Schlagwort-Archive: tagebuch

schnickschnack (118) – tagebücher von keith haring

manchmal gibt es richtig schöne, spannende projekte im netz. man findet sie wirklich nur dadurch, dass man entweder durch zufall darauf stösst, die anderen auf einen selber zufällig stossen oder man es an einem anderen ort gelesen hat. dieses mal habe ich den hinweis in der zeitschrift „art“ gefunden.

in new york (brooklyn) gibt es zur zeit eine ausstellung zu den frühen jahren von keith haring. und parallel dazu werden frühe tagbücher / journale von keith haring veröffentlicht. jeden tag eine seite aus den notizen. sie sind lesbar und zeigen zumindest einen prozess der selbstannäherung und ideenfindung. da die ausstellung nun seit gut einem monat geöffnet hat und bis anfang juli läuft, werden noch etliche seltenheiten im netz zu finden sein.

wenn man sich die seiten durchliest, dann zeigt sich, dass kreativität und kunst schwer von selbstreflexion zu trennen sind. und dass die sammlung von spontanen gedanken und ideen nur schriftlich funktioniert. der gedanke, man könne alles im kopf behalten, ist ein trugschluss. keith haring schreibt am anfang seines tagebuchs, das er mit 20 jahren führte, er habe die jahre vorher zu viele ideen und eindrücke vergessen, die grundlage von weiterführendem waren oder sein könnten. darum werde er beginnen, die eindrücke möglichst schnell zu notieren.

eine feine sache ist es, dass diese gedanken nicht verloren sind, sondern zumindest auschnitthaft allen zugänglich gemacht werden. nach dem motto „lernen von den alten“ – obwohl „alt“ im zusammenhang mit keith haring natürlich der falsche ausdruck ist, bieten persönliche niederschriften oder lebensgeschichten doch viele anregungen und momente, die zur eigenen weiterentwicklung beitragen können. und wer es bis dahin noch nicht gemacht hat, fängt nach der lektüre vielleicht auch an, ein eigenes tage- und ideenbuch zu führen.

zu finden sind die seiten unter http://keithharing.tumblr.com/ .

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biografisches schreiben und schmerzen

körperliche schmerzen sind das fieseste, was ein mensch erleben kann. sie sind erst einmal ohne medizinische hilfe und ohne die konzentration auf andere dinge unausweichlich. sie lassen den menschen ohnmächtig seinen körper spüren. die folge von schmerzen sind handlungen, entweder, den schmerz zu unterdrücken oder die ursache für den schmerz zu suchen. jeder mensch erlebt im laufe seines lebens körperlichen schmerz (es müsste schon mit einem wunder zugehen, wenn jemand ein absolut schmerzfreies leben führen könnte – nur den muskelkater ordnen wir anders ein als die zahnschmerzen.)

erstellen sie doch einmal eine schmerzkurve ihres lebens. wenn sie das machen, haben sie gleich zwei effekte: sie bekommen einen stärkeren bezug zu ihrem körper und sie bekommen einen überblick über all die kleinen und großen gesundheitlichen schwierigkeiten, die sie im laufe ihres lebens erlebt haben. dann können sie neben die körperschmerz-kurve auch gleich noch eine kurve des psychischen schmerzes einzeichnen. wann ging es ihnen seelisch alles andere als gut. was schmerzte sie emotional am stärksten? wenn sie diese kurve in ihre lebensbetrachtungen mit einbeziehen, lassen sich vielleicht zusammenhänge herstellen.

wir leben mit dem phänomen, dass die psychischen schmerzen manchmal zu körperlichen schmerzen führen können und die körperlichen zu psychischen. wenn man das einmal im überblick sieht, dann kann man sich die frage stellen, wie groß dies eine rolle bei einem selber spielt? diese form der selbstbefragung kann einem hinweise im eigenen umgang mit schmerzen liefern. schreiben sie ihre ganz persönliche schmerzgeschichte. und begeben sie sich auf die gedankliche reise der schmerzbekämpfung.

in deutschland wird die behandlung von körperlichen schmerzen immer noch stiefkindlich betrachtet. es hat sich in den letzten jahren zwar etwas gebessert, aber meist herrscht die auffassung vor, krankheit habe mit schmerzen einher zu gehen. dabei haben wir menschen medikamente entwickelt, die die meisten von uns in schmerzfreiheit leben lassen würden. doch die werden sehr zögerlich gegeben. es wird meist mit formen der abhängigkeit Weiterlesen

