Schlagwort-Archive: schutz

nabelschau (69)

an männern darf man rumschnippeln. gesellschaften ändern sich, kulturen entwickeln sich und neue gedanken kommen auf. dazu gehört bei uns zum beispiel, dass wir stücke für stück einen neuen bezug zum körper hergestellt haben. (manchmal äußert sich dies in einer form des gesundheitsfanatismus, manchmal wird aber auch nur durch juristischen schutz). so sieht unser strafrecht nicht mehr vor, bestrafungen durch die entfernung von körperteilen oder körperliche züchtigungen umzusetzen. wer diese entwicklung nachvollziehen möchte, dem sei foucault ans herz gelegt.

kommt jedoch der glaube ins spiel, verlieren wir teilweise unsere eigenen haltungen aus den augen. die bundesregierung besonders schnell. kaum äußert sich kritik an dem kölner urteil, das die beschneidung von jungen männern als körperverletzung einordnet und untersagt, da erklärt die bundesregierung, dass die religionsfreiheit gewahrt bleiben müsse und nimmt künftige rechtliche entscheidungen schon einmal vorweg. mit welchem recht?

wir sind uns einig, dass das einschnüren von frauenfüssen in der asiatischen welt ebenso eine problematische sache ist, wie die magersucht von modemodels. der bundesrat hat vor ein paar jahren die initiative ergriffen und eine gesetzesänderung auf den weg gebracht, die die beschneidung von frauen als körperverletzung einstuft (http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/012/1701217.pdf). dabei wurden die männer vergessen. nun wird im fernsehen zum beispiel damit argumentiert, dass in afrika sogar die beschneidung von männern aus gesundheitsgründen empfohlen würde, um der übertragung von krankheiten vorzubeugen. doch davon ist man längst abgerückt, nachdem studien abgebrochen werden mussten, in denen man feststellen musste, dass die neuinfektionsrate eher zugenommen denn abgenommen hat.

also geht es um eine auseinandersetzung, die den gesellschaftlichen wandel abbildet: freie religionsausübung vs. körperliche unversehrtheit. wir kommen nicht drumherum, uns damit zu beschäftigen. transidenten menschen, erwachsenen, die ihren körper und ihre genitalien verändern möchten, verpflichten wir zu vorheriger therapie, zu rechtfertigungen und diversen untersuchungen. interidente wurden (und werden zum teil noch) per diagnostik im säuglingsalter einem geschlecht zugeordnet und es werden körperlich eingriffe vorgenommen. doch diese entscheidungen sind, so lang es keine gesundheitlichen gründe gibt, inzwischen sehr umstritten.

es zeigt, wie unbeholfen wir mit der frage umgehen, wie mit unseren körpern umzugehen ist (und es wird zeit, dass endlich den einzelnen menschen die entscheidung überlassen wird – wie es ja auch bei der kosmetischen chirurgie und bei tätowierungen der fall ist). und dann können eben eltern und gläubige nicht mehr für säuglinge und kinder entscheiden. eine gesellschaft darf auch gegenüber religiösen traditionen eine neue haltung einnehmen. nur eines scheint mir zudem wichtig: wir sollten endlich aufhören eine unterscheidung der geschlechter mit in den diskurs zu schleppen! wollen wir beurteilen, ob eine beschneidung beim mann mehr oder weniger schmerzen verursacht als eine beschneidung bei der frau? und wollen wir festlegen, wie der körper eines menschen zu sein hat, bevor dieser mensch selbst entscheiden kann? da müssen wir uns entscheiden.

