Schlagwort-Archive: rekombinieren

Jon Rafman – ein surftipp

noch ein internet-wiederverwerter oder -recycler. auch jon rafman bietet viele kunstwerke, collagen oder filme auf seiner homepage an, die ihn in die tiefen des internets führten. so hat er zum beispiel „google streetviews“ genutzt, um außergewöhnliche fotografien und begebenheiten am strassenrand zu finden, zu kopieren und auszustellen.

durch rekombination, remix, collage und software-experimente werden aus internet-angeboten außergewöhnliche sichtweisen. ein ideenpool, der auf das schreiben und die vielen möglichkeiten mit internet-texten übertragen werden kann. so wie rafman ein seltsames männlein in die „second life“-welt schleuste, so kann man texte aus foren kopieren und sich irreal in den diskurs einmischen. der diskurs nimmt durch die verfremdung plötzlich einen anderen verlauf.

die werke der letzten jahre können über dies seite aufgerufen werden:

Jon Rafman.

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wie man den spass am schreiben abgewöhnt (09)

kein kopieren

bei wissenschaftlichen arbeiten mag man dies noch verstehen, dass pures kopieren nicht zeigt, wie man selbstständig zu wissenschaftlichen erkenntnissen gelangt. obwohl auch da das kopierte ja nur als zitat kenntlich gemacht werden müsste, um es für die eigenen überlegungen nutzen zu können. aber generell gibt es inzwischen eine verteufelung des „copy & paste“, worüber man meiner ansicht nach vortrefflich streiten kann.

vor dem schreiben steht die ideenfindung und recherche. kein schreibender mensch erfindet das rad neu, sondern orientiert sich an schon vorhandenem, an bekanntem und an persönlichen vorlieben. dabei wird nachgemacht, weitergedacht oder nur neu kombiniert. diese prozesse werden gern abgewertet als faulheit und ausweichhandlung.

das scheint absurd, wenn man sich die denkleistung dahinter betrachtet: es wurden erst einmal informationspools gesucht, sie wurden durchforstet, es wurde ausgewählt, es wurde gelesen, es wurden ausschnitte kopiert und neu kombiniert. letztendlich wurden also für die schaffung eines neuen produktes collagetechniken angewendet. wer glaubt denn, dass dies früher nicht der fall war? ganz gleich, ob schule, hochschule oder freizeit, es wurde abgeschrieben. nur handschriftlich war dieser prozess viel aufwendiger. da fiel die entscheidung leichter, gleich etwas eigenes zu schreiben.

aber generell stellt sich die frage, ob die qualität eines textes automatisch dadurch schlechter wird, dass man versatzstücke anderer ansprechender texte verwendet. mein momentanes lieblingsthema: musik und malerei haben dies schon lange vorgemacht, nur beim schreiben wird ein anderer maßstab angelegt. und schnell rutscht man in die denkstruktur, dass es eines geniehaften schöpfens aus sich selbst heraus bedarf, um schreiben zu können. „copy & paste“ können ein wunderbarer einstieg ins schreiben sein.

die sorge, dass dann nur noch kopiert würde, ist eine falsche. ausweichhandlungen treten nur dann auf, wenn eine sache keinen spaß macht, zwang und druck zum ausweichen und zur flucht animieren. kreativ sein ist aber für alle menschen ein angenehmes gefühl, wenn keine abwertungen im nachhinein stattfinden. und kreativität verlangt nur die neukombination von bisher gedachtem aber nicht die vollständige neuschöpfung, die von der logik her auch gar nicht außerhalb gesellschaftlicher parameter machbar ist. wir können nicht denken, was abseits des menschlich vorstellbaren liegt. doch unsere vorstellung, dass butter butter ist, ist gesellschaftlich vermittelt, also schon einmal von jemandem gedacht worden.

also ist das kopieren und neukombinieren eine fähigkeit, die uns menschen kreativ werden lässt und unsere entwicklung fördert. es wird zeit, dass beim schreiben die angst vor dem „copy & paste“ abgelegt wird. wir tun es sowieso schon. und dann kann der fokus auch auf den kreativen aspekt im hintergrund gerichtet werden. was für ein spaß ist es, aus textschnippseln von goethes „faust“ ein neues stück zu kreieren. und wie viel größer wird der spaß im laufe der zeit, wenn man anfängt selber wie goethe zu schreiben. das kopieren ist eine gute technik um sich dem schreiben anzunähern, wir sollten in schulen, hochschulen, in der kunst und literatur nicht darauf verzichten.

unter einem ganz anderen gesichtspunkt verläuft die debatte um das vollständige kopieren ganzer bücher, ohne neues daraus zu schaffen. die ist hier nicht gemeint.

