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„wozu lesen?“ von charles dantzig – ein buchtipp

dieses buch ist eine wunderbare ergänzung zu ecos und carrières buch „die große zukunft des buches“. entpuppen sich eco und carriére als büchersammler und -liebhaber, als bibliophile, so ist charles dantzig der ultimative leser. jemand der nicht aufhören kann, beständig zu lesen. seine passion begann als kind. es war der versuch, der erwachsenenwelt näher zu kommen, es den erwachsenen gleich zu tun, in der hoffnung ebenso viel macht über den alltag zu erlangen. dies stellte sich zwar erst einmal als trugschluss heraus, doch es entstand eine lust an der literarischen einkehr. und es stellt eine provokation dar.

so schreibt danzig unter der überschrift „lesen, um sich abzusondern“: „lesen ist ein schwerer fall von selbstabsonderung. ich behaupte, man liest gerade, um sich abzusondern. skandalös! es hat mich immer schon erstaunt, welcher abscheu lesenden menschen, ich meine echten büchernarren, entgegenschlägt. ich selbst wurde von frühester jugend an dafür gehasst, wie ich war, weil ich diesen eigenartigen lesehunger verspürte, … in paris spaziere ich häufig lesen die rue de rennes entlang. seit einigen jahren sind dort … menschen postiert, die umfragen machen. ich kann mich fest darauf verlassen, dass mich einer von ihnen darum bitten wird, ein paar fragen zu beantworten. dabei deutet meine ganze haltung auf innere einkehr hin. ich sehe darin einen feindseligen und gehässigen akt gegen meine person. diese leute vertreten das uniforme denken, gott weiß, dass umfragen eine form von uniformem denken sind. kein wunder, dass sie den anblick von menschen, die ihre einsamkeit offenkundig genießen, nicht ertragen können.“ (s. 78)

und so entpuppt sich charles dantzig in seinem buch „wozu lesen?“ als verfechter des ungestümen, ungebremsten beinahe süchtigen lesens. er erteilt in kleinen, kurzen betrachtungen zu vielen verschiedenen aspekten des lesens zum beispiel pädagogischen zielen des lesens eine abfuhr. denn leserInnen können auch weiterhin mörderInnen sein, diktatorInnen oder despoten sein. sie können es aber auch sein, wenn sie nicht bücher lesen. es stimmt laut dantzig also nicht, dass lesen bildet, dass man beim lesen automatisch lernt. er betrachtet das lesen aus allen blickwinkeln: „lesen verändert uns nicht“, „lesen, um sich auszudrücken“, „lesen, um die buchmitte zu überwinden“, „lesen, um sich zu widersprechen“ oder „lesen, um sich zu verjüngen“ und „lesen als laster“ lauten beispielhaft die überschriften.

ein amüsantes buch für vielleserInnen. denn man fühlt sich bestätigt in all seinem tun und denkt während des lesens: „jawoll ja, er hat ja so recht.“. und man entdeckt am eigenen lesen noch so viel interessantes, das man bis zu dieser lektüre noch gar nicht bedacht hatte. hier meine antwort auf die frage „wozu lesen?“: „wegen diesem buch!“.
das buch ist 2011 im lagerfeld, steidl, druckerei verlag in göttingen erschienen. ISBN 978-3-86930-366-6

„die sandwirtschaft“ von uwe tellkamp – ein buchtipp

eigentlich gibt es nur ein universitäres institut in deutschland, das den versuch unternimmt, studierende zu schriftstellerInnen auszubilden. dabei handelt es sich um das deutsche literaturinstitut der universität leipzig (ich habe den studiengang hier schon einmal vorgestellt). und wie schon manche andere germanistik- oder schreibpädagogische studiengänge, lädt man sich gern einmal bekanntere schriftstellerInnen ein, um den studierenden etwas über das schreiben zu vermitteln.

