Schlagwort-Archive: wort des jahres

wortklauberei (56)

„wutbürger“

da war wohl jemand ganz schön sauer, als es um das „wort des jahres 2010“ ging. es handelt sich beim „wutbürger“ nicht unbedingt um ein wort, das in aller munde ist und häufig gebraucht wurde. gut, mit diesem wort wurde versucht, die bürgerbewegung zum beispiel von „stuttgart 21“ zu umschreiben, aber treffsicher scheint das ganze nicht.

mich erinnert wutbürger eher an cheeseburger als an eine protestbewegung. ja, vielleicht noch an einen amokläufer. wie die knef so schön sagte: „ich jogge nicht, ich laufe amok.“. dieser satz würde zum wutbürger passen. denn wut erscheint ungerichteter als protest. wut benötigt selten argumente und in wütender stimmung geht es auch nicht mehr um einen diskurs. doch die so bezeichneten wutbürger lassen sich ja auf alle möglichen auseinandersetzungen und diskussionen ein. sie begründen ihren protest, sie argumentieren und steuern gutachten bei. sie wüten eben nicht.

also stellt sich die frage, weshalb ausgerechnet dieses wort gewählt wurde. man könnte es auch gleich in die liste der unwörter des jahres 2010 aufnehmen, da es eine bewegung eher herabsetzt als ihr respekt entgegen zu bringen. nichts gegen bürgerschaftliche wut, doch wut ist bei uns eher negativ besetzt. sie entspringt in vielen vorstellungen den vorhandenen aggressionen. natürlich kann die ohnmacht ob verschriebener großprojekte in wut umschlagen. doch bis jetzt war alles eher sehr friedlich und argumentativ. also eben doch schwäbisch. aber an worten für die umschreibung des protestes fehlt es eigentlich nicht.

ich wünsche mir ein anderes wort zum „wort des jahres“: grossprojekt. ich frage mich ständig wie ein kleinprojekt aussieht und ob es auch mittelgroße projekte und klitzekleine gibt? aber mich fragt ja keiner 😀

Werbeanzeigen

wortklauberei (17)

wort des jahres: „finanzkrise“


das wort des jahres ist bestimmt worden. es heißt, oh staune, finanzkrise„, da darüber gerade so viele reden. doch das wort ist eigentlich ein seltsames konstrukt. denn finanzen können keine krise haben. ähnlich wie der der nervenkrise, die auch eher eine menschenkrise ist, da der nerv an sich erkranken kann, aber von keiner krise erschüttert werden kann. so haben also anscheinend das geld und die konten zur zeit eine krise. wie das aussieht kann einem aber niemand erklären. wie verhält sich geld in der krise, wie gebärden sich krisenhafte finanzen. blicke ich auf mein konto, dann befinden sich meine werte beständig in der krise 😮 .


interessanter und aufschlussreicher wäre sicherlich die aussage, wir haben eine „bevölkerungs- oder gesellschaftskrise“, da dadurch überhaupt die eigentliche verbindung zu den menschen formuliert wird. doch das würde bedeuten, dass zugegeben werden müsste, dass viele menschen ihren arbeitsplatz verlieren könnten, dass soziale absicherungen plötzlich im orbit verschwunden sind, dass erspartes sich minimiert hat und dass steuern erhöht werden. das hätte aber den effekt, dass die ganze durch den begriff „finanzkrise“ aufgebaute distanz flöten wäre und die menschen noch stärker realisierten, wie sehr sie die ökonomische entwicklung betrifft.


also wird weiterhin von der „finanzkrise“ und der „rezession“ gesprochen, wie wenn es sich jeweils um lebende prozesse handelt. ich wusste es ja schon immer, dass die ökonomie eigentlich lebendig ist und kleine wichtel in der deutschen bank die taler aufhäufen, sie blankpolieren und zählen. leider kenne ich keinen dieser wichtel. ob die auch schon globalisiert sind und einen mindestlohn erhalten?