Schlagwort-Archive: melancholie

schreibidee (188)

das wetter ist ungemütlich, weder klirrende kälte mit schnee, noch sonne und wärme, einfach schmuddelwetter mit sturm. menschen ziehen sich in ihre vier wände zurück, machen es sich gemütlich und kommen ein wenig zur ruhe. und wie der mensch so funktioniert, wenn er die ganze zeit auf hochtouren lief, kaum kommt er mal zur ruhe bemächtigen alle liegen gebliebenen gedanken und schwierigkeiten sich seiner. der mensch wird melancholisch, traurig oder verstimmt. der richtige zeitpunkt, um „dunkle texte“ zu schreiben.

als einstieg in die schreibidee werden die schreibgruppenteilnehmerInnen aufgefordert, sich an ihre letzte depressive verstimmung zu erinnern. wann ging es ihnen schlecht? alle schreiben 10 minuten freewriting zu ihrer letzten dunklen stimmung. aus diesem text suchen sie den „dunkelsten“ satz aus. diesen nehmen sie zum anlass für eine geschichte. dieser text soll kein biografischer werden, die schreibgruppe keine therapeutische. es geht um die stimmung, die in den geschichten einzufangen ist. die texte werden anschließend vorgetragen und das feedback dreht sich darum, wie „dunkel“ die geschichte wirkt.

anschließend werden am flipchart grundkonstellationen zusammengetragen, die eine dunkle stimmung verbreiten können, wie zum beispiel abschiede, ängste oder schwierigkeiten, die sich häufen. nachdem diese aspekte gesammelt wurden, wählen sich alle teilnehmerInnen jeweils drei davon aus. diese sind dann in einem text zusammenzuführen, um eine weitere „dunkle“ geschichte zu verfassen. im anschluss werden die texte vorgetragen und beim feedback wird ein identischer schwerpunkt gelegt wie oben beschrieben.

um die stimmung der schreibgruppe zum schluss wieder ein wenig aufzuheitern, werden alle teilnehmerInnen aufgefordert, ihre letzte geschichte zu nehmen, auf eine seite zu verkürzen und eine amüsante wendung einzuführen. diese texte werden zum abschluss ohne feedback vorgetragen.

„unglücklich glücklich“ von eric g. wilson – ein buchtipp

es scheint wie der tanz auf dem vulkan, dass in zeiten der großen umbrüche und katastrophen viele menschen in der westlichen welt sagen, sie seien zufrieden und glücklich mit ihren lebensumständen, anstatt sich elend zu fühlen und an den gegebenheiten zu verzweifeln. eric g. wilson nimmt die ergebnisse von befragungen als einstieg in sein buch „unglücklich glücklich – von europäischer melancholie und american happiness„. in den ersten kapiteln zerpflückt er mit großer freude die glückseligkeitskultur und ehrlich geschrieben, das lesen bereitet freude. er macht vieles an der us-amerikanischen gesellschaft fest, doch die beispiele lassen sich augenfällig auch in unserer entdecken. dabei zeigt er auf, dass sich inzwischen der hang zum glück in einen zwang zum glück entwickelt gegen den man sich wehren müsse. denn es geht seiner ansicht nach um die ausrottung der depressiven verstimmung (und er unterscheidet diese klar von einer schweren depression). 

im folgenden entfaltet wilson interessante überlegungen zur melancholie als ort der kreativität. dies mündet zum beispiel in der aussage: „kreativität macht uns nicht unglücklich – unglück macht uns kreativ“. darüber lässt sich sicherlich streiten, doch der grundgedanke ist meiner ansicht nach ein sehr anregender. erst wenn mensch sich konfrontiert sieht mit den widrigkeiten aber auch selbstverständlichkeiten des lebens und dadurch auch des todes, ist er bereit sich in die tiefen des daseins und seiner seele zu begeben. und erstaunlicherweise entstehen gerade aus diesen phasen die lebendigsten und ekstatischsten zeugnisse der kultur. dies macht er an vielen beispielen von dichtern, denkern und musikern fest.

deshalb widerspricht wilson gleichzeitig der zukleisterung von verstimmungen mit glücksverheissungen und schenkelklopfhumor. er singt stattdessen wortgewaltig das hohelied auf die melancholie und ihre produktiven folgen. ein spannendes buch in einer so lustigen eventkulturzeit. das buch ist 2009 erschienen bei klett-cotta in stuttgart. ISBN 978-3-608-94113-5

selbstbefragung (10) – melancholie

die fragebögen zur selbstbefragung versuche ich ab nun ein wenig unter rubriken zu bündeln. dieses mal geht es um „melancholie„, die konsequente folge auf das glück vom letzten mal. lese gerade ein sehr schönes buch über die melancholie in der „grinse“-gesellschaft. demnächst mehr darüber hier.