die poetikvorlesungen in leipzig wurden vor einiger zeit von uwe tellkamp gehalten, der heute in aller munde wegen seine buches „der turm“ ist. nun wurden die vorlesungen, überlegungen und betrachtungen in dem band „die sandwirtschaft – anmerkungen zu schrift und zeit“ vereint und veröffentlicht. dabei handelt es sich um ein lose sammlung von verschiedenen betrachtungen.

ein teil widmet sich der geschichte und entwicklung der lyrik. uwe tellkamp geht der frage nach, ob lyrik eine aussterbende literaturgattung ist und ob man heute noch etwas schreiben kann, das nicht schon längst geschrieben ist. tellkamp gibt einblick in seine motivation zu schreiben (und regte mich dadurch an, hier über die unausweichlichkeit des schreibens nachzudenken). er betrachtet das werk diverser „klassiker“ der literatur und schreibt über „unbekanntere“ schriftstellerInnen.

eine durch und durch subjektive betrachtung, was dem buch aber keinen abbruch tut, da es einblicke in die gedankenwelt eines recht erfolgreichen schriftstellers gibt. man muss nicht tellkamps vorliebe für die großen epen und lyriker teilen, um ein gefühl dafür zu bekommen, was literatur alles ist und abbildet. das buch ist in der edition suhrkamp, frankfurt am main, 2009 als sonderdruck erschienen. ISBN 978-3-518-06999-8

schreibpädagogik und fachliteratur

 

die schreibpädagogik ist ein uneindeutiges fachgebiet, da sie bis jetzt keine eindeutige definition hervorgebracht hat, was denn unter dieser richtung zu verstehen ist. das macht es schwer, so genannte fachliteratur zu finden. auch die suche nach büchern zu kreativem schreiben führt in vielen buchläden zu keinem ergebnis (wie gerade eine studentin mitteilte). in großstädten ist die chance fündig zu werden, etwas größer, aber dann meist auch unsortiert ein paar taschenbücher zu fragen „wie schreibe ich einen krimi“ oder „das haiku“ und vielleicht auch noch ein reimlexikon.

begibt man sich auf die suche im internet, wird man feststellen, dass der markt für kreatives schreiben und im weiteren sinne für schreibpädagogik gar nicht so klein ist. doch auch hier wird selten unterschieden zwischen „creative writing“ und kreativem schreiben. ebenso taucht selten das biografische schreiben in diesem zusammenhang auf, es findet sich dann meist unter dem begriff „biografie“.

außerdem lassen sich noch eine menge informationen bei der literaturwissenschaft und der germanistik finden.

selbst wenn man fachliteratur gefunden und gelesen hat, schleicht sich immer wieder das gefühl ein, dass alle autorInnen ihre eigenen vorstellungen davon haben, was schreiben eigentlich ist. das macht es zum einen spannend, da man sich selber das meiste zusammentragen kann, was man als hilfreich erachtet. es erschwert aber den austausch mit anderen schreibpädagogInnen, da das eigene konzept unhinterfragbar bleibt. so können sich alle auf die position zurückziehen, dass sie mit dieser und jener schreibanregung diese oder jene erfahrungen gemacht haben. erfahrungen können ausgetauscht werden aber nicht verglichen werden.

insgesamt wäre ein art kanon wahrscheinlich einmal hilfreich, Weiterlesen

urs widmers frankfurter poetikvorlesungen – ein buchtipp

eigentlich heisst der titel des buchs „vom leben, vom tod und vom übrigen auch dies und das – frankfurter poetikvorlesungen„. doch das wäre zu lang gewesen als überschrift dieses posts. das büchlein an sich ist handlich und klein, aber darum auf keinen fall uninformativer. das gegenteil ist der fall.