Advertisements

mein computer und ich – eine umgangslehre (14)

politik

tja, was soll man da schreiben. politik verlagert sich ins internet??? es scheint so. doch sicher ist das nicht. viele menschen werden weiterhin ihre informationen aus dem fernsehen (oder wenn es über computer läuft) von den sendern, nachrichtenagenturen oder (digitalen) zeitungen beziehen. dort entscheidet sich weiterhin politik.

das internet mag die möglichkeit der informations- und gerüchteweitergabe beschleunigen und somit unterstützung bei der organisation von politik darstellen. es mag auch das ausweichmedium in sehr restriktiven gesellschaften sein. aber die meisten menschen verbringen trotzdem weiterhin den großteil ihres tages nicht vor dem eigentlichen computer und im internet.

dazu kommt das problem, dass die fälschungsmöglichkeiten, also die verbreitung von falschmeldungen und die darstellung von veränderten bildern leichter ist. das ist die crux der digitalisierung. sie überträgt sich auch auf die anderen medien. fernseh- und zeitungsbilder lassen sich inzwischen leichter fälschen, da der aufwand viel geringer ist. der computer erhöht die geschwindigkeit der produktion von politik, aber auch die geschwindigkeit von verwirrung.

und weiterhin ist nicht durchdacht, was eigentlich geschieht, wenn diese form der information plötzlich beeinträchtigt wird oder wegfällt. die hilflosen reaktionen lassen sich ahnen, wenn man betrachtet, wie menschen reagieren, wenn ihre handynetze wegfallen. der computer oder das internet verwandeln sich also in ein druckmittel in auseinandersetzungen. wer die wege im internet im griff hat, hat auch die macht.

doch man kann politik und den gebrauch von computern auch noch von einer anderen seite betrachten. so spannend dieses gerät ist, es wird von der politik zu stark unhinterfragt als lösungsmittel für gesellschaftliche schwierigkeiten propagiert. angefangen hat das alles mit der debatte um die globalisierung und mit dem neoliberalismus. der gesellschaft wird durch die digitalisierung ein ein gerät angetragen, das sie zu großen teilen nicht versteht und nicht beherrscht. es wird aber viel zu wenig vermittelt und unterstützt, dieses gerät in den griff zu bekommen. hier zieht sich die politik zurück.

schaut man sich an, wie viel heutzutage über den computer kommuniziert wird und schaut man sich an, dass es gerade mal einen datenschutzbeauftragten für den bund und jeweils einen für die länder gibt, dann ist das ein schlechter scherz. man durchforste doch einmal die webseiten der bundesregierung nach themen wie die digitalisierung, den datenschutz oder dem schutz der informationen. man findet wenig und noch weniger hilfreiches. hier lässt die politik den bürger allein. im gegensatz zum urheberrecht, wo viele hebel in bewegung gesetzt werden, wird nicht oder kaum zu den gefahren der nutzung des computers getan.

man kann also zu dem schluss kommen, dass ich zwar auf teufel komm raus die digitalisierung nutzen und in mein leben einbinden soll, dass aber gleichzeitig beim diskurs über die folgen und bei konsequenzen aus den folgen gesellschaft und politik enorm hinterherhinken. das erinnert verdächtig an die atomenergie und beruhigt nicht unbedingt.

liste (99) – nackt

wer lust hat, kann sich diese seite ausdrucken und ausfüllen. ich schlage listen vor, die einem vielleicht einen überblick zu verschiedenen themen der eigenen lebensgeschichte geben können. dieses mal geht es um das „nackte“.

in diesen situationen habe ich mich immer besonders „nackt“ gefühlt:

das gefällt mir an meinem nackten körper am meisten:

das gefällt mir an anderen körpern am meisten:

meine besten strategien um mich nicht nackt zu fühlen:

diese menschen möchte ich gern nackt sehen:

nabelschau (62)

schutz, der kein schutz ist. oder – wer kennt sich überhaupt aus? je mehr meldungen es über die diskussionen um acta, um die datensammlungen bei sozialen netzwerken, um urteile des bundesverfassungsgerichts oder um das verhalten deutscher behörden im netz geht, um so stärker kommt das gefühl auf, dass ein großteil der politischen entscheidungsträger keinen blassen schimmer davon hat, um was es überhaupt geht.

