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schreibberatung und schicksal

in der schreibberatung taucht das thema „schicksal“ gern durch eine hintertür auf. es nährt die fatalistische haltung, einfach nicht schreiben zu können. andere können das, aber die ratsuchenden sind nicht selten davon überzeugt, dass ihnen diese fähigkeit vergönnt ist. sie hätten keine ideen, sie könnten sich nicht ausdrücken, sie würden nur platte und langweilige texte verfassen.

da schimmern zwei vorstellungen durch, die man meist durch nachfragen eingrenzen kann: erstens die vorstellung, es gäbe eine angeborene kompetenz, schreiben zu können, ein talent, das nicht erlernbar wäre und einen zum scheitern verurteile. dabei werden stete vergleiche mit anderen angestellt und den anderen unterstellt, dass sie so zu sagen von geburt an „gut“ schreiben und formulieren können.

zweitens schimmert ein hoher und streng beachteter eigener anspruch durch, der kaum zu umgehen ist. jeder geschriebene satz, jeder verfasste text wird einer persönlichen bewertung unterzogen und meist für nicht tauglich gehalten. das leugnet, dass ein großer teil des schreibprozesses auch bei anderen menschen, das korrigieren und bearbeiten einnimmt. und es leugnet auch, dass am anfang, bei einem recht freien schreiben, dinge entstehen dürfen und können, die nicht gleich der große wurf, sondern einzig ausdruck der eigenen gedanken sind. dieser ausdruck hat einen wert an sich, den man nicht schmälern sollte.

es ist nicht ganz leicht, in einer beratung gegen diese schicksalshaften vorstellungen zu argumentieren. ein hoher anspruch ist auch so lang nicht problematisch, so lang es einen selber nicht unter leidensdruck setzt und das eigentliche schreiben verhindert. schreiben sollte nicht zur qual werden und nicht allen schreibenden winkt gleich der nobelpreis. es ist also in kleinen schritten zu lernen (und zu üben), Weiterlesen

wortklauberei (65)

„lebensqualität“

ein seltsamer begriff, der schwer zu fassen ist. was ist lebensqualität? es ist ein aktueller zustand, den nur ich für mich benennen kann. ich weiß, wann die qualität meines lebens für mich angenehm ist und wann sie nachlässt. doch in diese entscheidung fließen so viele komponenten ein, dass ich meist zu gar keinem klaren ergebnis kommen kann.

verwendet wird der begriff aber gern in kombination mit „gut“ und „schlecht„, wie wenn es einen vergleichbaren maßstab für lebensqualität geben könnte. so wurde vor kurzem für einen vortrag mit dem titel „gute lebensqualität – auch mit knochenmetastasen“ geworben. wenn lebensqualität ein ausschließlich subjektiver begriff ist, dann kann ich „gute“ lebensqualität mit allem erleben: mit knochenmetastasen, mit verkehrslärm, mit frühstück oder mit gummibärchen. es kommt definitiv auf den kontext an. denn als vergleich für die lebensqualität wird die ein zustand in der vergangenheit oder ein zustand in der fantasie herangezogen.

diese beiden zustände (oder diese drei, diese vier …) werden miteinander verglichen. da wird lebensqualität ein kriterium für den abgleich in der form von stiftung warentest. da gibt es plötzlich städte mit der höchsten lebensqualität (was ist eigentlich hohe lebensqualität?), da gibt es den versuch, die lebensqualität zu steigern. und wer wird testsieger? der mensch, der von sich sagt, „ich habe eine sehr gute lebensqualität“. warum sie überhaupt quantifizieren und vergleichen? weil es ein weiterer versuch ist, das befinden der mensch zu verallgemeinern und vergleichbar zu machen. es wäre ja schlimm, wenn zwei menschen an ein und demselben ort sehr unterschiedliche lebensqualitäten er-leben.

eine armada von lebensratgebern bauen auf gesellschaftlich anerkannte vorstellungen von lebensqualität auf. das unkomplizierte, sexuell ausgiebige, vielfältige, bunte und wohlhabende leben als konsens in der vergleichsskala. tja, ein traum, der viele veränderungswünsche hervorruft, eine verheissung, die zum ständigen arbeiten an sich selber auffordert. wie wäre es mit der schlichten frage: „wie fühlst du dich?“. und sollte mehr betrachtet werden, kann man noch fragen: „wie würdest du dich gern fühlen? was bräuchtest du dazu?“. und dann kann gemeinsam nach handlungsmöglichkeiten gesucht werden. denn woher soll ich wissen, was anderen „gut“ tut.

schreibidee (137)

das magazin einer tageszeitung veröffentlichte vor jahren jeden sommer geschichten von schriftstellerInnen geschrieben, die sich einzig um einen gegenstand drehten, nämlich eine luftmatratze (ich bin mir nicht mehr sicher, ob diese rot oder blau war). ansonsten gab es keine vorgaben. neben den einzelnen amüsanten geschichten machte vor allen dngen der vergleich der ideen, die sich um den gegenstand rankten, die ausgabe interessant. so soll es dieses mal in der schreibanregung um „geschichtenvergleiche“ gehen.

es gibt dafür keinen einstieg inhaltlicher art, sondern nur die anwendung einer schreibtechnik. als anleiterIn gibt man der schreibgruppe einen gegenstand vor. das kann besagte luftmatratze sein, aber auch ein handmixer, eine krawatte oder ein gelber teddy sein. zu diesem gegenstand wird in 10 minuten ein focussiertes freewriting verfasst. anschließend ist noch ein cluster zu erstellen und daraus eine geschichte geschrieben. die geschichten und somit ideen werden sich anschließend gegenseitig vorgestellt. während der feedbackrunde darf dieses mal die jeweilige schreibidee bewertet werden. wenn alle geschichten vorgelesen sind, können die teilnehmerInnen sagen, welche geschichte ihnen am besten gefallen hat und warum. darüber wird nicht diskutiert, da es um persönlichen geschmack geht.

danach kann die vorgabe erweitert werden auf zwei gegenstände, die die folgende schreibanregung bestimmen. in der vorbereitung der nächsten geschichte wird genauso vorgegangen, wie oben beschrieben. dies lässt sich natürlich, je nach vorhandener zeit, auf drei, vier oder fünf gegenstände erweitern. ich würde mich auf gegenstände konzetrieren und keine eigenschaften oder verben zur vorgabe machen, da ein gegenstand den meisten spielraum für ideen zulässt. außerdem sollte immer wieder betont werden, dass die gegenstände nicht bestimmend für die geschichte sein müssen, sondern auch nur am rand auftauchen können.