Schlagwort-Archive: selbstbewusstsein

schreibberatung und stärke

ratsuchende haben vor jedem beratungsgespräch schon die stärke aufgebracht, sich hilfe zu suchen, das gespräch zu vereinbaren und den termin wahrzunehmen. viele andere menschen verfügen nicht über dies kraft. doch im gespräch selber beschreiben sich viele als schwach, fehlerhaft oder unfähig eine bestimmte schreibaufgabe zu bewältigen. eine aufgabe von schreibberaterInnen ist es in diesem moment, neben der vermittlung von schreibtechniken, das selbstbewusstsein zu stärken.

dies lässt sich über verschiedene wege meist erreichen. zum einen kann man den menschen durch das absolvieren von schreibanregungen und die vermittlung von schreibtechniken, das gefühl zurückgeben, doch etwas schriftliches zu papier bringen zu können (und häufig dies nicht gleich abzuwerten). zum anderen kann man im gespräch die persönlichen ressourcen der ratsuchenden aufschlüsseln. meist zeigt sich, dass viel kompetenz vorhanden ist, diese aber als unzureichend betrachtet werden.

es geht oft in solchen beratungsgesprächen um die selbstbewertung, die wiederum auf teilweise erlebten fremdbewertungen basieren. man blickt also nicht selten in die vergangenheit, um festzustellen, wann das schreiben unangenehm wurde. kann man einzelne momente der abwertung durch andere ausmachen, dann können auch die gründe und maßstäbe für diese bewertungen hinterfragt werden. und man kann die frage stellen, warum den bewertungen durch andere so viel macht gegeben wird, dass die eigentliche tätigkeit des schreibens nicht mehr durchgeführt werden kann.

es geht nicht darum, bewertungen wegzureden. es wird sie immer geben, auch im berufsleben, teils berechtigt, teils beliebig. in der schreibberatung geht es darum, einen realistischen umgang mit den bewertungen zu finden, und einen angemessenen mit der Weiterlesen

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biografisches schreiben und bewusstes

wir menschen haben zum selbstschutz einen wunderbaren mechanismus: das verdrängen. in vielen lebensbereichen ist dies für uns sehr hilfreich. doch manchmal verdrängen wir lang etwas und es will doch immer wieder an die oberfläche, in unser bewusstsein rücken. die anstrengung, es weiter zu verdrängen wächst stetig an und kann irgendwann eventuell nicht mehr geleistet werden. dann kommt bei uns etwas hoch, das wir eigentlich nicht sehen oder fühlen wollten.

solche situationen kennt jeder mensch. mal sind es größere packen, die wir verdrängt haben, mal kleinere begebenheiten oder emotionen. wenn wir versuchen selbst-bewusster zu werden, dann machen wir uns an die arbeitet, verschüttete erinnerungen und verdrängtes ans tageslicht zu bringen. gerade das biografische schreiben ist eine gute technik, um sich seine eigene lebenssituation aber auch verdrängtes bewusst zu machen.

um verdrängtes aufgreifen zu können, muss der richtige zeitpunkt kommen. man kann sich etwas nicht unter zwang bewusst machen. der richtige zeitpunkt hängt, wie schon oben ein wenig beschrieben, mit entwicklungen in unserem leben und mit unserer person zusammen. ich möchte noch einmal betonen – auch beim biografischen schreiben kann verdrängung ein nützliches mittel sein. es geht nie um die radikale selbstentblössung bis auf die knochen, auch nicht vor sich selber.

doch man kann natürlich durch assoziationstechniken, dem automatischen schreiben und der verbindung von meditation und schreiben sich auf die spur kommen. dies muss nicht immer negativ sein. man kann positve ereignisse ebenso verdrängen, wenn die persönliche umwelt dem erlebten feindlich Weiterlesen

schreibpädagogik und eifersucht

es geht nicht darum, ob es in schreibgruppen eifersüchteleien geben mag und wie damit umzugehen ist, wenn man die gruppe anleitet. an allen orten, an denen menschen aufeinandertreffen kann es zu kleinen konkurrenzen kommen, da unterscheiden sich die formen und wege wenig. nein es scheint mir wichtiger, einen blick auf eine recht spezielle form der eifersucht bei kreativen tätigkeiten zu werfen.

teilnehmerInnen von schreibgruppen berichten öfter davon, dass ihre freunde, bekannte oder lebensabschnittsgefährtInnen sich darüber lustig machen, was sie denn für ein hobby gewählt haben oder welchen seltsamen interessen sie folgen. meist beginnen die äußerungen mit einer abwertung der tätigkeit. es wird gern formuliert, dass es sich ja um so ein volkshochschul-ding handle (was überhaupt nicht gegen volkshochschulen spricht) und eher hausfrauen vorbehalten sei (was auch überhaupt nicht gegen die arbeit im haushalt spricht). in den bewertungen der sender dieser botschaften sind volkshochschulen und hausfrauen negativ besetzt. allein dies wirft etliche fragen auf.