da werden ausschusssitzungen in dokumentationen über facebook gezeigt, die schon bei den fragestellungen der ausschussmitglieder erahnen lassen, dass man sich nicht auskennt. das ist nicht weiter schlimm, es kommt bei anderen themen auch vor und es ist menschlich. man kann nicht zu allem alles wissen. wenn man dann wenigstens an den entscheidenden stellen kompetente menschen mit entsprechenden befugnissen sitzen hat.

aber offizielle datenschützerInnen sind orchideenposten wie die frauenbeauftragen oder die drogenbeauftragten. da wird eine gesellschaftliche problematik ausgegliedert, um ein feigenblatt vorweisen zu können, wenn es kritisch wird. es können jedoch keine entscheidungen getroffen werden. den rest lässt man irgendwie laufen. gut, irgendwann greift man teilweise die bedenken der expertInnen auf, entscheidet halbherzig etwas und lässt es dann weiterlaufen. die folge: nun rennen alle dem davongelaufenen hinterher.

die technik, die handhabung der technik und die missbräuchliche anwendung der technik sind so weit vorangeschritten, dass zwar immer mal jemand an der reissleine zieht, aber der fallschirm nicht aufgehen will. gerade hat das bundesverfassungsgericht wieder darauf hingewiesen, dass im netz, web, internet praktiken herrschen, die mit den grundrechten nicht vereinbar sind. ist das nicht mal jemandem vorher aufgefallen? man hat den eindruck – irgendwie schon, aber man hat es erst einmal laufen lassen.

da erwarten institutionen und entscheidungsträgerInnen von der bevölkerung angemessenes verhalten in der digitalen welt und überschreiten selber eine grenze nach der anderen. es ist auf allen ebenen kein (daten)schutz und keine privatheit mehr gewährleistet. wen wundert es dann, dass von allen alle möglichkeiten Weiterlesen

kreatives schreiben und nähe

wie in der eben geposteten schreibidee aufgezeigt, kann man schreibend unglaublich viel nähe herstellen. doch nun möchte ich noch einen anderen aspekt im zusammenhang mit dem kreativen schreiben beleuchten: wie nah sollen meine kreativen texte an meinem leben sein? was will ich preisgeben und was nicht? denn jedesmal, wenn wir kreativ sind, fließen anteile von uns in das geschaffene und geschriebene ein. kreativität speist sich unter anderem aus unseren erfahrungen.

während des kreativen schreibens kann ein befreiendes gefühl auftreten, da man mit geschichten, gedichten und texten einen ausdruck für die eigene gefühlslage findet und „dinge loswerden“ kann. dieser aspekt ist nicht zu unterschätzen, wenn man später stolz auf das geschaffene blickt und überlegt, es der öffentlichkeit preiszugeben. man ist dem text nahe und der text geht einem nahe. (vorsicht mit deutungen: nicht jeder text spiegelt das seelenleben der autorInnen wieder!)

doch man sollte bedenken, dass man die reaktionen der öffentlichkeit auf das geschriebene nie einschätzen kann. man weiß nicht, wenn man ein buch veröffentlicht oder einen text ins internet stellt, wie er auf andere wirkt. schnell kann es zu kritiken kommen (natürlich auch zu lob, anerkennung und jubel), die einen noch stärker treffen, wenn man eine große nähe zum inhalt des textes hat. es ist sinnvoll, bevor man einen text veröffentlicht, eine gewisse distanz zu ihm aufzubauen, sich vom text zu verabschieden.

das mag jetzt recht kryptisch klingen, doch es benötigt gelassenheit, wenn jemand das selbstgeschriebene, das einen bewegt, zerpflückt. denn auch in kritiken fließen persönliche momente ein. stimmungen einzelner menschen, berührungen und nähe durch die gelesenen texte, lassen sich nicht erahnen. natürlich kann man sich beim schreiben die idealen Weiterlesen

schreibpädagogik und privat

schreibgruppen sind halböffentliche veranstaltungen. je nach thema oder ausrichtung des angebots spielt privates eine größere oder kleinere rolle. doch selbst wenn privates eine kleine rolle spielt, sollten schreibgruppen immer einen gewissen schutzraum bieten. einen schutzraum zum schreiben und zum veröffentlichen in kleiner gruppe. auch wenn jemand sonst nicht mit seinen texten an die öffentlichkeit gehen möchte, in der schreibgruppe ist es ihm oder ihr vielleicht möglich.

