Tagesarchiv: 4. Oktober 2011

biografisches schreiben und qual

menschen können ungemein grausam zueinander sein. irgendwer formulierte einmal, dass die kleinfamilie die brutstätte des bösen wäre. betrachtet man sich den umgang der menschen miteinander, wenn sie in kleinen gruppen nicht ganz freiwillig gemeinsam ausharren und die zeit verbringen müssen, dann wundert einen die gewalt, die tagtäglich beim zusammenleben stattfindet nicht so sehr.

und doch können formen von dauerhafter psychischer und körperlicher gewalt eine einzige große qual werden. so groß, dass man, um sich davor zu schützen, diese ereignisse ausblendet, verdrängt und von seiner person abspaltet. irgendwann später, wenn die qualvolle zeit schon längst vorüber ist, können erinnerungen an das vergangene in träumen, gedanken oder nur unerklärlichen gefühlen wieder auftauchen.

das biografische schreiben kann ein auslöser sein, plötzlich wieder an erinnerungen zu gelangen, die man für geraume zeit beiseite schieben konnte. das ist nicht gewünscht im biografischen schreiben, aber recht logisch, wenn man sich assoziativ und selbstanalytisch mit seiner lebensgeschichte auseinandersetzt. darum ist immer wieder vorsicht beim biografischen schreiben angeraten.

wenn man beim schreiben bemerkt, jetzt wird es unangenehm, jetzt fühlt es sich nicht mehr gut an, dann sollte man einen moment innehalten und sich überlegen, ob man an der erinnerung oder dem gedanken weiterschreiben möchte. die entscheidung darüber können nur alle für sich selber treffen. es kann heilsam sein, sich der erlebten qual noch einmal zu erinnern, um sie zu verarbeiten und endlich beiseite legen zu können. ebenso kann es bedrohlich sein, all diese qual gedanklich noch einmal zu durchleben, und dies eventuell ganz allein, Weiterlesen

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nabelschau (52)

wolfsburg sehen und vorbeifahren. im laufe dieses jahres kam es bei der bahn inzwischen schon drei mal vor, dass ein ice eigentlich in wolfsburg halten sollte, aber durchfuhr. zum einen muss da wohl jemand das signal auf grün gestellt haben. zum anderen erinnerte sich da ein lokführer nicht mehr an die haltestelle. das gibt zu denken.

aus berlin kennt man zwar, dass einem der busfahrer die tür vor der nase zu macht, obwohl man beim umsteigen quer über die kreuzung joggte oder dass es auch die u-bahn nicht schafft, ein paar sekunden zu warten, aber man kann gewiss sein, da kommt bald wieder ein fahrzeug. bei einem ice sind die zeitabstände größer und die entfernungen gewaltiger. so hielt der ice, der vor ein paar tagen wolfsburg links liegen ließ, nach 100 kilometern in stendhal. da steht man nun auf dem bahnsteig und fragt sich, ob man überhaupt noch in die auto-stadt möchte.

ich persönlich würde ja braunschweig zum durchfahren ohne stopp empfehlen. aber das ist meine ganz persönliche, ungemein fiese meinung. sie baut nur auf einen subjektiven ästhetizismus auf. bei diversen zugfahrten fiel mir auf, dass in braunschweig die am wenigsten ansprechenden menschen einsteigen. diese beobachtung lässt sich nicht verallgemeinern, aber seitdem mir dies bewusst wurde, achte ich bei jedem halt in braunschweig darauf. und es wurde eins ums andere mal bestätigt.

nun weiß ich ja nicht, welchen eindruck die lokführer haben, wenn sie tag für tag die gleiche strecke fahren. vielleicht empfinden sie in wolfsburg das gleiche wie ich in braunschweig. dann wäre das phänomen geklärt. oder sie denken noch ein stück weiter und sagen sich, in dieser stadt fahren sowieso alle nur auto. vielleicht ist es inzwischen auch ein gag, den sie in absprache mit dem stellwerk machen, um auch ein bisschen spaß auf der doch sehr geraden strecke von berlin nach hannover zu haben. oder sie waren ein bisschen spät dran, bei der bahn nicht ganz selten, und dachten sich: die paar, die nach wolfsburg wollen, die fahren auch von stendhal aus wieder zurück.

kaum fängt man an darüber nachzudenken, fallen einem ganz viele gründe ein, weshalb ein ice in wolfsburg nicht unbedingt hält, obwohl er sollte. mir würden noch politische, geschichtliche oder erotische hintergründe einfallen. aber da eröffne ich lieber ein andermal die schreibanregung zu der überschrift „wolfsburg sehen und vorbeifahren“. 😛