„freedom writers“ – ein fernsehtipp für heute abend

laut beschreibung des films schafft es eine lehrerin in ihrer schule, die mitten in einem sozialen brennpunkt liegt, mit hilfe des tagebuchschreibens konflikte zu vermeiden. die geschichte basiert auf dem buch „the freedom writers diary: how a teacher and 150 teens used writing to change themselves and the world around them“. in deutschland ist das buch 2007 im autorenhaus verlag unter dem titel „freedom writers: wie eine junge lehrerin und 150 gefährdete jugendliche sich und ihre umwelt durchs schreiben verändert haben“ erschienen. (ein wahrlich deutscher titel 😉 ) ISBN 978-3866710177

der film läuft heute auf pro 7 von 22.50 uhr bis 01.10 uhr oder morgen auf pro 7 von 13.20 uhr bis 15.30 uhr. auch wenn der titel kitschig und heroisch klingen mag, so sprechen doch die kritiken für den film. sicherlich sah die realität ein wenig hässlicher und unprätentiöser als im film aus, aber trotzdem eine sehenswerte sache (und ein nachahmenswertes projekt – nicht nur mit „gefährdeten“ jugendlichen).

bleibt wieder die frage: warum so spät, warum samstag abend?

jugend in deutschland aus tagebüchern, briefen und dokumenten – ein buchtipp

die wiedergabe des titels dieses buches wäre nur das zitat eines zitats gewesen und hätte auf die falsche fährte gelockt. darum habe ich dieses mal die unter-über-schrift gewählt, um einen hinweis auf das spannende werk zu geben. eigentlich handelt es sich um das buch „“wir wollen eine andere welt“ – jugend in deutschland 1900 – 2010 – eine private geschichte aus tagebüchern, briefen, dokumenten“. zusammengestellt hat das buch fred grimm.

wenn man mit hilfe von persönlichen zeugnissen in ein jahrhundert eintaucht, dann stellt man fest, wie viel sich in dieser zeit verändert hat und wie viel sich ständig wiederholt. schon anfang des 20ten jahrhunderts echauffierten sich die gesellschaft und die moralwächter über junge menschen (die halbstarken), die um die häuser zogen und tranken. diese debatten haben wir hundert jahre später wieder. war es früher die kirche, die aufsässigkeit sündig fand, haben wir heute die institutionen der drogenbeauftragen und der bundeszentrale für gesundheitlich aufklärung.

oft könnte man glauben, es gebe keine generationskonflikte mehr, zu viel sei friede, freude, eierkuchen, aber das buch zeigt, dass immer wieder jugendliche haltungen einnehmen, die ältere generationen nicht mehr oder schwer nachvollziehen können. und es zeigt sich auch, dass unsere gesellschaft um kinder ein unglaubliches aufhebens machen, bei jugendlichen meist überhaupt kein verständnis mehr zeigt.

doch noch unter einem ganz anderen aspekt ist dieses buch höchst spannend: beim biografischen schreiben kann man es durch zeitzeugnisse wunderbar nutzen, um in die vergangenheit einzutauchen. können sie sich noch erinnern, was sie in ihrer jugend besonders bewegte? das buch gibt unzählige anregungen, ja es vermittelt sogar die stimmung in der jugendzeit ihrer eltern. es zeigt ebenso die ängste und nöte bestimmter generationen, es macht vergangenes verständlicher.

die beinahe-gegenwart kommt ein wenig kürzer in dem buch vor, aber das macht nichts, denn man kann sie im internet oder in den „shell-studien“ finden. wer wissen will, wie sich jugendliche heute fühlen, sollte sie einfach fragen 😉 . das buch ist bei tolkemitt bei zweitausendeins in frankfurt am main 2010 erschienen. ISBN 978-3-942048-17-0

schreibidee (274)

es gibt kaum einen vierbeinigen freund, der den menschen so beschäftigt, wie der hund (außer natürlich für manche die pferde, deren rücken irgendwie das glück der erde sind). aber auch bei pferden sind meist hunde ein zierendes beiwerk, wie bilder von jagdgesellschaften aus früheren zeiten zeigen. und die katze ist doch ein eher widerspenstiges wesen, wohingegen der hund regelmäßig zu lebenspartnerInnen- oder kinder-ersatz umfunktioniert wird. bei dieser großen bedeutung wird es zeit eine schreibanregung für „hunde-texte“ zu geben.

die haltung zu hunden ist zwiespältig, nicht wenige menschen fürchten sie, im gegensatz zu den hundenarren. und mancher hund wurde von ihren besitzerInnen in eine waffe verwandelt. darum soll zum einstieg, das persönliche verhältnis zum hund von den schreibgruppenteilnehmerInnen geklärt werden. alle schreiben einen zweiseitigen brief an einen hund mit der anrede „hallo hund, was ich dir immer schon einmal schreiben wollte …“. die briefe werden in der schreibgruppe vorgetragen.

