Schlagwort-Archive: sprache

kreatives schreiben und störung

kreatives schreiben ist ohne störungen nicht vorstellbar. im kreativen schreiben steckt die störung als fester bestandteil. denn man verlässt die vorgezeichneten, vernünftigen und strengen bahnen des denkens. man bringt den mut oder die verzweiflung auf, etwas neues zu kombinieren, verbindungen zwischen bestandteilen oder gedanken herzustellen, die ungewöhnlich sind, die gestört wirken.

kreativität ist nichts anderes, als stetig das herrschende system, das vorhandene zu stören, zu verstören und dadurch neues entstehen zu lassen. vorstellbarer kann man dies an moderner kunst ablesen oder an experimenteller literatur. aber dies sind nur die extremen auswüchse eines und desselben vorgangs: dem bisherigen, neues hinzuzufügen. und „neues“ bedeutet immer, dass altes neu ausgerichtet wird. es werden vergleiche hergestellt, das neue wird eingeordnet und das neue reibt sich am alten oder das alte am neuen.

und doch ist die zurückhaltung groß, das kreative schreiben zu einer wirklichen störung werden zu lassen. oft kommt das kreative schreiben sehr leise daher, verhalten, etwas untergründig und persönlich. die kraft der sprache wird meist unterschätzt. gern entstehen dabei heitere texte, deren wutknospen nur in den nebensätzen zu finden sind. es entstehen texte, die versuchen, keine störung zu sein. sie sollen sich anpassen, reinpassen und aufpassen auf den kanon des schreibens, der literatur, der gesellschaft.

dabei ist kreatives schreiben schon längst eine störung und ein ausdruck des querdenkens. aber man zelebriert das querdenken zu wenig, zu vorsichtig. kreatives schreiben ist eine einladung, sich mit den eigenen texten außerhalb des bisher geschriebenen und gedachten zu platzieren. wie heisst das ätzende modewort? nachhaltig! kreatives schreiben kann nachhaltig verstören. das heisst noch nicht, dass es Weiterlesen

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wortklauberei (102)

„wirtschaft – wachstum – wohlstand“

die welt kann so einfach sein, wenn man dem „www“, der kapitalistischen dreieinigkeit des bundesministeriums für wirtschaft und technologie glaubt. diese wortkombination aus „wirtschaft – wachstum – wohlstand“ prangte öfter in werbebannern auf webseiten von tageszeitungen. doch nicht genug damit, das „www“ war erst der anfang. danach wurde noch ministeriumslyrik an der seite der homepage eingeblendet:

„energiewende!
neue netze
neue fakten
neuer newsletter!“

abgesehen von der politischen dimension, dass die flexibilität in richtung neuer positionen nach jahrzehnten der oden an die atomenergie einen doch noch erschreckt, fallen einem viele assoziationen zu den texten ein. ja, man wird überschwemmt von ideen. ich würde dem beinahe rhythmischen verslein gern die überschrift „“neu“lich“ verpassen. und ich würde gern den neuen newsletter durch „neue haltungen“ oder „neue versprechungen“ ersetzen.

auch das „www“ ließe sich noch ein wenig aufhübschen. wie wäre es mit „wirtschaft – wachstum – weltzufriedenheit“ oder „wirtschaft – wachstum – wahnsinn“? man könnte eine kleine schreibaufgabe daraus entwickeln: schreiben sie ein gedicht für das ministerium für wirtschaft und technologie!
ganz schnell würde ich folgendes einreichen:

klimawandel!
wirtschaft
wachstum
weltuntergang

ja, ja, ich weiß, die moralkeule, aber spaß macht es schon. die ministerialen dichterInnen haben zumindest bei mir ihr ziel erreicht: aufmerksamkeit 😉

selbstbefragung (158) – bürokratie

die fragebögen zur selbstbefragung versuche ich unter rubriken zu bündeln. dieses mal geht es um die „bürokratie“.

  • in welchem moment kam die bürokratie das erste mal über sie? beschreiben sie.
  • welche unterlagen haben sie überhaupt nicht verstanden?
  • welches problem bekamen sie im zuständigkeitswirrwarr nie geregelt?
  • verhalten sie sich auch manchmal bürokratisch? warum?
  • wann bedeutet bürokratie sicherheit für sie?
  • wie würden sie das steuersystem verändern? beschreiben sie.
  • bei welchen bürokratischen abläufen finden sie unsere gesellschaft am ungerechtesten?
  • wie gehen sie heute mit bürokratischen situationen um? beschreiben sie.
  • ist so eine „selbstbefragung“ wie diese hier nicht auch ganz schön bürokratisch? warum?
  • welches gesetz würden sie sofort erlassen?

die letzten 150 selbstbefragungen sind als links hier gebündelt: https://schreibschrift.wordpress.com/2012/01/05/1500-fragen-zur-selbstbefragung-aus-diesem-blog/

wortklauberei (101)

„männer färben nicht – männer tunen“

jawoll ja, das ist doch mal ein satz, der wäre auch zu kaisers zeiten angekommen, wenn zu dieser zeit ebenso viele anglizismen durch den raum schwirrten wie heute. ja, es ist ein satz aus großvaters zeiten, als sie alle glatze hatten, die männer, einen gezwirbelten schnurrbart und seltsame hüte trugen. schon damals bauten sie an ihre kutsche breitreifen und einen flotten heckspoiler.

