Schlagwort-Archive: selbstdarstellung

web 2.0 und kuschelig

das internet ist zwei auf einmal: kuschelig und gruselig. da gibt es die sozialen netzwerke in der digitalen welt, die auf der einen seite kontakte intensivieren können, die aber auf der anderen seite gern mal die kommunikation in eine wortwahl verrutschen lassen, die der situation nicht angemessen ist. was bedeutet es „befreundet zu sein, zu „gruscheln“ oder auch nur einen smiley zu erhalten?

da man sich im web 2.0 nur virtuell begegnet, bedeutet es erst einmal gar nichts. erst im laufe der zeit, kann man feststellen, wie ernsthaft bestimmte emotionen und emoticons gemeint sind. und wirkliche gewissheit erlangen alle erst bei face-to-face-kontakten. das macht es teilweise leichter, im netz kuscheliges von sich zu geben, dann aber auch wieder schwerer, es für bare münze zu nehmen.

so balanciert die kommunikation beständig zwischen der freude über nähe und zuneigung und den gedanken im hinterkopf, wie glaubhaft das alles ist. dies führt zu so zwiespältigen reaktionen, dass zwar beinahe alle nutzerInnen über die abläufe bei facebook lästern und schimpfen, es aber gleichzeitig intensiv nutzen. man kann davon ausgehen, dass ein großer teil der nutzerInnen der meinung ist, sie würden ganz anders mit den sozialen netzwerken umgehen, als der rest. sie wären selbstreflektierter und kritischer.

und dann packt sie doch plötzlich die mitteilungslust über dinge, die sie im realen leben nicht der ganzen welt mitteilen würden. denn wir alle sind gezwungen, sobald wir uns im web 2.0 bewegen und aufmerksamkeit möchten, uns darzustellen. ob durch bilder, worte oder links, es bleibt uns gar nichts anderes übrig. und es würde nicht viel sinn machen, sich im web 2.0 zu platzieren und nicht den wunsch zu verspüren, dass Weiterlesen

schreibidee (316)

wenn man sich die malerei anschaut, dann gibt es viele künstlerInnen, die sich irgendwann selbst gemalt haben. sie tauchen als kleine protagonisten in menschenansammlungen auf, sie haben sich mit gegenständen auf bildern arrangiert oder sie haben sich einfach spiegelbildlich in ihrem aktuellen zustand abgebildet. warum nicht auch mal schriftlich ein selbstporträt abseits des lebenslaufs und der eigenen vita erstellen. eine schreibanregung zu „selbstporträt-texten„.

da es sich bei diesen texten um einen (idealisierten) subjektiven eindruck handelt, ist der einstieg ein recht persönlicher. drei kurze texte werden verfasst (maximal eineinhalb seiten). die aufgabe besteht darin, sich selber als pflanzen, als tier und als gegenstand zu beschreiben. wenn man also ein tier wäre, was für ein tier wäre man dann und welche eigenschaften würde man besitzen? die schreibgruppenteilnehmerInnen stellen anschließen in der gruppe ihre drei kurzen selbstporträts vor. es gibt keine feedbackrunde.

der nächste schritt bezieht die malerei ein. dieses mal soll eine bildbesprechung von dem bild, das man von sich selber malen würde, geschrieben werden (maximal 3 seiten). wie will man sich abbilden? welche farben, welche darstellung und welche umgebung würde man bei einem gemalten porträt verwenden? die teilnehmerInnen besprechen ihr eigene fantasiegemälde (wenn sich nicht schon einmal in ihrem ein selbstporträt von sich gemalt haben oder eine malen ließen). auch der text wird kurz vorgetragen.

zum abschluss wird nun ein längerer text über sich selber verfasst. die bildbeschreibung wird in ein literarisches selbstbild übertragen. man kann sich in die weltliteratur einschleichen, kann sein selbst in dialoge packen, kann sein selbst in eine metaphernwolke packen, man kann eine steckbrief erstellen, kann als protagonist in einer story erkennbar werden, kann sich über sein umfeld „be-schreiben“ und vieles mehr. es gibt keine weiteren anforderungen, als eine literarische form der selbstdarstellung zu finden.

anschließend werden die texte in der schreibgruppe vorgetragen und es findet eine feedbackgruppe statt. dabei geht es nicht darum, wie zutreffend die selbstdarstellung ist, sondern darum, welchen eindruck die umsetzung der aufgabenstellung hinterlässt. wenn die schreibgruppe lust hat, sich der öffentlichkeit bei einer lesung oder ähnlichem zu präsentieren, dann könnten die schriftlichen selbstdarstellungen zum beispiel mit einem foto oder einem gemalten selbstporträt zusätzlich veröffentlicht werden.

schnickschnack (90)

das f***-wort ist inzwischen gebräuchlicher als noch vor jahrzehnten, ja es hat etwas freundliches, beinahe umgangssprachlich kuscheliges erhalten. manchen deutschen deftigen dialekten ist das nicht fremd. hier werden ausdrücke, die in anderen regionen beleidigungen darstellen, als freundschaftsbeweise und sprachliche zuneigung ausgeteilt.