im anschluss werden auszüge aus „die aufzeichnungen des pudels ali“ (autor wolfdietrich schnurre) von der schreibgruppenleitung vorgetragen und als kopie verteilt. nun sind alle teilnehmerInnen aufgefordert, die aufzeichnungen ein wenig fortzuführen. wie sieht die welt und das zusammenleben mit den menschen, aus der sicht eines hundes aus? manche hundebesitzer schwören ja darauf, dass ihr vierbeiner sie versteht. ist das wirklich so? auch diese texte werden anschließend in der gruppe vorgetragen und es gibt eine feedbackrunde, die raum für eine diskussion über das wesen der hunde gibt.

zum abschluss ist noch eine hundegeschichte zu schreiben. einzige vorgabe für diese geschichte ist es, dass ein hund der hauptprotagonist ist. wie das umgesetzt wird, bleibt den schreibgruppenteilnehmerInnen überlassen. der hund muss nicht positiv oder vermenschlicht dargestellt werden, er soll nur eine rolle spielen. die geschichten werden vorgelesen und es findet eine feedbackrunde statt.

kreatives schreiben und reisen (2)

es gibt erkenntnisse, die urlaub und reisen nicht nur als erholung darstellen. zum einen fühlen sich etliche menschen, wenn plötzlich mehr ruhe in ihr leben einkehrt, nicht unbedingt besser. der beginn eines urlaubs kann davon belastet sein, dass erst einmal all die gedanken und dinge verarbeitet werden müssen, die in der stressigen berufszeit beiseite geschoben wurden. wenn sich dann jemand auf reisen begibt und auch dabei kaum ruhephasen hat, dann sorgen die zusätzlichen vielen neuen eindrücke für ein zusätzliches stresspotential.

kreatives schreiben kann eine möglichkeit sein, eindrücke im urlaub zu verarbeiten und als anregung zu nutzen. zwar stellt auch das schreiben nicht unbedingt eine ruhephase dar, aber es kann entlastende wirkung haben. außerdem ist das immer so eine sache mit den fotografien von reisen. sie können visuelle eindrücke wiedergeben, aber nicht die gefühle und empfindungen, die man dabei hatte. wie wäre es also, etwas über den urlaub zu schreiben. angefangen bei einem reisetagebuch, morgenseiten, zu denen man im alltag keine zeit findet, einen reisebericht oder auch nur geschichten und ereignisse, die man am wegesrand erlebt?

man kann auch noch einen schritt weitergehen und eine reise ausschließlich dem schreiben widmen. man kann für sich entscheiden, dass man einen schreiburlaub macht. man wählt sich einen ort, der einem ruhe vermittelt, man lässt die modernen kommunikationsmittel zuhause Weiterlesen

biografisches schreiben und suche

das ganze biografische schreiben ist eine einzige suche. man begibt sich auf die suche nach der eigenen vergangenheit. man möchte es noch einmal wissen, was war, wie es war und warum es so war? dabei versucht man die steine der vergangheit überhaupt zu finden, dann umzudrehen und sich überraschen zu lassen. das ist teilweise sehr unterhaltsam, wenn man sich an dinge erinnert, dinge wieder findet, die man lang vergessen hatte. oder es ist anstrengend, wenn in der eigenen vorstellung die suche nicht sehr effektiv verläuft oder man sich an weniger schönes erinnert.

die suche nach vergangenem, vergessenem kann man ein wenig forcieren. die einfachste möglichkeit ist es natürlich, wenn man so etwas, wie tagebücher geschrieben hat. sich alte tagebücher vorzunehmen und sie noch einmal zu lesen, versetzt einen meistens recht schnell wieder in die gefühls- und erlebniswelten von damals. hier wird man mit großer wahrscheinlichkeit schnell finden, was man suchte.

eine weitere möglichkeit ist es, sich mit menschen aus der vergangenheit zu unterhalten, sie zu befragen. auch wenn diese sich vielleicht nicht mehr an alles erinnern, so können sie einem doch oft bei der suche weiterhelfen. manchmal genügt es auch, sich mit menschen zu unterhalten, die ähnliches erlebt haben. das kann eigene erinnerungen wecken.

oder man schaut in die archive von zeitungen, in bibliotheken oder in filmarchive, um wieder ein bild von der vergangenheit zu bekommen. da erinnert man sich dann plötzlich an ereignisse, die man einmal sehr wichtig fand, die sich aber nicht in den gedanken festsetzten. es hilft als brücke zu den eigenen, ganz persönlichen ergebnissen. vorteil ist dabei, dass unser langzeitgedächtnis meist länger gut funktioniert als das kurzzeitgedächtnis.