aber nein, es ist der spot für ein haarfärbemittel, das männer kaufen sollen. wir erinnern uns sofort an bundeskanzler, der nicht gefärbt hat. wir erinnern uns an haarteile die leider jedem menschen sichtbar werden. wir erinnern uns an die vielen glatzen und halbglatzen, die mit seiten- und hinterhaar zugedeckt werden sollen. an die blonden strähnchen die in den 80ern des letzten jahrhunderts auch männer verschämt auf ihrem kopf erstellen ließen. „tunen“ bedeutet so viel wie „abstimmen“. doch womit wird abgestimmt, was wird abgestimmt?

man kann das auto-tuning vielleicht zu raten ziehen: da wird der motor aufgemotzt (das haar fluffig gemacht), die karosserie lackiert (eben farbe ins haar gebracht), die breitreifen montiert (durch haareinpflanzungen der schopf dichter bestückt) und der heckspoiler angebracht (ich schreibe nur vo-ku-hi-la). ich glaube, nicht die ollen kamellen der macker-welt nerven so an dem werbspruch. es sind die verschämtheiten der männer, die erst solche sprüche möglich und den verkauf des haarfärbemittels zunehmen lassen.

dem kann man nur entgegen halten: liebe männer färbt eure haare so oft und so abgestimmt (auf eure kleidung, euren hund oder euer auto), wie ihr wollt. was ist schon dabei? früher habt ihr euch kriegsbemalung ins gesicht geschmiert – auch das war make-up!

100 „wortklaubereien“ aus diesem blog

worte, werbung, wortwendungen, polit- und beratersprech – ein weites feld, in dem sich immer wieder begrifflichkeiten oder aussagen finden, die absurd, fragwürdig, irrwitzig oder einfach nur kracher sind. ich fühle mich nicht als saubermann der deutschen sprache – ich greife nur gern skurriles auf (auch wenn es nicht tagesaktuell ist) und versuche, es auseinander zu klauben. nun sind die 100 klaubereien voll, darum hier eine linksliste zu den verschiedenen auffälligkeiten:

wortklauberei (01): „tiefkühlkost“
wortklauberei (02): „seitenflügel“
wortklauberei (03): „ausbildung“
wortklauberei (04): „zeitnah“
wortklauberei (05): „wellness“
wortklauberei (06): „mit dem wort links habe ich keine berührungsängste“
wortklauberei (07): „wintereinbruch“
wortklauberei (08): „verantwortungsloses system“
wortklauberei (09): „dienstleistungsgesellschaft“
wortklauberei (10): „garnier-koffein-augen-roll-on“
wortklauberei (11): „finanzmarktstabilisierungsanstalt“
wortklauberei (12): „die genuss-molkerei“
wortklauberei (13): „schicksalsreportage“
wortklauberei (14): „handy“
wortklauberei (15): „rauschtrinken“
wortklauberei (16): „clashen lassen“
wortklauberei (17): wort des jahres: „finanzkrise“
wortklauberei (18): „kinderleicht-regionen“
wortklauberei (19): „… dass niemals wieder ein vorstandsvorsitzender der deutschen bank ein renditeziel von 25 prozent vorgibt“
wortklauberei (20): „kampfmittelbeseitigung“
wortklauberei (21): unwort des jahres: „notleidende banken“
wortklauberei (22): „always ultra mit secure guard schutzkonturen“
wortklauberei (23): „ein herz für erzeuger“
wortklauberei (24): „eine neue zeit beginnt. wir sind bereit.“
wortklauberei (25): „in dieser unendlichen weite des tabellen-ozeans“
wortklauberei (26): „cesar – zeig deine liebe“
wortklauberei (27): „wir werden das konjunkturtal überwinden“
wortklauberei (28): „up-&-awake-pads“
wortklauberei (29): „athletisches design“
wortklauberei (30): „zwei leben. eine liebe. sheba“
wortklauberei (31): „karriere lounge“
wortklauberei (32): „creativ catering“
wortklauberei (33): „bunte eier aus bodenhaltung“
wortklauberei (34): „das stinkt doch nach pfusch“
wortklauberei (35): „schicken sie ihren gaumen auf weltreise“
wortklauberei (36): „bossnapping“
wortklauberei (37): „bad bank“
wortklauberei (38): „sei welt – sei meister – sei berlin“
wortklauberei (39): „stück für stück ins homoglück“
wortklauberei (40): „gesundheitskasse“
wortklauberei (41): „endlich gibt es tempo auch als toilettenpapier“
wortklauberei (42): „trendwende“
wortklauberei (43): „internationaler tag des kusses“
wortklauberei (44): „frauenpolitik & genderpolitik in der friedrich-ebert-stiftung“
wortklauberei (45): „basisfahrplan“
wortklauberei (46): „analog-käse“
wortklauberei (47): „kundenlebenswert“
wortklauberei (48): „dienstleistungsbereitschaft“
wortklauberei (49): „du bist nicht auf der welt, um zu schweigen“
wortklauberei (50): „sprachbox“
wortklauberei (51): „black puty”
wortklauberei (52): „eine gute id“
wortklauberei (53): „unsere kommune ist demenzfreundlich“
wortklauberei (54): „millionisieren”
wortklauberei (55): „verschwulung des bezirks“
wortklauberei (56): „wutbürger“
wortklauberei (57): „wahre liebe kribbelt nicht. sie brutzelt.“
wortklauberei (58): „neujahr“
wortklauberei (59): „der vorsatz“
wortklauberei (60): „amt warnt vor asthma durch babyschwimmen“
wortklauberei (61): „abends mit gesundem gemüse kochen“
wortklauberei (62): „thailändisches überschwemmungsamt“
wortklauberei (63): „die unnötigen zeilenumbrüche des nachrichtentextes wurden automatisch entfernt“
wortklauberei (64): „transformationspartnerschaft“
wortklauberei (65): „lebensqualität“
wortklauberei (66): „eine entscheidung der konsequenz“
wortklauberei (67): „stumpfsinn“
wortklauberei (68): „grenzwert“
wortklauberei (69): „warnschussarrest“
wortklauberei (70): „mozarella in „herzli“-form zum muttertag“
wortklauberei (71): „angsthase“
wortklauberei (72): „eifersucht“
wortklauberei (73): „rumgurken“
wortklauberei (74): „lehruntauglich“
wortklauberei (75): „nicht kirchensteuerpflichtig = vd“
wortklauberei (76): „smartbucher“
wortklauberei (77): „schlichtgefieder“
wortklauberei (78): „lasst benni nicht im heim sterben”
wortklauberei (79): „sozialer patriotismus“
wortklauberei (80): „schmutzfangmatten“
wortklauberei (81): „krümelschutz“
wortklauberei (82): „bundestrojaner“
wortklauberei (83): „dumpf-muffiger fehlton“
wortklauberei (84): „flexiquote“
wortklauberei (85): „schuldenschnitt“
wortklauberei (86): „un-möglich“
wortklauberei (87): „un-gehalten“
wortklauberei (88): „auf der grundlage eines festen kompasses“
wortklauberei (89): „der breite widerstand ist friedlich“
wortklauberei (90): „selbstausfragung“
wortklauberei (91): „kochblockade“
wortklauberei (92): „care-verpflichtungen“
wortklauberei (93): „verfassungsschutz“
wortklauberei (94): „globalzufriedenheit“
wortklauberei (95): „ausgeflöckel“
wortklauberei (96): „for you. vor ort“
wortklauberei (97): „ehrensold“
wortklauberei (98): „einschaltquote“
wortklauberei (99): „billiges geld“
wortklauberei (100): „fettstufe“

