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biografisches schreiben und stärke

das leben ist für den menschen eine anstrengung. dadurch, dass wir wahrnehmen können, dass wir zu selbstreflexionen und zum nachdenken fähig sind, und vor allen dingen, dadurch dass wir nach dem wahnehmen und dem denken zu handlungen übergehen können, tragen wir, in unseren augen, verantwortung für unser leben. auch die menschen um uns herum geben uns beständig zu verstehen, dass wir verantwortung für unsere lebenssituation tragen.

das kann befreiend sein, da nur wir für unser leben verantwortlich sind und somit auch das recht haben, allein die entscheidungen für uns zu treffen. auf der anderen seite sind wir in ein soziales umfeld eingebunden, auf das wir teilweise angewiesen sind und das ebenso forderungen an uns stellen kann. wir tun uns keinen gefallen, wenn wir versuchen, uns dem umfeld vollständig zu entziehen. denn es fehlen uns dann rückmeldungen zu unseren verhaltensweisen und somit eventuell korrigierende momente.

ganz gleich, welche haltung wir zu unserer „selbstverantwortung“ einnehmen, honoriert werden gern so genannte „zeichen der stärke“ in unserem verhalten. doch was ist das? mit „stärke“ wird bei uns oft ein „männliches“ prinzip bezeichnet: sich durchsetzen, seinen weg gehen, den lonesome cowboy geben, möglichst wenige emotionen zeigen, nicht auf andere eingehen … inzwischen sind diese verhaltensweisen nicht mehr mit geschlechterrollen koppelbar, sondern nur lebensprinzipien, nach denen man seinen alltag ausgestalten kann.

beim biografischen schreiben kann man seine eigene definition von „stärke“ formulieren. was bedeutet es für uns, stark zu sein? und in welchen momenten unseres lebens hatten wir das gefühl, Weiterlesen

schreibberatung und privat

die zurückhaltung ist manchmal etwas zu groß. der glaube, allein die passende schreibtechnik genügt und schon gerät man wieder in den schreibfluss, der so dringend notwendig ist, ist weit verbreitet. in vielen situationen ist dies auch eine sinnvolle annahme. wenn jemand aber an dem punkt ist, eine professionelle schreibberatung aufzusuchen und dafür geld zu bezahlen, dann hat die schreibkrise meist mehr gewicht und erscheint schwieriger.

in diesen momenten macht ein blick hinter die kulissen viel sinn. es geht eben nicht mehr nur ums schreiben, es geht um viele andere fragen, die mit dem schreiben einhergehen. es lässt sich im vorfeld nicht sagen, worum es geht. schreibberaterInnen können die schwierigkeiten nur durch fragen einkreisen, um handlungsmöglichkeiten mit den klientInnen zu erarbeiten. bei den fragen dreht es sich auch um fragen zum privaten umfeld, zu unterstützung oder behinderung im schreibprozess durch andere, zu be- und abwertungen durch nahestehende menschen.

darum scheint es mir so wichtig, dass auch in der schreibberatung die schweigepflicht und ein ruhiges setting gewahrt werden. es kann sein, dass gar nicht viel privates eine rolle beim schreibprozess spielt, ebenso kann aber auch das genaue gegenteil der fall sein. einzig, es ist sinnvoll mit privatem nicht hinter dem berg zu halten, auch wenn es schwer fällt. schreibberatung ist keine therapie und will Weiterlesen

schreibidee (298)

die welt wird immer digitaler: man kauft auf digitalem weg, man plant reisen, termine und kontakte digital, man veröffentlich digital, dieser blog ist digital, beziehungen entstehen digital. der computer und das internet sind aus unserem leben kaum mehr wegzudenken. und schritt für schritt verändert sich unsere welt. teilweise sind inzwischen menschen ausgeschlossen, die sich nicht auf den digitalen pfad begeben. also einmal in der schreibanregung zu „digitalen stories“ animieren.

der einstieg bietet einen persönlichen bezug: in welchen bereichen hat sich das leben der schreibgruppenteilnehmerInnen am stärksten durch die digitalisierung der welt verändert? darüber sollten maximal zwei seiten geschrieben werden. die texte werden ohne feedbackrunde in der schreibgruppe vorgetragen.

anschließend werden die digitalen errungenschaften der heutigen zeit am flipchart gesammelt. angefangen beim kühlschrank, der anzeigt, wenn die milch aufgebraucht ist, über die „navis“ in beinahe jedem auto bis zu den online-versteigerungen bei ebay. man kann die frage auch umkehren und fragen: welcher bereich ist in unserem leben noch nicht digitalisiert? nachdem die sammlung abgeschlossen ist, wählen die schreibgruppenteilnehmerInnen ein beispiel aus und beschreiben es in einem text von maximal zwei seiten. was hat sich durch diese neuerung verändert? ergeben sich daraus skurrile situationen (wie zum beispiel menschen, die in die wildnis fahren, da ihnen ihr navi den falschen weg anzeigt)? auch diese texte werden kurz vorgetragen.

