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schreibpädagogik und verwandlung

schreibgruppen wandeln sich, wie andere gruppen auch, beständig. die klassischen phasen der gruppendynamischen entwicklung lassen sich bei ihnen ebenso nachvollziehen. doch mir geht hier um die besonderheiten der verwandlung einer schreibgruppe. wie zu erwarten hat dies mit der entwicklung der teilnehmerInnen zu tun.

nach der phase des kennenlernens gibt es in schreibgruppen meist noch eine recht große zurückhaltung, den anderen teilnehmerInnen eigene texte zur verfügung zu stellen. es ist für alle mitglieder einer schreibgruppe ein großer vertrauensvorschuss gegenüber den anderen, eigene geschichten zur diskussion zu stellen. denn in jeden schreibprozess fließen auch persönliche anteile ein und man möchte, dass mit der eigenen veröffentlichung angemessen umgegangen wird. als schreibgruppenleitung kann man diesen prozess steuern, indem man vom ersten moment an feedbackregeln mit den teilnehmerInnen festlegt. auf diese regeln können sich alle verlassen.

im laufe der zeit hilft dieser abgesicherte modus beim schritt in die öffentlichkeit. es ist meist zu beobachten, dass nach anfänglicher zurückhaltung, die eigenen texte vorzutragen, alle das bedürfnis verspüren, rückmeldungen zu ihren texten zu erhalten. hat einmal bei einer feedbackrunde jemand den anfang gemacht, reihen sich meist die teilnehmerInnen willkürlich aneinander. und, was mir an dieser verwandlung am wichtigsten ist, es verursacht weder probleme noch diskussionen, wenn einzelne teilnehmerInnen einzelne texte nicht vorstellen wollen. ohne feedbackregeln kommt es eher zu situationen, in denen einzelne teilnehmerInnen gedrängt werden, ihre texte zu verfügung zu stellen. hier sollte man als gruppenleitung auf die verwandlung der gruppe vertrauen.

für die veränderung des gruppenverhaltens förderlich ist auch die kleingruppenarbeit. diese ermöglicht eine diskussion, überarbeitung und Weiterlesen

schreibpädagogik und coolness

gruppen verleiten manchmal zur übertriebenen selbstdarstellung. kreative gruppen fördern diesen prozess. das kann erst einmal sehr unterhaltsam sein, und es gehört zu gruppenprozessen auch dazu, aber es wird dann lästig, wenn sich die anderen gruppenmitglieder nicht zur wehr setzen oder wenn sich eine gruppe keine regeln gibt. es entwickeln sich alpha-positionen von einzelnen gruppenmitgliedern. früher wurde diese rolle meist von männern besetzt, heute kann man das nicht mehr so eindeutig sagen. die alpha rolle kann sowohl von teilnehmerInnen einer gruppe eingenommen werden als auch von der gruppenleitung.

es soll hier klar unterschieden werden zwischen der rolle der aktiven teilnahme an einem gruppengeschehen und der rolle der coolen führerschaft. bei schreibgruppen sind diese führungsrollen schwieriger einzunehmen, da durch das schreiben viel allein und eigenständig gearbeitet wird, also alle teilnehmerInnen nicht in einem ständigen kommunikativen austausch miteinander stehen. zudem gibt es meist die regel, dass alle teilnehmerInnen ihren text vortragen, was das aufbauen einer hierarchie schwerer macht.

aber natürlich kann es auch in schreibgruppen die teilnehmerInnen geben, die aus ihrer vorstellung vom schöpferischen und künstlerischen die haltung ableiten, dass ihre beiträge so einzigartige seien, dass sie viel (zeit)raum einnehmen dürfen, dass sie nur positive rückmeldungen verdienen und dass ihre wortbeiträge, zum beispiel beim feedback, die einzigen treffenden interpretationen liefern. dies kann schnell zu diskussionen führen, die die ganze gruppe beschäftigen, aber keine weiterentwicklung der schreibprozesse fördern.

die überzeugung der außergewöhnlichkeit geht nicht selten mit einer (lauten) coolness einher. beim film kann man dies zum beispiel schön am verhalten auf dem roten teppich festmachen. in schreibgruppen ist das eher an anderen punkten feststellbar. wenn jemand sich bei leserunden stetig vordrängt, wenn überbetont vorgetragen wird oder wenn stetig scherze über die beiträge Weiterlesen

wissenschaftliches schreiben und störung

die häufig auftretenden störungen beim verfassen eines wissenschaftlichen textes habe ich schon im post „schreibberatung und störung“ benannt. hier möchte ich eher betrachten, welche störungen explizit im zusammenhang mit den wissenschaften und der forschung auftreten können, denn es handelt sich hier um ein besonderes schreibumfeld.

das grösste problem in den wissenschaften stellt die möglichkeit dar, überhaupt in den relevanten zeitschriften veröffentlicht zu werden. man ist also nicht nur mit dem schreiben eines fachtextes beschäftigt, sondern nebenher mit den besonderheiten der fachspezifischen presse. diese abläufe können als sehr störend und zeitraubend erlebt werden. doch ohne veröffentlichungen, also nur mit texten zu den forschungsergebnisse für den eigenbedarf und die forschungsgruppe, kann man in den wissenschaften keine karriere machen.