viel spaß damit!

kreatives schreiben und medien

… passen gut zusammen. auf diesen schlichten satz kann man das verhältnis des kreativen schreibens zu diversen medien bringen. alle medien können für das kreative schreiben anregungen und assoziationsmaterial liefern. zeitungen und zeitschriften kann man sogar direkt für das erstellen neuer texte, also für das schreiben mit der schere und dem klebstoff verwenden. fernsehsendungen oder kinofilme können dazu dienen, sie nachzuschreiben, plots für ähnliche genres zu entwickeln oder sie nur zur inspiration zu verwenden. und über das internet habe ich hier schon viel geschrieben, eigentlich die ganze zeit.

spannender erscheinen mir da die immer wieder aufkommenden diskurse, dass die starke verwendung von medien, zum einen das lesen, aber auch zum anderen das (kreative) schreiben stark verändern oder zum verschwinden bringen würden. dass also unter kulturpessimistischen gesichtspunkten unsere vielfältige, geregelte sprache reduziert und verrohen würde, eine regellosen anarchie zum opfer falle. dieser wildwuchs müsse unbedingt eingedämmt und pädagogisch wieder in die richtigen bahnen gelenkt werden.

schaut man sich um, so wird mehr geschrieben denn je. über die qualität lässt sich manchmal streiten, doch die steht beim kreativen schreiben nicht unbedingt im vordergrund. erst einmal geht es darum, sich überhaupt dem schreiben auf einem anderen weg als dem schulaufsatz-artigen anzunähern, das schreiben auch als persönlichen ausdruck zu verwenden und der eigenen kreativität möglichst wenige grenzen zu setzen. unter diesem gesichtspunkt haben eigentlich alle medien zur nachahmung angeregt. man müsste einmal eine umfrage unter medienschaffenden starten, wie viele von ihnen als kinder und jugendliche im spiel vorhandenes mediales nachgeahmt haben.

ein schönes beispiel sind die star-trek-filme, die meist junge menschen dazu veranlassten ganze episoden nachzuspielen, eigene zu entwickeln, einen plot zu schreiben, aufzuzeichnen und zum beispiel auf youtube zu stellen. oder man nehme die umgedichteten songtexte, die satiren auf werbungen und dergleichen mehr. und selbst wenn es nicht zur nachahmung kommt, so zeigen Weiterlesen

wortklauberei (100)

„fettstufe“

da der wahnsinn um kohlehydrate und fettstufen erst so richtig beginnt, greife ich zurück auf altes, bekanntes und lyrik, um dem begriff „fettstufe“ ein angemessenes gewand zu geben (in anlehnung an hermann hesse):

(fett-)stufen

wie jede butterblume welkt und jede jugend
dem alter weicht, blüht jede fett´ge stufe
blüht jedes diät-reif auch und jede tugend
zu ihrer zeit und darf nicht ewig dauern.
es muss das herz bei jedem fetten rufe
bereit zum abschied sein und neubeginne,
um sich in tapferkeit und ohne trauern
in andre, neue ernährung zu geben.
und jedem anfang wohnt ein zauber inne,
der uns verdickt und der uns hilft, zu fetten.

wir sollen heiter raum um raum durchschreiten,
an keinem wie an einer pommes hängen,
der schmalzgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns stuf´ um stufe heben, weiten.
kaum sind wir heimisch einer geschmacksweise
und traulich eingewohnt, so droht erschlaffen,
nur wer bereit zum nachtisch ist und reise,
mag lähmender gewöhnung sich entraffen.