  • können sie in glücklichen zeiten auch traurig sein?
  • wie oft haben sie depressive verstimmungen? warum so selten oder so oft?
  • was halten sie von der aussage: man muss sich einfach zusammenreissen und seine gefühle nicht so vor sich hertragen?
  • was verstehen sie unter „in gefühlen schwelgen“?
  • würden sie sich als „romantische kuh“ bezeichnen? glauben sie wirklich an die verheissungen dieser haltung?
  • welche melancholischen schriftstellerInnen mögen sie?
  • ertappen sie sich öfter dabei, dass sie das glück festhalten wollen?
  • in welchen momenten werden sie besonders traurig?
  • wie reagieren sie auf menschen, die immer gut drauf sind (weiß der geier auf was)?
  • sind für sie liebe und melancholie unzertrennlich verbunden? warum?
  • wie melancholiefreundlich ist ihre umwelt (freundInnen, partnerInnen, verwandschaft…)?

schreibidee (91)

immer noch ein wenig auf dem selbstbefragungs-trip und gleichzeitig darüber nachdenkend, weshalb denken traurig macht, möchte diese schreibidee all dies aufgreifen. es ist an der zeit, den spaß, der schreibend gern verbreitet wird, obwohl das leben ja nun mal kein kindergeburtstag ist, in den hintergrund zu rücken und den ernst des lebens zu betrachten (siehe vorheriges post). es sollen „traurige geschichten“ geschrieben werden.

um ein wenig in stimmung zu kommen, werden die teilnehmerInnen aufgefordert, sich an traurige begebenheiten und erlebnisse aus ihrem leben zu erinnern. diese sind bitte nur in stichworten zu notieren und nicht vorzustellen. anschließend werden alle aufgefordert, eine halbseitige beschreibung der „melancholie“ zu verfassen. diese beschreibungen werden in der schreibgruppe vorgetragen, um anschließend ein cluster zum thema „traurigkeit“ zu notieren.

aus der beschreibung und dem cluster soll eine traurige geschichte verfasst werden. hierfür wird relativ viel zeit zur verfügung gestellt. anschließend werden die geschichten in der schreibgruppe vorgelesen und das feedback der anderen sollte auch beinhalten, ob die geschichte die hörerInnen auch traurig gemacht hat.

um die stimmung am schluss ein wenig aufzuheitern kann ein tragikkomischer text von den leiterInnen vorgelesen werden (z.b. von david sedaris oder heinz erhardt).

kreatives schreiben und melancholische stimmung

 

kreatives schreiben gibt es nie stimmungsfrei. und doch ergibt sich in schreibgruppen das phänomen, dass sich die teilnehmerInnen oft mit heiteren beiträgen übertreffen wollen. selten wird raum für nicht so schöne stimmungen gegeben. sind sie doch in der werteskala eher negativ besetzt und unterhalten die zuhörerInnen nicht so gut.

seltsamerweise sorgen aber genau die melancholischen stimmungen in filmen und in theaterstücken oft für die intensivsten (be)rührungen. Ist ihnen schon einmal aufgefallen, dass tom cruise in beinahe jedem film, den er in den letzten jahren gedreht hat, weint. im gegensatz zu vielen anderen männlichen schauspielern setzt er diese gefühlsregung sehr bewusst ein. abgesehen davon, dass es viele immer noch stärker berührt, wenn ein mann weint, da man dies so selten sieht, werden in diesen szenen die traurigen gefühle der zuschauerInnen angesprochen.

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„warum denken traurig macht.“ von george steiner – ein buchtipp

manchmal läuft man am regal der philosophischen und soziologischen bücher vorbei und ein titel macht einen neugierig. dann schaut man sich den klappentext an und stellt fest, es klingt wirklich interessant. irgendwann nimmt man sich die zeit, das buch zu lesen und bemerkt sofort, das ist wahnsinnig spannend und berührt beinahe alle lebensaspekte, die man sich vorstellen kann.

dabei kommt das buch so klein und unscheinbar daher. der autor george steiner bezeichnet seine niedergeschriebenen gedanken auch gleich als „provisorischen versuch“. ein provisorium, das beständig zum denken anregt und somit laut autor traurig macht. der grundgedanke des buchs „warum denken traurig macht. zehn (mögliche) gründe“ ist, dass der mensch sich über sein denken nicht hinausdenken kann und deshalb keine gewissheit haben wird, ob das, was er denkt, nicht schon längst gedacht wurde oder überhaupt das abbildet, was existent ist. einzig eine sache ist sicher, dass beständig gedacht wird und dass man mit dem denken nicht aufhören kann. steiner vergleicht das mit dem atmen. er behauptet, dass man länger die luft anhalten kann als nicht zu denken.

auf ca. 110 seiten werden themen angesprochen wie glaube, gott, realität, phänomenologie, liebe, wissenschaft, kreativität, sprache, kommunikation, subjektivität und noch vieles mehr. man kann das buch nur als dicht bezeichnen. wer sich also in seinem denken verstören und verunsichern lassen will, wer den gedanken erträgt, dass das einzig sichere der tod ist, dem sei dieses buch empfohlen. es kann erfrischend sein, sich verstören zu lassen. mir hat das buch viel spaß gemacht und manche hinweise geliefert. es ist 2008 bei suhrkamp taschenbuch erschienen in frankfurt am main. ISBN 978-3-518-45981-2