Schlagwort-Archive: spontan

wortklauberei (111)

„spontankunde“

was ist ein „spontankunde“? die antwort ist recht einfach: jemand der zum beispiel beschließt, „jetzt gehe ich noch schnell in den supermarkt, bevor er schließt“. das ist ein spontankunde. oder wenn sie bei der bahn am schalter ihre fahrkarte ohne vorbestellung im internet kaufen, dann sind sie auch ein spontankunde. der handel und viele dienstleistungen leben von den spontankunden und der spontankunde ist die normalität des kundendaseins. warum also ein spezielles wort für kunden verwenden?

weil die behörden der weltmetropole und hauptstadt berlin ihre probleme mit spontankunden haben. denn der spontankunde kommt zu den sprechzeiten spontan vorbei (also eigentich ist der spontankunde nicht wirklich spontan, da er sich schon an sprechzeiten orientiert) und überfordert den betrieb.

darum haben die bürgerämter der bezirks mitte dem spontankunden nur noch den montag reserviert (08.00 – 15.00 uhr – wartenummernvergabe maximal bis 13.00 uhr). hier kann man schon die wandlung vom spontankunden zum plankunden erleben. wie nun dem fernsehen zu entnehmen war, verkleinert sich das zeitfenster für spontane amtsbesuch zusätzlich enorm, dadurch dass der spontankunde eigentlich vor 08.00 uhr vor ort sein muss, um noch eine der beliebten wartenummern kurz nach 08.00 uhr zu erhalten, da eine stunde später keine wartenummern mehr ausgegeben werden.

der spontankunde wird also in berlin-mitte zum plan- oder terminkunden. die restlichen termine der woche werden nicht mehr spontan vergeben, sondern müssen per internet oder telefonisch vereinbart werden. das klingt erst einmal hübsch und soll die wartezeiten verkürzen, ist aber nur ein ausdruck des personalmangels. wenn schon vorher spontan die nachfragen nicht zu bewältigen waren, dann sind sie per terminvergabe erst recht nicht zu bewältigen. es wird also einen terminstau geben, der sich stetig summiert und dazu führen wird, dass in absehbarer zeit der nächste freie termin in ein paar monaten ist.

das wäre alles nicht so problematisch, wenn nicht gerade beim bürgeramt dinge erledigt werden müssten, die termingebunden sind (meldebehörde, verlängerung von ausweisen und dokumenten, ummelden und dergleichen mehr). doch das ist in berlin kein einzelfall. inzwischen bekommt man eigentlich von beinahe jeder behörde, wenn man mit einem antrag oder einem anliegen an sie herangetreten ist, die benachrichtigung, dass die post oder die mail eingangen sei, dass die antwort aber dauern könne. leider wird nie ein zeitfenster oder dergleichen mehr angegeben.

das bedeutet, nach der abschaffung des spontankunden wird auch der plan- oder terminkunde nicht mehr akzeptiert, sondern nur noch der wart- und verharrkunde, der sich spontan überraschen lassen kann, wann er denn nun eine antwort oder einen bescheid, eine entscheidung erhält. abgesehen von der verlorenen planungssicherheit, ist man den behördlichen abläufen vollständig ausgeliefert (und wird schon vorher darauf hingewiesen von nachfragen abzusehen). man ist also überhaupt kein kunde mehr, man ist inzwischen wieder bittsteller. berlin sollte den begriff spontankunde, der hier schnell einen bedrohlichen unterton erhält, ja subversiv über seine zeit verfügt, vollständig aus dem sortiment nehmen 😉

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selbstbefragung (169) – zufall

die fragebögen zur selbstbefragung versuche ich unter rubriken zu bündeln. dieses mal geht es um den „zufall“.