es wird vielleicht auch noch die todesstunde
uns neuem essen jung entgegen senden,
des fettes ruf an uns wird niemals enden …
wohlan denn, herz, nimm abschied und infarkte!

wortklauberei (99)

„billiges geld“

jupp, wieder etwas doppeldeutiges. also erst lernt das kind, geld ist geld, und dinge kosten davon einiges, wenn man sie haben möchte. es gibt festpreise und schnäppchen. beim billigen einkaufen zahlt man wenig für viel. doch dann kamen findige köpfe aus den ökonomie-zonen auf eine idee: warum die preise senken, man kann ja auch das geld billiger machen. die einen nennen es inflation, wenn es für das geld nichts mehr gibt, es nichts mehr wert ist. die anderen nennen es „billiges geld“, wenn das geld weniger kostet aber gleich viel wert ist.

es klingt wie die quadratur des kreises. gehen sie einmal in ihre bank und sagen am schalter: „ich hätte gern fünfzig euro für zwanzig euro.“ ihnen wäre zu ohren gekommen, es gebe von der ezb billiges geld. da wird man ihnen sagen, dass sie das nicht bekommen, sondern nur die banken. und das geld sei nicht billiger, nur die zinsen, die man für das geliehene geld zahlen müsse. sie beliefen sich auf ein prozent. „oh, da nehme ich auch was von. ich hätte dann gern einhundert euro zu einem prozent zinsen.“ und abermals wird die bank ihnen erklären, das gehe so nicht. es solle doch nur der stützung des marktes dienen, damit die banken genug geld hätten, um es zu mehr zinsen weiterverleihen zu können und zu wollen. sie sagen abermals, das würde ich auch gern machen. ich leihe mir also bei ihnen 200 euro zu einem prozent zinsen und verleihe es wieder zu drei prozent zinsen (damit liege ich allemal unter ihren konditionen).

doch auch in diesem moment versteht ihre bank keinen spaß. sie wird ihnen erklären, dass sie das nicht dürfen. da haben sie noch eine frage: „wenn ich das richtig verstanden habe, dann bekommen sie als bank billiges geld, da ich einen großen teil meines geldes wiederum an den staat gebe, der es der ezb gibt, die es billig an sie weitergibt? dann ist es doch nur für sie billig, mich kommt es aber teuer zu stehen?“ da hätte man etwas falsch verstanden, werden sie ihnen sagen. würde das nämlich nicht geschehen, würde sie als bank keine kredite mehr vergeben. sie sagen nur noch einen satz: „dann haben sie ihren beruf verfehlt.“ und am nächsten tag schreiben sie an den finanzminister, sie wollten ihr billiges geld zurück, es würde ja unter wert vergeben, sie hätten dafür aber ganz schön geschuftet.

sie können sicher sein, ab diesem moment wird man sie für nicht mehr geschäftsfähig erklären, sie als verrückten einordnen. und dabei hatten sie doch nur als kind gelernt, dass geld zwar wert verlieren kann, aber nicht billiger werden kann. so hatten sie nicht gewettet, als sie steuern als gesellschaftlichen beitrag befürworteten, nun sind sie nur noch ein finanzgesellschaftlicher beitrag 😡

wortklauberei (98)

„einschaltquote“

die einschaltquote meiner kaffeemaschine liegt relativ hoch bei mindestens zwei mal am tag. bei manchen menschen wird die kaffeemaschine nie ausgeschaltet im laufe eines tages. statistisch betrachtet zählt das öftere an- und ausschalten eventuell mehr als das einmalige anschalten. aber es könnte sein, dass die zeitdauer der stromversorgung erfasst wird und somit in die statistik die nutzungsdauer mit eingeht. nun habe ich damit aber immer noch nicht erfasst, wer mehr kaffee trinkt.

ungefähr genauso unausgegoren scheinen einem die einschaltquoten des fernsehens. gut, der perfekte statistiker, versucht möglichst viele informationen vom zuschauer zu erhalten (so zum beispiel die minütliche erfassung des ein- und ausschaltverhaltens). dann gibt es noch befragungen, previews und testgruppen, nur um sehen, funktioniert ein programm, eine sendung oder nicht. denn danach können dann rankings der beliebtheit und der kaufkraft ermittelt werden.

der begriff „einschaltquote“ soll das zuschauerverhalten in prozenten abbilden. aber wie das mit quoten so ist (siehe „die frauenquote“) kann mit der zahl keine qualitative aussage getroffen werden. der beginn des irakkriegs hatte weltweit eine hohe einschaltquote, ebenso der tsunami in japan, aber gleichzeitig hatten beide eine tragische komponente. das wort einschaltquote erscheint plötzlich ebenso bedeutungslos oder aussage-un-kräftig wie anwesenheitslisten in lehrveranstaltungen.

was auch der beste sozialpsychologe experimentell nicht erfassen kann, ist die tagesform der zuschauerInnen. nehmen sie überhaupt wahr, was da über den bildschirm flimmert. da wird zum beispiel immer die bedeutung der jungen kaufkräftigen generation für die werbeeinnahmen ins feld geführt. zynisch formuliert, leidet diese generation vor allen dingen unter aufmerksamkeitsdefiziten. ob die die werbung noch wahrnehmen? vielleicht brüllen einen deswegen die werbetrailer so an, um das defizit zu kompensieren 😉 .

