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„heringers reizwörterbuch“ von hans jürgen heringer – ein buchtipp

die sprache verwendet worte, die nicht vom himmel fallen, sondern über generationen aus den verschiedensten quellen entstanden sind. das kann man so hinnehmen, die wörter verwenden und sich weiter keinen kopf darum machen. doch manchmal fragt man sich: wer kam auf die idee? was will man damit eigentlich sagen? vor allen dingen die umgangssprachlichen ausdrücke erschließen sich einem nicht gar so schnell.

man nehme nur mal die verabschiedungen: „auf wiedersehen“ versteht ja jeder, auch der gehalt der aussage erschließt sich sofort. doch wie ist das mit „tschüss“? ist das ein abschied für immer, wie bei „und tschüss“? wer kommt auf solch ein wort, es gibt ja nicht wirklich vergleichbares außer „tschö“ oder „tschüssi“. in diesen momenten kann geholfen werden. der sprachwissenschaftler hans jürgen heringer hat sein ganz persönliches, nämlich „heringers reizwörterbuch – unwiderstehlicher deutscher wortschatz“ verfasst.

wie der titel schon erahnen lässt, geht es um eine subjektive auswahl der wörter, die zur analyse „reizen“. darum ist das büchlein auch keine lexikon oder wörterbuch im üblichen sinne, sondern eine lektüre für zwischendurch. es begegnen einem wörter wie „schickimicki“, „luder“, „knutschen“ oder „maloche“, die hergeleitet werden, erklärt werden und deren umfeld ergründet wird.

ein buch, das viele ideen für das schreiben, aber auch worte für texte bietet. zudem spürt man beim lesen, welche freude der autor bei seiner ganz persönlichen auswahl hatte, wie spielerisch die verknüpfungen hergestellt und beschrieben werden. und es zeigt sich, dass für die deutsche sprache beinahe in allen vorstellbaren kulturkreisen und regionen anleihen gemacht wurden, also gelebter multikulturalismus 😉

das buch ist 2011 bei duden – bibliographisches institut in mannheim erschienen. ISBN 978-3-411-71006-5

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schreibpädagogik und der spielerische umgang mit sprache

sprache dient aufgrund von regeln und konventionen dazu, dass menschen sich miteinander verständigen können. wenn jemand zu mir sagt: „das ist ein stuhl“, dann habe ich eine ungefähre vorstellung davon, was er mir gerade zeigt oder auf was er sich bezieht. und dies sogar, wenn der gegenstand, auf den er zeigt, nicht aussieht wie ein sitzmöbel. werden die regeln und konventionen der sprache beiseite gelassen und begriffe vertauscht, kann es schnell passieren, dass menschen sich nicht mehr verstehen.

das beste beispiel für konflikte, die aus sprachlichen veränderungen entstehen können, sind die generationskonflikte. wenn zum beispiel heute ein junger mensch seinen eltern von seinen tätigkeiten am computer oder im internet berichtet, kann es schnell der fall sein, dass er verständnislos angeschaut wird. ja, er muss sich erklären oder man lässt die aussagen einfach im raum stehen, doch eltern haben das gefühl, keine kontrolle mehr über die tätigkeiten ihres kindes zu haben.

darum scheint auch die diskussion über die veränderung der sprache immer so eine moralische und existentielle zu sein. angst vor kontrollverlust könnte dabei eine große rolle spielen. wiederum im gegenzug dient zum beispiel die sprache der juristen und der bürokraten dazu, eine distanz aufzubauen, die macht signalisiert. hier soll möglichst kein missverständnis aufkommen können und gleichzeitig signalisiert werden, dass es sich um normen handelt.

die schreibpädagogik bricht teilweise die sprachkonventionen auf. das macht sie angreifbar, da ihr die ernsthaftigkeit abgesprochen werden kann, bietet aber gleichzeitig die möglichkeit sich spielerisch dem wort, der sprache anzunähern. ein schönes beispiel, dass ich vor kurzem im buch „deutsch! – das handbuch für attraktive texte“ von wolf schneider gefunden habe, handelt von der suche nach einem vergleichbaren begriff für „satt“ bei der nahrungsaufnahme für die flüssigkeitsaufnahme. es gibt zwar „durstig“, aber ist der durst gestillt, gibt es keinen begriff mehr. robert gernhardt hat dafür „schmöll“ vorgeschlagen. hier wurde sprache neu erfunden, auch wenn sie sich nicht durchsetzen konnte und wir bis heute immer noch sagen „ich habe keinen durst mehr“.

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