neben der teils sehr bürokratischen veröffentlichungspraxis geht zudem beim wissenschaftlichen schreiben darum, die hierarchien zu wahren. lästig und störend können dann die veröffentlichungsmodalitäten im forschungsbereich sein. ist man nicht professorIn, hat man meist die über einem stehenden im forschungsbericht mit zu benennen, auch wenn sie mit der eigentlichen untersuchung nichts zu tun haben. diese strukturen und abläufe sind also auch zusätzlich beim schreiben eines textes zu bedenken. dies zieht sich weiter durch den text, denn auch hier gibt es unausgesprochene gepflogenheiten, wenn der anderen man wie zitiert und erwähnt (teilweise auch wie oft).

und dann steht man in den angesagten wissenschaften unter enormem zeitdruck. ein ergebnis, eine entdeckung sollte veröffentlicht und als eigene ausgegeben werden, bevor andere einem zuvorkommen. man muss also nebenher noch die Weiterlesen

schreibpädagogik und bürokratie

der mensch ist ein aufreger. gern regt man sich entweder über mitmenschen oder über institutionen auf und teilt dies anderen menschen mit. diese grundlagen der kommunikation werden nur noch von den berichten über persönliche krankheiten und von der wetterlage übertroffen. in schreibgruppen kann man diesen mitteilungsbedarf aufgreifen.

so kann man sich den erlebnissen mit bürokratischen abläufen oder in service-wüsten mit schreibanregungen zuwenden. was haben die teilnehmerInnen jeweils erlebt? lässt sich dies in geschichten packen? (so hat zum beispiel die süddeutsche zeitung das thema aufgegriffen und eine extra-homepage zu zugverspätungen eingerichtet. siehe: http://www.sueddeutsche.de/thema/Bahn-Verspätungen .) man kann dem amt-wutbürger spielraum für seine frustrationen und ohnmacht geben.

ein wenig besteht die gefahr, dass sich die stimmung in allgemeinen empörungen hochschaukelt, und für die hinter den abläufen steckenden menschen kein verständnis mehr besteht. darum sollte man beim thema „bürokratie“ mit schreibgruppen ruhig auch mal einen perspektivwechsel vornehmen. wie würde man selber auf menschen reagieren, die schon von anfang an mit schlechter laune Weiterlesen

biografisches schreiben und bürokratie

es gibt und gab regelungen in unserer gesellschaft, die menschen handlungsunfähig machten und machen. ein lied davon können asylbewerberInnen (allein das wort ist eine zumutung) singen. hier war die bürokratie die beste möglichkeit, zuwanderung zu verhindern. ein klassiker dabei war zum beispiel, dass für mitbürger aus anderen ländern eine aufenthaltsberechtigung ausgestellt wurde, wenn sie arbeit nachweisen konnten. sie bekamen aber meist arbeit nur, wenn sie eine aufenthaltsberechtigung nachweisen konnten. wo anfangen. vielleicht kennen sie ähnliche situationen.

in der eigenen lebensgeschichte kann die bürokratie eine große rolle spielen. es kann einem widerfahren sein, dass der eigene lebensweg durch gesellschaftliche regeln und ausführungen verstellt wurde. es beginnt eigentlich mit der einschulung. das bildungssystem hat nur wenig mit wirklichen kompetenzen zu tun, es hat mit wissensverwaltung zu tun. was haben sie in diesem zusammenhang erlebt? wie ging es weiter in lehre, studium und dann beruf? wie weit konnten sie wirklich das machen, das sie interessierte?

es ist ganz logisch, dass sich große soziale netze regeln geben müssen, um miteinander auszukommen und möglichst viele zu berücksichtigen. doch diese regeln müssten regelmäßig überprüft werden, um sie langfristig menschlicher zu gestalten. wie sind sie mit den regeln klar gekommen? welche regeln erlebten sie in ihrem leben überflüssig, nervend und inhuman? in welchen situationen war ihre ohnmacht am größten. oder für den perspektivwechsel die frage: wann fühlten sie sich frei? beim biografischen schreiben sollte die verwaltung unseres eigenen lebens ruhig auch einmal betrachtet werden, denn meist wird der einfluss auf unsere entwicklung unterschätzt.

der widerstreit zwischen subjektiven bedürfnissen und den bedürfnissen der gesellschaft an einen wird selten offen ausgetragen, er findet nur noch mit stellvertreterInnen statt. und die stellvertreterInnen verwalten die finanzielle absicherung im auftrag der gesellschaft. doch wie gut können wir unsere vorstellungen von Weiterlesen

selbstbefragung (158) – bürokratie

die fragebögen zur selbstbefragung versuche ich unter rubriken zu bündeln. dieses mal geht es um die „bürokratie“.