dabei muss gewährleistet werden, dass das vorgetragene in der gruppe bleibt, also nicht von anderen teilnehmerInnen in die öffentlichkeit getragen wird. auch hier spielt es keine rolle, ob es sich um kreatives oder biografisches schreiben handelt. wie schon oft erwähnt, fließen auch in kreative texte und geschichten persönliche anteile ein. darum müssen zu beginn einer gruppe die regeln für den umgang mit privatem festgelegt werden. dem sollten alle teilnehmerInnen zustimmen. denn es geht hier nicht nur um so etwas, wie das copyright, es geht auch um das aufrecht erhalten einer privatsphäre.

das mag nun manchem zu weit gehen, zu vorsichtig im umgang miteinander sein, handelt es sich ja schließlich um keine therapeutische gruppe. aber um frei schreiben zu können, benötigt jeder mensch die sicherheit, dass er auch selbst bestimmen kann, wie weit das geschriebene veröffentlicht werden soll. es ist immer möglich seine geschichten und texte überhaupt nicht vorzutragen. aber gleichzeitig gibt es meist einen bedarf an rückmeldungen, um sich im schreiben überhaupt weiterentwickeln zu können. das feedback ist einer der großen vorteile von schreibgruppen. und wenn man eine gruppe leitet, kann man meist feststellen, dass sich die teilnehmerInnen immer stärker mit ihrem geschriebenen hervorwagen.

„so weit aber nicht weiter“, ist von vielen die grundeinstellung. oft bekommen noch nicht einmal die lebenspartnerInnen die texte zu gesicht, aber die schreibgruppe. darum erscheint es mir so wichtig, dass die privatsphäre geschützt bleibt. hundertprozentig kontrollieren kann man Weiterlesen

kreatives schreiben und privat

kein text wird frei von persönlichem sein, denn das eigene denken, assoziieren und konstruieren schafft den text. selbst bei der herstellung von zufälligkeiten ist unser denken beteiligt. es ist wie in der naturwissenschaft, die bis heute versucht, den einfluss durch den menschen auf die ergebnisse einzuschränken. aber allein die versuchsanordnung ist ein menschliches konstrukt.

also ist die wahrscheinlichkeit, dass in selbstgeschriebenen texten auch privates auftaucht, recht hoch. nur über den anteil kann man sehr wohl regie führen. aber dabei taucht eine schwierigkeit auf: versuche ich während des kreativen prozesses den inneren zensor so klein wie möglich zu halten, nimmt das persönliche und private in den texten zu. ab diesem moment darf ich mir die frage stellen, für wen ich schreibe.

denn es macht sinn zu unterscheiden, ob ich den text nur für mich, für meine schreibgruppe oder für die weltöffentlichkeit schreibe. ich sollte mir zumindest bewusst sein, wie weit ich gehen möchte und was mir als privatheit schützenswert erscheint. dazu kommt, dass ich nicht nur meine eigene privatsphäre im blick haben sollte, sondern auch die anderer. denn fließen geschichten von freundInnen und partnerInnen mit in meine geschichten ein, dann kann dies die privatheit der anderen verletzen.

verletzt wird privatheit immer dann, wenn sehr intimes ausgeplaudert und veröffentlicht wird. in erster linie ist dies meine entscheidung, ich verfüge über die informationen. beim kreativen schreiben sollte ich aber auch bedenken, dass menschen auf meine geschichten reagieren werden, wenn ich Weiterlesen

liste (78) – privat

wer lust hat, kann sich diese seite ausdrucken und ausfüllen. ich schlage listen vor, die einem vielleicht einen überblick zu verschiedenen themen der eigenen lebensgeschichte geben können. dieses mal geht es um das „private“.

