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womit verhindert man kreativität?

ganz einfach: man geht davon aus, keine zu besitzen, nicht kreativ sein zu können. aber, wie kommt ein mensch zu dieser auffassung. es gibt da wahrscheinlich zwei gegensätzliche wirkmechanismen.

der erste und sicherlich bekanntere ist eine übertriebene ernsthaftigkeit. das fängt mich der kleinigkeit an, dass eltern meinen ihr kind müsse so aufgeklärt und gelehrt sein, dass es sich nicht in fantasien und ideen verstricken kann. dies sind die kinder, die schon wie kleine erwachsene wirken. dabei greifen eltern den wunsch der kinder auf, wie ihre eltern zu sein und überhäufen sie mit wissen und verantwortung. diese ernsthaftigkeit zieht sich weiter durch das leben der menschen: es wird nicht mehr gespielt, es wird gelernt. es wirkt jeder emotionale ausdruck, jeder kontrollverlust sehr bedrohlich. es wird vermittelt, dass jede anstrengung, jede leistung noch nicht genug ist, sondern noch besser sein könne.
dieses wirkungen der umwelt lösen bei den menschen meist aus, dass sie sich nicht genug anstrengen, dass sie das noch besser machen können. in solchen momenten besteht kein „spielraum“ für kreatives, würde es doch vermitteln, dass man aus sich etwas schöpft, das genügt. aber es genügt eben nicht. dieses geringe selbstwertgefühl passt wunderbar zu einem grenzenlosen leistungsprinzip. die entdeckung des kreativen wäre widerstand gegen die gelernten strukturen.

doch es gibt noch eine andere möglichkeit, kreative bestrebungen von anfang an zu ersticken. es handelt sich bei der zweiten vorgehensweise beinahe um das gegenteil der eben geschilderten. kritiklose begeisterung bei allem was kinder machen, machen die kleinen eher zu tyrannen, denn zu kreativen. lernen und entwicklung gehen einher mit einschränkungen und begrenzungen. in einer grenzenlosen umwelt, die mir alles ermöglicht und jede meiner äußerungen bejaht, muss ich keine kraft entwickeln etwas zu überwinden. mein dasein scheint einzig richtig zu sein. doch erst grenzen lassen mich alternativen denken, veranlassen mich nach kreativen auswegmöglichkeiten zu suchen.
nun bedeutet dies aber nicht, dass erst die richtige härte, strenge und einschränkung in meiner entwicklung zu kreativen ausdrücken führt. Weiterlesen

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biografisches schreiben und leistungsprinzip

menschen finden sich im laufe ihres lebens meist an einem punkt wieder, an dem sie sich fragen, für wen sie eigentlich die ganzen mühen auf sich nehmen. dieser gedanke kann sich in verschiedenen momenten bemerkbar machen. zum beispiel, wenn für die eigene leistung keine anerkennung von außen gegeben wird, wenn man sein leben lang geschuftet hat und am schluss kaum rente übrig bleibt, wenn die kinder aus dem haus sind und signalisieren, dass sie ihr elternhaus nicht sehr schätzen oder wenn der körper bei all dem stress nicht mehr mitmacht.

diese krisenhafte überlegung hat meist einen längeren vorlauf und basiert auf der vorgabe, sich in einer leistungsgesellschaft zu befinden. der gegenentwurf ist im „aussteigen“ zu finden, in brüchen, die zu radikalem umdenken geführt haben und plötzlich das genießen der „früchte der arbeit“ erlauben.

beim aufschlüsseln der eigenen lebensgeschichte und ihrer konzepte lohnt es sich, einmal einen blick darauf zu werfen, wieweit man ein leistungsprinzip umgesetzt hat und diesem gefolgt ist. dazu kann man eine leistungskurve entlang des lebensalters für das eigene leben aufzeichnen. zum beispiel lassen sich in dieser kurve die zeitpunkte verzeichnen, an denen man überdurchschnittlich leistungsbereit war und die punkte, die einen obige frage nach dem sinn des ganzen stellen ließen. zudem wären noch die momente zu verzeichnen, an denen man sich den leistungsanforderungen entzogen hat oder ihnen entzogen wurde (z.b. durch krankheit).

wenn man nun seine eigene leistungsbilanz betrachtet, dann könnte man im anschluss ein resümee in form des freewriting verfassen. auf welcher seite der waagschale möchte man sich befinden. auf der seite der beständigen steigerung des eigenen potentials oder auf der seite des durchatmens und innehaltens? wieweit wurde man von dem wunsch nach anerkennung angetrieben, immer mehr leistung zu bringen? und hat man die anerkennung bekommen, die man sich immer erwünschte? dieses resümee kann viele hinweise auf die entwicklung der eigenen biografie geben und vielleicht das biografische schreiben mit persönlichen einsichten unterfüttern.

schule und das leistungsprinzip

seit den pisa-studien versucht das land in den bildungsinstitutionen ein leistungsprinzip zu verankern, das jegliche pädagogischen anstrengungen lernen könne spaß machen. wer in berlin mitbekommt, wie lang inzwischen schülerInnen am tag in die schule gehen müssen  und wieviel hausaufgaben sie dann noch bekommen, fragt sich, ob sie überhaupt noch spielen und freizeit haben. es spricht nichts gegen ganztagsschulen, nur müssen sie durch die bank auf eine bestimmte form des lernens ausgerichtet sein?

ähnlich konkurrierend geht es in den anschleißenden aus- und fortbildungen und in den universitäten weiter. „elite“ und „exzellenz“ sind die stichworte, die im laufe der zeit begriffe wie „leben“ und „kreativität“ an den rand drängen. der junge mensch hat leistung zu bringen, damit er akzeptiert wird. schaut man sich die eltern der jungen menschen an, dann sorgen sie sich um die zukunft ihrer kinder und tun alles, damit die lieben kleinen dem leistungsprinzip folgen können. bietet die staatliche schule zu wenig, geht es an die private oder man unterrichtet gleich zuhause. selten geschieht das noch unter dem gesichtspunkt, welche bedürfnisse die kinder haben, sondern unter dem label, hauptsache sie haben bestand in der konkurrenz.

werbung ist immer ein ausdruck gesellschaftlicher verhältnisse. so verwundert es nicht, dass die buchhandlung „hugendubel“ eine werbebroschüre unter dem titel „fit für die schule – die besten lernhilfen“ verbreitet. ein blick in das heftchen konfrontiert einen mit seitenüberschriften, die einen frieren lassen ob der pädagogischen zumutungen, die anscheinend werbewirksam sind. so lauten die werbebotschaften:

„aller anfang ist leicht!“

„lesen macht schule!“

„übung macht den meister!“

„eine klasse für sich!“

„wissen macht stark!“

„gut getestet ist halb bestanden!“

„fitness für den kopf!“

„ein kurztest für jeden tag!“

„alleskönner für jeden fall!“

„wer´s versteht, lernt leichter!“

„vokabeln und mehr!“

„ein fach, eine klasse, ein band!“

„direkt zum erfolg!“

„können, was kommt!“

„auf alles vorbereitet!“

noch fragen? man beachte die ausrufezeichen. die welt kann so einfach sein, wenn man den anforderungen nur widerstandsfrei folgt 😯