  • in welchem moment kam die bürokratie das erste mal über sie? beschreiben sie.
  • welche unterlagen haben sie überhaupt nicht verstanden?
  • welches problem bekamen sie im zuständigkeitswirrwarr nie geregelt?
  • verhalten sie sich auch manchmal bürokratisch? warum?
  • wann bedeutet bürokratie sicherheit für sie?
  • wie würden sie das steuersystem verändern? beschreiben sie.
  • bei welchen bürokratischen abläufen finden sie unsere gesellschaft am ungerechtesten?
  • wie gehen sie heute mit bürokratischen situationen um? beschreiben sie.
  • ist so eine „selbstbefragung“ wie diese hier nicht auch ganz schön bürokratisch? warum?
  • welches gesetz würden sie sofort erlassen?

die letzten 150 selbstbefragungen sind als links hier gebündelt: https://schreibschrift.wordpress.com/2012/01/05/1500-fragen-zur-selbstbefragung-aus-diesem-blog/

schreibberatung und lust

die schreibberatung ist in erster linie keine lustvolle angelegenheit, da sie erst bei schwierigkeiten und problemen zum tragen kommt. aber die schreibberatung kann eventuell die lust am schreiben überhaupt reaktivieren. denn irgendwann hatten wir beinahe alle einmal große lust, das schreiben zu lernen und anzuwenden.

meist versuchen kinder durch nachahmung der erwachsenen, mehr teilhabe an deren welt zu erlangen. und wie stolz waren wir alle, als wir das erste mal unseren eigenen namen selber schreiben konnten. auch als man uns das erste mal ein buch nicht mehr vorlesen musste, sondern wir es selber lesen konnten. kinder entdecken die welt, um besser über sie verfügen zu können.

diese kindliche eigenschaft kann man sich erhalten, wenn man versucht, den eigenen interessen zu folgen und schritt für schritt mehr über die eigenen lebensbedingungen zu verfügen. schreiben ist eine kompetenz, die einem dabei hilft (ob kindlich oder nicht), die eigene welt zu erfassen, kommunizieren zu können, einen ausdruck für die eigene situation zu finden und bei vielem mehr. das stete aneigenen von fähigkeiten und das ausbauen der kompetenzen kann zu einem lustvollen gefühl führen. wir menschen fühlen dann, dass wir mehr und mehr verfügung über unsere lebensbedingungen erlangen und eigene bedürfnisse dadurch befriedigen können.

doch leider machen viele bei der entwicklung ihrer schreibkompetenz in der schule und zuhause unangenehme erfahrungen. schreiben wird oft (auch heute noch) an der fehlerfreien schreibweise und Weiterlesen

schreibpädagogik und schreiben

beim anleiten von schreibgruppen sollten ähnliche überlegungen zum schreibsetting angestellt werden, wie man sie sich für sich selbst macht. das beginnt bei der frage, ob man schreibwerkzeuge oder diverse papiere bei schreibgruppen zur verfügung stellt. lässt man zu, dass auch auf laptops oder pads geschrieben wird? wie wichtig ist es, dass alle immer um einen tisch herum sitzen? ab wann stört schreibverhalten andere teilnehmerInnen und wie geht man damit um?

vor allen dingen störungen sollten in schreibgruppen vermieden werden. der klassiker ist, dass manche teilnehmerInnen schneller schreiben als andere oder einen kürzeren text verfasst haben und während andere noch schreiben, ein gespräch beginnen. oft beginnt es flüsternd, doch je mehr den schreibprozess beenden, um so angeregter wird die unterhaltung, während andere noch schreiben. in diesem moment ist es an der schreibgruppenleitung einzugreifen.

schon zu beginn einer schreibgruppe sollten ein paar regeln festgelegt werden. ich empfehle folgende:

  • handys bitte ausschalten.
  • gespräche während der schreibphasen bitte außerhalb des raums führen.
  • wer zum schreiben den raum verlässt, möge selber darauf achten pünktlich zurück zu sein, wenn die schreibphase endet.
  • wer lieber auf eine laptop schreibt, achte ein wenig darauf, dass nicht so sehr in die tasten gehauen wird, dass alle das gefühl haben, sich in einem großraumbüro zu befinden.
  • essen und trinken nebenher sind kein problem, aber auch dabei ist auf den geräuschpegel zu achten.
  • schreibmaterialien können natürlich mitgebracht werden, es werden aber auch diverse von der Weiterlesen

wissenschaftliches schreiben und schreiben

im gegensatz zum vorherigen post ist das wissenschaftliche schreiben ein ort der konventionen. kaum eine schreibform ist so klar reglementiert und standardisiert. es gibt einen beinahe weltweiten konsens für veröffentlichungen, formen des zitierens, abschlussarbeiten und dergleichen mehr. ziel des ganzen ist der (krampfhafte) versuch, wissenschaftliche erkenntnisse vergleichbar zu machen. leider leidet unter diesen konventionen meist die schreibsprache und ein großteil der wissenschaftlichen schreibe kommt unglaublich langweilig daher.

dass es auch anders geht, zeigen meist vorträge, vorlesungen oder „populärwissenschaftliche“ texte. hier darf wieder ausgeschmückt, animiert oder akzentuiert werden auf teufel komm raus. von sehr ernsten wissenschaftlern werden diese formen der äußerung abgewertet und gleichzeitig ihr gehalt in frage gestellt. wie wenn wissenschaft frei von jeder schreiblust sein müsse. so lange nicht fabuliert wird, also behauptungen aufgestellt werden, die nicht beweisbar und nachvollziehbar sind, dürfte eine entkrampfte sprache den wissenschaften eigentlich nicht schaden. (übrigens wird in den konventionellen forschungstexten teilweise versteckt unglaublich viel fabuliert, werden ganze forschungsergebnisse gefälscht.)