oder man nutzt diverse assoziationstechniken, Weiterlesen

web 2.55 – lebenstagebuch.de

immer noch, über 60 jahre später, machen menschen die traumatischen erinnerungen an den zweiten weltkrieg zu schaffen. lange verdrängt, suchen sich die erinnerungen ihren weg. teils drückt sich dies durch psychische störungen oder über körperliche beeinträchtigungen aus. manche der über 65-jährigen fangen nun an, ihre erinnerungen zu verarbeiten. auch ohne beeinträchtigungen kann man feststellen, dass eine auseinandersetzung mit erlebtem generell entlastet.

eine hilfe dabei bietet die homepage http://www.lebenstagebuch.de/ an. die seite bietet eine schreibtherapeutische hilfe für menschen über 65 an, die sich mit ihren traumatischen erlebnissen beschäftigen und sie verarbeiten möchten. das angebot kann nur online genutzt werden, es sind keine realen konsultationen in einer praxis vorgesehen. hier wird das schreiben als entlastende hilfe und zur umstrukturierung der erinnerungen genutzt.

um menschen, die an ihren traumen erkrankt sind, nicht in der virtuellen welt behandeln zu müssen (dies ist nicht vorgesehen), ist im vorfeld ein fragebogen zu beantworten. sollten psychische oder körperliche störungen vorliegen, wird lieber an andere angebot abseits des internets vermittelt. das angebot des „lebenstagebuchs“ wendet sich an menschen, die genug eigene ressourcen aktivieren können, um einen umgang mit dem erlebten zu finden.

das „lebenstagebuch“ ist eine kooperation von berliner und stralsunder beratungs- und forschungsstellen zum thema traumatisierung. ein interessanter versuch, schreiben, das internet und biografiearbeit miteinander zu verbinden.

web 2.54 – erinnerungsstücke vom ersten weltkrieg

es wird kaum mehr zeitzeugen geben, die noch den ersten weltkrieg miterlebt haben. das ist ganz normal. doch erst jetzt hat man die möglichkeit, relativ leicht und ohne großen aufwand, digitale archive zu erstellen, vor allen dingen unter der beteiligung der gesamten bevölkerung.

und dann gibt es da familien und sippen, die erinnerungsstücke ihrer vor-vorfahren bewahren. vor allen dingen aus zeiten, die eine zäsur für das land, für die familien und für das zusammenleben bedeuteten. früher war die sammlung von erinnerungsstücken schwierig, da die aufbewahrerInnen der erinnerungsstücke schwer zu erreichen waren. vieles fand sich eher auf flohmärkten oder bei wohnungsauflösungen.

jetzt werden die neuen medien genutzt. hinweise dazu gibt es über das radio und als flyer, die an vielen orten ausliegen. unter dem label „100 jahre erster weltkrieg„, einem traurigen erinnerungsdatum, soll eine virtuelle sammlung auf der europäischen kulturhomepage aufgebaut werden. dazu kann jeder mensch, der erinnerungsstücke, wie bilder, briefe oder erinnerungen an den ersten weltkrieg sein eigen nennt, diese selber ins internet stellen.

zum beispiel einfach bilder einscannen, dann auf die website http://www.europeana1914-1918.eu gehen und den hinweisen folgen, schon beteiligt man sich an dem erinnerungsprojekt. eigentlich eine ganz gute idee, die dem vorwurf, das internet würde das gesellschaftliche gedächtnis abschaffen, entgegensteht. gleichzeitig bietet das internet viel raum für biografisches archivieren und zeitzeugen-materialien. es ist zu wünschen, dass der erste absurde weltkrieg nicht vergessen wird.

biografisches schreiben und scham

wissenschaftler streiten weiter darüber, ob scham angeboren, anerzogen oder ein mix aus beidem ist. kann man sich an bestimmte erlebnisse und anblicke gewöhnen oder werden sie einen immer wieder in scham versetzen und unangenehm sein? schaut man sich die entwicklung der nachtclubs und die pornografisierung der gesellschaft an, dann ist eine veränderung denkbar. die welt könnte freizügiger werden, auch wenn in vielen erotisierungen schon wieder eine seltsame verklemmtheit verankert ist.

was hat dies nun mit biografischem schreiben zu tun? ganz einfach: jeder schreibende steht irgendwann vor der frage, wie viel seiner intimen erlebnisse und erfahrungen er preisgeben möchte. so lang die lebensgeschichte nur für einen selber notiert wird, so lang kann sich die scham im hintergrund halten. man notiert das, was man denkt. doch selbst dann, ähnlich wie beim tagebuch schreiben, überlegt man, ob nicht später einmal jemand das geschriebene in die hände bekommt, man dies nicht mehr kontrollieren kann, und die eigene person nackt vor den leserInnen steht.

