Schlagwort-Archive: zweifel

biografisches schreiben und unsicherheit

schon als jugendlicher ahnte man, dass die erwachsenen längst nicht so selbstsicher sind, wie sie einem glauben machen wollten. nach außen stellten sich viele als menschen mit klaren vorstellungen, prinzipien und werten dar. doch kratzte man ein wenig an der fassade, dann offenbarten sich unsicherheit, angst und zweifel. nun braucht jeder erwachsene mensch nur sich selbst anzuschauen, sich selbst zu befragen und schnell findet man die momente, in denen man sich überhaupt nicht sicher ist oder war.

wie wäre es, einmal einen blick hinter die eigene fassade zu werfen? wie weit klaffen bei ihnen die außendarstellung und die innere verfassung auseinander? ist es nicht ein seltsames gesellschaftliches phänomen, dass die inszenierung des selbst vor allen dingen die unsicherheiten überdecken soll? warum nur? es ist doch etwas sehr menschliches, dass man nicht jede entscheidung, die man trifft, hundertprozentig für richtig hält. es gibt so viele überraschungen, zufälle und nicht absehbare folgen, dass man gar nicht sicher sein kann, dass die entscheidung richtig war.

doch es schwirrt ein kodex bei uns herum, der von uns in der außendarstellung verlangt, stete sicherheit auszustrahlen. und so halten wir daran fest, dass der flughafen rechtzeitig eröffnet wird. jeder, der uns nach zweifeln fragt bekommt eine klare antwort – der zeitplan wird eingehalten. die renten sind sicher – die banken sind stabil – der klimawandel kann gestoppt werden – … skurril, da wir damit erst schwierigkeiten verursachen, die uns noch unsicherer werden lassen. klar, wir müssen wieder und wieder entscheidungen treffen und wir sollten uns relativ sicher dabei sein. aber was wäre so schlimm, wenn man seine unsicherheit durchschimmern lassen würde?

und hier sind wir alle an der reihe beim biografischen schreiben: wie viele schwierigkeiten haben wir uns dadurch bereitet, dass wir unsere unsicherheit verborgen haben? das fängt bei beziehungen an und endet im berufsleben. wie oft verlangten menschen von uns eine klarheit, die wir gar nicht ins uns tragen? wie oft wurde uns übel genommen, dass wir unsere meinung noch einmal änderten? und wie haben wir darauf reagiert? vielleicht waren die selbstsicheren momente in unserem leben die, in denen wir Weiterlesen

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kreatives schreiben und verlust

verluste sind häufig auslöser starker menschlicher emotionen und somit auch gern genutzte themen in geschichten und stories. wenn das schicksal zuschlägt und man plötzlich einen menschen verliert, dann gerät die bisherige welt ins wanken und bietet stoff für zu schreibendes. aber abseits der kreativen und fantasievollen szenarien von dramen und tragödien, kann das kreative schreiben auch bei realen verlusten eine große rolle spielen.

die grenzen zwischen biografischem und kreativem schreiben verschwimmen in dem moment des schreibens zu realen verlusten. und doch kann man seinen persönlichen schwerpunkt auf das kreative schreiben legen. es geht eben nicht darum, geschehenes wieder aufzuarbeiten und zu berichten, sondern es geht darum, geschehenes in geschichten zu packen und diese stellvertretend für sich sprechen oder trauern zu lassen.

man kann metaphern für das geschehene finden, man kann märchen heranziehen, eine fabel aufschreiben oder den protagonisten das antlitz von verlorenen menschen geben. trauer um verlorene menschen (ob nun durch trennung oder tod) durchläuft verschiedene phasen. angefangen bei ohnmacht über wut bis zu einem abfinden mit dem geschehenen kann sich all dies in geschichten widerspiegeln. warum nicht die wut auf die ganze welt, das geschehene und die verlorene person kanalisieren und in eine geschichte, die thematisch nichts mit dem verlust zu tun hat, packen? warum nicht das geschehen in ein drama mit anderem hintergrund übertragen?