wer also nicht seinen status in den forschenden welten verlieren möchte, der halte sich an die konventionen. und wenn er mutig ist, dann veröffentlicht er noch nebenher ein knalliges populärwerk. doch auch dabei sei vorsicht geboten, denn zu viel aufmerksamkeit kann schnell bei anderen den oben beschriebenen reflex auslösen: zweifel an der ernsthaftigkeit des wissenschaftlichen vorgehens. es ist faszinierend, wie durch diese bewertungen eine form der Weiterlesen

schreibidee (320)

das zwischenmenschliche leben, vor allen dingen die mobilität, sind bei uns klar geregelt (meist jedenfalls). der mensch hat schilder erfunden, verkehrsschilder, um anzuzeigen, welches verhalten an diesem oder jenem wegabschnitt angebracht ist. um die regeln und bedeutungen sichtbar zu machen, wurden einfache symbole und zeichen entwickelt. diese schreibanregung greift die symbole und zeichen für „strassenschilder-stories„.

als einstieg können ausgedruckte (postkartengröße) strassenschilder für die schreibgruppe ausgelegt werden und alle teilnehmerInnen greifen sich ein schild, das ihnen am besten gefällt. nun formulieren alle zuerst die eigentliche bedeutung des schildes (falls sie ihnen bekannt ist). anschließend wird eine liste erstellt, was dieses schild noch bedeuten könnte (hier sind der fantasie keine grenzen gesetzt). aus der liste wird eine idee herausgegriffen und ein halbseitiger text verfasst, der die neue bedeutung des schildes beschreibt. beide kurze beschreibungen werden in der schreibgruppe ohne feedback vorgestellt.

nun wird eine „schilder-geschichte“ geschrieben. dafür müssen alle schilder öfter ausgedruckt vorliegen. die teilnehmerInnen der schreibgruppe können aus diversen schildern eine geschichte entstehen lassen. dazu darf natürlich die bedeutung des schildes verändert werden. minimum für die geschichte sind 3 und maximum 10 schilder. die „schilder-geschichten“ werden dann in der schreibgruppe vorgetragen und es gibt eine feedbackrunde.

um die schwierigkeiten noch ein wenig zu erhöhen, werden im nächsten schritt die schilder nicht selber ausgewählt, sondern gruppenteilnehmerInnen suchen für andere gruppenteilnehmerInnen 5 verschiedene aus. diese fünf schilder können nun zu einer längeren geschichte, zu eine dialog unter den schildern oder zu einer „schilder-geschichte“, eine comic-strip ähnlich verwendet werden. anschließend wird das projekt mit dem text in der schreibgruppe vorgestellt, es gibt keine feedbackrunde.

zum abschluss könnte man sich noch einen „schild“-bürger-streich überlegen, indem man ein eigenes strassenschild erfindet und austestet, wie menschen im strassenverkehr darauf reagieren. (nein, so weit sollte man vielleicht doch nicht gehen 😉 ), aber alle schreibgruppenteilnehmerInnen erfinden noch ein eigenes strassenschild und stellen es kurz der gruppe vor.

schreibgruppen selber gründen (09)

gruppen und konflikte

gruppen agieren in zwei richtungen: zum einen können sie fördernd und motivierend wirken, da sich die interessen und kompetenzen vereinen. zum anderen können sie blockierend und behindernd wirken, da sich individuelle interessen nicht miteinander vereinbaren lassen und konflikte in den vordergrund rücken. dies muss man bedenken, wenn man eine schreibgruppe gründet.

dazu kommt, dass gruppen im kreativen bereich durch den meist sehr persönlichen (eben kreativen) input auf einem etwas anderen emotionalen niveau agieren. wenn bei einer schreibgruppe eine menge persönliche anteile in texte und geschichten einfließen, dann erhalten die reaktionen der anderen auf den eigenen text eine große bedeutung. dies kann bei unklaren settings vehemente konflikte hervorrufen.

darum ist es absolut notwendig, beim ersten treffen klare regeln und vorgehensweisen zu bestimmen oder zu entscheiden. diese regeln lenken das verhalten bei textvorstellungen und -lesungen ebenso, wie die vorgehensweise bei konflikten. basisdemokratisch selbstorganisierte gruppen benötigen eine hinreichende diskussionskultur, um nicht die gesamte zur verfügung stehende zeit ausschließlich für organisatorisches oder konfliktlösendes zu verbrauchen.

schon bei der suche nach gemeinsamen regeln kann zu vielen diskussionen kommen. die gruppe sollte sich im vorfeld darauf einigen, dass ab einem bestimmten zeitpunkt per abstimmungen entscheidungen getroffen werden. alles auf konsens zu diskutieren ist oft möglich, da es sich aber um keine politische gruppe, sondern um eine kreative gruppe handelt, können auch nicht immer alle interessen berücksichtigt werden.

so ist es unabdingbar, dass solch eine gruppe beschließt, dass vorgetragenes und geschriebenes in der gruppe verbleibt und die rechte an den texten natürlich bei den autorInnen verbleiben. es kommt kaum vor, dass texte geklaut und unter anderem namen veröffentlicht werden, aber die absicherung des geistigen eigentums macht auf alle fälle sinn.