aber man befindet sich in diesem moment an dem punkt, ob man überhaupt auf die äußerungen eingehen will. denn wenn man versucht sich zu rechtfertigen wertet man im gleichen atemzug auch die volkshochschulen und hausfrauen ab. gleichzeitig scheint es aber sinnvoll zu vermitteln, was schreibgruppen oder kreatives und biografisches schreiben so interessant und anregend macht. die eifersucht speist sich meist aus dem erleben, dass die schreibenden mit großer begeisterung von den dynamiken der neuen tätigkeit berichten. da hat jemand etwas für sich gefunden, da findet jemand einen neuen ausdruck seiner oder ihrer selbst.

als teilnehmerInnen von schreibgruppen führt man seinem umfeld vor, dass schreiben eine wirkung auf die eigene person hat. man verändert sich, man kommt sich näher und findet schriftlich worte für das eigene befinden. dabei kann es zu entwicklungen kommen, die der umgebung bedrohlich erscheinen. meist handelt es sich in diesen momenten um Weiterlesen

biografisches schreiben und freizeit

früher war das leben gedrittelt. 8 stunden arbeit, 8 stunden freizeit und 8 stunden schlafen. die trennung war klar und eindeutig. davon kann heute keine rede mehr sein. kommunikationstechnologien, globalisierung und vernetzungen haben dazu geführt, dass sich das arbeitsleben bei vielen menschen im gegensatz zu früher vollständig verändert hat. die „just-in-time“-produktion und -haltung fordert dazu auf, sich zumindest kommunikativ ständig zur verfügung zu halten, also die freizeit flexibel zu gestalten.

beim aufschreiben der eigenen lebensgeschichte kann man zuerst einen blick darauf werfen, ob man diese veränderung noch miterlebt hat oder das arbeitsleben vorher schon verlassen hat. um dann im nächsten schritt einmal zu schauen, wie man seine freizeit gestaltet hat und noch heute gestaltet. welches waren die persönlichen vorlieben in der freizeit? welches hobby nahm und nimmt viel raum ein. nun kann man noch ein wenig tiefer gehen und sich fragen, was einem so sehr an dieser form der freizeitgestaltung gefällt. wie sieht der persönliche anteil daran aus.

da finden sich sportliche aktivitäten, die den kopf frei machen, einen zu leistungen anregen und einen körperlich fit halten. da gibt es literatur, filme und zeitungen, die das denken anregen, eigene haltungen beeinflussen und stetes dazulernen ermöglichen. da gibt es die medien, das radio, den fernseher und heute das internet, die einen entspannen lassen, die einem das leben „draußen“ näher bringen und die die fantasie anregen. da gibt es das heimwerken, das gärtnern, das kochen, das basteln, das malen und vieles mehr.

und ganz oben auf der skala der freizeitaktivitäten steht für viele der soziale kontakt zu anderen menschen. selbst wenn während der arbeitszeit viel kommuniziert wurde, wünscht sich der mensch auch in der freizeit weitere kommunikation. sie findet auf einer anderen, persönlicheren ebene statt. wie hat man kontakt zu anderen menschen aufgenommen, welche möglichkeiten ergaben sich? und letztendlich die frage: wie wichtig war und ist einem die freizeit? Weiterlesen

schreibidee (200)

kinder haben einen vorteil, um den man sie manchmal beneiden könnte. wenn die anmutungen von außen zu ätzend werden, können sie sich ohne probleme in den trotz steigern. sie brüllen, sie schreien, werfen sich auf den boden, wälzen sich, sind kackbratzig ohne ende. das erfreut zwar ihre eltern nicht, ist aber ein unverfälschter ausdruck von zorn, wut und unwillen. was kann es besseres geben, als in der zweihundertsten schreibidee anregungen für „trotztexte und ich-bin-wie-ich-bin-geschichten“ zu geben.

eingestiegen wird dieses mal mit einem zehnminütigen fokussierten freewriting. der fokus liegt auf der frage „welche anmutung von außen geht mir gerade total auf den sack?“. die teilnehmerInnen sollen dazu einfach losschreiben und all ihre wut über die anmutung in den text fließen lassen. nach diesem ersten kathartischen moment wir von allen teilnehmerInnen eine lister der zehn dinge, die sie momentan am meisten aufregen, erstellt. aus dieser liste wählen sie die vorlage für den ersten text aus.