das zweifeln an der welt nach einem verlust findet beim schreiben eine sprache. dies wiederum kann entlastend sein. vielleicht ist man es satt, immer wieder über das geschehene nachzudenken, die ereignisse hin und her zu wälzen. da bietet das kreative schreiben einen ausweg, eine alternative. und man kann noch einen schritt weitergehen, man kann erinnerungen an den mitmenschen herbeizaubern, etwas verewigen, um ganz persönlich Weiterlesen

wissenschaftliches schreiben und textauswahl

was ist ein standardwerk? diese frage stellt sich allen menschen, die eine wissenschaftliche arbeit verfassen. denn die behauptung, dass ein buch oder ein text standard sei, ist leichter gesagt als geglaubt. ganz gleich, welches wissenschaftsgebiet und welches „fach“ man betrachtet, die aussagen, was standard in diesem forschungsbereich sei, gehen meist weit auseinander.

manchmal einigt sich ein forschungsverbund oder eine bestimmte wissenschaftliche schule auf ein grundlegendes werk, auf das sich alle weiteren schritte des forschens beziehen. somit kann man dieses buch oder diesen text für die jeweilige forschungsrichtung als standardwerk betrachten. und ich garantiere ihnen, es gibt mindestens einen vertreter, eine vertreterin dieser forschungsrichtung, die den „standard“ in frage stellen. das macht zwar zum einen überhaupt wissenschaft aus, also der diskurs über die grundlagen der eigenen annahmen und untersuchungen, es verunsichert aber gleichzeitig alle wissenschaftlich schreibenden, die überlegen, auf welches standardwerk sie sich in ihren betrachtungen beziehen sollten.

ein beispiel: sigmund freud hat großen einfluss auf die heutige psychologie gehabt. er wird oft erwähnt, zitiert und es wird sich auf ihn bezogen. noch häufiger stellen seine betrachtungen die grundlage für späteres psychotherapeutisches vorgehen und psychotherapeutische theorien dar. aber in der forschungsrichtung psychologie, an den hochschulen, wird freud kaum einbezogen. er wird mal kurz betrachtet, jedoch in vielen zusammenhängen als unwissenschaftlich abgetan. so werden die vorlesungen von freud sicherlich von den meisten lehrenden nicht als standard für ihre forschung in der psychologie betrachtet. bei den praktikern außerhalb der hochschulen sieht dies aber ganz anders aus.

doch wie soll man nun damit in einer wissenschaftlichen abschlussarbeit umgehen. einziger rat, den man geben kann, klären sie dies mit den wissenschaftlerInnen, die ihre arbeit betreuen. die vorstellung von „standardwerken“ ist eine zutiefst subjektive. das fiese daran ist, die verantwortlichen, darauf angesprochen, werden mit großer wahrscheinlichkeit immer sagen, dass ihre auswahl der standardwerke objektive kriterien folge und keinesfalls subjektiv sei. denn es handle sich schließlich um den standard aller. ohne diesen standard ist in ihren augen wissenschaftlliches arbeiten unvorstellbar. noch ein tipp: glauben sie es. verhalten sie sich strategisch und gehen sie erst einmal davon aus, wenn sie keine lust auf einen langen diskurs im rahmen einer abschlussarbeit haben.

noch einen schritt weiter: welche anderen texte und bücher sind für ihr wissenschaftliches schreiben relevant? auch hier ist die auswahl enorm, irgendwann müssen sie sich begrenzen. doch auf welcher grundlage? Weiterlesen

liste (44) – zweifel

wer lust hat, kann sich diese seite ausdrucken und ausfüllen. ich schlage listen vor, die einem vielleicht einen überblick zu verschiedenen themen der eigenen lebensgeschichte geben können. dieses mal geht es um den „zweifel„.

daran kann ich verzweifeln:

diese verhaltensweisen lösen bei mir den größten zweifel aus:

diese menschen sind an mir verzweifelt:

an der verbindung zu diesen menschen zweifel ich:

wie ich am liebsten mit zweifeln umgehe:

kreatives schreiben und vertrauen

erst einmal erwartet man, dass vertrauen beim kreativen schreiben keine große rolle spielt. wem soll man schon vertrauen müssen, wenn man fantasievoll für sich schreibt? doch bei der anleitung von schreibgruppen fällt auf, dass teilnehmerInnen oft ihren eigenen einfällen nicht vertrauen. es gibt äußerungen wie: „mir fällt gerade gar nichts ein“, „mein kopf ist so leer“, „das klingt doch lächerlich, was ich mir da überlegt habe“, „die anderen texte werden bestimmt viel fantasievoller sein“ und dergleichen mehr.