darum notieren die meisten menschen keine details ihrer sexuellen begegnungen, keine überlegungen zu ihren fantasien und wenige unzensierte gedanken zu anderen menschen. das steht im widerspruch zu den dating-börsen im internet, die jegliches detail offenlegen, das den eigenen sexuellen interessen entspricht. scham kommt anscheinend immer dann ins spiel, wenn tiefe gefühle ins spiel kommen. denn wieso sollte ich in meinem tagebuch dinge notieren, die mich nicht berühren. aber bei einer dating-börse geht es um angebot und nachfrage und nicht unbedingt um aktuelle gefühlslagen gegenüber einzelnen personen.

noch schwieriger wird die frage der scham, wenn man sich entscheidet mit der eigenen lebensgeschichte an die öffentlichkeit zu gehen. wie gut sollen einen die anderen menschen kennenlernen? viele biografien bilden nur die fassade der eigenen bedürfnisse ab, aber nicht die bedürfnisse selber. Weiterlesen

selbsterkenntnis und biografisches schreiben

des öfteren war hier schon die rede von der möglichkeit, seine vergangenheit mit dem biografischen schreiben in erster linie für sich selber aufzuschlüsseln. darum möchte ich dieses mal einen blick auf die frage werfen, ab wann es sich lohnt, sein leben zu analysieren und sich dem biografischen schreiben zu zu wenden. einige menschen sind der meinung, sie hätten nicht genug erlebt, um einen blick in die vergangenheit zu werfen. die erfahrungen zeigen etwas anderes. ganz gleich wer es ist, jeder mensch hat einschneidende oder begeisternde erfahrungen gemacht, die wertung der bedeutung des geschehenen liegt eigentlich nur bei einem selber. darum lautet die einfache antwort: es lohnt sich, wenn man möchte, immer einen blick in die vergangenheit zu werfen. es gibt keine altersbegrenzung für das biografische schreiben. selbsterkenntnis hat nichts mit der dauer der lebenserfahrung zu tun.

ein hinweis auf die altersunabhängigkeit könnte sein, dass schon mit jungen jahren angefangen wird, tagebuch zu schreiben. es kommt das gefühl auf, dinge festhalten zu möchten, die sich im alltag ereignet haben, die einen beschäftigen. oft geht dies einher mit den umwälzungen der pubertät. hier fängt mensch an, sich selbst zu reflektieren und sich in das soziale gefüge einzuordnen. vieles verunsichert, stellt in frage und wird neu zugeordnet. angefangen beim eigenen körpergefühl bis zur haltung den eltern gegenüber. der junge mensch fängt an, seine eigenen bedürfnisse zu formulieren, die schnell im widerspruch zu den gesellschaftlichen regeln und konventionen stehen können. schon in diesem moment scheint eine reflexion schriftlicher art möglich, denn was ist tagebuch schreiben anderes. techniken des biografischen schreibens müssen nicht in jahrzehntschritten angewandt werden. auch junge menschen finden schon worte für ihre bis dahin erlebten lebenskrisen und -höhepunkte.

und wer einmal seine alten tagebücher durchstöbert, Weiterlesen

weitere buchbesprechungen zu lutz von werders büchern

in dem hier schon vorgestellten blog von dr. andreas mäcklermeine-biografie.com“ gibt es zwei weitere buchbesprechungen, die sich büchern von lutz von werder widmen. bei dem einen handelt es sich auch um eine neuauflage zum tagebuch schreiben: „schreiben von tag zu tag – wie das tagebuch zum kreativen begleiter wird„. dieses buch hat lutz von werder zusammen mit barbara schulte-steinicke verfasst. die besprechung findet sich hier: http://www.meine-biographie.com/?p=806 . beim zweiten buch handelt es sich um eine fortführung des eben hier vorgestellten buches zum biografischen schreiben. der titel lautet: „die welt romantisieren – wie schreibe ich meine persönliche mythologie?“. die besprechung findet sich hier: http://www.meine-biographie.com/?p=1855 .

beide bücher bieten, so viel kann hier schon geschrieben werden, viele weitere schreibanregungen.

