Archiv der Kategorie: autoren

„das hier ist wasser“ von david foster wallace – ein buchtipp

david foster wallace, ein genialer schriftsteller, der viel zu früh starb, hielt vor ein paar jahren eine rede zum collegeabschluss über das lernen, das denken und das leben. dabei zeigte er auf, was es heisst für das lebens zu lernen. vor allen dingen machte er die absolventInnen darauf aufmerksam, dass das lernen nach dem abschluss erst so richtig losgeht, wenn man die üblichen bahnen des alltags verlassen möchte. dieser text ist unter dem titel „das hier ist wasser – anstiftung zum denken“ als kleines büchlein erschienen und findet anscheinend reissenden absatz.

auf fünfundzwanzig großzügig bedruckten seiten schafft es wallace, die tragik des lebens, der wahrnehmung und des blickwinkels wunderbar darzustellen. andere kluge köpfe haben dies sicherlich schon viel differenzierter, durchdachter und drastischer formuliert. aber bei wallace blitzt ein schuss humor durch, der erst einmal unterhält und in zweiter linie die distanzierung von allen großen „wahrheiten“ untermauert. ein text der unzulänglichkeiten unserer sozialen konstruktionen entlarvt und dabei gleich eine alternative anbietet, die so einfach klingt und laut david foster wallace so anstrengend ist: die augen offen zu halten. nicht aufzuhören, den blickwinkel und die eigene position zu verändern, um auf eine große entdeckungsreise zu gehen.

ein text, der sich für jede lehranstalt und für jeden lernprozess eignet. ein text der gesellschaftskritik mit dem aufruf zur eigenen entscheidungsfreude vereint. das taschenbuch gibt den text zweisprachig wieder und kann somit auch im englisch-unterricht verwendet werden. er sei allen ans herz gelegt, die die meinung teilen, am leben lernen könnte ein abenteuer und gleichzeitig unglaublich nervig sein. das buch ist 2012 bei kiepenheuer & witsch in köln erschienen. ISBN 978-3-462-04418-8

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internationales literaturfestival berlin ilb – ein veranstaltungstipp

da wir alle unter zeitknappheit leiden, sei dieses mal schon rechtzeitig auf das internationale literaturfestival in berlin hingewiesen. wie jedes jahr gibt es ein großes, vielfältiges und jede generation ansprechendes programm. der vorverkauf für die karten hat schon begonnen – nun ist also die richtige zeit, um den terminkalender zu zücken, alle termine zu überprüfen, neue zu vermerken und sich die karten zu besorgen.

neben der literatur für erwachsene gibt es auch ein ausführliches programm für kinder und jugendliche. und zum auftakt des festivals beteiligen sich viele schulen an der aktion „berlin liest“. dabei wird an verschiedenen orten von schülerInnen gelesen, vorgelesen und vorgetragen. hier findet man mehr informationen über das festival in einem monat:

Offizielle Webseite – internationales literaturfestival berlin ilb.

schreibpädagogik und männer

schaut man sich in schreibgruppen und schreibstudiengängen um, dann sind männer stetig in der minderzahl. schaut man sich die neuveröffentlichungen auf dem buchmarkt an, dann kann man dies nicht behaupten. schaut man sich dann noch die zahl der nobelpreisträger an, dann schon gar nicht. herrschen beim lesen und verlegen partriarchale strukturen und beim schreiben abseits des buchmarkts matriarchale? es macht den eindruck. ein phänomen, das anscheinend nichts mit dem schreiben oder nicht-schreiben der geschlechter zu tun hat, sondern eher mit dem schreibverhalten.

so gibt es auch abseits des biografischen schreibens schreibgruppen explizit für frauen. für männer gibt es dies nicht. schreiben frauen so anders, oder wollen männer lieber nicht in schreibgruppen? ich kann da nur spekulieren. es scheint, wie wenn mann eher für sich agiert, für sich schreibt und den austausch sucht, wenn er geschrieben hat. frau wiederum schätzt das schreiben in gruppen, tauscht sich auch gern dort aus, wünscht sich aber nicht unbedingt männer dabei. es scheint, wie wenn frauen schreibgruppen als freiraum, wenn nicht sogar als kreative form der befreiung nutzen. und es scheint, wie wenn männer schreibgruppen eher als beschränkung und einengung empfinden und diesen meist fern bleiben.

oder wenn ich auf den studiengang biografisches und kreatives schreiben schaue, dann fällt auf, dass pro jahrgang maximal 15 prozent der studierenden männer sind. der studiengang, der eine schreibpädagogische ausrichtung hat, wird seit sechs jahren mehrheitlich von frauen studiert. bedeutet das etwas für die schreibpädagogische praxis?

erst einmal nicht, da bei schreibanregungen nicht zwischen den geschlechtern unterschieden wird. auch bei den entstandenen texten kann man eigentlich keinen rollenunterschied ausmachen. es hat dann doch eher mit dem setting zu tun. aber meist wird der geringe anteil an männern von den teilnehmerInnen bemerkt. man kann darüber hinweggehen oder man greift die beobachtung der schreibgruppenmitglieder auf. warum nicht einmal darüber schreiben lassen, weshalb eventuell so wenige männer an den gruppen teilnehmen? nur einen schluss kann man daraus nicht ziehen: dass männer nicht so gern schreiben wie frauen. das haut zumindest dann nicht hin, wenn man die neuerscheinungen im buchhandel betrachtet.

