Schlagwort-Archive: literarisches schreiben

wie man den spass am schreiben abgewöhnt (10)

absurder anspruch

selten wird der anspruch an die schreibenden offen gezeigt oder ausgesprochen. es handelt sich dabei eher um ein unterschwelliges gären, das sich bei den schreibenden verfestigt. im gegensatz zur angloamerikanischen welt, ist europa und insbesondere deutschland den gedanken von der elite, der exzellenz und dem genie verhaftet. kreatives, literarisches und wissenschaftliches schreiben werden nicht in die kategorie „erlernbar“ angesiedelt, sondern unter begabung und talent.

das senkt das engagement des vermittelns von unbeschwertem schreiben und erhöht die frustration bei den schreibenden. denn die urteile, ob etwas gelungen oder nicht gelungen ist, werden auch auch von den schreibenden unter „ich kann einfach nicht schreiben“ abgelegt. dieser entscheidung wird auch nicht gegen gesteuert. eigentlich wäre hier eine ähnliche aussage, wie beuys sie für die kunst mit dem satz „jeder ist ein künstler“ getroffen hat, notwendig: jede/r kann schreiben.

nun kommen aber beinahe alle menschen irgendwann in die situation, dass sie eine schriftliche arbeit, eine ausarbeitung oder einen vortrag abliefern müssen. im hintergrund formulieren viele für sich: das muss jetzt der außergewöhnlich wurf werden, damit ich auch die entsprechenden bewertungen erhalte. und in dieser haltung nähern sie sich dem schreiben. der anspruch an sich selbst ist nicht mehr abwertung (ich kann nicht schreiben), sondern hohe erwartung (ich muss etwas perfektes schreiben).

es wird aus den augen verloren, dass alle einmal klein angefangen haben. es wird ebenso aus den augen verloren, dass man erst einmal einfach drauflos schreiben kann, um alles später zu überarbeiten. schon der erste satz muss unter diesem absurden anspruch der perfekte satz werden. die belastung des anspruchs an sich selbst (der eben noch nicht einmal von außen formuliert wird) führt viele menschen in eine schreibkrise. qual an jedem satz von anfang an zu feilen, bis er perfekt sitzt, verleidet jeden weiteren schreibversuch oder überhaupt eine unverkrampftes schreiben.

das „creative writing“ oder auch die lockeren abwandlungen des wissenschaftlichen schreibens in der angloamerikanischen welt befördern eben kein niedriges niveau, sondern eine gelassenere herangehensweise. wenn ich weiß, dass es einen stete entwicklung meines schreibens geben kann, und wenn ich weiß, dass ich mich dem schreiben auch spielerisch und interessengeleitet nähern kann, dann senkt sich die schwelle des eigenen anspruchs enorm. und dies bedeutet nicht, dass man in der niveaulosigkeit verharrt, sondern es bedeutet, dass man mehr energie und arbeit in das überarbeiten steckt, dass man stück für stück an einen text herangeht.

aber viel leichter in diesem zusammenhang fällt der einstieg in das verfassen der texte. und diese leichtigkeit ermöglicht viel kreativere, intuitivere und außergewöhnlichere gedanken. hier wird eigentlich erst der raum für kreatives, literarisches oder wissenschaftliches schreiben gegeben. feststellen kann man dies als leserInnen: angloamerikanische fachtexte strahlen oft eine viel entspanntere Weiterlesen

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kritische bemerkungen zum „neuen kreativen schreiben“ nach stephan porombka (2)

nach den betrachtungen zum artikel (siehe https://schreibschrift.wordpress.com/2012/02/20/das-„neue-kreative-schreiben-ein-lese-und-diskussionstipp/) von stephan porombka vor zwei wochen (siehe https://schreibschrift.wordpress.com/2012/02/23/kritische-bemerkungen-zum-„neuen-kreativen-schreiben-nach-stephan-porombka-1/), möchte ich noch einmal bezug auf seine vorstellung der professionalisierung des kreativen schreibens. denn porombka schreibt: „das ob (ob man literarisches schreiben lernen kann – anm. des autors) ist also längst geklärt. experimentiert wird mit dem wie, mit dem auch immer die frage beginnt, wie man literarisches lernen in einem kulturellen kontext lehren und lernen kann, in dem auch die kreativität nicht mehr das ist, was sie einmal war.