der erste text versammelt alle widerständigen satzformeln, die einem einfallen. angefangen bei „ich will nicht mehr …“, über „es reicht mit mit …“ bis zu „warum sollte ich weiterhin …?“. alle zum thema passenden verweigerungen und trotzreaktionen werden zeile für zeile verfasst und anschließend in der schreibgruppe vorgetragen.

nun ist es an der zeit, die trotzphase ein wenig zu verlassen und alle kathartischen momente in willensäußerungen fließen zu lassen. der zweite texte enthält die versammelten wünsche der schreibgruppenteilnehmerInnen für die zukunft. jeder satz beginnt mit „ich will …“. manche werden schwierigkeiten haben, ihren freien willen auszudrücken, da sie sofort den vorwurf des egoismus antizipieren. da empfiehlt sich der einschub des satzes: „ich will egoistisch sein!“. die texte werden nicht in der schreibgruppe vorgetragen.

zum abschluss wird eine längere „ich-bin-wie-ich-bin-geschichte“ geschrieben, die autobiografische züge haben kann, aber nicht muss. es soll eine geschichte sein, die keinen zweifel am starken willen der protagonistInnen aufkommen lässt und sich nicht darum schert, sich auf dem boden zu wälzen, zu schreien und einfach die anderen, die anderen sein zu lassen. im feedback, nachdem die geschichten vorgetragen wurden, wird zurückgemeldet, wie nachdrücklich das „so-sein“ wirkt.

was bringen mir kreativität und schreiben?

gern wird der nutzen von aktivitäten und entwicklungen betrachtet. wieso sollte ich etwas lernen und anwenden, wenn es keinen effekt für mich hat? also effekte, oder wie nadine hostettler es in ihrem kommentar formulierte, „erfolge“ hat man mit kreativität und schreiben immer, die frage bleibt, wie erweitert die kombination beider fähigkeiten meine handlungsmöglichkeiten? ich möchte hier ein paar konsequenzen benennen. doch im vorfeld noch bemerken: das kreative schreiben ist sicherlich keine wundertechnik, die uns alle zu bekannten und berühmten schriftstellerInnen macht, sondern eine ansammlung von techniken und vorgehensweisen, die uns manche tätigkeiten erleichtern können.

aber kommen wir zu den möglichkeiten, die sich aus der kombination von kreativität und schreiben ergeben können:

  • ohne großen zeitaufwand gelange ich zum regelmäßigen schreiben. etliche techniken bieten „erfolge“, also ergebnisse nach fünf bis zehn minuten. wenn ich diese zeit täglich dafür nutzen kann, schaffe ich schon erstaunliche ergebnisse.
  • durch diese unkomplizierten möglichkeiten kann ich meine eigene ehrfurcht und angst vor dem schreiben abbauen. noch zu oft denken viele, es benötige erst einmal eine grandiose idee, viel zeit und geniale schreibe, um sich effektiv auszudrücken.
  • mein schreiben entwickelt sich eher in spielerischer form, denn durch große anstrengungen.
  • ich erweitere meinen spielraum für sprache. mir fallen formulierungen und zusammenhänge ein, die sich mir vorher schwerer erschlossen hätten.
  • ich finde eine zusätzliche möglichkeit in meinem leben, mich auszudrücken.
  • ich finde eine zusätzliche möglichkeit in meinem leben, eindrücke zu verarbeiten.
  • mein blick in die „welt“ wird umfassender. ich nehme mehr wahr, laufe aufmerksamer durch den alltag.
  • dadurch erschließen sich mir mit großer wahrscheinlichkeit auch mehr handlungsmöglichkeiten im laufe der zeit. je mehr eindrücke ich verarbeite, desto mehr alternativen werden vorstellbar und anwendbar.
  • mein erweitertes und „neues“ schreiben kann sich in allen lebensbereichen ausbreiten. sowohl berufliches schreiben, soziale kontakte als auch wissenschaftliche ergebnisse und selbstreflexionen lassen sich entwickeln.
  • ganz persönlich überwinde ich vielleicht die mir in der schule nahegelegte ernsthaftigkeit beim schreiben. humor darf in meinen schriftlichen ausdruck einzug halten.
  • da beim schreiben immer auch anteile von mir einfließen, ich mich ausdrücke, kann mir das schreiben, die kreativität bei der selbstreflexion eine große hilfe sein. nun muss ich mich nicht die ganze zeit selbst reflektieren, aber umbruchphasen kann dies eine große hilfe sein.
  • nicht nur beim schreiben kann ich die ernsthaftigkeit des lebens ein wenig zurückdrängen, auch bei der bewertung meiner leistungen und „erfolge“ besteht die möglichkeit meine erwartungshaltung an mich selber ein wenig zu reduzieren.
  • selbstbewusstsein schöpft aus eigenbewertungen, der verarbeitung von fremdbewertungen und sichtbaren veränderungen in meiner lebensqualität. kreatives schreiben ermöglicht mir den blickwinkel auf mich selbst zu verändern. es garantiert zwar keinen positiven blick aber die chance, näher an eigenen bedürfnissen zu sein, erhöht sich. Weiterlesen

