Schlagwort-Archive: stille

schreibidee (272)

eines der interessantesten sinnesorgane ist das ohr. was auge und nase zwar auch schaffen, aber manchmal nicht ganz so gut, das kann das ohr perfekt: geräusche ignorieren. also es ist ja eigentlich nicht das ohr, das dazu fähig ist, sondern das gehirn. wir überhören aber viele dinge, die wir nicht hören wollen oder die hintergrund vor sich hinplätschern. aber wir können uns ebenso sehr bewusst auf bestimmte geräusche konzentrieren und fein herausfiltern. achtet man einmal darauf, dann stellt man fest, wie vielfältig die geräusche sind, die uns umgeben. darum eine anregung zu „geräusch-geschichten„.

alle schreibgruppenteilnehmerInnen werden aufgefordert, ein geräusch mitzubringen. die geräusche werden der reihe nach vorgestellt (ruhig mehrmals) und es werden von allen schreibenden assoziationen, die sie mit dem geräusch verbinden notiert. dann wählen sich alle jeweils ein geräusch aus und schreiben ein elfchen dazu. die elfchen werden kurz vorgetragen.

anschließend wird geräuscheraten gespielt. die schreibgruppenleitung spielt verschiedene aufgenommene geräusche aus dem alltag vor und die teilnehmerInnen raten, um welches geräusch es sich handeln könnte. außerdem werden wieder assoziationen zu den geräuschen notiert. zum schluss wählen die schreibenden ihr jeweiliges lieblingsgeräusch aus und schreiben eine kurze geschichte dazu. dabei kann das geräusch natürlich auch umdefiniert werden. das bedeutet, es kann etwas anderes darstellen, als es in der realität ist (wie man es von geräuschemachern bei filmen gewöhnt ist). die geschichten werden in der schreibgruppe vorgetragen.

nun ist es an der zeit, längere geschichten zu schreiben. dazu sollen sich die schreibgruppenteilnehmerInnen eines von zwei szenarien vorstellen. entweder jemanden, der geräuschen nicht ausblenden kann oder jemand, der in sich in absoluter stille befindet. wie ist dies passiert? was für einen umgang finden die personen damit? oder überhaupt, wie fühlt es sich an? die geschichten werden anschließend vorgelesen und es gibt eine ausführliche feedbackrunde.

und zum schluss kann die schreibgruppe versuchen, drei minuten lang überhaupt keine geräusche zu machen und auf das zu achten, was um sie herum zu hören ist. das sollte nicht notiert werden, da dann zusätzliche geräusche entstehen. doch danach kann man sich über das gehörte austauschen.

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kreatives schreiben und stille

gerade kam in der letzten wochenendausgabe der süddeutschen zeitung die nachricht, dass es eine folge der modernen kommunikationsmittel sei, dass die menschen in zukunft weder allein sein können, noch kommunikative stille aushalten werden. da ist sicherlich etwas dran, da der computer mit all seinen möglichkeiten enorm bindet und sicherlich auch den kontakt zu anderen menschen weltweit vereinfacht und beschleunigt. man kann sich daran gewöhnen, wie man sich daran gewöhnen kann, dass regelmäßig der partner neben einem im bett liegt.

das kreative schreiben ist etwas, dass sich sowohl in der gruppe als auch allein verwirklichen lässt. der computer bietet so manche erleichterung, wie zum beispiel die vereinfachte korrektur und die leichtere verbreitung der texte. aber, um sich weiterhin im genuß der stille zu üben, besteht immer die möglichkeit, sich mit einem blatt und einem stift in die pampa zurückzuziehen und nur mit sich selbst, seinen ideen und seinen gedanken zu kommunizieren. es ist dann zum beispiel neben dem zwitschern der vögel und dem rauschen des kleinen waldbächleins nur noch das kratzen des stiftes oder der feder auf dem papier zu vernehmen.

somit regt das kreative schreiben zu einem genußvollen alleinsein in aller stille an. vor allen dingen fällt es vielen menschen leichter zu schreiben, wenn sie sich zurückziehen, um sie herum ruhe herrscht und sie von keinen sozialen anforderungen abgehalten werden. doch ebenso bietet das kreative schreiben natürlich die möglichkeit das potential aus allen zur verfügung stehenden kommunikationsmitteln auszuschöpfen. so stellt sich für alle schreibenden im laufe der zeit die frage, welches für sie der beste weg ist, sich kreativ zu betätigen. sinnvoll erscheint mal wieder der goldene mittelweg, doch auch das leben als eremit oder als kommunikativer multitasker kann als angenehm empfunden werden. wichtig ist wohl nur, dass man sich mit dem eigenen schreibverhalten wohl fühlt. und die worte aufs papier bringen kann man sowieso meist nur allein.

