Schlagwort-Archive: selbstbewertung

schreibberatung und stärke

ratsuchende haben vor jedem beratungsgespräch schon die stärke aufgebracht, sich hilfe zu suchen, das gespräch zu vereinbaren und den termin wahrzunehmen. viele andere menschen verfügen nicht über dies kraft. doch im gespräch selber beschreiben sich viele als schwach, fehlerhaft oder unfähig eine bestimmte schreibaufgabe zu bewältigen. eine aufgabe von schreibberaterInnen ist es in diesem moment, neben der vermittlung von schreibtechniken, das selbstbewusstsein zu stärken.

dies lässt sich über verschiedene wege meist erreichen. zum einen kann man den menschen durch das absolvieren von schreibanregungen und die vermittlung von schreibtechniken, das gefühl zurückgeben, doch etwas schriftliches zu papier bringen zu können (und häufig dies nicht gleich abzuwerten). zum anderen kann man im gespräch die persönlichen ressourcen der ratsuchenden aufschlüsseln. meist zeigt sich, dass viel kompetenz vorhanden ist, diese aber als unzureichend betrachtet werden.

es geht oft in solchen beratungsgesprächen um die selbstbewertung, die wiederum auf teilweise erlebten fremdbewertungen basieren. man blickt also nicht selten in die vergangenheit, um festzustellen, wann das schreiben unangenehm wurde. kann man einzelne momente der abwertung durch andere ausmachen, dann können auch die gründe und maßstäbe für diese bewertungen hinterfragt werden. und man kann die frage stellen, warum den bewertungen durch andere so viel macht gegeben wird, dass die eigentliche tätigkeit des schreibens nicht mehr durchgeführt werden kann.

es geht nicht darum, bewertungen wegzureden. es wird sie immer geben, auch im berufsleben, teils berechtigt, teils beliebig. in der schreibberatung geht es darum, einen realistischen umgang mit den bewertungen zu finden, und einen angemessenen mit der Weiterlesen

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wissenschaftliches schreiben und nähe

nun, man kann darüber nachdenken, wie zwischen wissenschaftlerInnen nähe entsteht oder wie wissenschaftlerInnen während des schreibens einer abschlussarbeit andere wissenschaftlerInnen zum beispiel in bibliotheken oder auf vorträgen kennenlernen. doch dies hat nicht viel mit dem wissenschaftlichen schreiben zu tun, sondern mit den zwischenmenschlichen interaktionen, die in allen sozialen zusammenhängen auftauchen können. mit scheint es wichtiger, einmal darauf zu schauen, welche bindungen bei wissenschaftlerInnen zu ihren forschungsfragen und in der folge zu ihren texten entstehen können.

sicherlich bauen sich in bezug auf hausarbeiten und referate nicht die gleichen bindungen auf wie bei größeren abschlussarbeiten. doch es geht immer wieder im zusammenhang mit wissenschaftlichen texten, um bewertungen von außen. beschäftigt sich zum beispiel jemand in seinem referat mit themen, die ihn selber berühren, die er sehr interessant findet und die ihm existentiell scheinen (das kommt teilweise auch auf das fachgebiet an), so wird kritik schnell als kritik an der person, am eigenen charakter verstanden. verstärkt wird dieses gefühl oft noch durch benotungen, die inzwischen bei fast allen studienleistungen vorgenommen werden, da diese prüfungsleistungen sind.

bei abschlussarbeiten wiegt für viele kritik noch schwerer. hier bekommt die note und bewertung teilweise eine noch existentiellere bedeutung. bei freier themenwahl bei master- oder doktorarbeiten wurde mit großer wahrscheinlichkeit ein forschungsthema ausgewählt, das man selber spannend und interessant findet. es besteht über einen längeren zeitraum eine emotionale nähe zum geschriebenen. zählt man noch die ganzen zweifel und anstrengungen hinzu, dann ist für viele die schriftliche arbeit ihr erstes wirklich großes geschriebenes werk. und das wird nun öffentlich gemacht, unterliegt einer bewertung und beurteilung durch andere. hier können gefühle von ohnmacht und hilflosigkeit aufkommen.