„fragebogen“ von max frisch – ein buchtipp

ein kleines büchlein, das schnell gelesen ist, aber weniger schnell beantwortet. ich hatte es schon beim buchtipp zu rolf dobellis buch erwähnt. der suhrkamp verlag hat die elf fragebögen den tagebüchern von max frisch aus den jahren 1966 bis 1971 entnommen und in einem band veröffentlicht. jeder fragebogen umfasst 25 fragen, die sich meist einem schwerpunkt widmen. darunter befinden sich ehe, tod, eigentum, heimat oder auch kinder.

um es klar zu schreiben, die fragen von max frisch sind sehr gewitzt und nicht frei von politischen anwandlungen. sie haben eigentlich einen persönlichen charakter, beziehen aber auch gesellschaftliche fragen mit ein. so ist eine der schönsten fragen in meinen augen folgende: „Kennen Sie ein Land, wo die Reichen nicht in der Minderheit sind, und wie erklären Sie es sich, daß die Mehrheit in solchen Ländern glaubt, sie sei an der Macht?“ (seite 83) nun, welche antwort hat man darauf?

für manche antworten bietet frisch eine ganze palette an antwortmöglichkeiten an, die ein tiefes verständnis des „menschlichen“ und seiner kleinen fehler aufzeigen. oder max frisch lässt einen in die falle der einfachen antwort durch eine nachfrage tappen. so schleicht er sich mit der einfachen frage: „Lieben Sie jemand?“ an, um gleich als nächstes zu fragen: „Und woraus schließen Sie das?“ (seite 9/10).

alles in allem ein großartiges büchlein, das nicht nur der selbstbefragung dienen kann, sondern humorvoll und unbeschwert daher kommt. es macht lust darauf, eigene fragebögen zu entwerfen und andere beantworten zu lassen. wer es nutzen möchte, erhält es im suhrkamp taschenbuchverlag aus frankfurt am main. ISBN 978-3-518-39452-5

biografisches schreiben und schreibverhalten

beim schreiben der eigenen lebensgeschichte kann es für einen interessant sein, wann man eigentlich zum stift gegriffen hat, um eigene texte zu verfassen. es gibt in diesem zusammenhang  sehr verschiedene verhaltensweisen. mancher mensch schreibt so gut wie nie, andere wieder in großer regelmäßigkeit.

so werden vielleicht ausschließlich postkarten aus dem urlaub geschrieben, da viele leute glauben, sie hätten sonst nichts zu erzählen. andere kotzen sich gern verbal in ihrem tagebuch aus oder verfassen morgenseiten, schreiben traumtagebuch. es kann für einen selber interessant sein, später einen blick auf die eigenen gedanken zu werfen. erstaunlicherweise stellt sich beim lesen alter texte oft das gefühl wieder ein, das man beim verfassen des textes hatte.

aber ebenso interessant ist es, zu überlegen, weshalb man eigentlich angefangen hat zu schreiben. meist ist damit zu rechnen, dass menschen, die ihre eigene biografie schreiben wollen, vorher schon öfter zum stift gegriffen haben. doch was brachte sie dazu, wer hatte einfluss darauf? hat man sich schon immer für sich selber interessiert? und warum interessierten einen die eigenen gedanken so sehr und tun es noch heute.

seltsamerweise nimmt das schreiben heutzutage zu, früher war es nur dem bildungsbürgertum vorbehalten, wenn überhaupt. menschen teilen sich immer öfter mit, vor allen dingen auch sich selber. das ist eine entwicklung, mit der durch das internet eigentlich nicht zu rechnen war. bei der betrachtung des eigenen schreibverhaltens kann vor allen dingen interessant sein, ob sich etwas dabei verändert hat. ist der ausdruck freier geworden oder hat sich das persönliche schreiben im laufe der jahre reduziert?

denn wenn man hier genauer hinschaut, kann man eventuell für sich aufschlüsseln, welches die auslöser der verhaltensänderungen waren. welche lebensbedingungen haben einen zum schreiben gebracht oder vom schreiben abgebracht. das könnte zu weiteren erkenntnissen führen, wovon die eigene lebensgeschichte beeinflusst wurde. es kann ja auch sein, dass man froh ist vom schreiben abgekommen zu sein, obwohl die meisten menschen etwas anderes berichten 🙂

biografisches schreiben und erinnerungsvermögen

 

eine schwierigkeit des biografischen schreibens besteht darin, dass es meist von menschen praktiziert wird, die schon ein höheres alter erreicht haben. das hat zur folge, dass die erinnerungen an kleinigkeiten in der entfernten vergangenheit oft nicht mehr zur verfügung stehen. nur wenn regelmäßig tagebuch geschrieben wurde lässt sich manches wieder erinnern. das verlagt aber viele biografien und lebensgeschichten in die nahe vergangenheit.

faszinierend ist die tatsache, dass bei sehr hohem alter dann wieder die erinnerungen an die kindheit wacher scheinen, als die an die nähere vergangenheit. um diesen phänomenen ein schnippchen zu schlagen scheinen assoziationstechniken und systematische zeitlinien hilfreich. es ist zwar zu vermuten, dass die wirklich bewegenden ereignisse erinnert werden beim verfassen der eigenen lebensgeschichte, doch das ist nicht gewiss. denn vor allen dingen die schockierenden, schlimmen vorkomnisse im eigenen leben, werden gern versteckt und abgelegt, um nicht beständig an sie erinnert zu werden.

