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aus aktuellem anlass: Moderner Scheiss

liebe leserInnen, aus aktuellem anlass eine kleine kolumne, die im oktober 2010 veröffentlicht wurde. man beachte vor allen dingen den letzten längeren absatz (dann doch noch einmal markiert). wer heute nicht über die ereignisse in japan aus mitgefühl diskutieren möchte, hat lang sein mitgefühl mit den menschen und ihren bedenken vernachlässigt.

Ein kleiner LeseZirkel

Es muss ja mal geschrieben werden. Es gibt Dinge, die schwer zu akzeptieren sind. Je älter man wird, um so schwerer fällt es, diese Dinge zu akzeptieren. Zweifel überkommen einen, ob man sich langsam in ein konservatives Fahrwasser begibt oder ob doch vermehrt Scheisse in den Alltag Einzug hält. Ja, so drastisch darf das mal geschrieben werden. Und da die Moderne schon längst an uns vorüber gezogen ist, müsste ich eigentlich schreiben, dass es sich um post-post-modernen Scheiss handelt. Der sei hier nun aus ganz persönlicher Sicht aufgezählt:

3-D-Fernsehen. Wer braucht das? Einen Wal, der einem im Wohnzimmer entgegenspringt oder das Maschinengewehr, das einem unter die Nase gehalten wird? Würden wir die Wal nicht umbringen, könnte man sie live erleben. Würde man sich bei der Bundeswehr (demnächst eine Söldnertruppe im Kriegseinsatz) bewerben, kann man das Maschinengewehr hautnah haben. Und ginge man einmal ins Theater, wäre das 3-D-Erlebnis ganz real. (Leider ist Schlingensief verstorben, mit ihm konnte man in der Volksbühne Schauspieler hautnah erleben, die einem Nivea ins Gesicht schmierten.)

Homestories. Was interessiert es mich, was Herr Kachelmann gemacht hat, was Herr Sarrazin denkt oder wie sich Bergleute monatelang in einem Berg die Zeit totschlagen? Mich interessiert eher, warum meine Nachbarn so einen fürchterlichen Tschilp-Vogel haben, der mit dem Sonnenaufgang zu kreischen beginnt oder warum das Nettogewicht vieler Produkte abnimmt, aber der Preis gleich bleibt. Es würde mich auch noch interessieren, warum die Banken, die für sie gemachten Schulden nicht zurückzahlen, anderen aber gleich mit der Pfändung gedroht wird, wenn sie im Rückstand sind. Doch heute müssen sie alle medial aufbereitet kochen, heiraten, Häuser kaufen, sich bewerben und natürlich ihre Schulden in Griff bekommen, ganz abgesehen von der Kindererziehung. Ich will das nicht.

Filme ohne Abspann. Das Fernsehen zeigt Spielfilme. Teilweise sogar gute Spielfilme (selten vor 24.00 Uhr). Doch das Fernsehen zeigt nicht mehr, wer die Filme gemacht hat, noch welche Musik gespielt wurde. Es gibt keinen Abspann mehr. Das Nachschmecken der Filme mit passender Musik wird einfach gestrichen. Gut, bei den privaten Sendern bleibt dadurch mehr Zeit für die Werbung. Aber wieso ARD, ZDF und arte inzwischen in den Abspann quatschen müssen, ja, ihn sogar beschleunigen, wodurch die Musik dann nicht mehr hinterherkommt und irgendwann ausgeblendet wird, das kann einem niemand erklären. Anscheinend sind wir selbst in der tiefen Nacht noch so in Eile, dass wir den Film überhaupt nicht mehr wirken lassen können.

Mütter in Geländewagen vor Privatschulen. Ja, die lieben Kleinen, die Brut, sie muss geschützt werden. Dazu gehört es, dass sie nicht mehr die öffentlichen Nahverkehrsbetriebe nutzen dürfen, dass sie nicht nass werden dürfen und dass sie auch nicht mehr Fahrrad fahren können. Dazu gehört, dass die alle von Mutti an der Schule abgeholt werden müssen. Na ja, und auf eine Privatschule schicken vor allen Dingen Eltern mit Schotter ihre Kinder (Apropos Bildungsgerechtigkeit). Da der Schotter mit der Brut transportiert werden muss, braucht es einen Geländewagen. Denn der Kampf, auf den die Kleinen vorbereitet werden, beginnt vor der Haus- und der Schultür. Deswegen fährt Mutti auch alle anderen über den Haufen, die nicht zu ihr gehören. Ich glaube Darwin nannte das Selektion. Da kommt was auf uns zu, wenn die Küken groß sind.