  • glauben sie an den zufall in ihrem leben?
  • wie war der grösste zufall ihres lebens? beschreiben sie.
  • welchen zufall würden sie gern herbeiführen können (obwohl es dann gar kein zufall mehr wäre)?
  • glauben sie bei der enstehung unserer welt an einen zufall oder an den determinismus? warum?
  • wie weit ist ihr verhalten zufällig?
  • haben sie schon einmal bei einer lotterie oder anderem gewonnen?
  • wie weit halten sie statistiken für zufällig?
  • wen haben sie zuletzt zufällig getroffen?
  • wen würden sie zufällig wieder treffen?
  • wie viel beachtung schenken sie ihren zufälligen gedanken? warum?

die letzten 150 selbstbefragungen sind als links hier gebündelt: https://schreibschrift.wordpress.com/2012/01/05/1500-fragen-zur-selbstbefragung-aus-diesem-blog/

biografisches schreiben und kombinieren

wenn man sich seine lebensgeschichte anschaut, dann gab es mit großer wahrscheinlichkeit immer wieder ereignisse, die sich ähnelten aber jedesmal unterschiedlich verliefen, je nachdem, welche menschen aufeinander trafen, was in der folge passierte. selbst wenn man sich bemüht, alle äußeren bedingungen identisch zu gestalten, hat jedes ereignis seine ganz eigenen regeln und verläufe. es lässt sich nichts vorhersagen.

beim biografischen schreiben kann man den blick auf die ereignisse werfen, die einen am meisten erstaunten. man dachte, man weiß, was passieren wird, ahnte die folgen der kombination und wurde überrascht. listen sie doch einmal die überraschungen ihres lebens auf. und schauen sie, wie sie mit den überraschungen umgingen. die spontanen reaktionen sind oft die spannendsten, wenn man sich selber noch ein wenig kennenlernen möchte.

natürlich kann man sich noch ganz andere kombinationen des eigenen lebens anschauen. welche menschen brachte man gern zusammen, mit welchen menschen brachte man sich selber gern zusammen und welche menschen passten gar nicht in einen raum? woran lag es, was geschah?

oder blicken sie auf ihre ästhetische welt: welche farben, welche muster und welche kleidung haben sie gern zusammengebracht, wurden zu ihren erkennungszeichen? warum gefielen ihnen die kombinationen? wie reagierten andere Weiterlesen

schreibidee (313)

es herbstet in windiger polarluft. alles färbt sich, abends wird es früh dunkel und morgens spät hell. die tag-und-nacht-gleiche ist vorüber, der schoko-weihnachtsmann steht schon längst im regal. alles in allem zeit, eine schreibanregung für „blatt-fall-geschichten“ zu geben.

der einstieg ist ein einfacher bei dieser schreibidee: alle teilnehmerInnen erstellen ein cluster ohne vorgaben, um für sich selber ein schreibthema zu finden. anschließend fangen sie an, ihre geschichte zu schreiben. die einzige vorbereitung durch die schreibgruppenleitung besteht darin, anzukündigen, dass es dieses mal ein unruhiges schreiben werden könnte und nur auf dem ausgegebenen papier geschrieben werden sollte.

es steht beinahe die gesamte gruppenzeit für die eine schreibanregung zur verfügung. und wie es dann im herbst so ist, stürmt es im raum. die schreibgruppenleitung gibt teilnehmerInnen spontan ein neues blatt, auf dem sie ihre begonnene geschichte weiterschreiben sollen. dafür wird ihnen das schon beschriebene blatt abgenommen. und nun schafft die leitung stück für stück ein kleines schreibchaos.

andere bekommen angefangene geschichten und sollen an ihnen weiterschreiben, dafür müssen sie ihren anfang abgeben. wieder andere erhalten abermals ein leeres blatt, auf dem sie das gerade geschriebene weiterführen sollen. so werden beständig blätter getauscht, ersetzt oder auf die seite gelegt. ist mehr als ein blatt vollgeschrieben, kann natürlich ein weiteres hinzugefügt werden. diese blätte müssen auf alle fälle für die weitere zeit zusammenbleiben, da sich darauf ein zusammenhängender text befindet.