doch schon im vorfeld fällt es vielen schwer, ihre abschlussarbeit überhaupt loszulassen. so manche wissenschaftliche schreibende zögern die abgabe ihrer arbeit hinaus, da sie sich von ihr nicht trennen können. dafür gibt es sehr verschiedene gründe. es kann eine rolle spielen, Weiterlesen

schreibberatung und flucht

ich möchte hier nicht darüber schreiben, weshalb jemand die schreibberatung fluchtartig verlassen könnte, auch wenn mir manche gründe dazu einfallen. nein, es geht mir um die frage, welche rollen die kleinen oder großen fluchten bei schreibkrisen und schreibblockaden spielen. es geht um die momente, in denen einem so viel anderes einfällt, während man sich eigentlich an eine schreibaufgabe setzen sollte und diese abarbeiten müsste.

da werden fenster geputzt, es wird im internet gesurft, ganz dringend muss man lebensmittel kaufen, obwohl der kühlschrank voll ist, freunde werden angerufen, da man sich so lang nicht mehr gemeldet hatte, dann kommen ein paar einladungen, die man alle gern wahrnimmt, man muss auch die alten zeitungen mal aussortieren und noch vieles mehr. wenn man diese aufgaben nicht jetzt erledigen würde, dann würde man binnen kürzester zeit im chaos versinken. so jedenfalls ist gern die argumentation in der schreibberatung.

schlicht formuliert werden halbbewusst falsche prioritäten gesetzt und dadurch der druck zu lösung der schreibaufgabe ständig erhöht. die fluchten fühlen sich aber nicht gut an. im hinterkopf kreisen die gedanken, dass man eigentlich etwas anderes, wichtigeres machen müsste. und gleich fallen einem wieder 10 ausreden ein, warum nicht gerade jetzt. der gute rat von außen, macht es meist nicht besser. da wird aufgezeigt, dass es nun mal dinge im leben gibt, die man nicht so gern macht, aber wenn man sich nur ein bisschen zusammenreisst, dann klappt das schon. da werden horrorszenarien, die man meist schon selber im kopf hat, ausgemalt und druck erhöht sich beständig.

nebenher ist der mensch auch noch so geschickt, dass er sich mit anderen vergleicht und davon ausgeht, die schaffen das alle ganz leicht, nur man selber kriegt es wieder nicht auf die reihe. außerdem, was hat man schon schriftlich mitzuteilen. die eigenen schreibprodukte zeugen doch eher von schlechter qualität, das forschungsprojekt liefert keine brauchbaren ergebnisse, man hat einen fürchterliche schriftsprache und noch vieles mehr. bei solchen gedanken kann man ja nur die flucht ergreifen und hoffen, dass sich alles von selbst regelt.

der teufelskreis besteht darin, dass das prokrastinieren keinen spaß mehr macht. so lang es einem gut damit geht, spricht nichts gegen „aufschieberitis“. aber sobald man nur noch mit schlechtem gewissen und bauchgrimmen die flucht antritt, lohnt ein blick auf die eigenen denkmuster. die erste frage lautet: wie realistisch ist die eigene einschätzung? flüchtende schreiberInnen haben meist Weiterlesen

schreibberatung und angst

allein der schritt in eine beratung, die einem beim schreiben hilft, mag angst einflössen. da befinden sich manche der ratsuchenden schnell in einer selbstverurteilungsschleife. „alle anderen schaffen es, sich schriftlich zu äußern, nur ich brauche unterstützung und beratung“, kann einer der gedanken sein. er ist so falsch wie angstfördernd. denn schaut man sich um, wird man feststellen, dass viele menschen schwierigkeiten mit dem schreiben haben. man kann dies verschieden handhaben. eine lösung besteht darin, möglichst wenig zu schreiben, eine andere, andere für sich schreiben zu lassen.