Online-Banking und Online-Shopping. Gerade wurde wieder berichtet, dass das Online-Banking alles andere als sicher ist. Auch Kreditkarten-Daten oder persönliche Bankverbindungen werden gern mal ausspioniert, zweckentfremdet und verkauft. Doch der freie Markt versucht die Verbraucher dazu zu zwingen, diese unsicheren Wege zu beschreiten. Die Beratung bei der Bahn kostet Aufschlag, die preiswertesten Zugverbindungen erhält man nur über das Internet. Ähnlich ist es mit Last-Minute-Reisen, mit Schnäppchen beim Musikhandel oder mit dem Abwickeln der Steuer. Und sollte man doch auf persönliche Überweisungen bestehen, bekommt man keine ausgefüllten Vordrucke mehr bei den Berliner Elektrizitätsbetrieben. Man darf gefälligst die mindestens 13-stellige Kundennummer selber eintragen. Ach ja, sollte die Überweisung falsch ankommen, haftet inzwischen der Kunde. Und wie lang war noch einmal meine ganz individuelle Personenkennziffer bei der Steuer, und diese Nummer bei Auslandsüberweisungen und …

Brückentechnologien. Ja, die Betreiber würden gern ihre AKWs laufen lassen, bis sie in die Luft fliegen. Denn eigentlich ist ja alles sicher. Und eine Endlagerstätte für den ganzen Müll kann man sich ja auch später noch aussuchen. Das Zeug hält ja verdammt lange. Also eigentlich ist es gar nicht kaputtbar. Daher kommt wahrscheinlich dann auch der Ausdruck Brückentechnologie, denn Brücken müssen ebenfalls sehr stabil sein. Oder wer hat sonst den Schwachsinn ersonnen, dass wir plötzlich Atomenergie zwischen Öl und Sonne bräuchten. Wie war das noch einmal mit den Blockheizkraftwerken, dem Wind, dem Wasser, dem Biogas, den Gezeiten, der Erdwärme, der Müllverbrennung und all den anderen Dingen? Sie sind keine Brücke, sie sind nicht aus Beton!

Was soll der ganze Scheiss? Irgendwer verarscht uns hier!

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nabelschau (13)

sie sollten sich zeit für gefühle nehmen. wie gestern die süddeutsche zeitung auf ihrer seite „wissen“ (s.16) mitteilte, gibt es eine untersuchung der universität san diego, die belegen soll, dass das entwickeln von mitgefühl für menschen, die seelische verletzungen erfahren haben, ungefähr sech bis acht sekunden dauert. anscheinend etliches länger, wie wenn körperlicher schmerz bei anderen beobachtet wird. ähnlich lang dauert das entwickeln von bewunderung für eine leistung.

in einer zeit, in der die kommunikation immer schneller und kürzer von statten geht, stimmt dies nachdenklich. kein wunder, dass in vielen arbeitsverhältnissen so wenig lob ausgesprochen wird. mal kurz etwas angeschaut oder mitbekommen und schon konnte wieder keine bewunderung entwickelt werden. oder jemand berichtet von seinen problemen, aber gleichzeitig klingelt schon das handy, wen erstaunt es da, dass kein mitgefühl entwickelt werden konnte. vor kurzem war auf der straße ein kleines mädchen zu beobachten, das brüllend da stand und der vater versuchte sie zu beruhigen. dann meinte ihr vater „jetzt kannst du aber mal aufhören.“ sie antwortete: „nein. das kann ich erst, wenn du mich getröstet hast.“

wahrscheinlich sollte dies unsere zukünftige kommunikation sein: „hast du mal acht sekunden zeit, um mitgefühl für meine schwierigkeiten zu entwickeln?“ oder „bleib mal stehen, warte ein paar sekunden, vielleicht kannst du dann mit mir fühlen oder mich bewundern“. auch bei filmen im fernsehen, die von seelischen problemen handeln, sollte mindestens eine achtsekündige pause nach emotionalen höhepunkten geschaltet werden, um ein gefühl für die protagonisten zu entwickeln. kein wunder, dass die krimis mit den sichtbaren körperlichen verletzungen immer viel besser ankommen, kann man dort doch sofort mitfühlen.