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schreibberatung und klischee

beratung bietet sich für die verwendung von klischees an. wer schon länger in beratungszusammenhängen arbeitet, bekommt teilweise ein gespür dafür, welche problemlage bei bestimmten berichten oder äußerungen vorliegen könnte. viele ausbildungen zu beraterInnen arbeiten mit den vorstellungen von verallgemeinerbaren sachlagen und den dazugehörigen lösungsmöglichkeiten. das startet schon bei behörden, die beratungen anbieten und endet in der psychologischen beratung. dies wird, wie wir es wahrscheinlich alle aus beratungssituationen kennen, den subjektiven anliegen oft nicht gerecht.

das grundproblem liegt in einem reduzierten menschenbild, das teilweise auf ein reiz-reaktions-schema zurückzuführen ist. alle beraterInnen machen im laufe der zeit die erfahrung, dass kein beratungsfall mit einem anderen vergleichbar ist. nur leider fehlt oft eine angemessene theorie im hintergrund. aus der kritischen psychologie kommend, erscheint es mir wichtig, dass ein subjektorientierter blickwinkel eingenommen wird. als beraterIn bin ich gefordert, die anliegen der klientInnen in ihrer persönlichen dimension ernst zu nehmen. das bedeutet, das ein stressor für die eine person gut zu verarbeiten ist und für die andere person sofort sehr bedrohliche ausmaße annehmen kann. ich kann dies nicht von außen feststellen oder festlegen, sondern nur durch nachfragen ein bild von der situation bekommen.

wenn ich diese vorgehensweise ernst nehme und ebenso die klientInnen in ihren aussagen ernst nehme, dann kann ich überhaupt nicht mehr mit verallgemeinerungen arbeiten. ich kann zwar formulieren: „vielen menschen an dieser problemsituation geholfen, dass sie …“, aber ich muss im gleichen atemzug die frage nachschieben: „scheint ihnen diese vorgehensweise oder handlungsmöglichkeit umsetzbar? und wenn die klientInnen zu erkennen geben, dass dem nicht der fall ist, dann sollte ich gemeinsam nach weiteren, anderen handlungsmöglichkeiten suchen.

das einzige verallgemeinerbare in solch einem beratungskontext, ist mein pool an schon vorhandenen lösungsvorschlägen, den ich mir im laufe der zeit angeeignet habe. doch die emotionalen dimensionen für die einzelne person, die mir gegenübersitzt, kann ich nicht abschätzen. so lösen sich sehr schnell alle klischees in luft auf. ich kann in der schreibberatung nicht im vorfeld formulieren, dass zum beispiel doktorandInnen diese und jene schreibkrisen haben, schülerInnen wiederum andere benennbare und studierende noch einmal unterschiedliche, aber „übliche“. die heikelste situation, die in einer (schreib)beratung entstehen kann, ist, dass die klientInnen sich in ihren anliegen nicht ernst genommen fühlen. dies geschieht leicht, wenn ich sie ständig in vergleich setze zu „diagnostischen“ kriterien, die mir einmal vermittelt wurden.

diagnostik kann für mich in schreibberatungen nur eine orientierungslinie sein, die ich jederzeit verwerfen kann. mir sollte bewusst sein, dass ich meine bisherigen erfahrungen zwar einbringen, aber sie auch jederzeit Weiterlesen

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biografisches schreiben und klischee

eines der schwierigsten unterfangen ist es, sich selber einmal nach vorurteilen abzuklopfen. sie sind vermittelt, sie sind gelernt und sie haben eine funktion: menschen schneller bei der ersten kurzen begegnung einordnen zu können. als wir noch nicht kommunizieren konnten war dies überlebenswichtig: freund oder (fress)feind. doch heutzutage können wir uns in den meisten momenten kundig machen und das freund-feind-schema ist sowieso stark beeinflusst von moden, gesellschaften und politik. also verwenden wir klischees eigentlich nur, um uns die welt ein wenig einfacher zu machen.

der mensch ist so komplex und jeder mensch ist ein individuum mit ganz subjektiven ansichten und verhaltensweisen. um die welt übersichtlicher zu gestalten, sind die „…“ so und so. manchmal kann es sich bei einer solchen form der verallgemeinerung, tatsächlich um den kleinsten gemeinsamen nenner einer gruppe handeln. doch es braucht eigentlich nur einen menschen dieser gruppe, der aus dem schema herausfällt und unsere verallgemeinerung ist auch schon hinfällig. aber den schritt machen wir beim klischee nicht mehr. wir beharren auf unseren aussagen, um die anstrengung der begegnung mit fremden menschen, zu reduzieren. das klischee ist also ein ausdruck von bequemlichkeit.