hierdurch fühle ich mich in meiner privatsphäre am meisten gestört:

das ist für mich ausschließlich privat:

das erfahren noch nicht einmal gute freunde und mein(e) partnerIn von mir:

das mache ich am häufigsten, um meine privatheit zu verteidigen:

diese privaten dinge dürfen von mir aus gern alle wissen:

biografisches schreiben und privat

beim biografischen schreiben spielt die frage nach der privatsphäre die grösste rolle. ab wann gibt man beim veröffentlichen geschriebener texte zu viel preis? wie viel möchte man überhaupt preisgeben? und woran sollte man seine entscheidungen fest machen.

nicht nur in den digitalen sozialen netzwerken, auch sonst in der schreibenden und kommunizierenden welt hat man manchmal das gefühl, menschen gehen zu weit in der offenlegung des privatesten. ich kann das meist daran festmachen, wenn das „fremdschämen“ einsetzt. da kommt das gefühl auf, hier tut sich jemand keinen gefallen. hier kotzt mir jemand medial sein leben vor die füsse und erzählt mir dinge, die ich gar nicht wissen will.

das biografische schreiben ist da eine gratwanderung. generell schreibe ich ja meine lebensgeschichte, um mehr, eventuell viel von mir zu berichten. ich schreibe meine biografie auf, und dies natürlich möglichst schonungslos, möchte nichts vor mir selber verheimlichen. das ist teilweise auch sinn und zweck des biografischen schreibens. nur erst einmal macht man dies in erster linie für sich selber. so wird man mit großer wahrscheinlichkeit nicht auf die idee kommen, seine tagebücher, wenn man welche schreibt, eins zu eins zu veröffentlichen.

da gibt es die weinerlichen abschnitte, die sich ständig wiederholenden wünsche, flüche und sorgen. da liest man schmachtendes, das man aus der heutigen sicht nicht mehr aufrecht erhalten will, da hat sich manches überlebt. man hat trauer, bösartigkeiten und vieles mehr notiert. man schaltet also einen filter vor, wenn man einen teil bekannt machen oder auch nur guten freunden geben möchte. nur in der therapie entwickelt sich keine scham, wenn andere das original lesen.

das privateste scheint gar nicht für andere menschen geeignet zu sein. es tut gut, manches für sich zu behalten, etwas, teils auch sehr verletzliches, vor den kommentaren und einwendungen der anderen zu schützen. selbst partnerInnen erfahren selten die intimsten gedanken. es gibt da oft etwas Weiterlesen

biografisches schreiben und qual

menschen können ungemein grausam zueinander sein. irgendwer formulierte einmal, dass die kleinfamilie die brutstätte des bösen wäre. betrachtet man sich den umgang der menschen miteinander, wenn sie in kleinen gruppen nicht ganz freiwillig gemeinsam ausharren und die zeit verbringen müssen, dann wundert einen die gewalt, die tagtäglich beim zusammenleben stattfindet nicht so sehr.

und doch können formen von dauerhafter psychischer und körperlicher gewalt eine einzige große qual werden. so groß, dass man, um sich davor zu schützen, diese ereignisse ausblendet, verdrängt und von seiner person abspaltet. irgendwann später, wenn die qualvolle zeit schon längst vorüber ist, können erinnerungen an das vergangene in träumen, gedanken oder nur unerklärlichen gefühlen wieder auftauchen.

das biografische schreiben kann ein auslöser sein, plötzlich wieder an erinnerungen zu gelangen, die man für geraume zeit beiseite schieben konnte. das ist nicht gewünscht im biografischen schreiben, aber recht logisch, wenn man sich assoziativ und selbstanalytisch mit seiner lebensgeschichte auseinandersetzt. darum ist immer wieder vorsicht beim biografischen schreiben angeraten.

wenn man beim schreiben bemerkt, jetzt wird es unangenehm, jetzt fühlt es sich nicht mehr gut an, dann sollte man einen moment innehalten und sich überlegen, ob man an der erinnerung oder dem gedanken weiterschreiben möchte. die entscheidung darüber können nur alle für sich selber treffen. es kann heilsam sein, sich der erlebten qual noch einmal zu erinnern, um sie zu verarbeiten und endlich beiseite legen zu können. ebenso kann es bedrohlich sein, all diese qual gedanklich noch einmal zu durchleben, und dies eventuell ganz allein, Weiterlesen

wortklauberei (81)

