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„schreibdenken“ von ulrike scheuermann – ein buchtipp

Schreiben und Denken statt Denken und dann Schreiben

In ihrem neuen Buch bricht Ulrike Scheuermann die Lanze für eine umfassende Schreibdidaktik an Hochschulen, an Schulen oder in anderen Aus- und Fortbildungsinstitutionen. Der Titel des Buches gibt dabei schon die Richtung vor „Schreibdenken – Schreiben als Denk- und Lernwerkzeug nutzen und vermitteln“.

Bis heute ist bei uns die Auffassung verbreitet, dass man erst denken und dann reden (oder hier, schreiben sollte). Doch laut Scheuermann ist das oft ein recht ideenloser, anstrengender Prozess, der durch die Umkehrung der Abläufe erfrischt werden kann. Denn wenn wir schreiben, dann denken wir gleichzeitig. Eigentlich denken wir den ganzen Tag, jede Millisekunde ein Gedanke, doch wir vertrauen unseren spontanen Gedanken wenig. In ihrem Buch zeigt die Autorin Wege auf, wie wir durch das Schreibdenken zu einer sprudelnden Quelle von Ideen und Formulierungen werden können. Der Effekt besteht darin, dass uns Schreibprozesse, die wir tagtäglich in Beruf und Wissenschaft durchlaufen, leichter fallen, unsere Texte interessanter und lesbarer werden.

Um an diesen Punkt des Schreibdenkens zu kommen, offeriert Ulrike Scheuermann ein Bündel an Informationen und praktischen Übungen. Sie beginnt mit der Erläuterung, was Schreibdenken überhaupt ist, wie es wirkt und wo es angewendet werden kann. Dann gibt sie den LeserInnen durch die Darstellung von Schreibtypen und Schreibprozessen ein Werkzeug an die Hand, die eigene (Schreib)Situation aufzuschlüsseln. Im Anschluss zeigt sie Methoden auf, die man für sich selbst oder als Lehrende in Seminaren anwenden kann. Der „Methodenkoffer“ bietet für jede Situation ein Anregung, das Schreibdenken in die eigenen Arbeits- und Schreibprozesse zu integrieren. Zum Schluss wird in dem Taschenbuch der Reihe „Kompetent lehren“ noch einmal gesondert auf die Möglichkeiten, das Schreibdenken in der Lehre anzuwenden, von der Autorin eingegangen.

Das Buch ist sehr verständlich geschrieben, die Anleitung der Übungen kann man leicht nachvollziehen und man hält einen Ratgeber im positiven Sinne in der Hand. So geht das Buch über den Gedanken des kompetenten Lehrens hinaus und animiert zum Selbstcoaching. Zum Kennenlernen des Schreibdenkens und zum Ausprobieren oder Umsetzen dieser Praxis lohnt sich der Kauf des Buches. Ich hoffe, dass sich das Schreibdenken in den Schulen und Hochschulen so etabliert, wie es Ulrike Scheuermann formuliert.

Diskussionswürdig finde ich jedoch die Begründungen, weshalb Schreibdenken sinnvoll und notwendig sei. Hier hat sich für mich ein Widerspruch ergeben. Als jemand, der sehr viele positive Erfahrungen bei Gruppenarbeiten und -diskursen gemacht hat, kann ich die Vorstellung, Gruppenideenfindungen und -diskurse würden Ausweichverhalten bestärken, nicht nachvollziehen. Es scheint mir, wie wenn es eher eine Kritik an den Lernbedingungen unserer Bildungsinstitute mit überfüllten Seminaren und Vorlesungen sein müsste. Und es scheint mir, wie wenn die Autorin dem selbst nicht vollständig folgt, da sie im Methodenkoffer wieder wunderbare Vorschläge für Gruppenarbeiten macht. Wahrscheinlich ist alles eine Frage der Umsetzungen und Absprachen in Lehrveranstaltungen. Auch hierfür macht Scheuermann sehr hilfreiche Vorschläge.

Da die Begründungen für den Einsatz des Schreibdenkens nichts an den vielen Ideen und Umsetzungsmöglichkeiten des Buches ändern, ist es ein äußerst empfehlenswertes Praxisbuch, sich anstelle des erst Denkens und dann Schreibens für das gleichzeitige Schreiben und Denken zu entscheiden.

Das Buch ist 2012 im Verlag Barbara Budrich in Leverkusen Opladen erschienen. ISBN 978-3-8252-3687-8.

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„seelengevögelt“ von veit lindau – ein buchtipp

noch ein ratgeber zum selbstcoaching oder zu selbstoptimierung (das sz-magazin hat gerade in seiner letzten ausgabe den begründer der selbstoptimierung ausgemacht – gustav grossmann: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/36861 ). aber ein buch mit aufforderndem und ganz humorvollem charakter. denn die sprache, die veit lindau verwendet, ist direkt und ohne schnörkel. das kann spass machen, vor allen dingen, da er sich erst einmal keiner problemlösungsinstitution angeschlossen hat.

das buch „seelengevögelt – manifest für das leben“ fordert dazu auf, das für einen selber wesentliche zu leben. auch dies keine neue botschaft, aber zumindest untermalt von einem großen optimismus. wie in anderen ratgebern tauchen hier zwar die ebenso die be- und verhinderungen des lebens der eigenen bedürfnisse auf, aber es droht im hintergrund nicht so sehr die „arbeit an sich selbst“. wahrscheinlich kommen wir heute ohne bücher, die uns beraten, wie man mit der vielfalt und den ruhigstellungsversuchen klarkommt, kaum mehr aus.

all diesen büchern ist eins gemein, sie reissen die gesellschaftlichen und politischen gründe für ein teils überforderndes und kompliziertes leben an, aber sie führen die daraus folgenden handlungen immer wieder auf den einzelnen zurück, der nur allein die wirkliche veränderung bewerkstelligen kann. kooperatives verhalten scheint unvorstellbar geworden zu sein. das sagt viel über unsere gesellschaft aus, die bücher sind auch nur eine folge daraus.

und doch finde ich das buch lesenwert, eben da es sehr direkt formuliert, vor welchen entscheidungen man sich gestellt sieht. und der autor formuliert gerade heraus, dass es verdammt viel zu entdecken gibt, dass kreativität eine möglichkeit ist, den eigenen ausdruck für ein lebenskonzept zu finden. manchmal wünscht man sich etwas mehr analysen der gründe für die ängste in einer angstgenerierenden gesellschaft. das buch ist 2011 im life-trust-verlag erschienen. ISBN 978-3-9434-7800-6