wann waren wir in unserem leben also zu bequem, um uns mit den menschen, die uns begegnen, auseinanderzusetzen? wen haben wir damit verletzt? wann wurden wir mit klischees zu unserer eigenen person konfrontiert und wie haben wir darauf reagiert? was machten wir, als ein klischee uns gegenüber auch noch zutraf? haben wir uns in unserem leben die zeit genommen, andere menschen kennenzulernen? es gibt viele fragen für das biografische schreiben, die ein wenig unsere eigenen vorurteile oder die konfrontation mit vorurteilen gegenüber uns selber beleuchten können.

da wir aber gerade bei vorurteilen und klischees recht widerständig sind, sie aufzuheben und zu relativieren, könnten man, wenn man über seine eigene lebensgeschichte schreibt, andere menschen, die einem nahestehen, befragen, was sie glauben, welche klischees man Weiterlesen

nabelschau (65)

neuropsychologie oder die bedrohung geht von den wahrsagern der naturwissenschaften aus. das schlimme internet, die bedrohung des menschlichen geistes. so oder ähnlich lassen sich etliche äußerungen von neurowissenschaftlerInnen, psychologInnen und gesellschaftsbetrachterInnen zusammenfassen. und sie berufen sich alle inzwischen auf erkenntnisse über die veränderungen der hirnstruktur beim nutzen des netzes. die neuropsychologie bringt es dann so schön auf den punkt, wenn sie den zusammenhang zwischen ergebnissen der gehirnwissenschaften und dem menschlichen verhalten herstellt.

um überhaupt zu erkenntnissen zu kommen, werden probanden diversen reizen ausgesetzt oder ihnen werden (denk)aufgaben gegeben und gleichzeitig werden hirnströme gemessen, wird die aktivierung von hirnregionen im mrt (magnetresonanztomographen) abgebildet. zwischen den messergebnissen, den aufgaben und reizen wird ein statistischer zusammenhang hergestellt, der eigentlich keine schlussfolgerungen zulässt. aber sie werden vorgenommen. eigentlich könnte man nur sagen: wenn ich das und das lese, dann wird mit einer wahrscheinlichkeit von xy % die und die hirnregion aktiver.

aha! und jetzt? jetzt wird das gemacht, was die zahlen einfach nicht hergeben: jetzt wird aus den vermuteten funktionen der hirnregionen und deren aktivierung auf das zurückgeschlossen, was der mensch wohl denkt und wie er denkt. das ganze verfahren ist sehr aufwendig und teuer, endet aber meist in kaffeesatzleserei. da wäre es interessanter, die menschen zu fragen, was sie denken, während sie den reizen ausgesetzt sind, während sie die (denk)aufgaben lösen. sie können sicher sein, bei hundert probanden werden sie hundert verschiedene antworten bekommen (auch wenn sich die inhalte der antworten annähern, so werden sie doch mit unterschiedlichen worten und im hintergrund in individuellen emotionalen zuständen geäußert).

woran das liegt? daran, dass wir subjekte sind. der eine proband sitzt zum beispiel gerade an einer hausarbeit und stellt sich für den versuch zur verfügung. er ist gestresst und erlebt das experiment in diesem zustand. die andere probandin hat sich gerade von ihrem partner getrennt und ist traurig. der nächste proband hatte die nacht vorher tollen sex usw. auch dies steckt alles in den hirnen der versuchspersonen, wird aber im versuchsdesign ausgeschlossen. denn man möchte „unverfälschte“ ergebnisse.

und so kommt man zu dem schluss, dass das surfen im internet unsere hirnregionen, unser denken verändert. aha! wahrscheinlich so, wie das tägliche stundenlange stumpfsinnige autofahren von berufspendlern dies auch tut. unser gehirn ist sehr anpassungsfähig, es kann sich den zielen des denkenden menschen anpassen. wenn ich mich also auf einen bild- oder textausschnitt konzentrieren möchte, dann kann ich das tun und alle anderen wahrnehmungen bis zu einem gewissen grad ausschließen. nur autisten haben teilweise die schwierigkeit, andere sinnesreize zu filtern.

die neuro-expertInnen gehen in ihren aussagen einen schritt weiter: sie stellen fest, dass der mensch, der regelmäßig surft, dinge schneller erfasst, aber oberflächlicher denkt. aha! die technik führt also zu einer kürzeren aufmerksamkeit? liegt wahrscheinlich an der menge der informationen, an den kurzen texten, an den vielen bildern, an der gehäuften zahl von sinneseindrücken? da kann man dann ja den umkehrschluss ziehen, dass menschen, die regelmäßig die bild-zeitung lesen (viele bilder, wenig text, durch große kontrastreiche lettern starke sinnesreize) oberflächlicher denken und ihre hirnstruktur sich verändert – oder?