selbsterkenntnis und schreibpädagogik

schreiben hat immer reflexive momente. selbst wenn ich gerade eine horrorgeschichte verfasse, fließt etwas von mir als person ein. dies kann sich in verhaltensweisen des protagonisten zeigen, in gedanken der opfer, im gesamten plot oder auch nur an der ausstaffierung einer beschriebenen wohnung. aber es gibt kaum einen schreibprozess, in dem ich so weit von mir abstrahieren kann, dass das ergebnis keine persönlichen anteile enthält. geschäftsbriefe, vielleicht auch forschungsarbeiten oder juristische texte kommen meist ohne persönlichen anteil aus. doch das macht sie auch so distanziert und alles in allem recht uninteressant, zumindest für nicht-spezialisten.

inzwischen lösen sich selbst diese starren muster ein wenig auf. es menschelt in der post und in der wissenschaft. das kann skurrile formen annehmen, die eher nach emotionalen offenbarungen scheinen, denn nach ernsthaften professionellen tätigkeiten. es kann aber auch zu ansprechenden texten mit persönlichem bezug führen, die sich angenehm lesen und noch eine menge informationen vermitteln. selbst solche texte schreiben sich leichter von der hand, wenn ich mir meiner bewusst bin. daher kommt es nicht von ungefähr, dass menschen, die abschlussarbeiten oder berichte verfassen müssen, prompt dann in persönliche krisen geraten, wenn dies ansteht. abgesehen von der frage, „warum mach ich das überhaupt?“, oder dem zweifel, „wie sieht meine zukunft nach der abgabe aus?“, lässt das regelmäßige schreiben die gedanken nebenher fließen. sie in zaum zu halten fällt schwer und kann einen ganz schön aus der bahn werfen.

hier bekommt die schreibpädagogik zwei funktionen. zum einen durch techniken eine trennung zu schaffen zwischen dem verfassen der professionellen arbeit und den persönlichen reflexionen, zum anderen aber, selbst in die arbeit, die wissenschaftlichen gedanken, persönliches einfließen zu lassen. und eigentlich gibt es noch eine dritte funktion, die aber mit psychologischen vorgehensweisen kombiniert wird, einen umgang mit den selbstreflektiven momenten in stresssituationen zu finden. Weiterlesen

selbstbefragung (40) – selbstbewusstsein

die fragebögen zur selbstbefragung versuche ich unter rubriken zu bündeln. dieses mal geht es um „selbstbewusstsein„.

  • wie gut kennen sie sich? begründen sie.
  • sind sie mit den meisten ihrer handlungen heute einvestanden oder zweifeln sie öfter an ihrem tun? beschreiben sie.
  • welcher selbstbewusste mensch ist für sie ein großes vorbild (darf auch eine film- oder romanfigur sein)?
  • glauben sie an die wirkung von vorbildern? warum?
  • was benötigen sie, um sich ihrer noch bewusster zu werden? wer kann ihnen dabei helfen?
  • in welchen momenten vergessen sie gern, wie wichtig sie sich sind?
  • was mögen sie an sich nicht?
  • was mögen sie an sich?
  • welche der beiden gerade erstellten listen zum selbstwertgefühl ist länger? warum?
  • wem würden sie gern sehr selbstbewusst gegenübertreten? wie würde das aussehen? was hindert sie daran?

selbsterkenntnis und versuchung

man ist versucht, den ganzen selbsterkenntniskram sein zu lassen, scheint er doch anstrengend, nicht sehr ergiebig und nicht selten wie ein laufen im kreis. betrachtet man zum beispiel spontan geschriebenes aus krisenzeiten oder melancholischen phasen, kann man manchmal sein eigenes gejammer schwer ertragen. selten schreiben menschen nieder, wie gut es ihnen geht, denn dann geht es ihnen ja gut, es scheint nicht notwendig etwas zu verarbeiten.

erst einige zeit später realisiert man meist, wie gut es war, sich die zeit für sein eigenes gejammer zu nehmen. man stellt fest, dass diese kreisbewegungen notwendig waren um die richtige abzweigung zu finden und sich abermals ein stückchen entgegen zu fahren. doch kaum befindet man sich auf der idyllischen landstraße, hadert man schon wieder mit den nächsten schritten der selbsterkenntnis. nicht selten formulieren menschen für sich, dass es ihnen ohne diesen ganzen psychoquatsch und dieses seelenstriptease auch ganz gut gehe. wohl wahr, wer nicht möchte sollte auch keine veranlassung haben die selbsterkenntnis voran zu treiben. es kann nicht zur allgemeinforderung werden, dies zu tun. und es stimmt, manche phasen der aufschlüsselung eigener gefühle und gedanken können verdammt anstrengend sein.