gibt es eine leitungsfunktion in der gruppe, sollte diese auch gleich zu beginn transparent machen, wie sie im fall eines unversöhnlichen konfliktes vorgehen wird, nämlich dass sie das recht für sich in anspruch nimmt, irgendwann entscheidungen zu treffen, die nicht einer abstimmung folgen müssen. denn in diesem moment trägt die leitung auch eine gewisse verantwortung und Weiterlesen

schreibpädagogik und politik

ein heikles gebiet für schreibgruppen. man sollte sich gut überlegen, ob man eine schreibidee oder eine schreibanregung mit politischer themenstellung in schreibgruppen durchführt. denn mit der politik verhält es sich ähnlich wie mit dem geschmack, nur ein teil basiert auf logischen überlegungen. oft finden sich viele emotionen in politischen kontexten. eine kritik daran oder eine gegenposition führen bei manchen menschen dazu, dass sie sich in ihrer person so stark angegriffen fühlen, dass sie nur schwer vom diskurs abstrahieren können.

dies bedeutet, dass bei schreibanregungen zu politischen inhalten, ein paar regeln zu beachten sind:
vor der schreibanregung sollten die vorgehensweisen klar sein und in regeln gefasst werden. also zum beispiel, dass alle vorgetragenen texte nicht diskutiert werden. oder dass der politische diskurs zu den geschichten oder texten wiederum nach klaren regeln stattfindet. es gibt ja etliche vorstellungen, wie diskussionen durchgeführt werden können. angefangen bei der vorgegebenen redezeit bis zu der grundregel, andere ausreden zu lassen.
während der schreibanregung und beim vorlesen der texte sollte vermieden werden, andere persönlich anzugreifen. und zudem kann man darauf achten, ob die geäußerten gedanken menschenverachtend sind. denn das kreative schreiben ist erst einmal ein tabuloses vorgehen und doch gibt es gesellschaftliche grundregeln, die nicht hinter der kreativität versteckt werden sollten.
auch das feedback sollte klar strukturiert sein. die trennung zwischen der kritik am stil und der umsetzung und der kritik an der politischen position muss eindeutig sein.

für die einhaltung dieser grundlagen ist die schreibgruppenleitung zuständig. es ist schon im eigenen interesse, eine gewisse struktur vorzugeben, da einem politische diskurse schnell gruppendynamisch über den kopf wachsen können. es ist etwas anderes mit einzelnen menschen angeregte politische diskussionen zu führen, als Weiterlesen

biografisches schreiben und ordnung

ein schwieriges thema für viele: folgte ihr leben einer ordnung? können sie eine struktur in ihrer lebensgeschichte finden? und wenn ja, wie sieht diese aus? voran sollte die frage gestellt werden, ob es überhaupt sinn macht, nach einer ordnung zu suchen.

der mensch hätte gern die kontrolle über sein leben. dazu gehört zum beispiel der gedanke: „wenn ich a mache, dann wird b geschehen“. eine gewisse verlässlichkeit der ereignisse macht generell sinn. denn gäbe es die nicht, bestünde der alltag aus purer ohnmacht. man könnte nur das geschehen ertragen, sich aber auf nichts verlassen. damit dies nicht geschieht, geben gesellschaften sich regeln. so kann ich davon ausgehen, wenn ich als fussgänger bei grün über die kreuzung gehe, dann kommt kein auto, das mich überfährt. gut, absolute sicherheit kann es nicht geben, doch insgesamt funktionieren viele regeln und ordnungen ganz gut.

aber diese vorstellung von klarer struktur, von festen regeln und einer sichtbaren ordnung auf die eigene lebensgeschichte zu übertragen, das kann sich schnell als unmöglich erweisen. wir menschen unterliegen in vielen (uns nicht unwichtigen) bereichen dem zufall. auch wenn es kontaktbörsen und partnervermittlungen gibt, ob es zwischen zwei menschen funkt, ob sie sich überhaupt begegnen, das ist nicht regelbar. und ob daraus dann eine beziehung entsteht, diese lang andauert oder es wieder zu einer trennung kommt, neue menschen kennengelernt werden, das lässt sich nicht prophezeien.

man müsste wahrsagen können, welchen verlauf das eigene leben nimmt, wenn eine feste ordnung vorliegt. manch einer mag daran glauben. aber dann begibt er sich auf die ebene des glaubens, die wiederum keine regel oder ordnung ist. doch trotz dieser überlegungen lohnt es, beim biografischen schreiben zu schauen, ob es nicht doch muster im eigenen leben gibt, die immer wieder auftauchen. viele unserer handlungen haben mit erlerntem und gemachten erfahrungen zu tun (sowohl im positiven als auch im negativen). da ist es nicht abwegig, öfter die gleichen handlungen zu vollführen, obwohl man vielleicht gern etwas anderes machen würde.