die zeitlichen abstände des blättertausches sollten nicht zu kurz sein (darauf muss die schreibgruppenleitung achten), damit der schreibfluss der teilnehmerInnen nicht zu oft unterbrochen wird. im laufe der zeit entstehen diverse gemeinsam geschriebene geschichten. das ende der schreibzeit sollte eine viertel stunde vorher angesagt werden.

anschließend werden alle entstandenen texte und text-stücke in der schreibgruppe vorgelesen. eine feedbackrunde wird es in der üblichen form nicht geben. es wird sich darüber ausgetauscht, wie anregend oder behindernd diese form des verstörten schreibprozesses empfunden wurde.

schreibidee (239)

viele heutige begebenheiten erscheinen nicht mehr so drastisch und brutal, da wir gelernt haben, bis zum erbrechen flexibel zu sein. dadurch federn wir manches erschütternde reflexhaft ab, damit es uns nicht erschüttere. wir sind vorbereitet, wir sind voller lösungsmöglichkeiten, wir finden einen umgang mit ausnahmesituationen, dass es beim zuschauen schon schmerz. es wird zeit, dass wir auch „flexible texte“ schreiben 😮

um schön flexibel und geschmeidig zu sein, benötigt es vorher ein paar dehnübungen. das ist der schriftliche einstieg in die schreibanregung. von der gruppenleitung wird ein kurzer satz vorgegeben, z.b. „der affe hangelt sich von baum zu baum.“. aus diesem kurzen satz soll eine einseitige beschreibung entstehen, die nichts anderes schildert als der vorgegebene satz benennt. also wäre hier das hangelnd des affens auf eine seite zu dehnen. die ergebnisse werden kurz vorgetragen.

danach gehen die schreibgruppenteilnehmerInnen gleich zur ausführlichen schreibübung über. wieder wird ein satz vorgegeben der den anfang des flexiblen textes darstellt. danach kann frei weitergeschrieben werden, bis nach fünf minuten wieder ein satz vorgegeben wird, der sofort in die geschichte eingefügt werden muss. die schreibenden greifen den satz auf und stricken ihre geschichte weiter, bis nach fünf minuten abermals ein satz einzufügen ist, und so weiter. dies kann beliebig oft wiederholt werden. die eingefügten sätzte fordern zu einem flexibel auf die veränderungen reagierenden schreiben auf. anschließend werden die texte vorgelesen und in der feedbackrunde auch die flexibilität beurteilt.

zum abschluss eine kleine, sehr ähnliche übung. es ist ein gedicht zu schreiben. und auch hier wird während des schreibens von der schreibgruppenleitung immer wieder ein wort eingeworfen, dass sofort in das gedicht aufzunehmen ist. danach kann weitergeschrieben werden. die flexiblen gedichte werden dann noch vorgetragen.

kreatives schreiben und spielerisches

das kreative schreiben an sich ist ja schon eine spielerische angelegenheit. oder anders formuliert: in der kreativität steckt ein stück spielerischer zufall. es werden ideen, gedanken oder ereignisse miteinander kombiniert, die bis dahin noch nicht miteinander in berührung kamen. durch diese vorgehensweise entsteht neues, noch eine prise intuition und fertig ist der text. das mag manchen darum auch so „wertlos“ scheinen, da das spiel im spiel ist. hier zeigen sich immer wieder die wertigkeiten einer spaßfreien gesellschaft.

was spaß macht und spielerische aspekte beinhaltet, darf hobby oder persönliches vergnügen sein, kann aber nicht ernsthafte berufliche tätigkeit darstellen. bei uns wird während der arbeit nicht gespielt. dabei würde es dem arbeitsalltag gut tun, wenn sich die wertschöpfenden manchmal nicht ganz so ernst nehmen. auch spielerische geschäftsmails, jahresberichte sowie bilanzen könnten den alltag bunter gestalten. das bedeutet nicht, dass das spielerische den inhalt verfälschen würde, sondern dass es die realität abwechslungsreicher abbildet.