auch nicht erfasst wird die qualität des alternativprogramms. heutzutage werden wir zur entspannungszeit des abends gequält mit miesem programm und wählen wahrscheinlich zwischen den kleineren übeln. doch das fragt niemand ab, wenn zwischen den casting-shows geswitcht wird. die tollen filme und dokumentationen, die wahrscheinlich mehr menschen interessieren würden, werden in die nacht verbannt. der kaufunlustige intellektuelle nachtmensch ist dann unterwegs. aber selbst dem fallen bei nicht vorherrschendem aufmerksamkeitsdefizit irgendwann in der nacht die augen zu. die einschaltquote wird höher sein, als die vielen sofaschläfer vermuten ließen.

ich will ab sofort die ausschalt- oder einschlafquote mitgeteilt bekommen!

wortklauberei (97)

„ehrensold“

ich will auch bundespräsident werden, also zumindest für anderthalb jahre. ich wüsste auch, was ich für reden halten würde, es gäbe manches zu sagen. wenn ich das schön durchhalte, dann bekomme ich einen „ehrensold“. das ist ein seltsames wort. es geht wohl davon aus, dass menschen in der position eines bundespräsidenten per se ehrenhaft sind, sonst wären sie nicht bundespräsident geworden. im ränkespiel der parteien eine etwas übertriebene vorstellung.

und irgendwie steckt da auch die vorstellung drin, dass man als bundespräsident anscheinend der wehrpflicht unterliegt oder „teil der truppe“ ist. wie käme sonst jemand auf die idee, es „sold“ zu nennen. jetzt steht natürlich die frage im raum, für was denn ehemalige bundepräsidenten gekämpft haben? aber vielleicht leisten sie zivildienst, da bekam man ja auch „sold“. man bekam sogar ein häufchen geld, wenn der dienst beendet war. wäre hübsch gewesen, wenn man es „ehrensold“ genannt hätte, bei dem knochenjob, den man gemacht hatte.

und noch schöner wäre es gewesen, wenn man über eine ähnlich hohe abfindung monatlich verfügen könnte. da wäre das häuschen, das man sich nach dem zivildienst gekauft hat, schnell abbezahlt. oh, das klingt jetzt nach sozialneid. stimmt, man möchte nicht zum bundespräsidenten werden, man möchte die rolle gar nicht übernehmen, allein der terminkalender, der einen da durch die gegend scheuchen wird.

aber doch impliziert das wort etwas, nämlich „ehre“. und da wird es auch schwierig. es ist ein sehr altbackener begriff, der schwammig daherkommt. meist wird auch dieser begriff im zusammenhang mit dem militär gebraucht, abgesehen vom ehrenamt. ehrenamtlich tätige dürfen eine aufwandsentschädigung erhalten, die in berlin zum beispiel für jeden geleisteten dienst den wert von zwei bvg-tickets umfasst für die fahrt hin und zurück.

gut es gibt ehrenämter, da wird mehr aufwandsentschädigung gezahlt, aber es darf eben kein gehalt sein. bei 200 000 euro im jahr, kann es sich aber nicht mehr um eine aufwandsentschädigung handeln (vor allen dingen nicht wenn im nachhinein bezahlt wird). wer in der glücksspirale oder in anderen lotterien die „rente“ gewinnt, liegt immer noch locker unter dem „ehrensold“. nein, es ist wahrscheinlich kein sozialneid – es ist die frage nach der verhältnismässigkeit zwischen leistung und entlohnung auf lebenszeit. hier werden durch den ehrensold viele ehrhaften tätigkeiten entehrt. wir leben da wohl über unsere verhältnisse.

schreibidee (350)

die deutschen haben einen seltsamen begriff, der schwer zu erklären ist und stark politisch besetzt ist: die „heimat“. heimat kann überall sein, wird aber meist sehr eng gedacht, also auf den eigenen ort, den eigenen kiez, das eine haus, die eine wohnung bezogen. ist die heimat einmal benannt, dann beginnt das spiel „meine heimat – deine heimat“. ganz selbstverständlich ist die eigene heimat die beste und die fremde nur bedrohlich. es wird zeit, diese vorstellungen zu untergraben, mit der schreibanregung zu „heimat-jedichten“.

dafür sind erst einmal heimatbegriffe zu suchen: die schreibgruppenteilnehmerInnen notieren sehenswürdigkeiten, wichtige gebäude oder institutionen aus ihrer heimat (was sie dafür halten, bleibt ihnen überlassen). nun suchen sie nach worten, die sich auf ihre sehenswürdigkeiten reimen, also zum beispiel „eiffelturm“ und „zweifelwurm“. im anschluss werden zwei vierzeiler in der form „abab aabb“ geschrieben.

doch nicht genug damit: am besten klingen die gedichte in der heimatsprache (also in der landessprache oder im ortsüblichen dialekt). dazu werden die gedichte noch einmal überarbeitet. im anschluss werden die hochdeutsche und die sprachlich veränderte version vorgetragen. es findet keine feedbackrunde statt.

im vorfeld des treffens wurde die schreibgruppe aufgefordert, texte über ihre heimat mtizubringen. dies sollten möglichst touristenführer oder ähnliches sein. man kann auch den lexikoneintrag zum wohnort, oder die fremdenverkehrsbotschaft aus dem internet ausgedruckt mitbringen. einen dieser texte (nicht länger als eine seite) wählen die teilnehmerInnen nun aus. dieser text soll stück für stück verdichtet werden. als erstes wird er auf einen zehnzeiligen abschnitt verdichtet, dann auf maximal zwölf verse (dies sich nicht reimen müssen) und zum schluss auf vier zeilen.

