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schreibidee (216)

in beziehungen ist das entschuldigen manchmal schwierig. man glaubt, die eigene position aufzugeben und eine schwäche in der machtkonstellation zu offenbaren. darum kommt das „entschuldigung“ einfach nicht über die lippen, obwohl man die restliche zeit mit einem schlechten gewissen rumläuft. in der schreibidee (130) wurden schon anregungen für entschuldigungstexte gegeben. doch die lassen manchen konflikt größer erscheinen als er war. darum soll dieses mal eine anregung für „sorry-gedichte“ gegeben werden. die gedichtform entschärft ein wenig die ernsthaftigkeit der entschuldigung, zieht die situation aber nicht ins lächerliche.

als einstieg werden zehn sätze mit dem anfang „sorry für …“ von allen schreibgruppenteilnehmerInnen geschrieben. diese texte werden nicht vorgelesen, erhalten aber durch die wiederholung des satzanfangs schon beinahe gedicht- oder gebetsstruktur. die sätze können an mehrere oder eine person gerichtet sein, und bei manchen teilnehmerInnen kann sich das gefühl von unterwürfigkeit einschleichen. es darf ausdrücklich auch humorvoll nach entschuldigungen gesucht werden. das wörtchen „sorry“ strahlt schon etwas gelassenheit aus.

darum der zweite schritt: es wird ein einseitiger text mit der überschrift „was wäre so schlimm daran, wenn ich mich entschuldige?“ verfasst. diese texte werden jedoch in der schreibgruppe vorgetragen. dadurch kann sich noch einmal über die beweggründe für entschuldigungen ausgetauscht werden. anschließend wählen alle teilnehmerInnen jeweils den gewichtigsten satz aus ihren zehn „sorry-sätzen“ aus. zu diesem satz verfassen sie ein elfchen, einen schneeball und ein haiku. die drei kleinstgedichte werden in der gruppe ohne feedback vorgetragen.

im letzten schritt werden aus den kleinstgedichten ein längeres gedicht formuliert. vorgabe ist es nicht, dass es sich reimen müsste. einzige vorgabe ist es, dass die erste zeile mit dem wort „sorry“ beginnen muss. das gedicht kann eine begebenheit wiedergeben, kann die beweggründe für das fehlverhalten beschreiben oder kann einfach nur eine rhythmisch formulierte entschuldigung sein. das letzte wort des gedichts muss dann auch noch einmal „sorry“ sein. die gedichte werden in der schreibgruppe vorgetragen und beim feedback formuliern die schreibgruppenteilnehmerInnen zusätzlich, ob sie die entschuldigung annehmen würden und wie ernsthaft das gedicht auf sie wirkt.

biografisches schreiben und entschuldigungen

anlass dieses posts sind die suchbegriffe, die zum schreibschrift-blog führen. immer wieder wird danach gefragt, wie entschuldigungstexte zu schreiben sind. man könnte sagen, man möge einfach „entschuldigung“ oder „tut mir leid“ oder „sorry“ schreiben. doch es hängt mehr an einer entschuldigung. es ist selbstreflexion und selbsterkenntnis notwendig, um sich entschuldigen zu können. und in diesem moment berühren sich biografisches schreiben und entschuldigungstexte.

denn ich betrachte vor der entschuldigung die vergangenheit. ich lasse ereignisse und mein erinnertes verhalten revue passieren. das betrachten der eigenen biografie und der eigenen lebensgeschichte erstreckt sich nicht ausschließlich auf lang zurückliegende ereignisse. es kann sich auch auf vor kurzem geschehene dinge beziehen. das biografische schreiben bietet auch für diese momente genug techniken, um zu einer selbstreflektiven haltung zu kommen. und ganz abgesehen davon, entschuldigen sich manche menschen für ereignisse, die schon jahre oder jahrzehnte zurückliegen.

der erste schritt besteht sicherlich darin, für sich festzustellen, wann es einen konflikt, eine diskrepanz oder einen kontrast zwischen, gesagtem, gedachtem und reaktionen gab. dies kann einem beim nachdenken auffallen, beim tagebuchschreiben oder bei unterhaltungen, wenn man erlebtes berichtet.

im zweiten schritt stellt man fest, dass etwas unangemessen war. kam es zum beispiel zu körperlicher gewalt, dann fällt diese erkenntnis vielen menschen sehr leicht (manchen leider überhaupt nicht). doch oft finden die verletzungen in der alltäglichen kommunikation statt. sie werden unterschwellig und unbeabsichtigt verursacht. erst die reflexion macht einem klar, was geschehen ist oder erst die reaktion des gegenübers zeigt einem, was man getan hat.

im dritten schritt muss man an den punkt gelangen, dass es einem wichtig erscheint, den eindruck des gegenübers zu relativieren, zu korrigieren. hier wäre es nun angebracht, einfach „entschuldigung zu sagen, oder zu schreiben. auch dafür halten das biografische und das kreative schreiben einige möglichkeiten parat. aber so einfach funktioniert es oft nicht, denn neben der verletzung des anderen, geschehen zwischen menschen in der kommunikation noch ganz andere dinge. Weiterlesen