Schlagwort-Archive: lücke

schreibidee (154)

eine folge des übermäßigen konsums berauschender stoffe sind nicht nur der anschließende kater und die ernüchterung, es können auch blackouts sein. schwarze löcher in die sich der geist begeben hat und die nicht wieder aufgerufen werden können. kein schöner zustand, da man nicht mehr weiß, was in diesem zeitraum geschehen ist. so sollen in dieser schreibidee „blackout-texte“ verfasst werden, die durch auslassungen die fantasie der leserInnen anregen.

der einstieg in die schreibidee geschieht recht unspektakulär und den teilnehmerInnen der schreibgruppe wird im vorfeld nicht erklärt wie das weitere vorgehen aussieht. alle werden aufgefordert eine assoziationstechnik ihrer wahl auszuüben, um eine geschichte ohne vorgaben zu verfassen. einzige voraussetzung ist es, dass die geschichte eine eindeutige handlung enthält. die geschichte darf ruhig vier bis fünf seiten umfassen, es sollte also genug zeit zum schreiben zur verfügung stehen.

im anschluss werden die schreibenden aufgefordert, mindestens eine halbe seite aus ihrer geschichte zu entfernen. vor dem vorlesen, sollte also mindestens eine halbe seite am stück ausgeklammert werden, die wichtige verläufe der handlung enthält. nun werden die geschichten vorgetragen.

erschließt sich den zuhörerInnen nicht direkt, wo sich in dieser geschichte der blackout befindet, wird dies von den autorInnen angemerkt. in der anschließenden feedbackrunde sind die anderen teilnehmerInnen der schreibgruppe aufgefordert, darüber zu spekulieren, wie der verlauf der handlung im fehlenden abschnitt war. sie sollen fantasieren, was in diesem gestrichenen abschnitt geschehen ist. ist das feedback abgeschlossen, wird von den autorInnen der fehlende text vorgelesen. in diesen momenten kann verglichen werden, ob die realen oder eine der spekulierten handlungen am wirkungsvollsten sind.

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schreibidee (115)

texten etwas hinzuzufügen, sie zu erweitern, in gemeinschaftsarbeit zu verwandeln ist hier nicht neu. doch dieses mal soll radikal gestrichen werden, wie ein locher, lücken in den text gestanzt werden. deshalb werden nach dieser schreibanregung hoffentlich „lochertexte“ entstehen.

entweder werden alle teilnehmerInnen der schreibgruppe aufgefordert einen text, der ungefähr drei seiten länge hat, mitzubringen, oder zu beginn der gruppe werden nach einem cluster ohne vorgabe, längere texte verfasst. dann werden die texte ausgetauscht. und nun darf in den texten der anderen gewildert werden. dazu bedarf es nur des mutes der streicherInnen und des gleichmutes der verfasserInnen.

durch das streichen darf sich der vorgelegte text vollständig verändern, also etwas neues daraus entstehen. es geht hier nicht um das verdichten, sondern wirklich um das wildern. es sollte satzweise gestrichen werden. und es wird nicht in dem text herum gemalt. sondern die teilnehmerInnen nehmen sich zwei leere zettel. auf dem einen notieren sie den neuen text, auf dem anderen die sätze, die sie herausgenommen haben. denn die gestrichenen stellen werden recycelt.

wie beim lochen konfetti entsteht, soll aus den streichungen ein neuer text entstehen. doch erst einmal werden die neuen texte vorgelesen. im feedback darf ruhig gesagt werden, ob die geschichte gewonnen hat oder nicht. anschließend werden die schreibgruppenteilnehmerInnen aufgefordert, den zettel mit den streichungen zu nehmen und daraus eine neue geschichte zu schreiben. die gestrichenen sätze müssen darin auftauchen. ansonsten werden keine vorgaben gemacht. es kann also etwas ganz neues daraus entstehen. auch diese geschichten werden anschließend vorgetragen und ein feedback dazu gegeben. doch bevor die geschichte vorgelesen wird, sollten die streichungen kurz vorgestellt werden.

biografisches schreiben und lücken

man erinnert sich nicht an alles. beim versuch seine eigene lebensgeschichte aufzuschreiben, helfen zwar verschiedene vorgehensweisen, sich immer mehr ereignisse wieder ins gedächtnis zu rufen, doch es wird bei jedem menschen auch eine ganze menge lücken geben, an die man sich nicht mehr genau erinnern kann.

das fängt meist schon damit an, dass menschen sich an sehr verschiedene altersabschnitte in ihrer kindheit erinnern. manch einer kann sich bis ins früheste kindesalter zurückerinnern, manch andere nur an die schulzeit. bei den frühen erinnerungen ist sowieso vieles mit vorsicht zu genießen, da sich gern familienerzählungen mit eigenen erinnerungen vermischen.

auch andere erinnerungen können natürlich nicht mehr ganz der realität entsprechen, da das gehirn zwischenzeitlich gern die lücken, die vorhanden sind, mit fantasie oder erzähltem ausfüllt. anschließend wieder die trennung zu machen, was denn nun tatsächlich geschehen ist und was man sich „einbildet“ ist oft schwer, wenn zum beispiel keine tagebücher oder andere aufzeichnungen vorhanden sind. doch die umgangssprache bietet in diesem zusammenhang die lösung: „mut zur lücke„.

es wird sich mit großer wahrscheinlichkeit keine biografie lückenlos nachvollziehen lassen. es wird auch keine biografie ausschließlich „wahr“ sein. jede geschriebene lebensgeschichte wird auslassungen und zufügungen beinhalten. solang man sich nicht selber dazu antreibt, lügengeschichten wie münchhausen zu schreiben, tut dies dem ganzen werk keinen abbruch. denn das wichtigste ist sicherlich das gesamtbild. zumindest sollte man sich davor hüten, sich selbst dafür zu verurteilen, wenn man sich ob der informationen unsicher ist. das setzt nur unnötig unter druck. es ist eine idealisierung des menschen, zu glauben, man könne jede verdrängung auflösen und sich selber allem bewusst werden. verdrängung bedeutet auch selbstschutz. solang nicht geleugnet wird, zum beispiel in einer diktatur eine unrühmliche rolle eingenommen zu haben, ist alles nur menschlich.