und was sagt das über den menschen aus? nichts. doch eben diese unterschwellige bewertung Weiterlesen

kritische bemerkungen zum „neuen kreativen schreiben“ nach stephan porombka (1)

in der einleitung seines artikels (siehe https://schreibschrift.wordpress.com/2012/02/20/das-„neue-kreative-schreiben-ein-lese-und-diskussionstipp/) von 2009 schreibt professor stephan porombka (hildesheim): „Verabschiedet wird die Fiktion, dass es beim literarischen Schreiben um das Freilegen von Innerem und Eigentlichem geht. Dem neuen Kreativen Schreiben geht es – in Abgrenzung von alten sozial- oder kulturpädagogisch ausgerichteten Programmen zur literarischen Selbsterfahrung oder Freizeitgestaltung – um die Arbeit am Text und damit um die Effekte, die am Text und mit dem Text entstehen, wenn man schreibt. Es geht darum, diese Arbeit nicht als etwas zu verstehen, was man nebenbei betreiben kann. Das literarische Schreiben wird als eine Form von Lebenskunst verstanden, die aufwendig und fortlaufend geübt werden muss und die man durchaus auch professionalisieren kann.

hier wird eine abgrenzung formuliert, die in dieser form in der praxis nicht vorhanden ist. schaut man sich die angebote an kreativem schreiben in deutschland an, dann reicht die bandbreite von literarischen exklusiv-zirkeln über die anwendung von kreativen schreibtechniken im coaching, im biografischen schreiben oder im wissenschaftlichen kontext bis zu schreibgruppen zur freizeitgestaltung in volkshochschulen. nun wäre zu klären, ob der begriff „kreativ“ nur einer richtung, schule oder vorstellung zugeordnet werden kann oder ob er nicht ein allumfassender begriff für schöpferische, intuitive neukombinationen in verschiedenen bereichen ist. vor allen dingen die aktuelle kreativitätsforschung zeigt auf, dass zum einen der begriff „kreativität“ ein sehr unklarer und umstrittener ist, dass aber zum anderen eine untrennbare verbindung zwischen der subjektiven historizität (meinen „selbst“erfahrungen im laufe meines lebens), meiner intuition und meiner kombinationsfähigkeit besteht.

dies zeigt, dass jeder mensch kreativ sein kann, wie weit die ergebnisse nun positiv oder negativ bewertet werden, unterliegt ganz anderen kriterien, zum beispiel der gesellschaftlichen situation, den individuellen bedürfnissen nach sinneseindrücken und den moden. also geht es herrn porombka nur um die besetzung eines positiven begriffs für seine vorstellungen (denn „kreativ“ wird bei uns gesellschaftlich inzwischen positiv, wenn nicht sogar als notwendige soziale kompetenz betrachtet). und in einem handstreich wird „neues kreatives schreiben“ dem literarischen schreiben gleichgesetzt. um die abgrenzung aufrecht zu erhalten, wird postuliert, dass es nicht mehr um „selbsterfahrung“ und „sich ausdrücken“ gehe. den autor, die autorin zeige man mir, die nicht eigene erfahrungen in texte einfließen lassen. ich mache von morgens bis abends, selbst in meinen träumen „selbsterfahrung“. aus dem erfahrenen ergeben sich gedanken, ideen, geschichten. mal dienen sie mehr der verarbeitung des erfahrenen, mal weniger.

selbst der krampfhafte versuch einer objektivierung des wahrgenommenen wird immer dem persönlichen unterliegen. wie kenneth goldsmith in seinem buch „uncreative writing“ zeigt, entsteht sogar dann etwas subjektiv-kreatives, wenn man Weiterlesen

das „neue kreative schreiben“ – ein lese- und diskussionstipp

wissenschaften und professionen leben von diskursen. dabei geht es meist um definitionen, neueste wissenschaftliche erkenntnisse oder herangehensweisen. gleichzeitig sind wissenschaften und professionen ein großer markt – schlicht geschrieben, es geht auch ums geld. das hat häufig den effekt, dass versucht wird, einen alleinigkeitsanspruch auf die definitionshoheit oder auf professionen zu erheben.

das beste beispiel dafür ist die finanzierung der psychotherapien in deutschland. es werden nur bestimmte therapierichtungen von krankenkassen bezahlt, andere nicht. der laie geht davon aus, dass es gute gründe für diese vorgehensweise geben muss, dabei war es nur gute lobbyarbeit. es gibt bis heute keine fachliche begründung, welche therapieform wirklich „effektiver“ ist. warum die systemisch therapie nicht finanziert wird, die psychoanalyse aber schon, hat nichts mit ihren jeweiligen positiven wirkungen zu tun.