in deutschland gibt es immer noch eine hemmung, sich helfen zu lassen, sich in eine beratung zu begeben. irgendwo im hinterkopf vieler schwirrt der gedanke, dass man das doch allein schaffen muss. wer sich als seines glückes schmied versteht, der versteht es als persönliches versagen, wenn da was nicht klappt. und diese haltung wird auch in vielfältiger form gestützt. ich lese gerade ein buch zum wissenschaftlichen schreiben (werde ich demnächst hier noch vorstellen), in dem der autor zu verstehen gibt, dass wissenschaftliches schreiben einfach anstrengend sein muss und wehtun muss, sonst wäre es ja nicht wissenschaftlich.

schreibberatung kann diesen selbstanspruch und diese qual vielleicht einfach in ein lustvolles schreiben verwandeln, das nicht nur aus spiel und spaß besteht, sondern auch „professionelles“ und „berufliches“ schreiben in einen befriedigenden schreibprozess verwandelt. bei der schreibberatung lässt sich die vorstellung von u-schreiben und e-schreiben (wie die seltsame unterscheidung von u-musik und e-musik) aufheben. hauptziel ist es, die angst vor dem schreibprozess, auch wenn es um berufliches geht, zu nehmen.

da angst sehr verschiedene gründe haben kann, ist es notwendig diese gemeinsam in der beratung zu analysieren. Weiterlesen

schreibberatung und mut zur langsamkeit

wer in die schreibberatung kommt, steht meist unter zeitdruck. es muss etwas fertiggestellt, abgegeben oder konzipiert werden. wenn dann noch eigene hohe ansprüche oder erwartungen dazu kommen, dann steigt der stresspegel und das arbeiten fällt beständig schwerer. in diesen momenten müsste eigentlich die notbremse gezogen werden, um sich dem schreibprozess anders annähern zu können.

doch wie kann man vermitteln, dass es auch unter zeitdruck hilfreich sein kann, sich zeit zu nehmen, um schritt für schritt wieder in den schreibprozess einzusteigen? neben der vermittlung von schreibtechniken sollte aufgeschlüsselt werden, wie schreibende sich selber unter druck setzen. dies ist ein prozess, der eine gewisse zeit benötigt. denn man hatte gelernt, dass man an sich selber hohe ansprüche zu stellen hat. es geht darum zu erkennen, dass keine bestrafung und große sanktion erfolgt, wenn das endergebnis nicht ganz perfekt ist.

der lernprozess, nicht gleich mit dem schlimmsten zu rechnen, wenn das geschriebene nicht den eigenen ansprüchen genügt benötigt zeit. logisch können viele ratsuchende die grundsituation erfassen. sie sehen, dass sie durch die hohen erwartungen an sich selber eher zu gar keinem ergebnis kommen, dass sie sich selber im wege stehen. aber emotional ist ein veränderungsprozess schwer umzusetzen, ist es nicht leicht umzulernen.

beraterInnen können im laufe der zeit vermitteln, dass kleine schritte nacheinander überhaupt wieder in den schreibprozess führen, ja sogar ergebnisse hervorbringen. Weiterlesen

schreibberatung und kontrolle

menschen, die in die schreibberatung kommen, üben schon oft sehr viel selbstkontrolle aus und setzen sich unter erwartungsdruck. in der schreibberatung wird versucht, erst einmal das enge korsett an kontroll- und sanktionsmechanismen durch „losschreiben“ abzuschwächen. dabei werden die beraterInnen meist mit der widersprüchlichen situation konfrontiert, dass die ratsuchenden auf der einen seite sich selber streng bewerten und kontrollieren, auf der anderen seite die eigenen ansprüche nicht einhalten können und ausweichhandlungen suchen.