in dem buch von urs widmer, dem schweizer schriftsteller, sind fünf vorlesungen abgedruckt, die er anfang des jahres 2007 in frankfurt gehalten hat. dabei beleuchtet er die situation in der sich schriftstellerInnen befinden, wenn sie versuchen zu schreiben. er zeigt auf, wie man nicht drumherum kommt, abweichend von der norm, leidend, sich mit leben und tod auseinandersetzend, ein wenig größenwahnsinnig mit fantasie, literatur zu schaffen. das buch liest sich beschwingt mit einer prise humor versehen und schlüsselt das besondere am schreiben auf. dabei bezieht sich urs widmer auf viele schriftstellerInnen, sieht diese in einer beinahe logischen abfolge einer entwicklung, die beeinflusst wird vom umfeld und der geschichte. es macht spaß, die detailreichen erklärungen nachzuvollziehen und in manchen momenten kann man eigene aspekte wiederfinden, auch wenn man nicht schriftstellerIn ist. eigentlich ein weiteres buch, in dem ein schriftsteller über seinen beruf (oder seine berufung) auskunft gibt. aber es reiht sich eher in die ganzen werke ein, als nur etwas zu wiederholen, das man woanders schon gelesen hat.

das buch iist im diogenes verlag in zürich 2007 erschienen. ISBN 978-3-257-06598-5

schnickschnack (50)

schreiben im web 2.0 oder internet hat viele verschiedene gesichter. einige aspekte wurden hier schon vorgestellt. doch es gibt einen weiteren, der darüber hinausgeht, den computer als neues regelmäßiges schreibwerkzeug zu nutzen.

man kann den computer selber schreiben lassen. soll heißen, man programmiert ein programm, schreibt also eigentlich die software für eine rechenmaschine, die wiederum aus den ihr zur verfügung gestellten materialien wieder etwas neues generiert. dabei spielen zufall und mathematik eine rolle, aber auch die vorauswahl der materialien durch die programmiererInnen. es ergibt sich eine schnittstelle zwischen mensch und maschine und doch produziert mensch nicht alles.

einen überblick über die recht aktuellen diskussionen zum generiern von literatur am computer erschien das buch „electronic literature“ von n. katherine hayles. und es wurde zeitgleich eine homepage zu dieser thematik eingerichtet. diese bietet sowohl einige essays, eine menge links auch zu den projekten der autorInnen und eine auswahl an lehrveranstaltungskonzepten zu „elektronischer literatur“. zu finden ist die englischsprachige seite unter: http://newhorizons.eliterature.org/index.php . über die qualität elektronischer literatur lässt sich streiten, aber das mensch-maschine-verhältnis könnte sich durchaus verändern.

verlag (12) – reclam

wer kennt sie nicht, zumindest in ehemals westdeutschland, die kleinen gelben heftchen, die die wichtigen texte für den schulunterricht enthielten. in ostdeutschland waren es zum beispiel die taschenbücher, die ein schwarzweiß gestaltetes cover besaßen. heute ist es wieder ein verlag, der hauptsächlich die kleinen heftchen verlegt. die in gelb, blau, rot, orange und grün erscheinen.

diese heftchen enthalten klassiker, literaturgeschichte, textmaterialien, interpretationen, zeitgenössische literatur, fremdsprachige literatur und anthologien. vieles davon dient extra dem schulunterricht. so verwundert es nicht, dass es eine download-seite auf der homepage gibt, die es gegen bezahlung ermöglicht, sich textinterpretationen und mehr herunterzuladen.

außerdem bietet der „reclam verlag“ einen extra zugang für lehrerInnen, die nach schulnachweis einen besonderen service in anspruch nehmen können. aber reclam bietet noch ein wenig mehr. nicht nur die bekannten reclam-heftchen werden verlegt, sondern auch taschenbücher, vor allen dingen mit zeitgenössischer literatur und eine reihe von hardcover-büchern, zum beispiel lexika.

insgesamt kommt die seite relativ schlicht und einfach daher. man merkt daran, dass reclam keinen großen schnickschnack betreiben muss, ist er doch immer noch der lieferant vieler schullektüre. und doch bietet der herunterladbare katalog eine ganze menge mehr. da würde man sich ein wenig mehr information wünschen. zu finden ist der verlag unter: http://www.reclam.de

„der sprung in den papierkorb“ – ein buchtipp

bücher über das schreiben und seine folgen oder techniken sind oft kleine handlungsanweisungen oder ratgeber. nur ganz selten kommen sie als humorvolle literatur daher. thomas hürlimann hat aber mit seinem buch „der sprung in den papierkorb – geschichten, gedanken und notizen am rand“ genau dies geschafft.