leider gibt es auch beim kreativen schreiben ähnliche abgrenzungsversuche: stephan porombka versucht eine definition des „neuen“ kreativen schreibens und grenzt sich von einem „alten“ kreativen schreiben ab. den versuch einer neuen (seiner ansicht nach aktuelleren) definition des kreativen schreibens kann man hier nachlesen: http://www.gfl-journal.de/2-2009/porombka.pdf . auf einen einfachen blickwinkel runtergebrochen, handelt es sich bei dem text um die auseinandersetzung „schreibbewegung“ vs. „postmodernes schreiben“.

was in anderen wissenschaften und professionen schon vor jahren stattgefunden hat, hat vor einiger zeit auch das kreative schreiben erreicht. es ist der krampfhafte versuch, sowohl in den sozial- und naturwissenschaften, als auch den darauf aufbauenden professionen, das emotionale subjekt (den menschen mit all seinen ausdrücken, wahrnehmungen und erfahrungen) in den hintergrund zu drängen. dies findet sich in den diskursen über den „freien willen“, in den genetischen und neuropsychologischen forschungen und nun auch in dem „neuen kreativen schreiben“ wieder.

ich werde das hier noch ausführlicher analysieren, doch so viel sei schon einmal geschrieben: ein trost bleibt, dass es schon längst wieder gesellschaftliche gegenbewegungen gibt und das subjekt einfach nicht aus den ereignissen dieser welt verschwindet. entsolidarisierung und (selbst)ausdrucksarmut sind zwei seiten einer medaille. einhergehend mit einer ungezügelten digitalisierung gibt es nur ein ziel: die marktwirtschaftliche verwertbarkeit, die als professionalisierung verkauft werden soll.

es lohnt sich, den text zu lesen, um zu diskutieren, ob das „neue kreative schreiben“ wirklich „neu“ ist und welche gesellschaftliche funktion das daraus resultierende literarische schreiben hat.

der text von stephan porombka ist im gfl-journal (german as a foreign language), no 2-3/2009 erschienen. ISSN 1470-9570.

nabelschau (50)

verschobene verantwortung. die verantwortung für handlungen oder ereignisse zu tragen, kann anstrengend sein und zeit kosten. die verantwotung für handlungen und ereignisse zu tragen, spiegelt sich im berufsleben in der bezahlung und aufgabenstellung wieder. gibt man die verantwortung an andere ab, muss man normalerweise dafür einen dienstleister beauftragen und entsprechend der leistung die kosten dafür übernehmen.

doch es gibt seit längerer zeit eine widersprüchliche entwicklung, die das einzelne subjekt in der gesellschaft immer mehr zum spielball von politik, unternehmertum und behörden macht.

auf der einen seite wird vom einzelnen gefordert, beständig mehr verantwortung für die eigene lebenssituation zu übernehmen. die zunehmende entsolidarisierung in der gesellschaft führt dazu, für alles selbst verantwortlich zu sein und sich nicht mehr auf eine soziale eingebundenheit verlassen zu können.

auf der anderen seite ziehen sich die verantwortlichen stellen immer mehr aus der verantwortung und verschieben die notwendigen schritte zum einzelnen subjekt. zuständigkeiten für eigenes fehlverhalten oder für das fehlverhalten angestellter, für fehlerhafte produkte und für fehleinschätzungen werden allen anderen angelastet (eben meist dem einzelnen) nur nicht sich selber, und es wird keine verantwortung mehr übernommen.

von außen betrachtet, erinnert dies immer stärker an eine psychopathologische diagnose. das zusammenspiel zwischen innenwelt (eigener verantwortung) und außenwelt (gesellschaftlicher verantwortung) wird unterbrochen, letztendlich zerstört und den einzelnen anderen übertragen. alle anderen sind schuld, nur ich nicht. die menschen werden im sinn eines größeren ganzen instrumentalisiert und dadurch wird zunehmend personalisiert.

das kann man in allen lebenszusammenhängen erleben. ist ihre sendung nicht angekommen war es nicht der zulieferer, die kontaktstelle für vermisstes ist mit horrenden telefongebühren zu bezahlen, vor ort können sie kaum etwas ausrichten. reklamationen, beschwerden und beanstandungen erhalten entweder gar kein gehör oder sie zahlen im vorfeld dafür, dass später ihr anliegen auch wahrgenommen wird. das bundesverfassungsgericht hat gerade verkündet, Weiterlesen

wortklauberei (74)

„lehruntauglich“

heutzutage verbreiten bildschirme in u-bahnen die wichtigen dinge aus der welt. und vor ein paar tagen flackerte auf einen die aussage „etliche prozent der schülerInnen in deutschland seien lehruntauglich“ herab. was für ein ätzendes wort. dies zeigt eigentlich schon, wie schülerInnen betrachtet werden: als gegenstand. wenn schuhe regenuntauglich, uhren wasseruntauglich oder fahrradlichter strassenuntauglich sind, dann kann man dies verstehen. doch schülerInnen können nicht lehruntauglich sein.

lernen ist ein subjektiver prozess. doch unser schul- und lehrsystem basiert auf verallgemeinerungen, um eine bestimmte form der wissensvermittlung durchführen zu können. schon lange gibt es andere vorstellungen von lehren und lernen. es gibt auch verschiedene vorstellungen, wie zwingend zeitliche abläufe sein müssen. ich schreibe nur kurz „summerhill“ als alternative form des üblichen lehrens und lernens, ein projekt, das der selbstbestimmung den vorrang gibt.

