Schlagwort-Archive: sanktionen

schreibidee (223)

gelesenes animiert mich inzwischen schnell dazu, schreibideen parallel zu entwickeln. das kann bedenklich stimmen, dass man ständig an schreibideen denkt, es ist aber auch ein steter quell an kreativem output. und so halte ich ein buch über die zwänge, denen wir in unserer heutigen gesellschaft ausgesetzt sind, in händen. warum nicht einmal darüber schreiben, was einen beständig unter druck setzt, obwohl es noch nicht einmal eigenen regeln und vorstellungen entspricht? darum wird in dieser schreibanregung das verfassen von „zwangstexten“ vorgeschlagen.

der einstieg ist schnell gefunden. alle schreibgruppenteilnehmerInnen verfassen 10 sätze mit dem anfang „du sollst …“. sie werden aufgefordert dabei an die erwartungen, die von außen an sie herangetragen werden, zu denken. die jeweiligen zehn sätze werden kurz in der schreibgruppe vorgetragen. anschließend greifen sie eine forderung oder erwartung heraus und beschreiben auf maximal zwei seiten die folgen dieser verinnerlichten regel. wie sehen die auswirkungen auf ihre leben aus? welche handlungen, die ihnen widerstreben, vollführen sie? dieser text wird nicht vorgetragen.

als nächstes geht es darum, weshalb man sich so selten gegen diese anforderungen wehrt. es gibt gute gründe, den zwängen zu folgen. meist ist es angst vor sanktionen, die folgen könnten, die antizipiert werden, wenn man sich anders verhält und den eigenen bedürfnissen folgt. darum werden die schreibgruppenteilnehmerInnen aufgefordert, einen text von maximal einer seite zu verfassen, in dem sie überlegungen anstellen, was schlimmstenfalls passieren kann, wenn sie den zwängen nicht mehr folgen. welche sanktionen, welche unangenehmen reaktionen werden sie auslösen? auch dieser text wird nicht in der gruppe vorgetragen.

sind die zwänge einmal erkannt, kann man sich einem positiveren vorgehen zuwenden. zum abschluss wird eine längerer text verfasst, der darstellt, wie das eigene leben aussehen wird, wenn man all die erwartungen und anforderungen hinter sich lässt. dies kann eine geschichte, ein bericht, eine situationsbeschreibung, ein tagesablauf oder vieles andere sein. die teilnehmerInnen der schreibgruppe werden eingeladen, ein leben zu schildern, das (ohne anderen zu schaden) ausschließlich den eigenen bedürfnissen folgt. anschließend werden die entstandenen texte vorgetragen und ein feedback gegeben.

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wie schreibe ich kreativ?

ich möchte gern den kommentar von regido aufgreifen und behaupten: kreativ schreibt man dann, wenn man den mut aufbringt, die beschränkungen und konventionen des schreibens, zumindest ansatzweise, zu überwinden. eine der größten hürden ist sicherlich die vorstellung, dass man sich erst dann schriftlich äußert, wenn gedanken und geschichten ausgereift sind, qualitativ hochwertige produkte sind. dabei wird unterschätzt, wie profan die meisten schriftstellerInnen ihre werke beginnen.

hier steht die vorstellung vom großen mut, der notwendig ist, um sich zu äußern, um kreativ sein zu können, um sich bewusst in beziehung zu anderen zu setzen, im widerspruch zu den kleinen schritten, die alle menschen eigentlich machen. das überschreiten von regeln und konventionen wird natürlich mit sanktionen belegt und es kann nicht von einzelnen erwartet werden, locker diese „grenzen“ zu überschreiten und alle konsequenzen in kauf zu nehmen. doch oft wird die hürde selber so hoch veranschlagt, dass es gar nicht die sanktionen sind, die bremsen, sondern die eigenen vorstellungen.

zweigleisiges vorgehen erscheint mir sinnvoll. das eine ist, sich bewusst zu machen, was mich erwartet, wenn ich anfange mit allem zu spielen, mit worten, sätzen und erlebnissen. was ist das schlimmste, das mir passieren kann, wenn ich meine ideen zu papier bringe? sollte die bedrohung zu groß erscheinen, kann ich mich strategisch verhalten. ich kann zum einen die erwartungen an mich bedienen und mich im rahmen der konventionen bewegen. gleichzeitig kann ich aber für mich, kleine schritte versuchen. das wäre sozusagen das zweite gleis. es muss nicht gleich der große schriftliche wurf sein. es genügt vielleicht schon einmal ein abc-darium, eine kurz-kurz-geschichte oder einfach „nur“ ein brief an jemand anderen.

das schöne an den kleinen schritten ist es, dass auch sie schon das gefühl vermitteln können, etwas geschaffen zu haben, aus sich und der umgebung geschöpft zu haben. es fühlt sich gut an. Weiterlesen

biografisches schreiben und anpassung

menschen geraten im laufe ihres lebens häufiger an den punkt, dass sie für sich die entscheidung treffen müssen, ob sie sich den vorgaben von außen anpassen oder dagegen aufbegehren und die konsequenzen ihres widerstandes tragen. dies kann im kleinen geschehen, wie zum beispiel bei den auseinandersetzungen mit dem elternhaus, oder es kann im großen geschehen, wie zum beispiel beim gesellschaftlichen umgang mit der atomenergie, um nur zwei kleine beispiele zu nennen.

gerade diese momente machen einem sehr bewusst, wie weit man den fortgang des eigenen lebens beeinflussen kann. leider folgt der erkenntnis oft genug die aussage „da kann man ja eh nichts machen“. dies kann man kaum zum vorwurf machen, denn jeder muss für sich selber entscheiden, wieweit man die drohenden sanktionen bei der einnahme einer widerständigen haltung in kauf nimmt. auch wenn sich immer wieder gezeigt hat, dass es effekte hat, wenn sich viele entscheiden, nicht mehr mitzumachen.

bei der betrachtung der eigenen lebensgeschichte spielen diese momente eine große rolle, da sie die kristallisationspunkte der selbstbestimmung sind. es sind die lebensabschnitte, in denen sich wenden der eigenen biografie ergeben können, die viele zukünftige handlungen bestimmen. der mensch findet sich plötzlich an einem punkt wieder, an dem er beinahe gezwungen ist, seine situation zu reflektieren. Weiterlesen