letztendlich arbeitet man dann gemeinsam an zwei fronten. an der einen geht es darum, dass das geschriebene nicht sofort perfekt sein muss, nicht jeden wichtigen gedanken enthalten und vor allen dingen nicht die letzte version sein muss. an der anderen front geht es darum, dass die prioritäten, nämlich der abgabetermin, wieder in den fokus rücken sollte, und somit ein erstellter zeitplan einzuhalten wäre, um spielraum für veränderungen und neue ideen zu haben.

wichtig erscheint mir dabei, dass die eigentlich vorgehensweise die ratsuchenden bestimmen. sie müssen die entscheidung treffen, welche arbeitsweisen und welche schreibtechniken ihnen liegen und ihnen helfen. es macht keinen sinn, wenn schreibberaterInnen ihnen diese entscheidungen abnehmen. geschieht dies, ist die gefahr groß, dass die „anweisungen“ umgangen werden, da sie auf keinem eigenen interesse gründen.

letztendlich geht es bei den beratungen um ein sukzessives umdenken, das auch seine zeit benötigt. umdenken lässt sich am ehesten durch positive erfahrungen mit dem schreiben erlangen. hierfür sind die hier schon oft genannten schreibtechniken ein gutes mittel. denn mit relativ wenig aufwand können aussagekräftige und selbstgeschaffene texte entstehen. die aufgabe von schreibberaterInnen ist keine kontrolle der texte, sondern ein motivierendes und ehrliches feedback. Weiterlesen

ab wann habe ich eine lebensgeschichte?

der gedanke, erst im hohen alter lohne es sich, seine lebensgeschichte aufzuschreiben, ist weit verbreitet. viele menschen gehen davon aus, dass sie in jüngeren jahren noch nicht viel zu erzählen. sie leben in der erwartung, dass noch viel passieren wird. und erst wenn viel passiert ist, haben sie auch anderen etwas mitzuteilen. dabei kann es vorkommen, dass sie jahre später der meinung sind, es sei immer noch nicht viel in ihrem leben geschehen. und so finden sie sich dann in hohem alter in der situation wieder, dass sie der meinung sind, es sei nichts aus ihrer vergangenheit mitteilenswert.

in diesem gedanken steckt zum einen die vorstellung, es benötige dramatische entwicklungen, um etwas erzählen zu können. zum anderen wird davon ausgegangen, dass biografisches schreiben sich vor allen dingen an den leserInnen orientiere. letzteres habe ich hier schon thematisiert. ich möchte mich der frage zuwenden, ab wann ich davon ausgehen kann, eine „lebensgeschichte“ erlebt zu haben. auch hier ist die erste antwort kurz und knapp: ab dem moment, ab dem ich schriftlich beschreiben kann. fragen sie einmal ein kind, was es denn bis jetzt so erlebt hat und sie werden viele geschichten erzählt bekommen.

nur erwachsene fangen an, vieles erlebte als bedeutungslos zu bezeichnen. meist sind die wertungen über erlebtes gar nicht ihre eigenen, sondern annahmen, die sie aufgrund der urteile anderer machen. orientiere ich mich zum beispiel an einem extremsportler, erscheint mein leben in bezug auf körperliche anstrengungen und extremerfahrungen sicherlich nüchtern und langweilig. ich vergleiche in diesem moment aber birnen mit äpfeln. im vordergrund für das biografische schreiben sollte zu beginn die einfache frage stehen: was hat mich am meisten bewegt? es gibt keinen menschen, den nichts bewegt hat.

bewegen können einen „kleine“ ereignisse, wie ein kinoabend, an dem man einen film gesehen hat, der einen in den grundfesten der eigenen vorstellungen erschüttert hat. bewegen kann einen natürlich auch, eine traumatische situation erlebt zu haben, wie den tod eines geliebten menschen. kinder machen einem aber vor, dass ganz alltägliche begebenheit ebenso wichtig und bewegend erlebt werden können. natürlich entwickelt man in manchen zusammenhängen im laufe seines lebens eine routine. Weiterlesen