„lehruntauglich“ sagt jedoch aus, dass die jugendlichen nicht zur „lehre“ passen. andersrum wird ein schuh daraus: die „lehre“ passt oft nicht zum lernen und vor allen dingen zu den jugendlichen. es wäre zu wünschen, dass dies endlich einzug in viele pädagogische konzepte erhält. „lehruntauglich“ personalisiert vor allen dingen und bereitet den weg, junge menschen vom lernen schon sprachlich fern zu halten. wenn sie es nicht schon verlernt haben zu lernen, dann sorgt die wortwahl für den rest. und vor allen dingen: was macht man nun mit so einem wissenschaftlichen ergebnis?

einziges ziel sollte es sein, die lehre zu verändern. das wäre konsequent, könnte persönlichkeitszuschreibungen unterbinden und sollte die lehre als lernuntauglich befunden werden, kann sie abermals reformiert werden. dann muss auch nicht an den persönlichkeiten der lehrenden rumgekrittelt werden.

„ich will so werden wie ich bin“ von kitz & tusch – ein buchtipp

das leben scheint anstrengend zu sein. es erscheint immer mehr menschen als stressiges unterfangen, aus dem sie sich nicht mehr zurückziehen können. man erfährt sich in einem hamsterrad gefangen. ist unsere welt so anders geworden oder ist es nur luxus darüber zu jammern, wie anstrengend alles ist?

volker kitz und manuel tusch zeichnen in der ersten hälfte ihres buches „ich will so werden wie ich bin – für selberleber“ ein genaues bild der anmutungen von „außen“, die inzwischen auf alle menschen in unserer gesellschaft einwirken. dabei widmen sich sich vor allen dingen den indirekten zwängen, die oft in widerspruch zu den eigenen bedürfnissen stehen. ganz oben in der liste steht ein leistungszwang, der nicht mehr nur das berufsleben, sondern auch die freizeit und die „selbstverwirklichung“ betrifft.

oft verliert man durch diese mechanismen (eben indirekte zwänge und formen der fremdbestimmung) den kontakt zu sich selbst und seinen subjektiven bedürfnissen. man handelt also gegen die eigenen interessen. das setzt unter druck. getoppt wird das ganze noch durch die inzwischen unendlich scheinenden möglichkeiten, die uns angeboten werden. wir sind gezwungen ständig entscheidungen zu treffen, was wir denn machen wollen, und diese sollten natürlich auch die „richtigen“ entscheidungen sein.

kitz und tusch laden in ihrem buch dazu ein, sich wieder sich selber und seinen bedürfnissen zu zu wenden. das ist eine logische folge der analyse gesellschaftlicher verhältnisse im ersten teil des buchs. die autoren des buches betonen, dass diese veränderung der eigenen lebenssituation nur funktioniert, wenn man dies auch möchte. und sie bieten im zweiten teil des buches techniken an, wie man eine veränderung herbeiführen kann. dabei schlagen sie vor allen dingen techniken aus der systemischen therapie vor, die erst einmal das vorherrschende system verstören, um ein neues aufbauen zu können.

sie führen in einer verständlichen und motivierenden sprache an übungen heran, die helfen, die eigenen bedürfnisse benennen zu können und bieten möglichkeiten an, sich der erfüllung dieser bedürnisse zu widmen. man kann darüber streiten, wie weit dies eine etwas einseitige herangehensweise ist, die vor allen dingen wieder den einzelnen fordert, aber die nötigen gesellschaftlichen veränderungen ignoriert. aber als erster schritt und vor allen dingen kurzfristiger schritt, seine eigene lebenssituation zu verbessern, lohnt es sich, das buch zu lesen.

persönlich finde ich, sollten aber zwei strategien gleichzeitig verfolgt werden: die kurzfristige, mich gegen die zwänge von außen ein stück weit zu verwehren und eigene wege zu gehen. dann aber auch die langfristige, sich für eine veränderung der gesellschaftlichen verhältnisse einzusetzen, die dazu führen, dass wir immer wieder im hamsterrad landen. auf alle fälle ist das buch eine vortreffliche anregung, über das eigene lebenskonzept nachzudenken. es ist im campus verlag 2011 in frankfurt am main erschienen. ISBN 978-3-593-39218-9

kreatives schreiben und ziele

das kreative schreiben ist ziellos. nein, das stimmt natürlich nicht. aber das, was manchmal erhofft wird, dass das kreative schreiben einen zu bestsellerautorInnen macht, das verfolgt zumindest das deutschsprachige kreative schreiben nicht. also, das kreative schreiben kann eigentlich gar nicht verfolgen, die protagonistInnen des kreativen schreiben verfolgen ziele. so ist das schlichte, aber nicht weniger sinnvolle und effektive ziel der vertreterInnen des kreativen schreiben, mit hilfe des schreibens die eigene kreativität zu fördern, in einen unverkrampften schreibfluss zu kommen und dabei auch noch spaß zu haben.