darum sind diese muster und ordnungen auch so spannend für einen selber, wenn man etwas an seiner situation ändern möchte. es lohnt der blick auf die auslöser oder ereignisse, die einen zu bestimmten handlungen bringen, und es lohnt die frage, woher die eigenen reaktionen kommen. ansonsten lohnt es aber auch, festzustellen, dass man nicht so viel im griff hat, wie man gern hätte. also auch ein wenig verantwortung für die eigene lebensgeschichte abzugeben und nicht alle ursachen bei sich selber zu suchen. denn man wird feststellen, dort, wo man eine ordnung vermutete, besteht gar keine beim näheren betrachten. und schon scheint die eigene biografie viel zufälliger. bleibt nur noch die frage, ob jemand am zufall rumspielt oder nicht 😉

nabelschau (47)

bagby hot springs does not allow nudity or alcohol„. die freiheit der kunst erlaubt es, einen alternativen film zu drehen, der zwei männer jeweils in holzwannen steigen lässt, um heisse quellen in der pampa amerikas zu genießen. sie sind beide nackt, wenn sie in die wanne steigen. sie trinken nebenher und rauchen böse dinge. und zwischen dem schweigen unterhalten sie sich über ihre freundschaft und wie sie sich verändert hat. so weit, so gut in dem film „old joy„, der vor kurzem auf „arte“ lief.

schön, dass inzwischen der abspann wieder vollständig gezeigt wird, nichts überblendet wird und keiner dazwische quatscht. es hat sich in den fernsehanstalten wieder etwas geändert, den machern von filmen wird genug raum gegeben. da die landschaft eine wunderschöne ist, in der der film gedreht wurde, interessierte es den hier schreibenden zuschauer, wo denn diese wilden quellen sich befinden. und so schaute er interessiert auf den abspann. es waren die „bagby hot springs“, die die kulisse für den film boten (siehe: http://www.bagbyhotsprings.org/).

doch kaum war auf die heissen quellen hingewiesen folgte ein weiterer hinweis, der die darstellungen im film zurechtrücken sollte: bagby hot springs does not allow nudity or alcohol! oh holde wildnis! so ist die welt heute: der mensch genießt, der mensch lässt es sich gutgehen, der mensch entspannt. und dies tut er an einem abgelegenen ort in den tiefen der wälder. doch er ist nicht allein. die ordnung und das regelwerk waren schon da. auch das betreten einer holzwanne muss den züchtigen vorstellungen von ordnungsfetischisten folgen. es erinnert an die ordnungshüter am bodensee, die nachts mit taschenlampen das seeufer abschritten, um nacktbader zu entdecken oder die verwilderte wiesen abschritten, um das tragen der badehose zu kontrollieren.

meinereiner fragt sich in diesen momenten, ob auch der käfer, das eichhörnchen oder größeres vierbeiniges ebenfalls in diesen regionen gezwungen wird, sich zu bedecken. ich stelle mir eine wildnis voller badehosen recht bunt vor. 😛

schreibidee (277)

gesetze sind regeln, die sich gesellschaften geben. oder vielleicht sind es doch regeln, die juristen gesellschaften geben. denn, wenn man sie liest, versteht man sie nicht unbedingt. und doch unterliegen alle den gesetzen. manche regeln mögen einem bekannt sein, andere verblüffen, wenn sie zur anwendung kommen. eigentlich gibt es für jeden lebensbereich, also wirklich für jeden lebensbereich, gesetze. zeit, in der schreibanregungen „gesetze zu geschichten“ werden zu lassen.

der einstieg ist recht einfach: alle schreibgruppenteilnehmerInnen notieren sich situationen, in denen sie mit gesetzen „in berührung“ kamen. dies können positive oder negative erlebnisse sein. maximal werden drei kurze berichte von ungefähr jeweils einer seite notiert. diese berichte werden in der schreibgruppe nicht vorgetragen.

zur vorbereitung der weiteren schreibanregungen sollten die gruppenleiterInnen sich ins internet oder zu einem juristen ihres vertrauens begeben und ein paar gesetze raussuchen, die stoff für geschichten sein können. über die homepage des bundesjustizministeriums lässt sich der großteil der gesetze abrufen. ob sozialgesetzbuch, bürgerliches gesetzbuch oder irgendwelche handels- und patentgesetze, hinter jeder regel kann sich ein ereignis verbergen. denn gesetze werden meist erst dann erlassen, wenn eine schwierigkeit und unklarheit auftauchte.

nun stellt die schreibgruppenleitung in der gruppe ein gesetz vor (und liefert möglichst gleich die allgemeinverständliche übersetzung mit, die sie sich erklären lassen hat). zu diesem gesetz (oder paragraphen) soll eine geschichte geschrieben werden, bei der gegen dieses gesetz verstoßen wird. es sollen keine gerichtsverhandlungen oder prozesse beschrieben werden, sondern die ereignisse vorher. es geht auch nicht darum, krimis zu verfassen, aber möglich ist es natürlich schon. die geschichten werden anschließend in der schreibgruppe vorgetragen.

im anschluss wird abermals mindestens ein gesetz vogestellt, eventuell auch mehrere, zu denen eine geschichte verfasst werden soll, in der jemand von dieser gesellschaftlichen regel profitiert hat, jemandem geholfen wurde. auch hier wieder der kreativität freien lauf lassen. auch diese geschichte wird vorgetragen und es findet eine feedbackrunde zu vorigen und dieser story statt.