das kreative schreiben bietet in diesem zusammenhang verschiedene möglichkeiten an. ich greife einfach meine gedanken auf und verfasse einen text zu der grundannahme, dass ich keine ideen habe oder andere viel fantasievoller sind. oder ich lege mich auf den nächstbesten gegenstand, die nächstbeste aussage, die mir begegnen, fest. ich blicke also durch den raum, fasse etwas ins auge und notiere es auf einem zettel. dann assoziiere ich zu dem gegenstand (cluster, 30-wort-assoziation, abd-darium …).
meist kann dann davon ausgegangen werden, dass ideen auftauchen werden, die einen ansprechen, die eine grundlage für eine kleine geschichte oder ein gedicht bilden.

sollte man sich öfter in der situation wiederfinden, dass man das vertrauen in sich selbst verliert, dann könnte man in der schreibgruppe anregen, dass einmal ein austausch zur ideenfindung stattfindet. wie stark fühlen die anderen sich unter druck gesetzt, „die tolle idee“ haben zu müssen. man wird feststellen, dass man mit diesem gefühl nicht allein da steht. man wird feststellen, dass auch einige andere teilnehmerInnen an ihren fähigkeiten zweifeln Weiterlesen

selbstbefragung (27) – zweifel

die fragebögen zur selbstbefragung versuche ich ab nun ein wenig unter rubriken zu bündeln. dieses mal geht es um „zweifel„.

  • sind sie ein misstrauischer mensch? beschreiben sie.
  • haben sie schon einmal das gefühl gehabt, entwicklungen zu verhindern, da sie zu viel zweifelten? begründen sie.
  • was löst bei ihnen zweifel oder misstrauen aus?
  • was ist für sie gut daran, in manchen momenten bedenken zu haben?
  • in welchen lebenszusammenhängen sind sie am misstrauischsten? zählen sie auf.
  • möchten sie mehr oder weniger zweifeln?
  • wie reagieren sie meist auf bedenken anderer in bezug auf ihre eigenen entscheidungen? beschreiben sie.
  • gibt es situationen, in denen sie nie zweifeln?
  • waren sie schon einmal verzweifelt? wann?
  • wie überwinden sie zweifel? beschreiben sie.

biografisches schreiben und zweifel

zweifel können ausdruck des misstrauens oder der ungläubigkeit sein, sie können ansporn zur forschung oder des hinterfragens sein. zweifel sind unser motor der selbstbetrachtung. in einer konkurrenzhaften gesellschaft sind zweifel aber vor allen dingen eines, kleine possierliche nager am selbstwertgefühl. viele menschen fühlen sich von ihren mitmenschen in zweifel gezogen. sie beobachten einzelne reaktionen auf ihr dasein und ihr verhalten und gehen davon aus, dass sie sich fehl verhalten haben, obwohl keiner dies geäußert hat.

die toleranz gegenüber fehlern und schwächen von gedanken und verhalten ist bei uns sehr gering. so entsteht oft zwar erst ein gewisser anspruch von außen, erwartungen erfüllen zu müssen, gleichzeitig aber verinnerlichen viele menschen diese erwartungen und versuchen, alles zu geben, um vor ihrem inneren kritiker bestand zu haben.

beim verfassen der eigenen biografie oder lebensgeschichte lohnt ein blick auf die eigenen zweifel. in welchen  momenten überkamen einen die größten zweifel am eigenen dasein und an den eigenen handlungen. wie sah die lösung dieser selbstzweifel aus. wie realistisch scheint es in der nachschau, damals so an sich gezweifelt zu haben. es kann ja eine klare berechtigung geben, etwas zu ändern. aber es kann ebenso sein, dass die veränderungen gar nicht den eigenen bedürfnissen entsprachen und man sich auf kompromisse eingelassen hat, die man nicht mehr für sinnvoll hält.

das biografische schreiben ist eine gute möglichkeit, sich seiner selbst zu vergewissern. es sollte aber auch beachtet werden, dass dies vieles gelebtes in frage stellen kann, da aus der heutigen sich, eine menge überflüssiger kompromisse eingegangen wurden. auch hier ist es wichtig, sich zu überlegen, dass es aus damaliger sicht, aufgrund der damaligen zweifel seine berechtigung hatte. denn sonst besteht die gefahr, sich in bausch und bogen abzuqualifizieren und keinen blick mehr für die eigene entwicklungszeit zu haben. deshalb sind zweifel sowohl eine gute begleitung der eigenen entwicklung aber auch ein vorsichtig zu betrachtendes ereignis der vergangenheit. denn verzweifeln sollte man nicht an dem, was man erlebte.