„krümelschutz“

heutzutage kann man sich vor beinahe allem schützen, wenn man der werbung glauben mag. ob es viren, gewalttaten, unpässlichkeiten oder witterungsfolgen sind, man kauft den passenden schutz, mietet die richtige utensilie oder versichert sich gegen die negativen folgen von ereignissen. doch das leben folgt nicht immer unseren vorstellungen von sicherheit. es kommt überraschend und unerwartet daher, wirft alle schutzmechanismen über den haufen und löst veränderungen aus.

eine der großen bedrohungen für ältere menschen liegt in der unzulänglichen haftcreme für die dritten zähne. jedem kann es passieren, dass die eigenen zähne nicht mehr halten, nicht mehr das tun, was sie versprechen. also wird ein künstliches gebiss hergestellt und eingesetzt. das sollte halten und möglichst nicht kenntlich sein. doch leider haftet es nicht immer so, wie gewünscht. das liegt auch daran, dass sich die kieferknochen im alter beständig verändern und der kiefer kleiner wird. eigentlich ein natürlicher lauf der dinge, aber mensch vesucht dies zu verhindern, eben mit superstarker haftcreme.

die zweite bedrohung besteht darin, dass sich kleine essensreste unter die dritten schieben und das kauen unangenehm machen. dafür soll es jetzt einen „krümelschutz“ geben. denn der gemeine krümel, der sich alle ritzen, hohlräume und falten sucht, um sich dort niederzulassen, ist kaum in schach zu halten. wer einmal in seinem leben im bett gefrühstückt hat, kann ein lied davon singen. schön, dass man inzwischen anscheinend mit einer creme die dritten zähne so weit rundum-versiegeln kann, dass kein krümel der welt sich mehr einnisten kann.

ich warte in der folge auf die creme für das frühstücken im bett, für die computertastatur, die sofaritzen und die groben dielen im wohnungsflur, die mich vor den fiesen krümeln bewahren. vielleicht sollten wir unser ganzes leben beschichten, damit alles von ihm abperlt, das ihm in die quere kommen könnte. da wäre dann der krümelschutz für das künstliche gebiss nur ein symbol für die ängstlichkeit der menschheit 😉

wortklauberei (62)

„thailändisches überschwemmungsamt“

der wunsch, alles unter kontrolle, zu haben ist beim menschen stark ausgeprägt. so versucht er dinge zu erfassen, zu katalogisieren, zu beschreiben, vorherzusagen und zu verhindern. in regelmäßigen abständen macht vor allen dingen die natur einen strich durch die rechnung und zeigt die grenzen menschlicher allmacht auf. um das gefühl der ohnmacht nicht zu sehr zu spüren, versucht der mensch die obhand zu gewinnen, indem er ämter schafft.

das finanzamt versucht die geldflüsse in geregelte bahnen zu lenken und abgaben zu ertrotzen, das umweltamt versucht die umwelt zu bewahren und vor zu großen schäden zu schützen, das patentamt versucht erfindungen zu katalogisieren und zu schützen, das gesundheitsamt möchte, dass wir alle gesund bleiben, das arbeitsamt versucht die übrige arbeit zu verteilen und das sozialamt irgendwie so etwas wie solidarität zu verwalten. diese versuche gelingen mehr schlecht als recht. denn nicht nur die natur ist unberechenbar, auch der mensch ist ein undurchschaubarer.

wenn in gesellschaften neue probleme auftauchen, die man bis dahin noch nicht kannte, dann richten die sozialen verbände gern ein neues amt ein. das suggeriert sicherheit und lenkung der geschicke. wen wundert es da, dass es ein thailändisches überschwemmungsamt gibt. aufgabe des amtes kann es kaum sein, überschwemmungen vollständig zu verhindern, da sei schon der klimawandel vor, aber zumindest überschwemmungen zu verwalten. es scheint ein ähnlich hilfloses amt zu sein, wie bei uns das wetteramt.