nachdem ich im letzten statement geklärt habe, dass es keine „andere“ kreativität gibt, dass sie nur eine neue bedeutung übergestülpt bekommt, stellt sich die frage, ob die vorgehensweisen des lehrens und lernens neues transportieren. liest man sich „das konzept des neuen kreativen schreibens“ durch, zeigt sich sehr schnell, dass die vorgeschlagenen schreib- und assoziationstechniken schon lang existieren. auch die vorstellung, dass literarisches schreiben arbeit sei und nicht die abbildungen eines genialen geistes oder ein lockeres hobby in volkhochschulen sein kann, hat schon längst die welt des „alten“ kreativen schreibens erreicht (und war meiner ansicht nach auch nie anders intendiert).

das „alte“ kreative schreiben eröffnete nur die neue möglichkeit nach der heroisierung des schriftstellerInnentums, dass jeder mensch die berufswahl „schriftstellerIn“ wählen kann, da jeder mensch zugang zur kreativität finden kann. dies entschärfte das gefälle zwischen intellektuellem bildungsbürgerlichen habitus und der „normalbevölkerung“ – war also eine form der emanzipation des schreibens. die moderenen kulturtechniken taten ein übriges. heute kann jeder den weg in die weltöffentlichkeit mit kreativem suchen und finden. seien es die sängerInnen die über youtube die professionelle musikwelt beschritten, die bloggerInnen, die auf dem buchmarkt landeten oder die layouterInnen und grafikdesignerInnen, die von zuhause an ihrem computer ein neues berufsbild kreierten.

diese schritte benötigten aber keine distanzierung von den „alten“ professionen – grafikdesign, gesang und schreiben funktionieren auch am computer genauso wie vorher. es eröffnen sich nur zusätzliche möglichkeiten: texte können leichter überarbeitet werden, die recherche muss nicht immer vor ort stattfinden, der textaufbau mit hilfe einzelner bausteine lässt sich am computer leichter verwirklichen. aber die kreativität in ihrer ausformung als mix aus erfahrenem, gesehenem und ausdrücklichem, ja neu kombiniertem hat sich nicht geändert. also gibt es auch kein „neues“ kreatives schreiben, es mag sich nur der schwerpunkt verlagern, welche form des geschriebenen, der literatur gerade angesagt ist. das ist aber nichts anderes als eine mode, die man aufgreifen kann oder auch nicht.

und so, wie es bei moden immer der fall ist, gibt es längst eine gegenbewegung – der „emo“ (freund des emotionalen ausdrucks), die fantasy-literatur (die romantische züge in sich trägt), die neue heimat-literatur oder -krimis in einer globalisierten welt, die sich wieder auf die nähe besinnen wollen ebenso, wie dadaistische und lautmalerische, Weiterlesen

das „neue kreative schreiben“ – ein lese- und diskussionstipp

wissenschaften und professionen leben von diskursen. dabei geht es meist um definitionen, neueste wissenschaftliche erkenntnisse oder herangehensweisen. gleichzeitig sind wissenschaften und professionen ein großer markt – schlicht geschrieben, es geht auch ums geld. das hat häufig den effekt, dass versucht wird, einen alleinigkeitsanspruch auf die definitionshoheit oder auf professionen zu erheben.

das beste beispiel dafür ist die finanzierung der psychotherapien in deutschland. es werden nur bestimmte therapierichtungen von krankenkassen bezahlt, andere nicht. der laie geht davon aus, dass es gute gründe für diese vorgehensweise geben muss, dabei war es nur gute lobbyarbeit. es gibt bis heute keine fachliche begründung, welche therapieform wirklich „effektiver“ ist. warum die systemisch therapie nicht finanziert wird, die psychoanalyse aber schon, hat nichts mit ihren jeweiligen positiven wirkungen zu tun.

leider gibt es auch beim kreativen schreiben ähnliche abgrenzungsversuche: stephan porombka versucht eine definition des „neuen“ kreativen schreibens und grenzt sich von einem „alten“ kreativen schreiben ab. den versuch einer neuen (seiner ansicht nach aktuelleren) definition des kreativen schreibens kann man hier nachlesen: http://www.gfl-journal.de/2-2009/porombka.pdf . auf einen einfachen blickwinkel runtergebrochen, handelt es sich bei dem text um die auseinandersetzung „schreibbewegung“ vs. „postmodernes schreiben“.