warum macht man es dann trotzdem? Weiterlesen

selbsterkenntnis – wozu überhaupt?

wir strengen uns an. wir bemühen uns. wir verändern uns. wir versuchen uns anders zu verhalten. wir analysieren uns. wir durchleuchten uns. wir ergründen unsere handlungen. wir strukturieren uns. wir erkennen uns. all dies, so weit wir es uns gedanklich vorstellen können. und wir lernen, dass es nie genug sein kann. wir sind uns sicher, dass wir, wenn wir uns selber erkennen, genug baustellen finden, an denen wir arbeiten können und sollen. so sind wir aufgerufen immer weiter zu wühlen und zu graben, um endlich dem ideal des allumfassend selbstaufgeklärten menschen nahezukommen. verweigern wir uns diesem prozess, stehen schon mahner und warner parat, die uns darauf aufmerksam machen, dass es an der zeit sei, an uns zu arbeiten. wir gelten schnell als nicht sozial kompatibel, wenn wir unsere beweggründe nicht offen legen können. unsere handlungen sind immer begründet, doch wir müssen auch die gründe wissen.

muss das sein? wer stellt die regel auf, dass man sich selber kennen müsse? und wie hat das auszusehen? nun, heute verdächtigen sich viele menschen selber. sie vermuten, dass es in ihren tiefen, in den abgründen ihrer seelen, verstecke gibt, die sie noch nicht erschlossen haben. sie vermuten schlimmes, dunkles oder böses in sich. darum begeben sie sich auf die suche. die suche nach dem wahren kern, dem punkt, ist er einmal ergründet, der den weg zum glück versperrt. dabei übersehen sie gern, dass ihnen beständig von außen die sicht auf ein glückliches dasein verstellt wird. es ist nicht ihr verschulden, indem sie sich nicht zur genüge kennen. es ist höchstens ihr verschulden, dass sie sich die alleinige verantwortung für ihre lebenssituation aufbürden lassen. gern eingenommen werden zwei reaktionsmuster. das eine erkennt irgendwann die behinderungen von außen, resigniert ob der großen macht und formuliert: „ich kann ja sowieso nichts ändern.“ das andere muster verinnerlicht die selbstverantwortung, begibt sich auf die suche nach mehr selbsterkennen, analysiert, durchdringt und zerstückelt die eigene person und findet laufend neue fehler und schwächen, resigniert und formuliert: „ich bin ein schlechter mensch.“

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selbsterkenntnis und selbstbefragung

manch einer hofft, dass ihm seine umwelt endlich die richtigen fragen stellt, damit er von sich erzählen kann. doch leider erscheint die umwelt nicht selten recht widerständig und interessiert sich für einige aspekte des lebens des anderen nicht. so sitzt er weiter da und hofft. dabei kann viel zeit vergehen, ungenutzte zeit.

schon früher gab es menschen, die wahrscheinlich gern selber gefragt worden wären und darum schlichte fragebögen entwickelten, die sie anderen zusendeten. am bekanntesten wurde der bogen von marcel proust, da in den 80ern das faz-magazin ihn bekannten persönlichkeiten vorlegte. nun gibt es aber auch die möglichkeit, sich selbst einen fragebogen vorzulegen, um mehr über sich selber zu erfahren. dabei machen multiple-choice-fragen wenig sinn, da sie die antworten sehr einschränken. außerdem käme solch eine selbstbefragung den psychotests in diversen frauenzeitschriften sehr nahe.

nein, eine selbstbefragung sollte raum für die antworten geben. denn erst wenn ich meine gedankengänge in ihrer vollen länge notieren kann, kann ein schritt weiter in richtung selbsterkenntnis gegangen werden. das internet hat die fragebögen zum kennenlernen anderer wieder hoffähig gemacht. da werden stöckchen um stöckchen versendet. natürlich kann man sich diese stöckchen auch sich selber vorlegen. doch meist sind die fragen schon so angelegt, dass nur eine kurze antwort möglich ist und weites ausholen nicht geplant ist. so bieten sich eher explizit fragebögen zur selbstbefragung an.

neben einem fragenkatalog braucht man die nötige zeit, um auch alles zu beantworten. man sollte sie sich nehmen. stück für stück kann man dann sich sich selber annähern. natürlich darf daneben der austausch mit anderen menschen nicht fehlen. doch einmal mit selbstbefragungen angefangen, fällt es einem selber immer leichter, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein. und erst wenn ich für mich geklärt habe, wie meine haltung gegenüber den essentiellen dingen des lebens ist, welche emotionen in mir schlummern oder offen zu tage treten, erst dann fällt es mir leichter, mich und meine positionen, anderen gegenüber zu vertreten.

