Schlagwort-Archive: verantwortungslos

nabelschau (50)

verschobene verantwortung. die verantwortung für handlungen oder ereignisse zu tragen, kann anstrengend sein und zeit kosten. die verantwotung für handlungen und ereignisse zu tragen, spiegelt sich im berufsleben in der bezahlung und aufgabenstellung wieder. gibt man die verantwortung an andere ab, muss man normalerweise dafür einen dienstleister beauftragen und entsprechend der leistung die kosten dafür übernehmen.

doch es gibt seit längerer zeit eine widersprüchliche entwicklung, die das einzelne subjekt in der gesellschaft immer mehr zum spielball von politik, unternehmertum und behörden macht.

auf der einen seite wird vom einzelnen gefordert, beständig mehr verantwortung für die eigene lebenssituation zu übernehmen. die zunehmende entsolidarisierung in der gesellschaft führt dazu, für alles selbst verantwortlich zu sein und sich nicht mehr auf eine soziale eingebundenheit verlassen zu können.

auf der anderen seite ziehen sich die verantwortlichen stellen immer mehr aus der verantwortung und verschieben die notwendigen schritte zum einzelnen subjekt. zuständigkeiten für eigenes fehlverhalten oder für das fehlverhalten angestellter, für fehlerhafte produkte und für fehleinschätzungen werden allen anderen angelastet (eben meist dem einzelnen) nur nicht sich selber, und es wird keine verantwortung mehr übernommen.

von außen betrachtet, erinnert dies immer stärker an eine psychopathologische diagnose. das zusammenspiel zwischen innenwelt (eigener verantwortung) und außenwelt (gesellschaftlicher verantwortung) wird unterbrochen, letztendlich zerstört und den einzelnen anderen übertragen. alle anderen sind schuld, nur ich nicht. die menschen werden im sinn eines größeren ganzen instrumentalisiert und dadurch wird zunehmend personalisiert.

das kann man in allen lebenszusammenhängen erleben. ist ihre sendung nicht angekommen war es nicht der zulieferer, die kontaktstelle für vermisstes ist mit horrenden telefongebühren zu bezahlen, vor ort können sie kaum etwas ausrichten. reklamationen, beschwerden und beanstandungen erhalten entweder gar kein gehör oder sie zahlen im vorfeld dafür, dass später ihr anliegen auch wahrgenommen wird. das bundesverfassungsgericht hat gerade verkündet, Weiterlesen

schreibidee (181)

soziale netze oder gesellschaften benötigen regeln, um alle internen prozesse aufeinander abzustimmen und in eine ordnung zu überführen. aber irgendwann können gruppen und netze den sinn der regeln aus den augen verlieren und sich selber immer mehr gegenseitig einschränken. die regelwut wird zu einem selbstläufer, der nicht mehr zu stoppen scheint. da wir momentan anscheinend in einer gesellschaft leben, die sich immer stärker bürokratisiert und beregelt kann es spaß machen einmal texte der „selbstbefreiung und verantwortungslosigkeit“ zu schreiben.

da die beiden begriffe selbstbefreiung und verantwortungslosigkeit sehr subjektive sind und von jedem menschen anders verstanden werden, macht es sinn, die schreibidee mit einem cluster zum begriff „verantwortunglos“ durch die teilnehmer zu starten. aus dem cluster ist der zweig auszuwählen, der einen jeweils am meisten in dem moment anspricht. nun wird eine geschichte geschrieben, die diesen zweig aufgreift. die geschichten werden sich gegenseitig vorgelesen.

mit großer wahrscheinlichkeit wird in etlichen oder allen texten die verantwortungslosigkeit verurteilt. doch selbst wenn dies nicht der fall ist, fordert man alle schreibgruppenteilnehmerInnen auf, einen text zu verfassen, der die verantwortunglosen aspekte der geschichte nicht sanktioniert oder negativ bewertet, sondern das recht auf verantwortungsloses bestärkt. es dürfen geschichten mit egoistischem oder subversivem charakter entstehen. die texte werden sie wieder gegenseitig vorgetragen. dieses mal soll ein feedback gegeben werden, das beurteilt, wie positiv das verantwortungslose wirkt.

im letzten schritt werden nun von teilnehmerInnen texte verfasst, in denen sie selber sich weigern die verantwortung für etwas, eine situation oder einen anderen menschen zu übernehmen. diese geschichten sollten ohne schlechtes gewissen verfasst werden. anders formuliert, alle dürfen sich einmal austoben, jegliche regeln und moral in ihrer geschichte über den haufen zu werfen. wenn die geschichte fertig ist, sollte noch fünf minuten lang ein fokussiertes freewriting stattfinden, das sich damit beschäftigt, wie es war so eine verantwortungslose geschichte zu schreiben. anschließend werden die geschichten vorgelesen (aber nicht das freewriting) und ein ganz normales feedback gegeben.