was in anderen wissenschaften und professionen schon vor jahren stattgefunden hat, hat vor einiger zeit auch das kreative schreiben erreicht. es ist der krampfhafte versuch, sowohl in den sozial- und naturwissenschaften, als auch den darauf aufbauenden professionen, das emotionale subjekt (den menschen mit all seinen ausdrücken, wahrnehmungen und erfahrungen) in den hintergrund zu drängen. dies findet sich in den diskursen über den „freien willen“, in den genetischen und neuropsychologischen forschungen und nun auch in dem „neuen kreativen schreiben“ wieder.

ich werde das hier noch ausführlicher analysieren, doch so viel sei schon einmal geschrieben: ein trost bleibt, dass es schon längst wieder gesellschaftliche gegenbewegungen gibt und das subjekt einfach nicht aus den ereignissen dieser welt verschwindet. entsolidarisierung und (selbst)ausdrucksarmut sind zwei seiten einer medaille. einhergehend mit einer ungezügelten digitalisierung gibt es nur ein ziel: die marktwirtschaftliche verwertbarkeit, die als professionalisierung verkauft werden soll.

es lohnt sich, den text zu lesen, um zu diskutieren, ob das „neue kreative schreiben“ wirklich „neu“ ist und welche gesellschaftliche funktion das daraus resultierende literarische schreiben hat.

der text von stephan porombka ist im gfl-journal (german as a foreign language), no 2-3/2009 erschienen. ISSN 1470-9570.

kreatives schreiben und schriftstellerei

 

eigentlich hätte der titel auch lauten können „kreatives schreiben und literarisches schreiben“. denn es soll hier darum gehen, dass das praktizieren von kreativem schreiben einem das gefühl gibt, etwas geschaffen zu haben, was man bis jetzt nicht zustande brachte. dies bedeutet für viele, dass sie sich auf dem weg zum schriftsteller, zu schriftstellerin befinden.

da ist sowohl etwas wahres dran, als auch ein wenig fehleinschätzung. kreatives schreiben hat erst einmal nichts damit zu tun, literatur zu schaffen. es dient vor allen dingen dazu, überhaupt für sich selbst oder in gruppen ins schreiben reinzukommen. dass daraus eine regelmäßigkeit entstehen kann, die wiederum eine hilfe ist, literarisch tätig zu werden, sei hier nicht in abrede gestellt. doch kreatives schreiben ist einfach nicht mit der arbeit als schriftstellerInnen zu verwechseln. denn der unterschied besteht schon darin, dass alle schriftstellerInnen formulieren, schreiben sei arbeit. es lässt sich schwer literatur produzieren ohne ein regelmäßiges tun.

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„schreiben lernen – schreiben lehren“ – ein buchtipp

die schreibpädagogik bemüht sich das schreiben, meist das kreative schreiben, zu lehren. doch das klingt oft leichter, als es in wirklichkeit ist. vieles kann im wege stehen, anderen schreibtechniken und schreibformen zu vermitteln. das fängt schon bei der frage an, welches schreiben denn vermittelt werden soll. handelt es sich um menschen, die nur nach dem eigenen ausdruck suche oder haben sie vor den beruf des schriftstellers, der schriftstellerin zu wählen. und was müssen schriftstellerInnen heute wissen, was kann man ihnen überhaupt vermitteln. josef haslinger und hans-ulrich treichel versammeln in dem buch, das sie herausgegeben haben, „schreiben lernen – schreiben lehren“ illustre gäste aus der schreibenden zunft und aus der schreibpädagogik, die sich über die schreiblehre und das schreiben lernen in aufsätzen und essays gedanken machen. mir persönlich hat besonders der beitrag von nirav christophe gefallen, der der strukturiertheit mancher schreibpädagogischen konzepte widerspricht. sehr schön ist die sequenz, in der er feststellt, dass etliche schreibende, die auch das schreiben lehren, sich nicht an ihre eigenen ratschläge halten und lieber einfach drauflos schreiben.

ja, es gestaltet sich nicht leicht die schreibpädagogik in die praxis umzusetzen. und was sind die lernenden eigentlich bereit zu lernen? wahrscheinlich lässt es sich nicht vorhersagen, aber zumindest die gedanken anregen, durch dieses nicht ganz frische buch. es ist 2006 im fischer taschenbuch verlag erschienen und hat die ISBN 978-3-596-16967-2