so scheint das kreative schreiben in den augen mancher, nur so wildes drauflos-schreiben zu sein. das stimmt auch nicht. nur die vorgaben und regeln beim kreativen schreiben sind gering. die schreibenden bestimmen vieles selbst, was sie umsetzen möchten. das kreative schreiben bietet größtmögliche freiheiten. eigentlich keine schlechte sache, wenn man der eigenen kreativität raum geben möchte. und dann kann das kreative schreiben erst einmal ziellos erscheinen. doch zum schluss sitzen alle kreativ schreibenden mit einem selbst geschöpften ergebnis da.

auch freies assoziieren oder clustern hinterlassen den eindruck der beliebigkeit, dabei sind sie ausdruck der subjektivität. alle anwenderInnen dieser schreibvorbereitenden praktiken lassen ihre ganz persönlichen gedanken und ideen in die assoziationen einfließen. der schwerpunkt liegt also auf dem subjektiven charakter des schreibens. und das ist vielleicht auch das ziel des kreativen schreibens: die subjektiven aspekte des schreibens zu fördern. Weiterlesen

schreibberatung und ziele

auf den ersten blick scheint es einfach, welche ziele eine schreibberatung erreichen sollte: die schreibkrise oder schreibblockade überwinden. doch bei genauerer betrachtung kristallisiert sich heraus, wie unterschiedlich die ziele der einzelnen ratsuchenden ausfallen können. denn das schreiben ist oft nur ein ausdruck anderer schwierigkeiten und krisen. die schreibberatung wird schnell zu einer beratung subjektiver befindlichkeiten und lebenssituationen.

bei der gemeinsamen analyse der schreibsituation durch die beraterInnen und die ratsuchenden zeigt sich zum einen, dass jede beratung verschieden ist von einer anderen (verallgemeinerungen sich also schwer vornehmen lassen) und zum anderen, dass auch bei der suche nach handlungsmöglichkeiten zur erreichung zukünftiger ziele, die persönliche lebenssituation eine herausragende rolle spielt. man muss in der schreibberatung die welt nicht neu erfinden, da viele beratungskonzepte und -theorien ebenso anwendbar sind, wie in anderen lebenszusammenhängen.

aber schreibberaterInnen sollten wissen um die zusammenhängen zwischen dem schreiben und der gesamten lebenssituation haben. so weist ein hoher anspruch an das eigene schreiben, der zur schreibkrise führt, oft auf eine erlernte leistungshaltung hin, die zur selbstüberforderung führen kann. darin steckt auch nicht selten das in frage stellen des eigenen selbstwertes. doch auch dies lässt sich nicht einfach verallgemeinern. Weiterlesen

wortklauberei (65)

„lebensqualität“

ein seltsamer begriff, der schwer zu fassen ist. was ist lebensqualität? es ist ein aktueller zustand, den nur ich für mich benennen kann. ich weiß, wann die qualität meines lebens für mich angenehm ist und wann sie nachlässt. doch in diese entscheidung fließen so viele komponenten ein, dass ich meist zu gar keinem klaren ergebnis kommen kann.

verwendet wird der begriff aber gern in kombination mit „gut“ und „schlecht„, wie wenn es einen vergleichbaren maßstab für lebensqualität geben könnte. so wurde vor kurzem für einen vortrag mit dem titel „gute lebensqualität – auch mit knochenmetastasen“ geworben. wenn lebensqualität ein ausschließlich subjektiver begriff ist, dann kann ich „gute“ lebensqualität mit allem erleben: mit knochenmetastasen, mit verkehrslärm, mit frühstück oder mit gummibärchen. es kommt definitiv auf den kontext an. denn als vergleich für die lebensqualität wird die ein zustand in der vergangenheit oder ein zustand in der fantasie herangezogen.

diese beiden zustände (oder diese drei, diese vier …) werden miteinander verglichen. da wird lebensqualität ein kriterium für den abgleich in der form von stiftung warentest. da gibt es plötzlich städte mit der höchsten lebensqualität (was ist eigentlich hohe lebensqualität?), da gibt es den versuch, die lebensqualität zu steigern. und wer wird testsieger? der mensch, der von sich sagt, „ich habe eine sehr gute lebensqualität“. warum sie überhaupt quantifizieren und vergleichen? weil es ein weiterer versuch ist, das befinden der mensch zu verallgemeinern und vergleichbar zu machen. es wäre ja schlimm, wenn zwei menschen an ein und demselben ort sehr unterschiedliche lebensqualitäten er-leben.