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die woche der selbsterkenntnis

wie schon des öfteren bei der schreibpädagogik bemerkt, ist das selbsterkenntnis-potential des schreibens nicht zu unterschätzen. vor allen dingen im biografischen schreiben geht es um die aufarbeitung von vergangenem und die erinnerungen an geschehenes. aber auch ein kleiner, kurzer text kann einem manches über einen selber sagen. doch weshalb sollte ich mich eigentlich ständig selber betrachten? ist das nicht so eine mode, die mich dazu zwingt, ständig ein besserer mensch zu werden?

dies soll in der „woche der selbsterkenntnis“ genauer betrachtet werden. unterfüttert wird das ganze von weiteren „selbstbefragungen“ wie sie schon in diesem blog zu finden sind, die auch zum ergebnis haben können, ein wirklich fürchterlicher mensch zu sein, sich aber dabei sauwohl zu fühlen. hier wird nicht gewertet, hier wird nur angeregt. denn einen vorteil hat die selbsterkenntnis: erst durch sie kann ich selbst-bewusstsein entwickeln. und das ist meist hilfreich in einer welt, die bestrebt ist menschen zu immer mehr bemühungen anzustiften. erst als selbst-bewusster mensch fällt es mir leicht, „nein“ zu dingen zu sagen, die nicht meinen vorstellungen entsprechen.

denn wie stellt es schon ein kurz-kurz-dialog dar?
„wir wollen doch nur dein bestes!“
„das kriegt ihr aber nicht.“

dazu sollte man sein bestes kennen. die frage bleibt, wie man es findet? wahrscheinlich mit und ohne andere. nun denn, ich lade ein zu einem einwöchigen ego-trip. 🙄

schreibidee (138)

sollte es jemals noch einmal richtig sommer werden, dann kann man baden gehen. baden lässt sich verschieden bewerkstelligen. man setzt sich ins flache wasser und plantscht ein wenig darin herum. oder man begibt sich in tiefere gewässer und schwimmt dort rum. um dies machen zu können, benötigt man die fähigkeit, schwimmen zu können. dazu kann man kurse besuchen und dann den „freischwimmer“ machen. auch im alltag finden sich genug soziale konstruktionen, die einen immer wieder im flachen wasser halten wollen. die drohung, dass es gefährlich sei, sich ins tiefe wasser zu begeben, hält manchen zurück, sich freizuschwimmen. deshalb eine schreibanregung zu „freischwimmer-texten„.

als einstieg dienen dieses mal zwei anregungen zum freewriting. die teilnehmerInnen der schreibgruppe werden eingeladen, ein fünfminütiges freewrtiting zur frage: „wo habe ich mich in meinem leben freigeschwommen?“ zu schreiben. anschließend noch einmal ein fünfminütiges freewriting zur frage: „wo möchte ich mich in meinem leben noch freischwimmen?“. diese texte werden nicht vorgelesen, sondern dienen nur der selbstverständigung.

in der folge sind zwei einseitige betrachtungen zu verfassen. die teilnehmerInnen wählen einen aspekt einengender lebensverhältnisse, diese können biografische züge haben, müssen aber nicht. die erste seite beschreibt eine einengende situation, in der sich jemand befindet. die zweite seite soll dann darstellen, wie die situation sich verändert hat, nachdem die person sich freigeschwommen hat. diese beiden seiten werden in der schreibgruppe vorgelesen, um zusätzliche anregung für alle teilnehmerInnen zu geben.

zum abschluss wird nun ein längerer „freischwimmer-text“ verfasst. wie dieser ausgestaltet wird bleibt den teilnehmerInnen überlassen. die texte werden anschließend vorgelesen und in der feedbackrunde soll thematisiert wie intesiv der aspekt des freischwimmens für die anderen wahrnehmbar wird.

kreatives schreiben und kreativität

es gibt menschen, die der meinung sind, sie seien nicht kreativ und werden es auch nie sein. dabei gehen sie davon aus, dass unter kreativität eine besondere fähigkeit zu verstehen ist, die nicht jedem gegeben ist. das ist eine auffassung, die weit verbreitet ist. sie hängt oft mit der vorstellung zusammen, dass kreativität besondere leistungen, wie den „faust“ hervorzubringen hat. dabei sind die ansprüche an sich selbst so hoch, dass jede kreative schreibtechnik scheitern muss.

dabei bietet gerade das kreative schreiben möglichkeiten, sich stück für stück den eigenen kreativen impulsen anzunähern. denn die assoziations- und schreibtechniken bieten, wenn sie konsequent angewendet werden, einen zugang, den eigenen zensor immer besser ausschalten zu können. sie führen die schreibenden an den punkt, sich nicht mehr so viele gedanken über das zu schreibende zu machen. natürlich verschwindet nach vollbrachtem schreiben noch nicht das vernichtende urteil.