um dann in eine längere story einzusteigen. hierfür gibt es eigentlich nur eine vorgabe: die digitalisierung soll eine rolle spielen. das kann bedeuten, dass geschichten aus einer analogen gegenbewegung oder das schwimmen im digitalen strom, dass digitale produkte in den wahnsinn treiben oder das leben paradiesisch erscheint oder dass alle digitalen möglichkeiten als praktische werkzeuge genutzt werden. vorstellbar ist also jede richtung, hauptsache der binäre code spielt im hintergrund eine rolle. anschließend werden die stories in der schreibgruppe vorgetragen und es findet eine feedbackrunde statt.

zum abschluss noch eine kleine fantasieaufgabe: welches digitale gerät muss noch erfunden werden und fehlt bis jetzt ungemein. auf einer seite wird dieses notwendige gerät beschrieben und der schreibgruppe anschließend kurz vorgestellt.

schreibpädagogik und gehirnakrobatik

was möchte schreibpädagogik erreichen? salopp formuliert, dass menschen einen unverkrampfteren und kreativen zugang zum schreiben finden. dass menschen sich locker auf den schreibprozess einlassen. dafür werden techniken vorgestellt, werden feedbacks auf geschriebenes gegeben und wird versucht, die angst vor dem weißen blatt oder bildschirm zu nehmen.

eine der folgen der schreibpädagogik ist ein immer wacher geist. der blickwinkel verändert, ja, er erweitert sich. die menschen laufen mit offeneren augen durch ihre umgebung und schnappen anregungen, erlebnisse oder formulierungen auf, die sie oft schon beim aufschnappen in textform, in ein exposé bringen. „lässt sich mit dem erlebten etwas anfangen?“, ist der nicht sehr bewusste gedanke, der im hintergrund abläuft. es liegt wahrscheinlich am training des schreibens, der den kopf immer öfter akrobatiken vollführen lässt.

man kann sich das ein wenig wie im sport oder beim fahrradfahren vorstellen. erst übt und trainiert man viel. man schaut genauer auf die abläufe, sucht nach anregungen, beginnt, seiner fantasie leichter freien lauf zu lassen. nach einer längeren trainingsphase verselbstständigen sich die wahrnehmungsprozesse und verarbeitungen im gehirn. irgendwann ist man an dem punkt, dass man einmal fahrradfahren gelernt hat und es nie wieder verlernt.

so ähnlich kann man sich das mit der wirkung der schreibpädagogik für das eigene schreiben vorstellen. einmal gelernt, verlernt man das „andere“ schreiben eigentlich nicht mehr. gut, einzig schreibblockaden können einen stoppen. diese form der blockade taucht beim radfahren doch eher selten auf, dafür kann man einen platten bekommen.
faszinierend ist jedenfalls, wie das gehirn im hintergrund fleissig seine tätigkeit aufnimmt. Weiterlesen

leben neben der berliner feuerwehr (04)

sehr geehrter herr körting (innensenator),

wie jedes frühjahr bricht bei den mitarbeitern der berliner feuerwehr die hungersnot während der dienstzeit aus. entweder ernähren sie ihre mitarbeiter so schlecht, oder sie stellen ihnen keine kochgelegenheiten zur verfügung (obwohl andere berufsgruppen auch zwölf stunden arbeiten ohne feuerstelle auskommen). jedenfalls herr körting, besteht nach eingehender beobachtung von meiner seite ein enger zusammenhang zwischen steigenden temperaturen, wetter ohne niederschlag, mittagspause und dem anwerfen eines grills um das rohe fleisch mit magenknurren schnell anzubraten. ab dem frühjahr geschieht dies dann mehrmals die woche (sollten wetter und hunger mitspielen). ich möchte ihnen vorschlagen, dass sie ihren beamten entweder täglich essen auf rädern zukommen lassen (nur mal so wegen der rauchbelästigung für die nachbarschaft und der abgasbelästigung durch die einsatzfahrzeuge in den hinterhöfen, die als sichtschutz dort abgestellt werden müssen). oder sie lassen ihren mitarbeitern essenmarken für die nächstgelegenen städtischen kantinen zukommen. dort gibt es sicherlich auch parkplätze für die einsatzfahrzeuge. so ließe sich die zeit, die sonst von ihren beamten während des dienstes bei auto-tip oder wie ostermontag mit dem hoch- und runterfahren ihrer freunde und familien mit dem leiterwagen verbracht wird, sicherlich sinnvoller nutzen. vielleicht könnten sie vor der kantine auch noch die kollegen aus den anderen behörden, zum beispiel der umweltbehörde des bezirkes steglitz oder der ordnungsämter, die schönen leiterwagenfahrten anbieten. es würde die nachbarschaft der feuerwache entlasten und die umweltverschmutzung dorthin bringen, wo sie hingehört.

