Schlagwort-Archive: soziales wesen

biografisches schreiben und stärke

das leben ist für den menschen eine anstrengung. dadurch, dass wir wahrnehmen können, dass wir zu selbstreflexionen und zum nachdenken fähig sind, und vor allen dingen, dadurch dass wir nach dem wahnehmen und dem denken zu handlungen übergehen können, tragen wir, in unseren augen, verantwortung für unser leben. auch die menschen um uns herum geben uns beständig zu verstehen, dass wir verantwortung für unsere lebenssituation tragen.

das kann befreiend sein, da nur wir für unser leben verantwortlich sind und somit auch das recht haben, allein die entscheidungen für uns zu treffen. auf der anderen seite sind wir in ein soziales umfeld eingebunden, auf das wir teilweise angewiesen sind und das ebenso forderungen an uns stellen kann. wir tun uns keinen gefallen, wenn wir versuchen, uns dem umfeld vollständig zu entziehen. denn es fehlen uns dann rückmeldungen zu unseren verhaltensweisen und somit eventuell korrigierende momente.

ganz gleich, welche haltung wir zu unserer „selbstverantwortung“ einnehmen, honoriert werden gern so genannte „zeichen der stärke“ in unserem verhalten. doch was ist das? mit „stärke“ wird bei uns oft ein „männliches“ prinzip bezeichnet: sich durchsetzen, seinen weg gehen, den lonesome cowboy geben, möglichst wenige emotionen zeigen, nicht auf andere eingehen … inzwischen sind diese verhaltensweisen nicht mehr mit geschlechterrollen koppelbar, sondern nur lebensprinzipien, nach denen man seinen alltag ausgestalten kann.

beim biografischen schreiben kann man seine eigene definition von „stärke“ formulieren. was bedeutet es für uns, stark zu sein? und in welchen momenten unseres lebens hatten wir das gefühl, Weiterlesen

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biografisches schreiben und freiheit

freiheit ist ein weiter begriff. es gibt keine eindeutigen und klaren definitionen, was denn unter freiheit zu verstehen ist. außerdem ist zu unterscheiden zwischen gesellschaftlichen voraussetzungen, die freiheiten zulassen, und dem persönlichen denken, wie frei man sich fühlt. denn selbst in gesellschaften, die eine menge freiheiten geben, kann der einzelne das gefühl haben, eingeengt und fremdbestimmt zu sein.

zur subjektiven vorstellung von freiheit gehört eben die lebensgeschichte. welche erfahrungen von freiheit habe ich denn im laufe meiner lebens gemacht? wie weit wurde mir vermittelt, dass ich über viele aspekte meines lebens selbst bestimmen kann? durfte ich als kind die erfahrung relativer freiheit machen? bin ich menschen begegnet, die ein leben abseits vieler konventionen und regeln führten, und beeindruckten mich die menschen?

der mensch ist ein zwiespältiges wesen. zum einen strebt er hohe freiheitsgrade an, wenn sie ihm möglich erscheinen. doch er möchte nicht allein in der welt stehen. so kann eine vielzahl von entscheidungsoptionen auch angst verursachen. die wortwörtliche „qual der wahl“ kommt hier zum tragen. nicht selten fehlen anhaltspunkte ob derer entscheidungen getroffen werden können. so begrüssen viele eine struktur, die ihnen vermittelt und vorgegeben ist. andere wiederum gestalten ihre freiheit auf kosten weiterer mitmenschen. und generell bleiben wir soziale wesen, die auf kontakt zu anderen menschen angewiesen sind. so ist freiheit ohne lebensgeschichte und kontext nicht benennbar.

das biografische schreiben bietet hier eine gute möglichkeit, sich seinem eigenen, ganz persönlichen freiheitsbegriff anzunähern. man kann sich beim notieren der eigenen lebensgeschichte fragen: in welchen momenten fühlte ich mich zu sehr eingeschränkt? wann habe ich mich eventuell selber eingeschränkt? habe ich inzwischen eine form für mich gefunden, die vielen meiner bedürfnisse nahe kommt und die mir viele selbstständige entscheidungen ermöglicht? Weiterlesen

wen sollte meine biografie interessieren?

mich selber. so einfach lässt sich in bezug auf das biografische schreiben eine antwort geben. nur wenn ich ein interesse an meiner eigenen lebensgeschichte habe, macht das biografische schreiben sinn. schnell wird über das eigeninteresse geurteilt: menschen, die sich so intensiv mit ihrer eigenen geschichte auseinandersetzen sind narzistisch, egozentrisch oder einfach nur gelangweilt.

es ist heute üblicher, das licht unter den eigenen scheffel zu stellen und davon auszugehen, dass die eigene geschichte nichts besonderes bietet, um sie festzuhalten. also benötigt man so etwas wie biografisches schreiben auch nicht. hier wird verkannt, dass es gar nicht um besonderes geht. es geht nicht um eine außergewöhnliche biografie außergewöhnlicher menschen. es geht um die faszination, dass jedes leben einen bunten strauß an begebenheiten bietet, die einmalig und individuell sind. sie zu betrachten hat nichts mit selbstverliebtheit zu tun, sondern mit dem interesse an den hintergründen.

denn bei genauerer betrachtung wird jeder biografisch schreibende mensch feststellen, dass in seinem leben mehr geschehen ist, als er vorher annahm. ähnlich wie beim kreativen schreiben eröffnet sich im laufe der zeit eine bandbreite an ideen und blickwinkeln, die nie vermutet wurde. ebenso wie bei der kreativität, wird der blick für die details geschärft: es fällt einem mehr ein und auf. und, neben den effekten der selbsterkenntnis, der wert der eigenen person wird in der skala der wertschätzung höher eingeordnet.

das biografische schreiben ist ein ausdruck der sorge um sich selber. gern wird in unserer gesellschaft vermittelt, das höchste gut bestehe darin, sich um andere zu kümmern und zu bemühen, eine leistung für das gemeinwohl erbringen zu müssen, sich anzustrengen, um ein gutes auskommen zu haben. dabei verlieren viele sich selber aus den augen, ignorieren ihren eigenen wert. das biografische schreiben kann einen wieder zu sich selbst zurückführen.

es ist nur ein nebeneffekt, dass die ergebnisse des biografischen schreibens auch andere interessieren könnten. Weiterlesen