die ämter sind eigentlich eine menschliche anmaßung, chaos zu strukturieren. aber schön, dass wir alles erfasst haben und im laufe der jahre und jahrzehnte nachweisen könne: wir konnten nichts dafür, die unklarheit hat uns überrollt. mir würden da noch ein paar ämter einfallen: das psychosenamt, das armutsamt, das verschwendungsamt, das korruptionsamt und vielleicht auch noch das friedensamt. doch, warum sollten diese ämter mehr erreichen als die schon existierenden?

kreatives schreiben und digitale öffentlichkeit

das kreative schreiben ist ein spielerisches schreiben, verfolgt erst einmal nicht den anspruch große literarische entwürfe zu produzieren. doch das kreative schreiben kann die vorstufe zu grossem sein. je mehr menschen das web 2.0 nutzen, um so mehr spass kann es machen, die interaktiven möglichkeiten auch für virtuelle schreibgruppen oder ähnliches zu nutzen. ganz abgesehen von der option, eigene texte leicht der weltöffentlichkeit zugänglich machen zu können.

trotz dieser leichtigkeit ist nicht zu unterschätzen, dass auch die veröffentlichung im web 2.0 eine gehörige portion überwindung kostet. es ist etwas anderes einen text in der schreibgruppe vorzulesen oder einen text einer digitallen menschenmenge zur verfügung zu stellen. in der schreibgruppe habe ich ein reales gegenüber, kann ich sofort einen diskurs führen, sollte es begeisterung oder schwierigkeiten geben. im netz geschieht dies mit zeitverzögerung und mit menschen, die ich nicht wirklich kenne, die nicht unbedingt real sind, also dem entsprechen, was sie selber über sich angeben.

es scheint mir wichtig, sich dies vorher bewusst zu machen. die jüngere generation kennt meist aus anderen zusammenhängen die schwierigkeiten der virtuellen realität. sie hat einen umgang damit gefunden, dass vieles im web 2.0 nicht unbedingt das darstellt, was real vorhanden ist. die ältere generation scheut diesen zustand nicht selten, da eine form der kontrolle abhanden kommt, die eine schreibgruppe bietet. Weiterlesen

biografisches schreiben und daten

 

wo ich gerade dabei bin. biografisches schreiben ist, was den datenschutz angeht eine heikle angelegenheit, zumindest, sobald man sich an die öffentlichkeit begibt. das fängt schon bei kleinigkeiten an, wie man einzelne menschen, denen man begegnet ist, beschreibt. sollten diese menschen noch leben, könnten sie sich wiedererkennen und andere sie auch. wenn sie nicht gut dabei wegkommen, sollte ihnen zumindest bewusst sein, dass es ärger geben könnte.

Weiterlesen

datenhandel

 

ist das entsetzen wieder groß, dass sowohl versucht wird an möglichst viele daten aller menschen zu kommen als auch mit ihnen zu handeln, sie also zu verwenden. damit ist seit jahrzehnten zu rechnen. was macht die payback-karte anderes, als konsumverhalten zu erfassen. was erfassen kreditkartenfirmen wohl? die post und heute telekom handelten schon immer mit den daten aus dem telefonbuch.

und die reaktion der menschen, wenn sie darauf aufmerksam gemacht wurden, dass ihre daten nicht sicher sind, dann erklärten viele, sie hätten nichts zu verbergen. dann dürfte es sie nicht weiter berühren, dass ihre kontonummern gehandelt werden, stellen sie sie doch immer wieder zur verfügung. haben sie noch nie einen kontrollanruf ihrer krankenkasse gehabt, ob sie mit den leistungen zufrieden sind? wird bei ihnen die heizungablesung auch digital erfasst und später abgerechnet? man muss nicht mehr unterschreiben, sie kennen einen.

Weiterlesen