bei etlichen teilnehmerInnen von schreibgruppen liegen anschließend zwei gefühle im widerstreit. zum einen das angenehme gefühl, etwas geschaffen zu haben, etwas eigenes produziert zu haben. zum anderen aber die kritische betrachtung des ergebnisses, die so schlecht und unprofessionell wirkt. da helfen oft auch keine bewertungen von anderen teilnehmerInnen, dass es sich um gute oder schöne texte handelt. hier werden die anderen eher abschätzig betrachtet, dass sie sich mit solchen schlechten ergebnissen zufrieden geben.

ein wenig verändern können diese situation eventuell selbstreflexive texte über den schreibprozess oder dialoge mit dem inneren zensor. denn bevor man sich endgültig der eigenen kreativität versichern kann, muss man sich vergewissern woher das strenge urteil über sich selber kommt. wann hat man gelernt, dass man höchstleistungen bringen muss und alles darunter ist nicht gekonnt. vor allen dingen bei der kreativität ist das mit der höchstleistung so eine frage, da die geschmäcker sehr verschieden sind. ansonsten kann noch eine schreibberatung hilfe bieten.

web 2.0 und sexualität

die wogen schlagen hoch beim versuch, kinderpornografie im netz zu unterbinden. so wie die wogen eigentlich hoch schlagen sollten, wenn generell eingriffe von staatlicher seite im internet vorgenommen werden. erstaunlich scheint, dass der hebel im netz angesetzt wird, also an einem kommunikationsort und nicht, wie zu vermuten wäre, an der wurzel, nämlich beim kindesmissbrauch.

warum werden nicht automatisch strafverfahren gegen personen eingeleitet, die kinderpornografisches material ins netz stellen? sicher, teilweise können die verursacher überhaupt nicht ausgemacht werden. doch es scheint erstaunlich, dass so wenig ausgemacht werden kann. wie wäre es, die verjährungsfristen für sexuellen missbrauch überhaupt einmal zu erhöhen. oft benötigen menschen recht lang, bis sie sich mit ihrem erlebten missbrauch auseinandersetzen können? wie wäre es, die kleinfamilie nicht unbedingt ständig als nonplusultra der sozialen zusammenlebensweise zu propagieren, da sie der häufigste ort sexuellen missbrauchs ist? und wie wäre es, wenn unsere gesellschaft den wert eines menschen wieder als wertvoll verstünde, dann wäre die hemmschwelle, sich an einem menschen zu vergehen, etliches höher.

noch seltsamer scheint die vorgehensweise generell mit sexualität im netz. überall, wo menschen aufeinandertreffen, geht es um sexualität. das ist so, war schon immer so und wird auch in zukunft so sein. und es sind erwachsene menschen, die die pornografie abrufen. Weiterlesen

biografisches schreiben und zweifel

zweifel können ausdruck des misstrauens oder der ungläubigkeit sein, sie können ansporn zur forschung oder des hinterfragens sein. zweifel sind unser motor der selbstbetrachtung. in einer konkurrenzhaften gesellschaft sind zweifel aber vor allen dingen eines, kleine possierliche nager am selbstwertgefühl. viele menschen fühlen sich von ihren mitmenschen in zweifel gezogen. sie beobachten einzelne reaktionen auf ihr dasein und ihr verhalten und gehen davon aus, dass sie sich fehl verhalten haben, obwohl keiner dies geäußert hat.

die toleranz gegenüber fehlern und schwächen von gedanken und verhalten ist bei uns sehr gering. so entsteht oft zwar erst ein gewisser anspruch von außen, erwartungen erfüllen zu müssen, gleichzeitig aber verinnerlichen viele menschen diese erwartungen und versuchen, alles zu geben, um vor ihrem inneren kritiker bestand zu haben.

beim verfassen der eigenen biografie oder lebensgeschichte lohnt ein blick auf die eigenen zweifel. in welchen  momenten überkamen einen die größten zweifel am eigenen dasein und an den eigenen handlungen. wie sah die lösung dieser selbstzweifel aus. wie realistisch scheint es in der nachschau, damals so an sich gezweifelt zu haben. es kann ja eine klare berechtigung geben, etwas zu ändern. aber es kann ebenso sein, dass die veränderungen gar nicht den eigenen bedürfnissen entsprachen und man sich auf kompromisse eingelassen hat, die man nicht mehr für sinnvoll hält.