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web 2.24 – leben mit borderline

das internet bietet vielen interessen und gedanken raum. aber es bietet vor allen dingen auch menschen raum, die probleme und schwierigkeiten haben. so bilden sich zu den verschiedensten krankheiten selbsthilfe-foren und informationsseiten. diese foren können hilfreich sein bei der bewältigung der eigenen situation.

weiterhin schwer tun sich die deutschen bürger, ärzte und krankenkassen mit psychischen schwierigkeiten und erkrankungen. in der vorstellung vieler sind psychische krankheiten gekoppelt an ein selbstverschulden und bedürfen zur behandlung eines gewissen maßes an selbstverantwortung. soll heißen, die betroffenen müssen sich nur ein wenig zusammreißen und sich anstrengen, dann wird es ihnen auch besser gehen. selbst in den foren vieler betroffener wird dies von betroffenen eingefordert oder es wird eine tabuzone um bestimmte krankheitsverläufe gebaut. das ist nicht immer so, aber kommt ab und zu vor und konterkariert die selbsthilfe.

eine heute oft gestellte diagnose psychischer erkrankung ist die „borderline“-störung. gleichzeitig ist diese störung schwer nachvollziehbar für andere menschen. seit anfang dieses monats bloggt ein betroffener mensch über seine verfassung als „borderliner“. so zwiespältig es sich anfühlt, einen so tiefen einblick in die verfassung eines menschen mit einer psychischen störung zu bekommen, so aufklärend kann der besuch dieser seiten sein. denn hier wird schonungslos berichtet, teilweise logbuch-artig, was in einem menschen vorgeht, der diese diagnose erhalten hat. wer dann immer noch der meinung ist, dass es sich bei „borderline“ um keine krankheit und schwer behandelbare störung handelt, sondern mensch sich nur zusammenreißen muss und dann ist die schwierigkeit zu lösen, hat nicht richtig gelesen. zu finden ist der blog unter: http://lebenmitborderline.wordpress.com/

tagebuch schreiben und die kommende us-regierung

barack obama will alles richtig machen, damit der machtwechsel reibungslos verläuft und sofortiges anpacken der probleme möglich ist. um schwarze schafe in der neuen regierung und administration auszuschließen, erhalten alle möglichen kandidaten einen umfassenden fragebogen, der wahrheitsgemäß auszufüllen ist. das ist anscheinend heutzutage notwendig, da man sonst nicht sichergehen kann, welche moralischen verfehlungen im laufe der zeit auftauchen. 🙄 

wie die süddeutsche zeitung heute schrieb, widmet sich davon eine frage vor allen dingen den tagebuchschreiberInnen unter den zukünftigen mitarbeiterInnen. so richtet sich frage 14 ausschließlich an diese. sie sollen, wenn peinliche dinge in den büchern stehen, diese offenlegen. wo, wenn nicht in sein tagebuch, schreibt man dinge, die den rest der welt nichts angehen. oder zumindest erst von interesse sein dürfen, wenn man verstorben ist und die eigenen tagebücher nicht vernichtet hat.

und, was ist peinlich? das, was man in sein tagebuch schreibt, ist einem selber in diesem moment wahrscheinlich nicht peinlich, da es einen bewegt. müssen also die zukünftigen regierungsmitglieder ihre tagebücher nun bekannten und verwandten oder sogar den geheimdiensten zu lesen geben, damit diese beurteilen, ob sich darin etwas peinliches befindet? und wer sollte die eigenen tagebücher veröffentlichen, wenn nicht man selber? darf ein ausschuss zur  einsetzung von mitarbeiterInnen nach den inhalten von tagebüchern fragen?

es drängt sich einem die vermutung auf, dass sich menschen, die ihre intimen gedanken nicht in einem blog, bei facebook oder in einem film bei youtube veröffentlichen, per se verdächtig machen und sicherlich ständig peinliches notieren. viel peinlicher ist doch die ständige offenlegung von intimem. ja, hier wird der abschaffung von tagebüchern vorschub geleistet oder der industrie zur produktion von tresoren, um die eigenen tagebücher immer einschließen zu können.