eine armada von lebensratgebern bauen auf gesellschaftlich anerkannte vorstellungen von lebensqualität auf. das unkomplizierte, sexuell ausgiebige, vielfältige, bunte und wohlhabende leben als konsens in der vergleichsskala. tja, ein traum, der viele veränderungswünsche hervorruft, eine verheissung, die zum ständigen arbeiten an sich selber auffordert. wie wäre es mit der schlichten frage: „wie fühlst du dich?“. und sollte mehr betrachtet werden, kann man noch fragen: „wie würdest du dich gern fühlen? was bräuchtest du dazu?“. und dann kann gemeinsam nach handlungsmöglichkeiten gesucht werden. denn woher soll ich wissen, was anderen „gut“ tut.

wie stark beeinflussen mich gesellschaftliche entwicklungen?

biografisches schreiben ist nie zu trennen von den gesellschaftlichen ereignissen, die ich miterlebte. ich kann noch so sehr bemüht sein, mein augenmerk auf meine ganz persönlichen erfahrungen zu lenken, ich handle doch immer im rahmen der gegebenheiten. es liegt momentan zwar im trend mit hilfe der genetik, der evolutionstheorie und der neuropsychologie, den menschen wieder mehr auf sich selbst zurückzuwerfen, doch keiner kann leugnen, dass ich mein handeln an meiner umwelt orientiere.

das absurde in den aktuellen debatten ist der versuch, dem menschen begabungen und talente anzudichten, die es schwer machen, an meinem verhalten noch etwas ändern zu können. immer wieder landet man in der debatte, ob der mensch an sich vorprogrammiert ist oder ob vieles sich erst entwickelt. die vorstellung von der vorprogrammierung entlastet von gesellschaftlicher verantwortung für die weitere entwicklungen der gesellschaftsmitglieder. oder direkt formuliert: wer dumm geboren wurde, wird nicht viel daran ändern können. dem widersprechen aber viele veränderungen, die die einzelnen menschen für sich vornehmen konnten und können.

so scheint es mir wichtig, wenn ich meine eigene biografie oder lebensgeschichte betrachte, ebenso die umweltbedingungen zu analysieren. dazu gehört, wen ich im laufe meines lebens getroffen habe? wie stark der einfluss der einzelnen begegnungen und menschen auf mich war? und welche schlüsse ich daraus gezogen habe? dazu gehört auch, in welchem gesellschaftssystem ich aufgewachsen bin. ob ich mich in einer diktatur oder in einer annähernd demokratischen umgebung entwickle hat auswirkungen auf meine einstellungen. was bedeutet es, den schulsystemen in einem kapitalistischen system ausgesetzt zu sein? was bedeutet es, einen krieg miterlebt zu haben? wie erlebe ich es, einer gesellschaftlichen minderheit anzugehören? und vor allen dingen, welche schlüsse ziehe ich daraus?

das interessante am biografischen schreiben ist es, dass mir eine technik an die hand gegeben wird, die mir zusätzliche möglichkeiten der selbstreflexion offenbart. ich kann also den blick auf meine einbettung in das hier und jetzt schärfen. dadurch finde ich vielleicht mehr neue handlungsmöglichkeiten. ich bekomme ein gefühl für das, was mich umgibt. ich kann zwischen meinen eigenen anteilen am geschehen und einflüssen von außen feiner unterscheiden. leider ist es heute gang und gebe, dass der mensch vor allen dingen nach defiziten bei sich sucht. gern wird dabei der versuch sozialer gruppen übersehen, einfluss auf die handlungen anderer zu nehmen. woraus entstehen einzel- und gruppeninteressen? welche sanktionen drohen mir, wenn ich mich gegen das soziale gefüge stelle? und vor allen dingen, wer bestimmt die regeln des zusammenlebens.

ich nehme mal ein einfaches beispiel. kluge köpfe haben menschenrechte formuliert, die bei der uno verankert sind, ihre achtung und wahrung wurde von vielen nationen unterzeichnet. und doch handelt beinahe jedes land auf der welt entgegen dieser formulierungen. nun gibt es zwei erklärungsrichtungen dafür: Weiterlesen

selbsterkenntnis, ethik und moral

entdeckt der mensch sich, entdeckt er auch, was er gut und was er schlecht findet. vorher entdeckte er nur, was andere gut und schlecht finden. nun bedeutet das ergründen der eigenen haltung nicht, alles zu verwerfen, was andere vor einem schon entdeckt haben. es bedeutet nur, sich stück für stück ein eigenes bild zu machen. und das bild bekommt farben, formen, muster und begrenzungen. der mensch entwickelt seine subjektive ethik. sie versucht er zu vertreten, zu leben und anderen zu vermitteln. denn abermals vom grundsatz ausgehen, dass der mensch eigentlich gut ist, basiert bei vielen die ethik auf einer großen „menschlichkeit“, auf sozialer verantwortung und solidarität.