zum abschluss wird der heimattext weitergegeben an andere schreibgruppenteilnehmerInnen. diese verdichten die fremde heimat ebenso, wie oben beschrieben. und auch dieses „heimatjedicht“ sollte noch einmal in die ortsübliche sprache, in den ortsüblichen dialekt übertragen werden. dann werden der heimattext, die erste verdichtung, die zweite verdichtung und die dialektversion vorgetragen. anschließend findet eine feedbackrunde statt. darin kann auch die vorstellung von heimat diskutiert und der wettbewerb, welches der schönere dialekt, die schönere sprache gestartet werden.

sollte noch ein wenig zeit übrig sein, könnten die teilnehmerInnen im vorfeld mitgebrachte heimatgedichte von anderen schriftstellerInnen vortragen und damit den heimatabend beenden 😉

wortklauberei (96)

„for you. vor ort“

hallelujah, ein wortspiel, das seinesgleichen sucht. wenn man das liest, dann spürt man die verzweiflung der insolvenzverwaltung darüber, dass der drogeriemarktkette die kunden wegbleiben. menschen mit einer schreibschwäche werden sich durch diesen kurzen spruch bestätigt fühlen, dass man „vor“ auch mit „f“ schreiben kann und sich keiner daran stört. also greife ich diese grandiose aussage auf und erweitere sie um folgende:

  • for sex. vor spiel
  • for me. vor fahrt
  • for books. vor wort
  • for us. vor stellung
  • for jobs. vor stand
  • for peace. vor marsch
  • for children. vor schule
  • for you. vor schrift
  • for flowers. vor garten

weitere vor schläge (for fight 😉 ) werden gern entgegen genommen. for text. vor bringen.

buy, bei, bay, bai, bye!

wortklauberei (95)

„ausgeflöckel“

mei, is unser wetter putzig. da stehen sie vor ihren deutschlandkarten, zeigen uns kleine windige pustereien in der animation, zählen temperaturen, sonnenstunden oder auch regenmengen schön zusammen, wie in der grundschule, und berichten eben von „ausgeflöckel“, das noch aus den restwolken auf uns hernieder schweben wird. es ist schon *klatsche, klatsche in die hände* ein wenig wie auf dem kindergeburtstag, wie sie mit uns reden.

nur noch eine berufsgruppe schafft es so hübsch, einem das gefühl zu geben, ein wenig minderbemittelt zu sein und ohne diese sprache nichts zu kapieren: psychologInnen. ich erinnere mich da an lehrfilme über familienaufstellungen. da wurde dem gesagten durch eine sprachmelodie und *klatsche, klatsche in die hände* durch die putzige wiederholung des gesagten mit den klientInnen gesprochen, wie mit kleinen kindern. es erinnert an das blicken in den kinderwagen, an das „putzi, putzi“ und vor allen dingen an die tatsache, dass ein baby das natürlich noch ganz ansprechend findet und begeistert reagiert. dies wiederum steigert die begeisterung der erwachsenen *klatsche, klatsche in die hände*.

peinlich wird es aber, wenn man nicht mehr realisiert, dass man vor lauter ausgeflöckel, in den sandkasten zurückgerutscht ist. da möchte man als zuschauer auf die kleinen fingerchen hauen und immer wieder flöten „nein, schön die finger davon lassen! nein, du sollst da nicht hinfassen! naheeein!“. aber die hören einen nicht, ebensowenig, wie die erwachsenen beim blick in den kinderwagen sich selber hören. putzi, putzi, heute gibt es wieder ein wetterchen mit ausgeflöckel 😉

wortklauberei (94)

„globalzufriedenheit“

natürlich ist es werbung (und nicht ein ergebnis der sicherheitskonferenz in münchen), in der anscheinend bei der befragung der kunden der spitzenplatz bei der „globalzufriedenheit“ eingenommen wurde. doch was ist das? bedeutet dies, dass die menschen rundum zufrieden sind (da ja der globus eine kugel ist)? oder bedeutet dies, dass menschen auf dem ganzen globus mit dem angebot zufrieden sind? und was wäre dann „globalunzufriedenheit“? etwa die stimmung nach der letzten uno-sitzung?

mir scheint, die globalzufriedenheit ist etwas ähnliches wie mega-sauberkeit oder turbo-preise oder ultra-leicht. denn anders erschließt sich das wort nicht. jedoch bietet es perspektiven für zukünftige wortschöpfungen, die unsere erde einbeziehen. globalsauberkeit wäre der begriff, wenn der umweltverschmutzung einhalt geboten wurde. oder globalsattheit würde bedeuten, dass alle menschen zu essen haben. nur bei globaleitelkeit oder globalverlässlichkeit kann ich mich noch nicht so ganz entscheiden, wo ich die worte einordnen sollte.

also global betrachtet ist globalzufriedenheit ein ganz schön anmaßender begriff. gesteigert werden kann er wahrscheinlich nur noch mit planetarischer zufriedenheit oder (welt)allzufriedenheit. doch in diesem moment müssten wir erst einmal mit den anderen wesen in den unendlichen weiten kommunizieren können. das dürfte aber dem schöpfer dieses wortes nicht so schwer fallen, handelt es sich doch um ein telekommunikationsunternehmen. da passt dann doch wieder alles 🙂 .