und zum abschluss dürfen alle schreibgruppenteilnehmerInnen ein gesetz ihrer wahl erfinden, das sie schon immer für unsere gesellschaft wichtig fanden. die gesetze werden in der abschlussrunde der schreibgruppe kurz vorgestellt.

biografisches schreiben und kritik

beim biografischen schreiben kann kritik verschiedene funktionen habe, nur eine funktion ist undenkbar: ein lebenslauf, eine lebensgeschichte kann nicht als gut oder schlecht bezeichnet werden, sie ist nicht bewertbar, und kaum kritisierbar. wenn man davon ausgeht, dass alle menschen erst einmal aus ihrer sicht gute gründe für ihre handlungen haben, dann wäre höchstens in manchen zusammenhängen zu fragen: „wie konnte es dazu kommen?“.

was ist in einem leben passiert, dass jemand anfängt, gewalt auszuüben? was ist passiert, wenn jemand sich und anderen schadet? erst einmal ist der mensch nicht bestrebt, sich selbst oder anderen etwas anzutun, aber er kann sich dorthin entwickeln. natürlich trägt man für einen großen teil seiner handlungen auch die verantwortung, denn man hat entscheidungen getroffen. und doch bleibt es diskussionwürdig, auf welcher grundlage man entscheidungen getroffen hat. ja, man kann mit lebensgeschichten verständnis haben.

in anderen zusammenhängen kann beim biografischen schreiben kritik sehr wohl ein thema sein. die schreibenden können zum beispiel betrachten, wie sehr ihr leben von selbstkritik oder kritik von außen geprägt war. und vor allen dingen, woraus entstand diese kritik? sind das die eigenen regeln gewesen, die wiederum die eigenen handlungen in frage stellten oder sind es vermittelte, von außen nahe gelegte regeln, die einen immer wieder in selbstkritik stürzten? und warum folgte man eventuell regeln, die einem gar nicht gefielen, die man nicht begründen kann?

außerdem kann biografisches schreiben dabei helfen, aufzuschlüsseln, wie viel kritik man weitergegeben hat. es bleibt schwierig, selber beurteilen zu können, ob die kritik angemessen war oder nicht. hier ist es hilfreich, die menschen, die einem nahe stehen, einfach zu fragen. Weiterlesen

kreatives schreiben und spielerisches

das kreative schreiben an sich ist ja schon eine spielerische angelegenheit. oder anders formuliert: in der kreativität steckt ein stück spielerischer zufall. es werden ideen, gedanken oder ereignisse miteinander kombiniert, die bis dahin noch nicht miteinander in berührung kamen. durch diese vorgehensweise entsteht neues, noch eine prise intuition und fertig ist der text. das mag manchen darum auch so „wertlos“ scheinen, da das spiel im spiel ist. hier zeigen sich immer wieder die wertigkeiten einer spaßfreien gesellschaft.

was spaß macht und spielerische aspekte beinhaltet, darf hobby oder persönliches vergnügen sein, kann aber nicht ernsthafte berufliche tätigkeit darstellen. bei uns wird während der arbeit nicht gespielt. dabei würde es dem arbeitsalltag gut tun, wenn sich die wertschöpfenden manchmal nicht ganz so ernst nehmen. auch spielerische geschäftsmails, jahresberichte sowie bilanzen könnten den alltag bunter gestalten. das bedeutet nicht, dass das spielerische den inhalt verfälschen würde, sondern dass es die realität abwechslungsreicher abbildet.

im kreativen schreiben bedeutet das spielerische das verlassen der streng strukturierten texte, geschichten und schreibübungen. es entsteht ein „spielraum“, der es allen schreibenden ermöglicht, einen eigenen weg zum ergebnis zu finden. zum schreiben werden anregungen herangezogen, aber keine anweisungen. oder noch drastischer formuliert: Weiterlesen

nabelschau (30)

ich bin schlecht integriert. und niemand hat etwas dafür getan, mich besser zu integrieren. es lässt sich aufzählen: überfüllter kindergarten, überfüllte schule, nachrüstung, zu langer zivildienst, zu wenige studienplätze, zu volle seminare, zu viele steuern, festhalten an den akws, korruption, bürokratisierung des sozialbereichs … all dies und noch viel mehr, machen es einem schwer, sich dieser gesellschaft vollständig anzuschließen.

schon recht früh kann da der gedanke aufkommen, ich gehöre nicht so richtig dazu, da mir das nicht gefällt. ich bin anders als die anderen. und man konnte es spüren an solchen reaktionen wie, „geh doch nach drüben!“. oder der versuch einen mit aller staatsmacht von der straße zu tragen. ja, es gibt sie, die veröffentlichte mehrheit, die mir widersprach und alles hübsch fand, wie es so ist. erst beim genauen nachzählen stellt sich heraus, dass es sich um gar keine gesellschaftliche mehrheit handelt. denn ganz viele andere sind auch schlecht integriert. sie gehen nicht wählen.