schnickschnack (122)

die werke des internetkünstler „systaime“ sind das visuelle pendant zum „uncreative writing“, indem er vorhandenes aus dem internet aufgreift und daraus collagen oder spielerische gifs macht. man nehme das kostenlose, einen zuschüttende trash-angebot aus pop-ups, von homepages und dergleichen mehr und mache daraus ein großes plakatives werk, das den stand der dinge abbildet. aus was besteht das netz? die eine homepage von systaime zeigt es. siehe hier: http://systaime.com/freesurf/ .

noch aussagekräftiger würde aus meiner sicht das werk, wenn es in einer endlosschleife aufrufbar wäre und das scrollen durch die collage kein ende finden könnte. aber auch so bietet die seite schon einen guten überblick über das vohandene, kostenlose und marktschreierisch angebotene. neu zusammengefügt ergibt sich eine ganze andere geschichte, ein neuer blick auf die digitale welt. aus dem alltag kunst zu machen, ein prinzip des flarf, kann abbilden und vorführen, auf welche blickwinkel sich das internet in suchmaschinen und werbung beschränkt. also ein digitales abbild unserer wirklichkeit.

und all dies nur mit hilfe des copy & paste entwickelt, kaum hinzugefügtes, ausschließlich aufgegriffenes und wiederverwertetes. und doch wieder etwas ganz neues – ein visueller remix.

„uncreative writing“ von kenneth goldsmith – ein buchtipp

an der universität von pennsylvania lehrt kenneth goldsmith das fach „uncreative writing“ oder übersetzt „unkreatives schreiben“. schon der titel des faches lässt zweifel aufkommen, worum es sich bei dem seminar handeln könnte. was ist un-kreatives schreiben? da bin ich wieder bei der frage danach, was eigentlich untiefe ist? eine große tiefe oder eine anhöhe?

in dem buch „uncreative writing“ entfaltet goldsmith die gedankengänge zum unkreativen schreiben. dieses schreiben lebt von vorhandenem, schon geschriebenen, das überall auf der welt existiert. seit dem internet und der digitalisierung unseres lebens ist das angebot an „schon geschriebenem“ dermaßen angewachsen, dass sich die frage stellt, inwieweit ständig neues produziert werden muss. dazu kommt bei mir der gedanke, ob man nicht jeden satz, den man verfasst, irgendwo im netzt demnächst noch einmal finden kann?

jedenfalls zeigt goldsmith das enorme potential des schon geschriebenen auf und er benennt diverse möglichkeiten, wie man das vorhandene material bearbeiten kann – als rearangieren, remixen, rekombinieren, zusammenfassen, überhaupt wahrnehmen, beachten, auflisten, verkürzen, verstärken, zitieren, plagiieren und vieles mehr. dabei stellt der autor bezüge zu den dadaisten, den surrealisten, den konzeptionisten und vielen anderen künstlerInnen und schriftstellerInnen her, z.b. walter benjamin, andy warhol, samuel beckett, gertrude stein und andere. vor allen dingen beschreibt er auch aktuelle schreib- und kunstprojekte. und er berichtet von den vorgehensweisen in seinem seminar zu „uncreative writing“.

das buch ist extrem spannend, da es unsere aktuellen lese- und schreibveränderungen aufgrund der computer und des intenets aufgreift, vorurteilsfrei nutzbar macht und neues entstehen lässt. einen neuen bezug zum schreiben und zur literatur. ich habe selten so ein die kreativität anregendes buch gelesen, obwohl es unkreativ sein möchte (mit einem augenzwinkern). und dem schreiben am computer wird eine neue (eigentlich schon vorgedachte) riesige spielwiese eröffnet. absolut lesenwert (leider nur in englisch). die lust, unkreatives schreiben zu lehren ist riesengroß.
das buch ist 2011 in der columbia university press in new york erschienen. ISBN 978-0-231-14991-4

flarf des sechsten tages

wurstsalat und herbst und birne

Die Herbstshow
Wurstsalat ein beliebter Klassiker

Wurstsalat mit Rettich
Wurstsalat mit Mortadella & Kapern
Wurstsalat mit Kürbiskernöl und Käse
Wurstsalat garniert (mit gemischtem Salat)
Wurstsalat aus Mortadella
Wurstsalat mit Käse und gemischten Salaten
Wurstsalat mit Käse und Knoblauch-Croûtons
Wurstsalat mit Gurken und Paprika
Wurstsalat 1,2 mit Pommes frites
Wurstsalat mit Brunnenkresse
Wurstsalat mit fruchtiger Note
Wurstsalat mit Brot oder Bratkartoffeln
Wurstsalat mit eingelegtem Limburger
Bohnen-Wurst-Salat
Rettich-Wurst-Salat