„auf sie mit idyll“ von wiglaf droste – ein buchtipp

wie der vollständige titel des buches „auf sie mit idyll – die schöne welt der musenwunder“ schon sagt, finden sich darin kurze und etwas längere texte, die sich vor allen dingen der literatur aber auch sonst den schönen künsten und dem schönen leben zuwenden. wiglaf droste berichtet darin von seiner zeit als stadtschreiber in rheinsberg, portätiert krimiautoren und widmet sich den aktuellen politischen entwicklungen.

aber vor allen dingen beschäftigt sich droste mit dem gebrauch unserer sprache. er kommt in fahrt, wenn er das gefühl hat, dass sprache verhunzt wird, dass sie verschleiern und verstecken soll. und er hat keine hemmungen, eigene sprachkreationen (und kleine bösartigkeiten) in den text einfließen zu lassen. eine sehr amüsantes buch, das einen animiert, gleich selber zum stift zu greifen und sich der glosse zu zu wenden.

gewürzt wird ein teil der texte mit kleinen zwei- oder vierzeilern, mit einer „hymne auf die lesebrille“ oder eben solchen rhythmischen und direkten aussagen wie „das leben muss weggelebt, wachheit ist der schlüssel, und ohne klare bewusstsein ist alles nur tran und dschumm und pooftütentum.“ (droste über die erkenntnisse von janwillem van de wetering). ein durch und durch empfehlenswertes buch für menschen, die während des lesens gern lachen. es ist 2011 bei der edition tiamat erschienen. ISBN 978-3-89320-145-7.

wortklauberei (93)

verfassungsschutz

„freiheitlich demokratische grundordnung“ ist das zauberwort. wer dagegen agiere und sich äußere, der oder die sei beobachtungswürdig, lassen die vertreterInnen des verfassungsschutzes verlauten. und wie vorgestern im fernsehen zu vernehmen war, sei die unterstellung man sei auf dem rechten auge blind, eine unverschämtheit. wie das mit phrasen so ist, sollten sie gefüllt werden, bevor ein urteil gefällt wird.

wir haben eine verfassung und daraus folgend eine „freiheitlich demokratische grundordnung“. doch ab welchem moment agiere ich dagegen? ab dem moment, ab dem ich mich für politisches und soziales asyl einsetze? ab dem moment, ab dem ich mich gegen so genannten „turbo-kapitalismus und globalisierung“ wehre? vor wem schützt der verfassungsschutz die verfassung?

in erster linie vor menschen, die sich für eine humanere, sozialere und solidarischere welt einsetzen. leider werden nicht die beobachtet, die in den letzten jahren immer wieder unser grundgesetz angetastet haben. auch nicht die, die vom verfassungsgericht mit brief und siegel das urteil erhalten haben, dass sie gegen unsere verfassung mit ihren gesetzgebungen und verordnungen verstoßen. es geht eben nicht um die „freiheitlich demokratische grundordnung“, es geht um den status quo, der nicht zu großen veränderungen unterworfen sein soll.

der zweite absatz des artikels 14 sagt aus: Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen. nirgends im grundgesetz und unserer verfassung steht, dass ein agieren gegen die kapitalistische grundordnung gleichzeitig ein agieren gegen die freiheitlich demokratische grundordnung sei. sehr wohl steht aber im grundgesetz, dass niemand aufgrund der herkunft, der religion, der politischen anschauung oder des geschlechts benachteiligt werden darf, ja ein recht auf körperliche unversehrtheit hat.

wenn also diskutiert wird, was ein verfassungsschutz zu schützen hat, dann sollte auch diskutiert werden, was unser grundgesetz eigentlich sagt, denn nur dieses kann grundlage der „freiheitlich demokratischen grundordnung“ sein und nicht die verfasstheit politischer führung. es zeigt sich jedenfalls in der debatte, dass wortungetüme kaum mehr hinterfragt werden, sondern die definitionsmacht bei der schutzbehörde liegt. und es zeigt sich, wie weit unsere gesellschaft von der eigenen verfassung entfernt ist, ganz abgesehen von den menschenrechtskonventionen.

wissenschaftliches schreiben und schreiben

im gegensatz zum vorherigen post ist das wissenschaftliche schreiben ein ort der konventionen. kaum eine schreibform ist so klar reglementiert und standardisiert. es gibt einen beinahe weltweiten konsens für veröffentlichungen, formen des zitierens, abschlussarbeiten und dergleichen mehr. ziel des ganzen ist der (krampfhafte) versuch, wissenschaftliche erkenntnisse vergleichbar zu machen. leider leidet unter diesen konventionen meist die schreibsprache und ein großteil der wissenschaftlichen schreibe kommt unglaublich langweilig daher.

dass es auch anders geht, zeigen meist vorträge, vorlesungen oder „populärwissenschaftliche“ texte. hier darf wieder ausgeschmückt, animiert oder akzentuiert werden auf teufel komm raus. von sehr ernsten wissenschaftlern werden diese formen der äußerung abgewertet und gleichzeitig ihr gehalt in frage gestellt. wie wenn wissenschaft frei von jeder schreiblust sein müsse. so lange nicht fabuliert wird, also behauptungen aufgestellt werden, die nicht beweisbar und nachvollziehbar sind, dürfte eine entkrampfte sprache den wissenschaften eigentlich nicht schaden. (übrigens wird in den konventionellen forschungstexten teilweise versteckt unglaublich viel fabuliert, werden ganze forschungsergebnisse gefälscht.)