eine sammlung kleiner geschichten, beschreibungen und reden, die am „rand“ noch notizen zu einzelnen begriffen und ihren bedeutungen aufweisen, nähern sich humorvoll dem schreiben und der literatur an. oder betrachten die weitreichenderen folgen, mit eigenem an die öffentlichkeit zu gehen. in der sammlung verweben sich philosophie, literaturwissenschaft und reflexionen über das eigene schreiben. ein amüsantes büchlein. besonders angetan hat es mir die geschichte „im foyer“, die beobachtungen als gaderobier in der zürcher „theater-arche“ beschreibt. witziger kann man kulturpublikum kaum beschreiben.

ohne ratgeber zu sein, schimmert in etlichen texten die arbeitsweise des autors durch, die wiederum anlass sein kann, den eigenen schreibprozess damit zu vergleichen. ein kleines büchlein, das vor dem sprung in den papierkorb bewahrt werden sollte. das buch ist 2008 erschienen im ammann verlag, zürich mit der ISBN 978-3-250-60125-8

gleichberechtigung in der literatur

deutschland hat vor beinah genau fünfzig jahren die gleichberechtigung von mann und frau gesetzlich festgeschrieben. dass diese noch nicht verwirklicht ist, darin sind sich sicherlich alle leserInnen einig. noch einmal eindringlich aufgezeigt wurde die problematik in der literatur in einer diskussion im blog. doch auch grundsätzlich liegt noch vieles im argen. das der kampf der geschlechter (oder das wunderbare gender-mainstreaming) längst nicht überflüssig geworden sind, zeigt ein kleiner überblick mit dazugehöriger diskussion in der süddeutschen zeitung. zu finden sind die texte mit den leserInnenkommentaren hier: http://www.sueddeutsche.de/leben/artikel/166/183593/

und ein blick in die literatur zeigt, dass das thema der gleichberechtigung zwar gern schriftlich aufgegriffen, aber nicht unbedingt zu veränderungen führt. sicher, es gab in den letzten jahrzehnten verbesserungen bei der annäherung der geschlechter. aber es gab auch ein verharren in festgefügten patriarchalen strukturen, zum beispiel bei der literaturkritik (was man natürlich wieder nicht so pauschal schreiben kann), bei der literaturpreisvergabe (was man natürlich wieder nicht so pauschal schreiben kann), bei den buchverlegerInnen (was man natürlich wieder nicht so pauschal schreiben kann) oder bei den lesegewohntheiten (was man natürlich nicht so pauschal schreiben kann).

ähnliches lässt sich von allen kreativen berufen sagen. bis heute ist schwer zu klären, woran dies liegen mag. früher war die ablehnung von frauen eindeutig. doch heute ist dies eigentlich nicht mehr usus. hier spielen wahrscheinlich zwei entwicklungen ineinander. frauen haben aus der benachteiligung ihre konsequenzen gezogen. sie suchen sich ihre eigenen räume, die nur für frauen da sind. doch damit entziehen sie sich auch teilweise dem markt. denn der versuch sich einen eigenen markt zu schaffen, von frauen für frauen, wird in vielen bereichen nicht genutzt. das sieht in der literatur nicht anders aus. gelesen wird doch meist, was gefällt. selten werden leserInnen ein buch danach auswählen, ob es von einem mann oder einer frau geschrieben wurde.

