Schlagwort-Archive: nachricht

nabelschau (52)

wolfsburg sehen und vorbeifahren. im laufe dieses jahres kam es bei der bahn inzwischen schon drei mal vor, dass ein ice eigentlich in wolfsburg halten sollte, aber durchfuhr. zum einen muss da wohl jemand das signal auf grün gestellt haben. zum anderen erinnerte sich da ein lokführer nicht mehr an die haltestelle. das gibt zu denken.

aus berlin kennt man zwar, dass einem der busfahrer die tür vor der nase zu macht, obwohl man beim umsteigen quer über die kreuzung joggte oder dass es auch die u-bahn nicht schafft, ein paar sekunden zu warten, aber man kann gewiss sein, da kommt bald wieder ein fahrzeug. bei einem ice sind die zeitabstände größer und die entfernungen gewaltiger. so hielt der ice, der vor ein paar tagen wolfsburg links liegen ließ, nach 100 kilometern in stendhal. da steht man nun auf dem bahnsteig und fragt sich, ob man überhaupt noch in die auto-stadt möchte.

ich persönlich würde ja braunschweig zum durchfahren ohne stopp empfehlen. aber das ist meine ganz persönliche, ungemein fiese meinung. sie baut nur auf einen subjektiven ästhetizismus auf. bei diversen zugfahrten fiel mir auf, dass in braunschweig die am wenigsten ansprechenden menschen einsteigen. diese beobachtung lässt sich nicht verallgemeinern, aber seitdem mir dies bewusst wurde, achte ich bei jedem halt in braunschweig darauf. und es wurde eins ums andere mal bestätigt.

nun weiß ich ja nicht, welchen eindruck die lokführer haben, wenn sie tag für tag die gleiche strecke fahren. vielleicht empfinden sie in wolfsburg das gleiche wie ich in braunschweig. dann wäre das phänomen geklärt. oder sie denken noch ein stück weiter und sagen sich, in dieser stadt fahren sowieso alle nur auto. vielleicht ist es inzwischen auch ein gag, den sie in absprache mit dem stellwerk machen, um auch ein bisschen spaß auf der doch sehr geraden strecke von berlin nach hannover zu haben. oder sie waren ein bisschen spät dran, bei der bahn nicht ganz selten, und dachten sich: die paar, die nach wolfsburg wollen, die fahren auch von stendhal aus wieder zurück.

kaum fängt man an darüber nachzudenken, fallen einem ganz viele gründe ein, weshalb ein ice in wolfsburg nicht unbedingt hält, obwohl er sollte. mir würden noch politische, geschichtliche oder erotische hintergründe einfallen. aber da eröffne ich lieber ein andermal die schreibanregung zu der überschrift „wolfsburg sehen und vorbeifahren“. 😛

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wortklauberei (50)

„sprachbox“

stellen sie sich eine schachtel vor. in diese schachtel führt ein gartenschlauch, der wiederum in einem trichter endet. nun sprechen sie in den trichter und hinterlassen für den besitzer der schachtel eine nachricht. in der schachtel sitzen kleine elektronen, die wie fleissige bienchen ihre nachricht speichern. jedes elektron vielleicht einen buchstaben oder eine kleine melodie ihres sprech-singsangs. so stelle ich mir jedenfalls eine „sprachbox“ vor.

also erst einmal stelle ich mir nur eine box vor. diese boxen stapelt anscheinend der deutsche telekommunikationsanbieter mit der magenta-farbe in großen lagerhallen. denn wenn man versucht, menschen telefonisch zu erreichen, wird man darauf hingewiesen, dass man auf eine sprachbox eine nachricht sprechen kann. das ist seltsam, da bis dahin diese box anders hieß. aber wahrscheinlich haben sich findige mitarbeiter überlegt, oder sprachschützerInnen beschwert und die telefongesellschaft aufgefordert, diese anglizismen aus ihrem angebot zu beseitigen. nun, das ergebnis kann sich hören lassen.

allein der begriff „box“ ist nun doch kein urdeutscher. aber dann auch noch „sprach“ als erklärenden begriff zu verwenden ist klasse. sinnvoller wäre dann schon die besprechungsbox oder die nachrichten-speicher-box oder aufzeichnungsbox zu erfinden. denn mit sprache hat die box nicht viel zu tun. man könnte natürlich die vergangenheitsform von „sprechen“ heranziehen, da die nachricht ein wenig gealtert ist, bis sie abgehört wird. nach dem motto: er sprach´s und es war vergebens. ob dann die kundInnen am anderen ende unterrichtet werden, dass etwas auf ihrer „gehört“-box zu finden ist? und was für boxen nehmen die da eigentlich? der begriff wirft mehr fragen auf, als dass er klarheit schafft.