wer also nicht seinen status in den forschenden welten verlieren möchte, der halte sich an die konventionen. und wenn er mutig ist, dann veröffentlicht er noch nebenher ein knalliges populärwerk. doch auch dabei sei vorsicht geboten, denn zu viel aufmerksamkeit kann schnell bei anderen den oben beschriebenen reflex auslösen: zweifel an der ernsthaftigkeit des wissenschaftlichen vorgehens. es ist faszinierend, wie durch diese bewertungen eine form der Weiterlesen

wortklauberei (92)

„care-verpflichtungen“

nach den care-paketen kommen die care-verpflichtungen, die in der heutigen zeit immer noch mehrheitlich von frauen übernommen werden. dabei handelt es sich um die „pflege- und sorgearbeit“, die bei der brut oder bei älteren angehörigen zu verrichten sind. als ich diesen begriff das erste mal las, dachte ich, es ginge um einen versicherungsabschluss. doch weit gefehlt, es geht um tätigkeiten, die nicht mehr tätigkeiten genannt werden, da es einen ethischen und moralischen hintergrund gibt.

entweder ist es management- oder arbeitspsychologie-sprech, die sich hier breit machen. jedenfalls könnte man sich den begriff genauso gut in der coaching-sitzung oder in der zukunftsplanung eines großbetriebs vorstellen. es hat mit dem alltag nicht mehr viel zu tun, ähnlich wie „pflege- und sorgearbeit“. was ist bitte sorgearbeit? die anstrengung, sich ständig sorgen zu machen? oder doch nur der oberbegriff für ent- und versorgungstätigkeiten?

schon vom klar her, bekommt man das gefühl in einer durch und durch organisierten und technokratisierten welt zu leben, die in einer distanzierten und kühlen sprache den versuch unternimmt die konflikte im menschlichen zusammenleben (wie eben die weiterhin hauptsächlich den frauen zugeschriebene rolle der versorgung und pflege) zu entemotionalisieren. und so schleicht sich nicht nur der begriff „self-care“ in unsere sprache ein, sondern jetzt sind wir in care-momenten demnächst be-cared und blicken care-voll in die zukunft.

es ist zu vermuten, dass das wort „sorge“, das wir in diesen momenten normalerweise verwenden, zu stark wirkt, also den diskurs verschärft, darum wurde er ent-cared.

web 2.82 – canoo.net

wikipedia hat es vorgemacht und inzwischen sind viele weitere nachschlagewerke digitalisiert im netz abrufbar. das erleichtert vieles, hier kann man wirklich einmal von einer vereinfachung des lebens sprechen. erinnern sie sich noch? sie suchten eine information zu einem wort, vielleicht zur rechtschreibung, zu synonymen oder zur übersetzung in verschiedene sprachen. da standen sie vor ihrem bücherregal und zogen ein wörterbuch nach dem anderen heraus, schlugen nach, trugen zusammen, notierten oder kopierten die ergebnisse.

dann kam das internet und man konnte diverse seiten finden, die einem hilfreich zu diensten waren. man rief den link auf, den man unter den favoriten gespeichert hatte und gab das wort ein, schon bekam man die informationen, die man suchte. im laufe der zeit sammelten sich diverse links zu verschiedenen wörterbüchern in einer liste an, je nachdem, was man suchte.

das web 2.0 hat den vorteil, dass verschiedene informationsquellen wunderbar gebündelt werden können. man benötigt nur noch eine seite, um den zugriff auf verschiedene datenbanken zu bekommen. die seite „canoo.net“ bündelt quellen zu wörtern. da kann man die rechtschreibung, wortformen, also deklinationen und konjugationen abrufen, die wortbildung zerlegt auflisten lassen und wortkombinationen vorgeschlagen bekommen. man kann den eintrag auf wikipedia abrufen, bei linguisten und sprachwissenschaftlern, das wort übersetzen lassen, synonyme und redensarten zu dem wort suchen und das wort bedeutungsgruppen zuordnen lassen.

mehr kann man auf einen blick zu einem wort kaum erfahren. viel mehr kann auch kaum gebündelt werden. also, wer wort-hilfe benötigt, der besuche einfach mal die seite http://canoo.net .

schnickschnack (110)

es gibt eine rangliste der dialekte. dabei wird die beliebtheit der regionalen sprachen abgefragt. schwäbisch rangiert in diesem zusammenhang nicht gerade weit oben. doch seltsamerweise erhält das schwäbische im zusammenhang mit humor und satire schnell beliebtheit und fordert zu schenkelklopfern auf. sind es die verniedlichungsformen wie „gäbele“ und „messerle“ oder sind es die grobschlächtigen beschimpfungen und abwertungen, die den dialekt attraktiv machen?

das kann man wunderbar in einer reihe des swr überprüfen. „die welt auf schwäbisch“ für globale völkerverständigung. ausschnitte aus bundestagsdebatten werden „schwäbisiert“. denn eigentlich trifft sich der „sv 49“ im „adler“ in leimerstetten und diskutiert vereinsangelegenheiten. so geht es bei der ersten folge um die frage, ob beim „sommerfescht“ weiterhin spezi ausgeschenkt werden soll oder nur noch sprudel. zu finden ist diese feine diskussion auf youtube unter http://www.youtube.com/watch?v=AzwrkEBbGPk .

inzwischen gibt es noch viele weitere folgen, die man aber leider nirgends gebündelt findet. so muss man bei youtube einfach die suchfunktion „die welt auf schwäbisch“ eingeben und schon eröffnet sich ein bunter strauss an feinster dialektsynchronisation. wer das deutsche vereinswesen schon einmal ausführlich genossen hat und dazu satire benötigt, hier findet er sie. anschauen!