ähnlich zu verstehen ist die website „fuck you very much“ aus dänemark. sie geht eine wunderbare verbindung aus diashow und gaaaanz knapper selbstdarstellung in ein paar worten ein. jeden tag kommen neue bilder und neue anmerkungen hinzu. die bilder sind fundstücke aus dem internet, die kommentare sind von zwei schreibenden verfasst.

wenn man dieses digitale bilderbuch aufschlägt, dann findet man wahrscheinlich sehr schnell ein gefallen daran, immer weiter zu blättern, sich eigene kommentare zu den bildern zu überlegen und einfach die schreibenden stück für stück kennenzulernen. wie weit die durchschimmernden haltungen der beiden veröffentlichenden nur virtuelle fantasie sind oder realität, das lässt sich nicht sagen, spielt aber auch keine rolle.

die seite ist vor allen dingen eine anregung. eine anregung zum bildersammeln, eine anregung sich selber mit ein paar worten und vielen bildern darzustellen. oder eine anregung, zu einzelnen bildern ganz eigene geschichten zu erfinden und zu schreiben. einfach mal vorbeischauen bei http://fuckyouverymuch.dk/ .

selbsterkenntnis und selbstbefragung

manch einer hofft, dass ihm seine umwelt endlich die richtigen fragen stellt, damit er von sich erzählen kann. doch leider erscheint die umwelt nicht selten recht widerständig und interessiert sich für einige aspekte des lebens des anderen nicht. so sitzt er weiter da und hofft. dabei kann viel zeit vergehen, ungenutzte zeit.

schon früher gab es menschen, die wahrscheinlich gern selber gefragt worden wären und darum schlichte fragebögen entwickelten, die sie anderen zusendeten. am bekanntesten wurde der bogen von marcel proust, da in den 80ern das faz-magazin ihn bekannten persönlichkeiten vorlegte. nun gibt es aber auch die möglichkeit, sich selbst einen fragebogen vorzulegen, um mehr über sich selber zu erfahren. dabei machen multiple-choice-fragen wenig sinn, da sie die antworten sehr einschränken. außerdem käme solch eine selbstbefragung den psychotests in diversen frauenzeitschriften sehr nahe.

nein, eine selbstbefragung sollte raum für die antworten geben. denn erst wenn ich meine gedankengänge in ihrer vollen länge notieren kann, kann ein schritt weiter in richtung selbsterkenntnis gegangen werden. das internet hat die fragebögen zum kennenlernen anderer wieder hoffähig gemacht. da werden stöckchen um stöckchen versendet. natürlich kann man sich diese stöckchen auch sich selber vorlegen. doch meist sind die fragen schon so angelegt, dass nur eine kurze antwort möglich ist und weites ausholen nicht geplant ist. so bieten sich eher explizit fragebögen zur selbstbefragung an.

neben einem fragenkatalog braucht man die nötige zeit, um auch alles zu beantworten. man sollte sie sich nehmen. stück für stück kann man dann sich sich selber annähern. natürlich darf daneben der austausch mit anderen menschen nicht fehlen. doch einmal mit selbstbefragungen angefangen, fällt es einem selber immer leichter, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein. und erst wenn ich für mich geklärt habe, wie meine haltung gegenüber den essentiellen dingen des lebens ist, welche emotionen in mir schlummern oder offen zu tage treten, erst dann fällt es mir leichter, mich und meine positionen, anderen gegenüber zu vertreten.

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schreibaufgabe (27)

sowohl das schreiben als auch das internet sind möglichkeiten, sich anderen mitzuteilen und zu erklären. doch der versuch andere für sich einzunehmen, das interesse bei anderen an einem selber zu wecken, ohne zu viel von sich preiszugeben ist eine beständige gratwanderung. also bietet sich die möglichkeit in andeutungen zu sprechen, zu schreiben oder darzustellen an. ich nehme eine andere rolle ein, um von mir zu berichten.

die folgende schreibaufgabe greift den „rollenwechsel“ auf und macht ihn an dingen fest. beschreiben sie sich über anderes. das mag jetzt verwirrend klingen und lässt sich leichter in fragen formulieren: wenn sie eine seife wären, was wären sie für eine seife? wenn sie ein tier wären, was wären sie für ein tier? wenn sie ein gemüse wären, was wären sie für ein gemüse? oder wenn sie ein autoteil wären, was wären sie für ein autoteil?

aufgabe ist es auf einer seite (also, was sie unter einer seite verstehen) eine beschreibung eines dings zu verfassen, die gleichzeitig sie mitbeschreibt. das überlässt den leserInnen die freiheit der deutung und ihnen das versteckspiel hinter dem ding. wenn sie zum beispiel ein tiger mit besonders breiten streifen wären, ist es an den leserInnen, sich zu fragen, was sie damit wohl sagen wollten. doch sie wissen für sich, warum die streifen so breit sind. wer das interesse bei den anderen noch ein wenig steigern möchte, kann einfach mehrere beschreibungen formulieren, die ein gesamtbild abgeben. so könnte man sich ganze essensgerichte, einen zirkus oder eine besenkammer vorstellen, deren bestandteile und akteure alle sie sind. überraschen sie uns mit sich. und achten sie darauf nicht zu viel von sich preiszugeben, ist ja nur ein spiel.