anders sieht es sicherlich bei literaturpreisen und verlagen aus. hier hatten lang männer das sagen. das ändert sich nur langsam (siehe suhrkamp und wagenbach). doch hier schadet eventuell der rückzug in die eigenen frauenzusammenhänge. das dilemma aller emanzipationsbewegungen, die versuchen sich eigene räume zu schaffen, besteht darin, dass die gesellschaft (weiterhin männlich dominiert) das gern zulässt, um weiter nicht gestört zu werden. störungen treten erst dadurch auf, dass frauen auf die angestammten posten drängen. und dass die sichtweise, frauen schrieben ganz andere („bessere“) literatur als männer über bord geworfen werden. frauen schreiben genauso gut oder schlecht wie männer. frauen sollten ihre literatur mit dem gleichen selbstbewusstsein vertreten, wie männer. und die leserInnen entscheiden dann per kauf, was sie gut finden. hierzu sollten frauen aber auch in den verlagen und lektoraten die gleichen posten einnehmen. übrigens sind schreibende männer auch erst einmal eine große ausnahme unter männern (abseits des journalismus). sie werden vom patriarchen ebenso beäugt, da sie bereit sind ihre emotionen in texte fließen zu lassen. das ist vielen nicht männlich genug. und heroische-patriarchale literatur hat nicht gerade großen erfolg auf dem buchmarkt. nur leider verfestigen die gender-diskussionen gern die gegensätzlichen vorstellungen, anstatt sie aufzulösen. da frauen, auch beim buchkauf, keine minderheit sind, sollten sie ihr gewicht in die waagschale werfen und den markt beeinflussen. doch da müssten sie einer meinung sein. das sind sie genauso wenig wie die männer. also bleibt nur die möglichkeit, nicht auf das eigene geschlecht zu beharren, sondern auf die generell geschaffene  literatur.

„absichten und einsichten“ – ein buchtipp

wie verantwortlich sind schriftstellerInnen für ihre texte, die sie verfassen und veröffentlichen? haben sie eine ethisch-moralische verantwortung gegenüber der gesellschaft oder ist alles beliebig? diese und andere fragen bewegten viele schreibenden nach den 68ern und sie versuchten antworten zu finden. dabei stellten sie, wie es in anderen berufen und ausbildungen zu dieser zeit auch geschah, ihr eigenes tun sehr in frage.

das reclam-heft „absichten und einsichten – texte zum selbstverständnis zeitgenössischer autoren„, herausgegeben von markus krause und stephan speicher, versammelt eine große zahl von statements zur situation der literatur und den grundlagen des schreibens. unter den autorInnen befinden sich rolf hochhuth, heinrich böll, peter handke, elias canetti, peter rühmkorf, friedrich dürrenmatt, max frisch und viele andere. die meisten texte sind ende der sechziger und anfang der siebziger jahre entstanden, haben aber an aktualität überhaupt nicht verloren. eher das gegenteil ist der fall, je beliebiger der literaturbetrieb wird, je unpolitischer die haltungen, umso interessanter scheint eine diskussion über die rolle der literatur. meiner ansicht nach einer der schönsten beiträge des heftes sind die „55 sätze über kunst und wirklichkeit“ von dürrenmatt. es finden sich aber noch viele andere anregungen, auch für die rolle des kreativen schreibens in der heutigen gesellschaft. leider ist das heftchen 1990 erschienen und wahrscheinlich nur noch antiquarisch zu erhalten, aber der versuch es zu bekommen lohnt sich. erschienen ist es im verlag philipp reclam jun., Stuttgart, 1990. ISBN 3-15-008640-X 

„das erste buch“ – ein buchtipp

wie haben bekannte und berühmte schriftstellerInnen es erlebt, ihr erstes buch zu schreiben? wie kam es zur veröffentlichung und welchen eindruck macht ihr buch heute auf sie, jahre später? eine interessante frage, nicht nur für die, die sich überlegen ein buch zu schreiben.

das buch „das erste buch – schriftsteller über ihr literarisches debüt„, das von renatus deckert herausgegeben wurde, gibt aufschluss über die beweggründe des schreibens. dabei zerstört es manche mythen, die menschen, die ein buch schreiben möchten, sich aber nicht richtig trauen, mit sich herumtragen. beinahe alle schriftstellerInnen in dem buch befinden, dass sie erst recht spät zum schreiben eines buches gekommen sind, im gegensatz zu allen anderen. viele schriftstellerInnen glauben, alle anderen um sie herum, hätten viel früher mit dem schreiben eines buchs angefangen. also keine panik, wenn sie nicht mehr so taufrisch sind und noch kein buch geschrieben haben, die zeit dafür vergeht nie.