da sich aber die leserInnen dieses blogs in absehbarer zeit sicherlich nicht als mitarbeiterInnen der amerikanischen regierung wähnen dürfen, kann ich nur empfehlen, auch in zukunft die tagebücher mit allen peinlichkeiten und emotionalen notdurften zu füllen, damit die nachwelt auch morgen noch weiß, nach was wir uns alle sehnten 😉

web 2.22 – genderanalyzer

wollten sie auch schon immer einmal wissen, ob diesen blog wirklich ein mann verfasst oder vielleicht doch eine frau? (shopping) dann ist dies jetzt möglich. (shopping) das internet bietet eine seite von zwei schweden, die heute in der taz (siehe hier: http://www.taz.de/1/leben/internet/artikel/1/maenner-schreiben-anders/ ) vorgestellt wurde. (shopping)

das programm „genderanalyzer“ basiert auf einer sprachanalyse und stellt prozentual anteile männlicher oder weiblicher sprache fest. (shopping) wen wundert es da, dass zum beispiel auf blogs von männern gehäuft das wort „bier“ vorkommt (ich würde ja auch vermuten „fussball“). (shopping) auf seiten von frauen soll dagegen vor allen dingen das wort „shopping“ einer der anhaltspunkte für die weibliche sprache sein. (shopping) erkenntnisse, die nicht wirklich erstaunen, aber auch einen inzwischen emanzipierten und großen teil der bevölkerung mal wieder in eine schublade steckt. (shopping) in solchen momenten wünscht man sich doch solche konstrukte wie „transgender“ oder „gender-mainstreaming“, um wieder auf die inhalte des geschriebenen zu verweisen und nicht auf das geschlecht. (shopping)

doch leichter gesagt als getan. angeblich schreiben frauen in blogs eher tagebuch und über ihre gefühle und männer kleine abhandlungen und politische analysen. (shopping) na dann, lässt sich der geschlechterfalle nicht mehr entgehen, außer man streut immer wieder konträre worte ein. (shopping) und dann kann man die seite aufrufen und sich analysieren lassen unter: http://www.genderanalyzer.com/ . ziel aller besucherInnen könnte es sein, die 50 prozent zu erreichen. ich werde mich bemühen, damit es ihnen immer unklarer wird, wer denn hier schreibt. (shopping) 😆

schnickschnack (45)

menschen, die schreiben, die handschriftlich schreiben, schreiben gern in gebundene büchlein. da gibt es die bemusterten stabilen kartontagebücher, die poesiealben der teenies, die schwarzen bücher mit den roten ecken. und dann gibt es die „moleskine„-bücher. in verschiedenen formen, als kalender oder als tagebuch, im sehr handlichen format oder beinahe als din-a4-heft. generell schwarz und generell chic.

und anscheinend boomen die moleskine-produkte. denn viele menschen glauben, dass sie sich mit den notizbüchern in einer jahrhunderte dauernden tradition der kunst- und kulturschaffenden befinden, die diese bände für ihr werk nutzten. dabei ist alles nur eine gute marketing-strategie, wie der artikel von hillmar poganatz in der süddeutschen zeitung vom 31ten oktober zeigt. der artikel ist hier zu finden: http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/376/316261/text/  .

und doch liegen diese schwarzen bücher meist gut in der hand, haben eine papp-tasche für schnickschnack in der innenseite des rückeinbandes. deshalb hier der hinweis, wo sie herkommen und wie man sie bekommt. und zwar hier: http://www.moleskine.com/index_eng.php .

schnickschnack (33)

die welt wird steriler. es war einmal interessant auf die toiletten in verschiedenen kneipen berlins zu gehen. konnte man doch in den kabinen ganze romane lesen, die an die wände geschrieben waren. doch inzwischen wird vieles überstrichen, gereinigt oder eine oberfläche angebracht, die beschriftungen unmöglich machen. seit etlichen jahren gibt es eine alternative, vor allen dingen in den usa. „1000 journals“ ist der versuch, durch das weitergeben und liegenlassen von festgebundenen journalen an verschiedenen orten, wie kneipen, parkbänken und zügen, menschen aufzufordern sie vollzukritzeln. wenn so ein journal voll ist, sollte es an den absender zurückgeschickt werden. seit 2000 wurden 1000 journale verteilt. viele kamen zurück und seiten davon wurden eingescannt. sie sind auf folgender seite zu sehen: http://1000journals.com/index.php?view=Journals%2FIndex . das projekt ist inzwischen abgeschlossen.

das folgeprojekt, auch aus san francisco, nennt sich „1001 journals“ und läuft noch. es nutzt inzwischen die möglichkeiten des internet und macht das angebot, nicht nur reale journale weiterzugeben, sondern auch virtuelle journale zu erstellen. um daran teilzunehmen muss man sich einloggen. doch auch hier gibt es viele eingescannte journale zum ansehen, zumindest ausschnitte davon. das ganze entwickelt sich immer mehr zu einem kunstprojekt, aber einem interessanten. zu finden ist die seite unter: http://1001journals.com/ .

vielleicht sollte man auf den toiletten berlins journale auslegen. das wird aber sicherlich gefährlich für das journal, wenn das toilettenpapier ausgeht.