Wurstsalat, den ich nach meinem Geschmack mit frischen Dingen ergänze
Wurstsalat und Bier
Wurstsalat einfach

Die Küchenschlacht
Rund um die Birne

Regensburger Wurstsalat mit Essiggurken und Zwiebeln
Schwäbischen Wurstsalat
Bayrischer Wurstsalat
in Bayern mit ganzen Wurstscheiben
Elsässer Wurstsalat unterscheidet sich von der Schwarzwälder Variante
Badischer Wurstsalat mit Spargel
Schwäbisch oder Schweizer mit bunter Salatgarnitur
Russische Eier auf Wurstsalat
Exotischer Wurstsalat
Mediterraner Wurstsalat mit Artischocken
Holländischer Käse-Wurstsalat
Frankfurter Wurstsalat
Rheinischer Wurstsalat nach Oma´s Art
Mühle-Wurstsalat mit Mischsalat und Pommes frites
Schweizer Wurstsalat von der Schinkenwurst mit Emmentaler Käse
Schweizer Wurstsalat mit Bratkartoffeln
Schweizer Wurstsalat mit Käsestreifen, Brot
Schweizer Wurstsalat, Eierlikör

Gold-Wurstsalat
Premium-Wurstsalat
Wurstsalat einfach

Holsteiner Eiersalat

flarf des fünften tages

rss-feed spiegel-faz-sz 0911

Interne Pyrotechnik-Protokolle
an den Börsen schnell verpufft
Bei diesem Niveau
den Traum jäh zerstören

Das ist kein Bluff!
Rätselhafter Teufel
schwärmt von einem Geschenk Gottes
Seine Formkrise ist spiegelbildlich

Seltsam mutete auch eine „Verräter“-Liste an
Wir werden nicht ein Jota von unserem Weg abrücken
Übergangsbahn auf dem Weg zum Marsmond verfehlt
die für Höheres in Frage kommt

die Zeit wird knapp
Damit deutsche Schüler nicht immer dicker werden
florierende Ströme seien in Ketten gelegt
die schönsten Särge, Urnen und Grabsteine

manche Fragen sind durchaus unangenehm
die Jagd nach dem Monster der Apokalypse
Egoismus, Populismus und Oberflächlichkeit
die eigene Individualität heutzutage auch über den Tod hinaus zelebriert

aus der Angst der Menschen Profite

web 2.77 – versquelle.de

das internet sprudelt unaufhörlich mit neuen gedanken und ideen. es verwertet vorhandenes immer und immer wieder und es gruppiert dieses um, kombiniert neu. die digitalen rechner im hintergrund werden stetig schneller und effizienter und so spannt sich inzwischen ein netz über die ganze welt, das die quelle unversiegbar erscheinen lässt.

ich habe hier schon einmal einen gedichtgenerator vorgestellt, eine homepage über die ein computer lyrik produziert. dort war es möglich einzelne begriffe einzugeben, die in das gedicht eingebunden wurden. die „versquelle“ wiederum greift auf einen großen pool an gedichten zurück, erkennt reime, beachtet stimmungen und bemüht sich, die verslänge einzuhalten.

natürlich ist die versquelle kein wesen, sondern es ist ein rechner, der im hintergrund die zusammenstellung neuer gedichte vornimmt. dabei kann skurriles aber auch recht ansprechendes entstehen, ähnlich wie „flarf“. die homepage der versquelle bietet zudem noch zwei weitere kleine hilfen: die ecke, in der man das generierte gedicht weiter bearbeiten kann und ein digitales reim-lexikon, das wörter vorschlägt, die sich auf das eingegebene reimen.

zum schluss kann man das generierte und anschließend ein wenig nachbearbeitete gedicht auf der homepage veröffentlichen. ein plagiat ist es auf keinen falle, es ist etwas neues. es lässt sich nicht mehr ausmachen, was daran nun der eigenanteil und was der computer ist, denn die vorauswahl hat man ja nach gutdünken getroffen. eine spannende und spielerische form, die dem „un-creative writing“ schon sehr nahe kommt. zu finden ist die versquelle unter http://www.versquelle.de/ .

flarf des vierten tages

lust, laune und leidenschaft

Begehr, Begehren, Geneigtheit, Gier, Sehnsucht, Verlangen
Last Unlust Schmerz Frust
lust und leid download
vergehen verlieren empfinden wecken

Liebe im Internet – Die Chemie der Emotionen
Leidenschaft zu Uhren
Kubanische Lust
Unkomplizierte Weine, die Laune machen.

ist noch recht nett gemacht
Inszenierung mit „normalen“ Rollenklischees
Basic-Niveau (siehe Basic-Kurs) und natürlich Lust
die Lust und Laune sich selber zu diskriminieren