wichtiger erscheint es nach den schilderungen der schriftstellerInnen, im richtigen moment die richtigen menschen oder interessierte menschen zu treffen. das ist sicherlich schwer zu steuern, wie auch alle berichten, sondern hat viel mit zufall oder auch glück zu tun.

ein wenig schade ist es, dass sich etliche für ihre frühen werke schämen. fangen wir doch alle ein wenig unbeholfen an. aber als überblick zum start ins schriftstellerInnenleben ist dieses buch wirklich gut. und es macht viel freude festzustellen, dass bekannte schreiberInnen auch nur menschen sind. die meisten gar nicht so unsympathische. das buch ist 2007 bei suhrkamp taschenbuch in frankfurt am main erschienen mit der ISBN 978-3-518-45864-8.

biografisches schreiben und die wahrheit

anhand von autobiografien berühmter persönlichkeiten wird gerne darüber diskutiert, ob das, was sie schildern auch der wahrheit entspricht, oder ob sie den rückblick auf ihr leben beschönigen.

nun unterscheidet sich die autobiografie von bill clinton gravierend von meinen eigenen biografischen schilderungen. der buchvertrag von clinton verlangte schon im vorfeld eine millionenauflage. hier kann damit gerechnet werden, dass der leser gleich beim schreiben mitgedacht wird.

aber eigentlich bietet das biografische schreiben die möglichkeit die eigene lebensgeschichte für sich aufzuschlüsseln. eventuell auch zu papier zu bringen, und wenn man möchte, sie anderen zugänglich zu machen. wer glaubt es gebe dafür kriterien der wahrheit, muss leider enttäuscht werden. denn die betrachtung der eigenen biografie ist immer eine subjektive und unterliegt sicher der der weiterentwicklung des einzelnen.

so kann ich noch so sehr versuchen, mich in die damalige zeit meines lebens zurück zu versetzen, die beurteilung der damaligen situation wird garantiert aus meinen heutigen befindlichkeiten gespeist. eine gute form der annäherung an die vergangenheit sind tagebücher, wenn sie geführt wurden. sie bilden die früheren ereignisse authentischer ab. hier kann man nun lange diskutieren, ob dies der wahrheit näher kommt, als die heutige reflektierte variante. leugnet erstere doch meine weiterentwicklung.

warum soll ich nicht umgedacht haben, mich verändert haben und manche situation anders betrachten oder erinnern. auch diese veränderungen gehören zu meiner lebensgeschichte. interessant für die aufschlüsselung könnte es sein, auch meine veränderungen zu reflektieren. doch der dem diskurs hinderliche begriff „wahrheit“ spricht von einer endgültigkeit, die einem prozess nie inne sein kann. und es bringt mir nicht viel, wenn ich etwas schön schreibe, dass ich mir selbst aufschlüsseln möchte. oder ich habe gute gründe dafür, dann werde ich das schönschreiben wahrscheinlich nicht bemerken.

also kann nur empfohlen werden, sich einfach hinzusetzen, seine eigene lebensgeschichte zu reflektieren und dabei auch die bedingungen zu reflektieren, unter denen ich schreibe. denn dann muss auch bill clinton erkennen, dass er ganz viel weggelassen hat.

buchkritiken im web

solange das projekt „buchkritiken in diesem blog“ oder in einem extra blog ein wenig den rahmen sprengt, sei hier eine seite im internet empfohlen, die seit 1999 gemeinsam von den universitäten marburg und gießen betrieben werden. es erscheinen auf dieser homepage in regelmäßigen abständen newsletter, die zum einen zu einem thema rezensionen und artikel enthalten und noch eine zusätzliche sammlung aktueller rezensionen. wer gerne liest, sich dabei auch gerne von kritiken anderer leiten lässt, der sollte dort einmal vorbeischauen. zu finden ist die seite unter: http://www.literaturkritik.de/public/welcome.php