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schreibidee (353)

die kinder sind zu dick, die gesichter zu schlaff, die ernährung zu ungesund. es wird zu viel alkohol konsumiert, immer noch zu viel geraucht. das gehirn muss joggen, der körper nicht zu viel, wegen der kniescheiben. doch eigentlich sollte täglich etwas für die fitness getan werden. und die vorsorge. unbedingt vorsorge bei brust, prostata, magen-darm und alzheimer. ach nein, da war es früherkennung. nicht zu vergessen das richtige zeitmanagement, der abschied vom eindeutigen freien willen und das erlernen der fähigkeit, dem glück auf die sprünge zu helfen. – klingt nach einem fulltime-job ohne einen cent geld. eine schreibanregung zu „selbstoptimierungstexten“.

erst das einimpfen eines schlechten gewissens bringt die menschen dazu, wie man so schön schreibt und sagt: „an sich selbst zu arbeiten“. also wird der einstieg in diese schreibidee gleich ans eingemachte machen. die teilnehmerInnen notieren, was sie an sich selbst optimieren könnten, welche verbesserungsmöglichkeiten es gibt. aus der kleinen liste werden zwei punkte jeweils ausgewählt und zu jedem punkt wird eine halbe seite geschrieben, was und warum es verbessert werden könnte. die texte werden nicht vorgelesen.

anschließend wird die liste noch einmal betrachtet und es werden alle punkte auf der liste ausgestrichen, zu denen man keine lust hat. die schreibgruppenteilnehmerInnen sollten in sich gehen und sich fragen: „habe ich wirklich lust, xy zu verbessern? wirklich???“. im anschluss wird ein etwas längerer text darüber geschrieben, dass einem stetig nahegelegt wird, etwas an sich zu verbessern, man dies aber eventuell gar nicht will. wer hat einem das nahegelegt und warum? darüber wird ein text geschrieben, der frei in der form ist. es kann also eine geschichte, ein gedankenspiel, ein gedicht oder ein pamphlet sein. die texte werden in der schreibgruppe vorgetragen und es findet eine kurze feedbackrunde statt.

nun bleiben die punkte in der liste übrig, die man wirklich optimieren möchte. in einer tabelle oder einem cluster sammeln die schreibgruppenteilnehmerInnen gründe für die optimierung. sollte jemand tatsächlich nichts an sich finden, das zu verändern wäre, kann er / sie sich gedanken darüber machen, was an den menschen optimiert werden müsste und sammelt dafür gründe. sind die gründe benannt, stellt die schreibgruppenleitung ein paar zitate aus ratgeber-büchern zur selbstoptimierung vor. es werden beispiele für motivationstexte gegeben. denn in der folge sollen die schreibenden eben solche texte verfassen.

einzige vorgabe für diese texte ist es, dass die sprache der motivation und der aufforderung übertrieben werden soll. die texte werden anschließend vorgetragen und es findet eine ausführliche feedbackrunde statt, in der auch betrachtet wird, wie motivierend die texte auf die anderen wirken. nun kann aus allen texten vielleicht ein neuer lebensratgeber erstellt werden. und wenn noch ein wenig zeit übrig ist, dann kann noch ein märchen geschrieben werden: was geschah, damit sie auch heute noch glücklich und zufrieden leben? die märchen werden zum abschluss vorgetragen.

schnickschnack (113)

im rahmen der selbstoptimierung kann alles noch ein wenig effektiver und schneller werden. einer der boomenden begriffe ist das „zeitmanagement“. so sind inzwischen jeder und jede aufgerufen, sich selber perfekt zu takten. und da die zeiten zwischen arbeit und freizeit in vielen berufen verschwimmen, da die erreichbarkeit eines jeden im vordergrund steht, darum ist vieles verbesserungsbedürftig.

also gestalten sie sich doch ihr leben noch ein wenig schneller, gehetzter, getakteter und effektiver. wozu zeit mit überflüssigem wie smalltalk oder hobbies verschwenden, es geht doch auch anders 😉 schon vor einiger zeit erschienen im magazin der süddeutschen zeitung 33 hilfreiche tipps, wie man im rahmen der selbstoptimierung noch mehr zeit sparen kann: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/36760 .

so humorvolle die ratschläge sind, sie treffen ins schwarze, bei dem planungs- und organisationswahnsinn, dem die meisten von uns inzwischen unterliegen. wenn kinder und jugendliche schon mit terminkalendern rumlaufen, um noch ihren alltag überblicken zu können und wenn erwachsene sich piepend auf den nächsten zeitabschnitt aufmerksam machen lassen müssen, dann scheint irgendetwas nicht mehr zu stimmen.

die einfachere variante bestünde darin, den kalender in einer reform verändern zu lassen und jedem tag 36 stunden zu zu weisen. die veränderung von kalendern diente auch früher schon den wirtschaftlichen anforderungen, warum darauf im rahmen der wirtschaftskrisen nicht zurückgreifen? 😯

„seelengevögelt“ von veit lindau – ein buchtipp

noch ein ratgeber zum selbstcoaching oder zu selbstoptimierung (das sz-magazin hat gerade in seiner letzten ausgabe den begründer der selbstoptimierung ausgemacht – gustav grossmann: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/36861 ). aber ein buch mit aufforderndem und ganz humorvollem charakter. denn die sprache, die veit lindau verwendet, ist direkt und ohne schnörkel. das kann spass machen, vor allen dingen, da er sich erst einmal keiner problemlösungsinstitution angeschlossen hat.

das buch „seelengevögelt – manifest für das leben“ fordert dazu auf, das für einen selber wesentliche zu leben. auch dies keine neue botschaft, aber zumindest untermalt von einem großen optimismus. wie in anderen ratgebern tauchen hier zwar die ebenso die be- und verhinderungen des lebens der eigenen bedürfnisse auf, aber es droht im hintergrund nicht so sehr die „arbeit an sich selbst“. wahrscheinlich kommen wir heute ohne bücher, die uns beraten, wie man mit der vielfalt und den ruhigstellungsversuchen klarkommt, kaum mehr aus.

all diesen büchern ist eins gemein, sie reissen die gesellschaftlichen und politischen gründe für ein teils überforderndes und kompliziertes leben an, aber sie führen die daraus folgenden handlungen immer wieder auf den einzelnen zurück, der nur allein die wirkliche veränderung bewerkstelligen kann. kooperatives verhalten scheint unvorstellbar geworden zu sein. das sagt viel über unsere gesellschaft aus, die bücher sind auch nur eine folge daraus.

und doch finde ich das buch lesenwert, eben da es sehr direkt formuliert, vor welchen entscheidungen man sich gestellt sieht. und der autor formuliert gerade heraus, dass es verdammt viel zu entdecken gibt, dass kreativität eine möglichkeit ist, den eigenen ausdruck für ein lebenskonzept zu finden. manchmal wünscht man sich etwas mehr analysen der gründe für die ängste in einer angstgenerierenden gesellschaft. das buch ist 2011 im life-trust-verlag erschienen. ISBN 978-3-9434-7800-6