im kreativen schreiben bedeutet das spielerische das verlassen der streng strukturierten texte, geschichten und schreibübungen. es entsteht ein „spielraum“, der es allen schreibenden ermöglicht, einen eigenen weg zum ergebnis zu finden. zum schreiben werden anregungen herangezogen, aber keine anweisungen. oder noch drastischer formuliert: Weiterlesen

selbstbefragung (58) – spontaneität

die fragebögen zur selbstbefragung versuche ich unter rubriken zu bündeln. dieses mal geht es um „spontaneität„.

  • mögen sie spontane entscheidung bei sich selbst und bei anderen? begründen sie.
  • was verstehen sie unter spontaneität? beschreiben sie.
  • wann waren sie das letzte mal spontan?
  • hat es sich gut angefühlt? warum?
  • ab wann wird für sie spontaneität rücksichtslos? wie reagieren sie dann?
  • glauben sie, dass man im laufe seines lebens an spontaneität verliert? warum?
  • der sachzwang ist der gegenspieler der spontaneität. welche sachzwänge finden sie für sich persönlich am schlimmsten?
  • was war ihre letzte ausrede, um nicht spontan sein zu müssen, als ihr eigener impuls ihnen angst machte?
  • was würden sie jetzt gern spontan machen? warum machen sie es nicht?
  • welcher mensch ist für sie ein vorbild aufgrund seiner ansteckenden spontaneität?

schreibpädagogik und spontanität

stellen sie sich vor, sie haben für das nächste schreibgruppentreffen eine schreibanregung draußen im wald geplant. es ist wunderschönes wetter und sie begeben sich mit ihrer gruppe in den wald. nach einer stunde kommt ein gewittersturm auf, der keinen zweifel daran aufkommen lässt, dass es nicht sinnvoll ist, im wald weiterzuschreiben. also müssen sie als leiterIn der gruppe eine alternative anbieten.

oder sie geben eine schreibanregung und neun von zehn teilnehmerInnen kennen diese anregung schon aus dem letzten volkshochschulkurs im kreativen schreiben, finden die anregung langweilig oder sagen, ihnen falle nichts dazu ein. sie können nun natürlich ihr konzept auf biegen und brechen durchführen oder sich schnell eine andere anregung einfallen lassen.

hier unterscheidet sich die anleitung von schreibgruppen nicht groß von anderen gruppenleitungen. es können immer dinge geschehen, mit denen sie nicht gerechnet haben. dies sollte man sich schon im vorfeld bewusst machen. bei manchen führt das dazu, dass sie versuchen, sich gegen alle eventualitäten abzusichern und drei alternativvarianten vorzubereiten. dadurch schaffen sie nur eine teilweise sicherheit, denn es kann noch so viel passieren, das ihnen gar nicht in den sinn kam.

wichtig scheint es in solchen momenten, die ruhe zu bewahren, gelassen zu bleiben und spontan alternative möglichkeiten anzubieten. die vorfälle sind selten eine kritik an ihrem konzept sondern zufällige begebenheiten. natürlich wäre es schöner gewesen, im wald zu schreiben, aber nun kann man vielleicht das thema „gewitter“ als anregung nutzen. es scheint eine übungssache zu sein, die man im laufe von gruppenanleitungen lernt, auch einmal vollständig das eigene konzept über den haufen werfen zu können. und es spricht auch nichts dagegen, in solchen momenten die teilnehmerInnen in die ideenfindung einzubeziehen. sie verspielen dadurch nicht den status der leitung, da sie weiterhin die umsetzung anleiten. meist kann man im nachhinein nur über die absurden zufälle, die einem das eigene konzept demontierten, lachen.