zur schwierigkeit wird ein anderes, ein nicht kontrollierbares machtgefüge, die anmutungen von außen. meine ethik, meine moral kann noch so gut begründet sein, kann den mensch noch so sehr hofieren, irgendwann stehe ich vor der entscheidung, ob ich sanktionen in kauf nehmen, um authentisch zu bleiben, oder ob ich einen kompromiss für mich finde. ein kompromiss ist nicht das schlechteste, denn nicht jede haltung kann ich allein auf meinem rücken tragen. ich finde mich in einer zwickmühle, die nur die widersprüche, die in der gesellschaft existieren, wiederspiegelt. verharre ich in meiner haltung, klinge ich auch schnell moralisch. bin der meinung alles besser zu wissen, als die anderen, die mich auffordern nachzudenken und eventuell etwas an meiner position zu verändern.

es ist nicht per se schlecht, stur zu bleiben. selbsterkenntnis und selbstwert verdienen respekt, können nicht einfach über den haufen geworfen werden. wer sich zum beispiel einmal entschieden hat, dass pazifismus die einzige möglichkeit ist, sinnlose kriegstreibereien zu überwinden, Weiterlesen

selbstbefragung (34) – rituale

die fragebögen zur selbstbefragung versuche ich unter rubriken zu bündeln. dieses mal geht es um „rituale„.

  • welche täglichen rituale haben sie? beschreiben sie?
  • wie schwer fällt es ihnen, ihre eigenen rituale sein zu lassen? warum?
  • was halten sie von gesellschaftlichen ritualen? begründen sie ihre haltung.
  • ab wann werden für sie rituale zu einschränkenden regeln? wie gehen sie damit um?
  • haben sie schon rituale verweigert, ihnen etwas entgegen gesetzt? beschreiben sie.
  • welches ist für sie das schönste ritual? warum?
  • wenn sie ein tolles ritual erfinden könnten, wie würde das aussehen?
  • welche rituale gefallen ihnen überhaupt nicht (bei sich selber, bei anderen, in der gesellschaft)? zählen sie auf.
  • was verstehen sie überhaupt unter ritualen?
  • wie würde ihrer meinung nach die welt aussehen, wenn die menschen keine rituale entwickeln könnten? beschreiben sie.

schnickschnack (64)

jeder mensch ist ein künstler oder eine künstlerin. diese aussage ließe sich erweitern: jeder mensch ist ein überlebenskünstler oder eine überlebenskünstlerin. und zum überleben gehört für viele ein eigener ausdruck, der sich in der getragenen kleidung widerspiegelt. dabei finden viele menschen ihren eigenen stil, der inzwischen unter „street style“ firmiert.

und wie wäre es, wenn das web 2.0 diese eigenart der menschen aufgreift? das kann nachgesehen werden in dem blog „stil in berlin„. der blog ist nichts anderes, als eine sammlung von fotografien von menschen in ihren klamotten auf der straße. der schwerpunkt dieses blogs liegt auf berlin, wie der titel schon sagt, wenn auch von den macherInnen menschen in anderen orten fotografiert werden.

interessant scheint mir dabei die enorme bandbreite an eigenem stil, die der blog zeigt. schön, dass dabei auch erwähnt wird, um welche marken es sich bei der getragenen kleidung handelt. und die linksliste an weiteren angeboten von „street style“ in der ganzen internetwelt ist enorm.

es zeigt sich also, dass jeder mensch ein stylist, eine stylistin ist. manches finden die einzelnen ansprechender, anderes weniger, doch das tut den persönlichen stilen keinen abbruch. daneben kann der blog auch eine anregung für schreibende sein, offenbart er doch verschiedene „menschentypen und ihre kleidung“, die ohne probleme vorlagen für protagonisten in romanen oder geschichten sein könnten. man klicke sich einfach einmal durch die ganze palette an menschen und ihren klamotten. zu finden ist der blog unter: http://www.stilinberlin.blogspot.com/ .

schreibpädagogik und psychologisches

schreiben ist nicht zu trennen von der eigenen person. alle versuche, sich „objektiv“ auszudrücken würde bedeuten, die eigene person beim schreiben zu ignorieren. das ist zwar ein hübscher versuch, der bei wissenschaftlichen (vor allen dingen naturwissenschaftlichen) arbeiten oft unternommen wird. aber es wird beim versuch bleiben. schon das interesse, einen text zu verfassen, hat mit mir zu tun. Weiterlesen