schreibidee (132)

der alltag aber auch die freizeit sollen für viele ein event sein. events wiederum benötigen geld, konsum und eine menge menschen. das bedeutet aber, dass events meist laut und voll sind. diesen eindruck hinterlässt der alltag manchmal. vielen fällt es schwer, zwischendurch einmal zur ruhe zu kommen, durchzuatmen und sich fallen zu lassen. jeder rückzug aus dem sozialen kontext erscheint bedrohlich, lässt schwere gedanken aufkommen und wird möglichst schnell beendet. diese schreibanregung soll ein gegengewicht schaffen. es werden „geschichten der stille“ geschrieben.

der einstieg ist sehr einfach. man fordert die teilnehmerInnen der schreibgruppe auf, 10 minuten stille zu zelebrieren. dies bedeutet, es wird nicht geredet, es werden keine tätigkeiten ausgeübt, es wird versucht, keine geräusche zu machen. in dieser zeit können die teilnehmerInnen ihre gedanken schweifen lassen, sie notieren sich aber nichts.

erst nach den 10 minuten werden in 10 minuten freewriting die gedanken und eindrücke niedergeschrieben. anschließend können noch ein paar stichpunkte notiert werden. wenn dies geschehen ist, wäre es ideal, wenn man einen film zur hand hätte, der nichts anderes zeigt, als einen einsamen naturort (einen wald, eine küste, eine wiese oder anderes) mit den dazugehörigen geräuschen. das ist zwar meistens nicht still aber ruhig. während des zeigens werden auch keine notizen gemacht. nach dem film werden noch einmal zehn minuten freewriting durchgeführt und stichworte notiert.

erst jetzt ist es an der zeit, eine „geschichte der stille“ zu schreiben. es gibt keine weiteren vorgaben. anschließend werden die geschichten vorgelesen und im feedback sollte berücksichtigt werden, wie gut „stille“ oder „ruhe“ erfasst wurden. anschließen können vielleicht noch ein paar haikus verfasst werden. ideal kann diese schreibanregung natürlich umgesetzt werden, wenn die schreibgruppe schon an einem abgelegenen ort stattfindet. dann können die teilnehmerInnen anstatt einen film anzusehen, in die umgebung ausschwärmen und für sich einen ruhigen ort suchen, an dem sie allein ausharren.

kreatives schreiben und ruhe

vor jahrzehnten begab ich mich einmal ans nordkap mit dem fahrrad. ich bewegte mich durch regionen, in denen sich kaum ein mensch aufhielt, zeltete an orten, an denen tag und nacht weder ein auto noch andere technische geräte vorbeikamen. einzige geräuschkulisse bildete die natur, was nicht bedeutete, dass es ruhig war. allein die durch das schmelzwasser angewachsenen flüsse tosten in die täler. kaum am nordkap angekommen stellte ich fest, dass es sich um einen touristischen versammlungspunkt handelte, der hauptsächlich von schweizern, österreichern und deutschen mit lärmenden kindern bevölkert wurde.

wenn man sich heute umschaut, finden sich in deutschland eigentlich keine orte mehr, an denen man unbehelligt von sozialgeräuschen, wie autos, kleinflugzeugen, handyklingeln oder reisegruppen sein kann. selbst der besuch von berggipfeln oder inseln wird umgeben sein von menschlichen äußerungen. motorboote, andere wanderer, helikopter, alles ist irgendwann möglich. so wurde zum beispiel festgestellt, dass die singvögel immer lauter singen, da der umweltlärm sonst nicht zu übertreffen ist. vor dieser geräuschkulisse entstehen normalerweise texte.

spannend erscheint es mir, ob andere texte entstehen, wenn die eigentliche geräuschkulisse wirklich nur die natur wäre. also der versuch mit einer schreibgruppe orte zu finden, die allein tschilpen und das kratzen der stifte über das papier aussenden. wie würde dies bei den teilnehmerInnen ankommen, was wäre es für eine kommunikation. erstaunlich ist zum beispiel der effekt, dass viele menschen in der „reinen“ natur sehr viel verhaltener sprechen. dass sie in diesem moment entweder sehr ruhig werden oder eine unruhe sie erfasst, da der dauerhafte schallreiz abhanden gekommen ist. wie wirkt sich dies auf schreibreize aus? verfällt man automatisch in eine meditativere stimmung oder erscheint dieser schritt aus dem alltag bedrohlich? texte der ruhe scheinen anders zu sein als die üblichen kreativen werke. der versuch wäre es wert.