das biografische schreiben ist eine gute möglichkeit, sich seiner selbst zu vergewissern. es sollte aber auch beachtet werden, dass dies vieles gelebtes in frage stellen kann, da aus der heutigen sich, eine menge überflüssiger kompromisse eingegangen wurden. auch hier ist es wichtig, sich zu überlegen, dass es aus damaliger sicht, aufgrund der damaligen zweifel seine berechtigung hatte. denn sonst besteht die gefahr, sich in bausch und bogen abzuqualifizieren und keinen blick mehr für die eigene entwicklungszeit zu haben. deshalb sind zweifel sowohl eine gute begleitung der eigenen entwicklung aber auch ein vorsichtig zu betrachtendes ereignis der vergangenheit. denn verzweifeln sollte man nicht an dem, was man erlebte.

schreibidee (50)

ein kleines jubiläum, die fünfzigste schreibidee. zum einen wird es zeit, alle schreibideen zu bündeln. das wird morgen geschehen und somit nach beinahe sechs monaten bloggen einen vielfältigen pool allen interessierten zur verfügung zu stellen. zum anderen bietet die 50 die chance das „jubiläum“ als schreibidee aufzugreifen. hat jubiläum was mit „jubel“ zu tun, ist es an der zeit jubilierende texte zu verfassen. das lässt sich in der schreibgruppe ganz schön umsetzen. die teilnehmerInnen überlegen sich, welcher mensch in ihrem sozialen umfeld sie begeistert, fasziniert oder erfreut. dem möchten sie etwas zurück geben.

dazu gibt es verschiedene möglichkeiten. zum einen kann die schreibanregung gegeben werden, eine dieser typischen jubilarsreime zu verfassen, die die anderen am schluss hochleben lassen. also eine überspitzte, gereimte variante der ode, die keine übertreibung auslässt.

die andere wäre, einen dankestext an die ausgewählte person zu verfassen, ohne die person zu erwähnen oder näher zu beschreiben. nur den dank auszudrücken aus der eigenen perspektive. was hat einem selber der persönliche kontakt zu dem begeisternden menschen gebracht, welche entwicklung  hat man dadurch erfahren. diese anregung geht in die richtung des biografischen schreibens und kann einhergehen mit lebenshöhepunkten.

und es besteht die möglichkeit, sich selbst zum jubilar zu machen. was findet man an sich selbst toll und erwähnenswert. das fällt sicherlich vielen nicht sehr leicht, ist es doch gesellschaftlich verpönt, da „eigenlob stinkt“. genau darum kann es einmal hilfreich sein, den inneren zensor zu überwinden und sich in einem text ausführlich zu loben. denn es wird nicht nur zu selten generell gelobt, es werden viel zu selten eigenlobe ausgesprochen oder geschrieben. diese schreibanregung hat schon beinahe einen therapeutischen effekt, der das selbstwertgefühl ein wenig stärken kann. hier erscheint es sinnvoll, den text auch den anderen vorzustellen. die anregung kann sich auch auf die frage, was findet man an den eigenen texten gut, konzentrieren. also jubel über die eigene schreibe.

denn in dem ganzen trubel

jubel, nichts als jubel 😛

schreibpädagogik und narzissmus

 

selbst“bewusstsein“ und selbst“liebe“ sind eine voraussetzung, sich mit seinen texten und geschichten an die öffentlichkeit zu wenden. wer nicht der überzeugung ist, dass etwas von den eigenen werken mitzuteilen ist, wird schwierigkeiten haben, sie auch überzeugend vorzutragen. deshalb ist der narzissmus bis zu einem gewissen grad bestandteil der schreibpädagogik. eitelkeit kann nicht schaden. die eigenschaft und verhaltensweise ist bei uns weiterhin negativ besetzt, da erziehung und gesellschaftsnorm gern den asketischen und demütigen menschen propagieren. wer von sich überzeugt ist, wird gern schnell und heftig kritisiert.

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biografisches schreiben und selbstwert

 

viele menschen zweifeln lieber an sich selber und ihrem verhalten, denn an den anderen oder den bedingungen. das ist erst einmal nicht negativ, da es auch eine grundlage des sozialverhaltens darstellt. hinterfragbarkeit ist eine der wichtigsten voraussetzungen für lernprozesse.

beim verfassen der eigenen lebensgeschichte oder biografie sollte diese vorstellung aber einmal in den hintergrund treten. denn ich schreibe meine eigene biografie und ich kann sie auch nur beurteilen. natürlich können andere nachfragen, wenn sie mehr details über erlebnisse oder erfahrungen bekommen möchten. doch man sollte aufpassen, seine eigene lebensgeschichte nicht zu diskutieren. ich kann meine biografie immer erweitern, wenn mir noch zusätzliches auffällt. ich kann aber nicht hinter meine subjektiven erfahrungen zurücktreten. das macht auch keinen sinn, da ich dann meine vergangenheit in frage stellen würde.

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