Joachim Löw: „Wir haben mit Lust und Laune agiert“
hat mit seinen Freunden gestern Abend
zum Zwecke des Broterwerbs
Ich hatte Lust dazu – J’en avais envie

nicht lange nachdenken einfach trinken
Von oberflächlichen Gelüsten, wechselnden Launen und tiefen Leidenschaften
Ohne Unangenehmsein des Fühlens ist beispielsweise keine schlechte Stimmung
wenn Sie Lust haben – si le cœur vous en dit

Nach etwa einem Jahr kam dann ein großer Krach

flarf des zweiten tages

wunder und abfall

Ein kleines Wunder mitten im Müll
Ein längst aufgegebener und mit Abfall gefüllter Brunnen
mehr als nur ein blaues Wunder erleben
die Prophetie lehren

Heilige der Letzten Tage glauben an
Papier aus Bananen-Abfall
Die Natur kennt keinen Abfall
Abfall ist mit Wundern verbunden, Zeichen.

Im Winter frieren die Abfälle in Ihrer Restmülltonne fest?
Kein Wunder, denn hier kochen wir ja auch Wasser
Wie kommt der Zucker aus der Rübe?
Die Wirtschaft wirkt Wunder

Entdeckungen bis hin zu Tier- oder Menschenleichen
Das tödliche Wunder
Defektes Wunder.
Müll gibt es, seit es Menschen gibt.
Rentnerblog: 1 Million Jahre? Wohl kaum!
Regenwurmspiel

Kein Wunder, dass in so einem Chaos leicht etwas verlorengeht

schreibidee (321)

auch die schreibidee soll dieses mal im zeichen der un-woche des uncreative writing stehen. nutzen sie den text, der schon in der welt ist, um neuen text zu remixen und gestalten. dabei können sie auf verschiedene formen zurückgreifen, um „analog- und digital-flarf“ zu verfassen.

als einstieg in der schreibgruppe werden informationen und texte gesammelt. alle teilnehmerInnen werden aufgefordert mindestens eine tageszeitung und drei bücher mitzubringen. diese textlieferanten werde zusammengetragen. nun wählen sich zu beginn die teilnehmerInnen eine tageszeitung aus. die zeitung wird von oben links nach unten rechts seite für seite durchgearbeitet. im vorfeld sollte festgelegt werden, wie viele sätze, zeilen oder begriffe den zeitungen entnommen werden.

nun wird aus jedem artikel der zeitung eine zeile, ein wort, ein satz oder halbsatz notiert. bei der auswahl kann man entweder beliebig vorgehen und mit geschlossenen augen auf eine stelle tippen oder man wählt nach vorliebe aus. die auszüge werden untereinander auf ein blatt geschrieben. wenn die vorgegebene zahl erreicht ist, setzen sie die teilnehmerInnen daran, die notierten worte und sätze in einen für sie schlüssigen zusammenhang zu bringen. daraus kann entweder ein neuer text, ein gedicht oder ein artikel werden. die neuen texte werden in der schreibgruppe vorgetragen.

ähnliches geschieht mit den büchern, aber hier soll der zufall eine noch größere rolle spielen. dazu wählen alle teilnehmerInnen für sich eine seitenzahl. dies kann ihr geburtstag sein oder ihre lieblingszahl, ganz gleich wie sie wollen. nun werden in beliebiger reihenfolge die seiten entsprechend der gewählten seitenzahl in den büchern aufgeschlagen. der erste satz der seite wird notiert (man kann auch vorgeben, dass der zweite oder dritte oder … satz notiert wird). sind alle bücher verwendet worden, wird ebenfalls aus den notierten sätzen ein neuer text entworfen, der in der schreibgruppe vorgetragen wird. solche analogen flarfs zu schreiben kann in vielfältigen anderen formen durchgeführt werden.

zum abschluss sollte man sich den digitalen flarfs zuwenden. am besten wäre es, wenn alle teilnehmerInnen einen computer für sich zur verfügung hätten, der einen internetzugang besitzt. dann kann man eine suchmaschine nutzen, um zu den selbstgewählten suchbegriffen aus den ergebnissen text für einen digitalen flarf zu ziehen. dies kann man aber auch als gruppenaufgabe mit computer und beamer in einer schreibgruppe bewerkstelligen. dazu werden im vorfeld abstimmungen zu den suchbegriffen durchgeführt, anschließend werden diese in eine suchmaschine eingegeben und alle teilnehmerInnen wählen für sich aus den suchergebnissen sätze oder wörter aus. auch aus diesen ergebnissen wird wieder ein flarf erstellt.

ganz am ende des schreibgruppentreffens wird darüber diskutiert, inwieweit es sich bei dieser vorgehensweise um eine kreative technik handelt oder nicht, ist es doch eine form des „zufälligen“ collagierens.