, er dient der stabilisierung des immunsystems.

laut „wikipedia“ ist die idee vor ungefähr zwanzig jahren in großbritannien entstanden Weiterlesen

was zwei sich küssende männer heute noch auslösen können – irgendwie eine nabelschau

eigentlich freut es einen kleinen blogger, wenn er mit dem magazin der süddeutschen zeitung verlinkt wird. wäre der anlass nicht so traurig. das sz-magazin brachte vor zwei wochen in seiner geschichte das erste mal ein titelbild mit zwei sich küssenden älteren männern. im heft gab es ein interview mit den beiden seit 40 jahren zusammenlebenden schwulen. anscheinend waren die reaktionen von teilen der leserschaft so intolerant, dass das magazin manche dieser äußerungen auf seiner homepage zitiert und im gleichen atemzug positive reaktionen veröffentlicht, darunter auch diesen blog.

auch wenn es nur ein paar zitierte intolerante reaktionen sind, sie zeigen, wie es auch heute noch vielen homosexuellen und vor allen dingen schwulen geht. mal wieder diese aussage, es sei „eklig“ zwei männer zu sehen, die sich küssen. psychologisch betrachtet hat „ekel“ viel mit angst zu tun, nur wovor? davor, dass sich zwei menschen lieben? sehen wir lieber bilder, wie sich zwei menschen gegenseitig umbringen, übrigens auch oft männer? erst einmal ist doch ein mensch ein mensch und nur ein mensch. und der eine ist nicht mehr oder weniger wert als der andere. ein leser bemerkt sogar noch (stolz?), dass dies seit 37 jahren sein erster leserbrief sei. was lösen nur zwei sich küssende männer für tiefgreifende reaktionen aus?

die andere, auch oft gehörte reaktion zum beispiel bei schulaufklärungsveranstaltungen, lautet: muss man das denn auch noch zeigen? es würden ja schon so viele homosexuelle gezeigt. ja, man muss es so lange zeigen bis es nichts besonderes mehr ist. denn homosexualität kommt in den besten familien vor, ist eine lebensäußerung von menschen und muss sich nicht verstecken (obwohl viele lesbische und schwulen paare dies auf der straße immer noch tun). darum ist es dem sz-magazin auch hoch anzurechnen, dass es dieses titelbild druckte. denn die reaktionen sind ähnlich, wie in den 80ern, als der film „die konsequenz“ ausgestrahlt wurde, oder als in den 90ern in der „lindenstraße“ der erste kuss zwischen zwei männern gezeigt wurde. man kann ganze bücher mit den empörten reaktionen füllen.

jetzt fehlt nur noch ein „homosexuellen“-heft, nachdem das magazin schon regelmäßig „männer“- und „frauen“-hefte veröffentlicht. doch eigentlich sind wir ja männer, also mal ein schwules männer-heft. die macher können sich sicher sein, ihre telefone werden nicht mehr stillstehen. und es werden sich hauptsächlich empörte männer melden.
zu finden sind die reaktionen zum sz-magazin hier: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/29546 und das post in diesem blog ist hier: https://schreibschrift.wordpress.com/2009/05/23/biografisches-schreiben-und-diskriminierung-2/  .