mit freundlichen grüßen,

ein von seinen staatsdienern und den weisungsgebenden behörden begeisterter bürger

schreibidee (174)

der mensch als soziales wesen orientiert sich häufig an seiner umwelt. er wählt seine umwelt aus, er lässt sich von ereignissen und anderen menschen überraschen, er greift zufälle auf und versucht ab und zu, die kontrolle über die situationen zu erlangen. das kann funktionieren, teils aber auch gnadenlos scheitern. doch jeder mensch kennt situationen mit anderen menschen, die einen tiefen eindruck hinterlassen. die eindrücke können positiver oder negativer art sein, aber sie verändern einen. diese schreibidee möchte die außergewöhnlichen situationen und vor allen dingen begegnungen aufgreifen und in geschichten über „menschen, die mich veränderten“ fassen.

als einstieg kann hier die technik des erstellens einer lebenskurve angewendet werden. dazu tragen die teilnehmerInnen der schreibgruppe in ein diagramm ihr leben von der geburt bis heute als linie ein, die die höhe- und tiefpunkte erfasst. anschließend werfen sie einen blick auf die extremen momente und überlegen welche menschen aus ihrer umgebung in diesen momenten beteiligt waren. es werden die namen an den negativen und positiven spitzen der lebenskurve notiert. an jedem punkt wird die wichtigste person markiert. zur jeweiligen person und situation werden auf einem blatt drei sätze notiert.

anschließend wählen alle schreibgruppenteilnehmerInnen die person und situation aus, von der sie meinen, dass sie zur größten veränderung in ihrem leben beigetragen haben. von der person, die beteiligt war, erstellen sie ein schriftliches charakterbild auf ungefähr einer seite. dazu können metaphern oder die situationsbeschreibungen herangezogen werden. im anschluss wird in einer längeren geschichte das erlebnis mit der person geschildert. die geschichten werden in der schreibgruppe vorgelesen. es gibt keine feedbackrunde.

zum schluss wird nämlich die erlebte positive oder negative situation verwandelt. es tauchen keine personen mehr auf, sondern es wird ein landschaftsbild gezeichnet, dass die verändernden momente erfasst. die schreibgruppenteilnehmerInnen werden aufgefordert ihre lebensverändernde landschaft zu entwerfen. dabei können bis ins detail metaphorische bilder erfunden werden oder ein gesamtblick über die landschaft die emotionen des höhe- oder tiefpunktes wiederspiegeln. die landschaft wird im anschluss in der schreibgruppe vorgestellt. im feedback wird auf die stärksten metaphern geachtet, aber keine wertung über die landschaft vorgenommen. es kann nicht diskutiert werden, ob die landschaft die situation angemessen wiedergibt, denn dabei handelt es sich um die subjektive sichtweise der autorInnen.

nabelschau (11)

ich will mein fahrrad abwracken. es gibt menschen in dieser gesellschaft, die ihre mobilität mit dem öpnv (öffentlicher personennahverkehr) und dem fahrrad erlangen. sie haben sich schon vor jahrzehnten überlegt, dass es in dieser gesellschaft zu viele autos gibt und dass sich der großteil der zurückzulegenden wege auch so bewerkstelligen lassen. diese menschen haben die arschkarte gezogen.

schon früher bei der pendlerpauschale konnten man sein fahrrad nicht berücksichtigen. das änderte sich zum glück vor geraumer zeit ein wenig. auch steuerlich lässt sich ein dienstfahrrad immer noch nicht geltend machen, war es doch die persönliche entscheidung auf ein auto zu verzichten. und jetzt wieder. die autoindustrie, die beständig daran gearbeitet hat, das sparsame auto nicht zu produzieren, obwohl dies technisch längst möglich ist, soll auf teufel komm raus gestützt werden.

die gesellschaft hat unsummen in den ausbau ihrer autobahnen und straßen gesteckt und behandelte den nahverkehr immer äußerst stiefmütterlich. die konsequenz: der nahverkehr erscheint für viele immer noch nicht attraktiv, da allein die anschlüsse einen gehörigen mehraufwand an zeit benötigen. ähnlich sieht es mit der bahn aus, die lieber nebenstrecken schloss, und den verkehr auf busse verlagerte, als ein attraktives angebot zu machen. dies fiel übrigens nicht vom himmel, sondern war politisch gewünscht. denn der aufsichtsrat der bahn ist von der bundespolitik getragen, wie man gerade feststellen konnte.

und so gibt es für ein neues auto geldgeschenke, also subventionen, die ich mit bezahle. doch wenn mein fahrrad durch häufigen gebrauch das zeitige segnet, dann muss ich dies vollständig selbst finanzieren. die ökobilanz des fahrrads wird nicht honoriert, die schlechte ökobilanz der einzelfahrerInnen wird noch unterstützt. skurril bei den zu erwartenden ökologischen folgen. aber versuchen sie mal, eine abwrackprämie für ihr fahrrad zu bekommen. obwohl diese industrie sicher auch unterstützung gebrauchen könnte.