web 2.0 und 25 jahre e-mail

vor ein paar tagen jährte sich das versenden der ersten e-mail in deutschland zum fünfundzwanzigsten mal. immerhin der tagesschau eine meldung wert und ein kleines jubiläum mit großen wirkungen.

wo wäre der „spam“, wenn es die mail nicht gebe. wo wären all die unwichtigen newsletter und inhaltsleeren botschaften, wenn es die mail nicht gäbe. postwurfsendungen gibt es zwar auch noch, doch sie halten sich im rahmen. aber so eine kurze mitteilung, dass man eigentlich sein geld in russland anlegen solle oder viagra unentbehrlich für zukünftige sexuelle abenteuer sei, hatte man nie im briefkasten, mancher aber täglich im mail-postfach.

ja, die verbindungen und kommunikationen sind schneller und einfacher geworden. aber eben auch unklarer. dadurch dass die mail suggeriert, sie sei eine schnelle eins-zu-eins-kommunikation, fördert sie auch die hoffnung einer schnellen antwort. doch die muss nicht kommen. früher machten sich die menschen im netz noch die mühe, auf jede mail zu antworten, so wie man auch jeden persönlichen brief im laufe der zeit beantwortete. doch heute ist erst einmal meist schweigen.

und da fängt man an, sich zu fragen, ob die übertragung überhaupt geklappt hat. denn manche mail ist schon im netz verschütt gegangen, umgeleitet oder von anderen gelesen worden. offiziell gehen wahrscheinlich viel weniger mails verloren als behauptet wird. aber die verleugnung der ankunft vereinfacht die bewältigung der massenkommunikation. zum glück wurde inzwischen twitter erfunden. hier wird keine antwort mehr erwartet. wer die nachrichten liest, liest sie, der andere lässt es einfach sein. man kann reagieren, muss aber nicht. es ist ungerichtetes schreiben. wie schön, dass die verbindlichkeiten aus dem alltag verschwinden. eigentlich können wir es dann doch ganz sein lassen, uns zu schreiben. oder?

schreibidee (71)

der mensch liest, sammelt und wirft weg. vor allen dingen zeitungen, zeitschriften und artikel. irgendwann kommt immer der moment, an dem man die angehäuften schriften aussortiert und dem altpapier anvertraut. doch von was verabschiedet man sich da eigentlich?

was vor drei monaten noch sehr wichtig und weltbewegend erschien wurde nirgends mehr erwähnt und ist in der versenkung verschwunden. die blätter ware voll davon und schon haben sie sich überlebt. im gegensatz zum blog, der alles für immer bewahren kann, wenn gewünscht, geschieht dies bei der gedruckten nachricht, wenn man viel raum hat und die artikel aufbewahrt. diese schreibidee unternimmt den versuch, sich gebührend vom historischen wissen zu verabschieden. in einer schreibgruppe kann der „altpapierblues“ verfasst werden.

dazu sollten anleiterInnen tageszeitungen mitbringen, die älter als drei monate sind. sie werden den teilnehmerInnen der schreibgruppe zur verfügung gestellt und sollen durchgeschaut werden. dabei sollten sich alle eine nachricht, einen artikel eines ereignisses auswählen, das sie eigentlich beschäftigt hat, als sie es vernommen haben, von dem sie aber länger nichts mehr hörten. haben alle teilnehmerInnen jeweils ein beispiel gefunden, werden sie aufgefordert, eine folgegeschichte zu verfassen. wie ging es weiter in dem konflikt, nach der katastrophe oder nachdem die entscheidung getroffen wurde?

anschließend werden sich gegenseitig sowohl die meldungen als auch die folgegeschichte vorgestellt. nach einer feedbackrunde ist noch ein kurzer nachruf auf die nachricht zu verfassen, bevor artikel und zeitungen endgültig dem altpapier übergeben werden. wenn die schreibgruppe interesse hat, dann kann sie bis zum nächsten treffen auch noch im internet recherchieren, was in der folge zu den nachrichten weiteres berichtet wurde, ob es eine offizielle folgegeschichte gibt.