die menschen äußern sich nicht mehr in dieser demokratie bei den vorgesehenen abstimmungen. sie entziehen sich den vorgaben. sie organisieren ihr leben um die hürden herum und sind damit genug beschäftigt. und so haben die, die gesellschaftliche vertreter spielen, regeln gemacht und machen sie immer noch, ab wann ein mensch in „unsere“ gesellschaft gut integriert ist. anscheinend wenn sie einen dicken wagen fahren, dabei radfahrer missachten, da sie gerade ihr kind von der privatschule abholen, in der es die sprache erlernt. und wenn die kleinen die sprache dann richtig können, dann dürfen sie sich zur kaste der integrierten vertreter zählen.

man könnte es auch anders sehen. integriert in ein soziales netz ist jemand, wenn er ein auskommen mit anderen findet. wenn in dieser gemeinschaft gegenseitige unterstützung funktioniert, ganz gleich in welcher sprache. wenn auf die schwachen rücksicht genommen wird, wenn solidarität eine wichtige gemeinsamkeit ist. wenn niemand ausgeschlossen und diskriminiert wird. ja eben, wenn das soziale netz funktioniert. das tut es bei uns schon lange nicht mehr. die menschen werfen sich gegenseitig beständig „egoismus“ vor. dabei lernen sie doch gerade wieder, jeder muss hier seines glückes schmied sein, also für sich allein sorgen und kämpfen. doch diese haltung fällt nicht vom himmel: sie wird gefördert und gefordert. da bin ich einfach schlecht integriert.

schreibidee (181)

soziale netze oder gesellschaften benötigen regeln, um alle internen prozesse aufeinander abzustimmen und in eine ordnung zu überführen. aber irgendwann können gruppen und netze den sinn der regeln aus den augen verlieren und sich selber immer mehr gegenseitig einschränken. die regelwut wird zu einem selbstläufer, der nicht mehr zu stoppen scheint. da wir momentan anscheinend in einer gesellschaft leben, die sich immer stärker bürokratisiert und beregelt kann es spaß machen einmal texte der „selbstbefreiung und verantwortungslosigkeit“ zu schreiben.

da die beiden begriffe selbstbefreiung und verantwortungslosigkeit sehr subjektive sind und von jedem menschen anders verstanden werden, macht es sinn, die schreibidee mit einem cluster zum begriff „verantwortunglos“ durch die teilnehmer zu starten. aus dem cluster ist der zweig auszuwählen, der einen jeweils am meisten in dem moment anspricht. nun wird eine geschichte geschrieben, die diesen zweig aufgreift. die geschichten werden sich gegenseitig vorgelesen.

mit großer wahrscheinlichkeit wird in etlichen oder allen texten die verantwortungslosigkeit verurteilt. doch selbst wenn dies nicht der fall ist, fordert man alle schreibgruppenteilnehmerInnen auf, einen text zu verfassen, der die verantwortunglosen aspekte der geschichte nicht sanktioniert oder negativ bewertet, sondern das recht auf verantwortungsloses bestärkt. es dürfen geschichten mit egoistischem oder subversivem charakter entstehen. die texte werden sie wieder gegenseitig vorgetragen. dieses mal soll ein feedback gegeben werden, das beurteilt, wie positiv das verantwortungslose wirkt.

im letzten schritt werden nun von teilnehmerInnen texte verfasst, in denen sie selber sich weigern die verantwortung für etwas, eine situation oder einen anderen menschen zu übernehmen. diese geschichten sollten ohne schlechtes gewissen verfasst werden. anders formuliert, alle dürfen sich einmal austoben, jegliche regeln und moral in ihrer geschichte über den haufen zu werfen. wenn die geschichte fertig ist, sollte noch fünf minuten lang ein fokussiertes freewriting stattfinden, das sich damit beschäftigt, wie es war so eine verantwortungslose geschichte zu schreiben. anschließend werden die geschichten vorgelesen (aber nicht das freewriting) und ein ganz normales feedback gegeben.

lange texte vs. kurze texte (2)

nachdem ich also feststellte, dass die frage so bewegend ist, konnte ich es mir nicht verkneifen, noch einmal stellung dazu zu beziehen. ich schätze einmal, das interesse hat damit zu tun, dass in schulen und anderen bildungseinrichtung eine stringente richtung über die länge von texten vorgegeben wird. ebenso wird in blogs gern schnell bemerkt, dass die texte viel zu lang seien und sie von keinem gelesen würden. erstaunlicherweise dann doch.

gepostet am 23.01.2009

das am meisten aufgerufene post dieses blogs neben dem 10-finger-schreibsystem ist die auseinandersetzung mit langen und kurzen texten mit 229 besuchen. (siehe https://schreibschrift.wordpress.com/2008/04/21/lange-texte-vs-kurze-texte/ ) das finde ich erstaunlich, da ich mich frage, welche frage sich leserInnen stellen oder welche suchbegriffe sie eingeben, um bei diesem post zu landen.

ich kann nur spekulieren, vermute aber, dass der häufigste grund die selbstzweifel sind. schreibe ich meine texte und geschichten in der richtigen länge? und jeder leser, jede leserin gibt eine andere rückmeldungen. den einen sind die geschichten zu lang. während die anderen gern noch mehr hören würden. die hauptschwierigkeit bei der frage nach der länge von selbstgeschriebenem steckt wahrscheinlich gar nicht in den details der wortzahl (wie lang darf eine kurzgeschichte sein?), sondern in der unsicherheit der schreibenden.

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