bedeutung gewinnen die geschlechterrollen bei schreibgruppen des biografischen schreibens. denn hier spielen natürlich die erfahrungen, die man aufgrund seines geschlechts in der gesellschaft gemacht hat (z.b. als alleinerziehende mutter in den 50er jahren), eine rolle. und hier sollte sich auch eine schreibgruppenleitung gedanken machen, wie Weiterlesen

web 2.95 – Litrix – German Literature Online

warum die englischsprachige ankündigung? bei „litrix“ handelt es sich um eine webseite des goethe-instituts, die eines möchte: deutsche literatur zur übersetzung bringen.

also einmal eine seite, die nicht uns die literatur aus den regionen der welt nahebringen möchte, sondern eine seite, die der welt die deutschsprachige literatur nahebringen möchte. neben einzelnen büchern, die vorgestellt werden, sich so zu sagen zur übersetzung anbieten, gibt es vor allen dingen informationen zu finanziellen förderprogrammen für übersetzungen. und es wird alle zwei jahre eine „schwerpunktsprache“ festgelegt, in die übersetzungen gefördert werden. zur zeit ist dies russisch.

also eine homepage für sprachexpertInnen, aber auch für literaturinteressierte und fremdsprachenkünstlerInnen:

Litrix-German Literature Online.

web 2.92 – ph.d. in creative writing

für das schreiben gibt es zwei grundregeln, die hilfreich sein können. regel 1: schreiben, schreiben und nochmals schreiben. regel 2: schauen, wie andere schreiben. was haben sie für erfahrungen gemacht, wie haben sie ihren weg zum schreiben gefunden?
auch wenn jeder seinen eigenen individuellen prozess durchläuft, wie zum (literarischen) schreiben gefunden, spricht nichts gegen das lernen von anderen. in allen berufsgruppen sind ausbildungen damit verbunden, techniken und experimente, untersuchen und vorgehensweisen von vorgängerInnen nachzuvollziehen, die effekte zu reflektieren. warum also nicht auch beim schreiben.

für alle interessierten hat kelcey parker den wunderbaren blog „ph.d. in creative writing“ ins leben gerufen. (ph.d. ist laut wikipedia „in englischsprachigen Ländern der wissenschaftliche Doktorgrad in fast allen Fächern und der höchste Abschluss des Postgraduiertenstudiums. In diesen Ländern ist der Ph.D.-Abschluss in aller Regel mit der Berechtigung verbunden, an einer Universität zu lehren“). kelcey parker ist also hochschullehrerin für creative writing.

in ihrem englischsprachigen blog hat sie vor einiger zeit die rubrik „how to become a writer“ ins leben gerufen. dazu werden schriftstellerInnen und schreiblehrerInnen fünf fragen gestellt:

  1. Why did you want to become a writer?
  2. How did you go about becoming a writer?
  3. Who helped you along the way, and how?
  4. Can you tell me about a writer or artist whose biography inspires you?
  5. What would you say in a short letter to an aspiring writer?

die antworten sind vielfältig, spannend und anregend. über zwanzig professionelle haben bis jetzt ihre schreibbiografien und -tipps offengelegt. eine anregung für alle interessierte. gebündelt findet man die äußerungen hier: http://phdincreativewriting.wordpress.com/how-to-be-a-writer/ .

doch auch sonst lohnt sich ein blick in den blog: http://phdincreativewriting.wordpress.com . viel spaß beim lesen und schreiben.

„goethe ruft an“ von john von düffel – ein buchtipp

ein sehr amüsantes buch. vor allen dingen menschen, die schreibpädagogisch, schreibdidaktisch tätig sind oder die schreibgruppen anleiten, werden ihren spaß mit diesem buch haben. aber auch menschen, die schon einmal an schreibgruppen teilgenommen haben, kommen auf ihre kosten. auf dem buchumschlag des buches „goethe ruft an“ von john von düffel steht, es handle sich um „eine komödie über die jagd nach erfolg“.

davon handelt das buch sicherlich auch. aber noch viel mehr spaß machten mir die gedanken und auslassungen zum schreiben an sich. ein schriftsteller mit einer schreibblockade übernimmt die anleitung einer leicht „elitären“ schreibgruppe für einen sehr erfolgreichen schriftstellerkollegen. einer der erfolge des kollegen ist seinem konzept des „leichtschreibens“ geschuldet. verstrickungen, verwicklungen und eifersüchteleien sind der hintergrund vor dem sich die humorvolle tragik der suche nach dem perfekten text, dem perfekten buch abspielt.

wie findet man den genialen ersten satz eines buches? wie schreibt man, wenn man nicht ganz zu dieser welt gehört? wie geht „tiefschreiben“? wie baut man distanz zu seinen literarischen vorbildern auf? warum möchte man schriftsteller bleiben, wenn man erfolglos ist? diese und viele andere fragen werden enorm humorvoll ausgebreitet und erörtert. dazu kommen die verschiedenen charaktere, angefangen beim scheiternden hauptakteur über den allwissenden kollegen, den frustrierten literaturkritiker, die bestsellerautorin von „bahnhofsbuchhandlungs-büchern“, die aketische lyrikerin und ihr homosexueller mann, die der geschichte noch eins draufsetzen.

ein lesenwertes buch, eine schöne satire. das buch ist 2011 im dumont buchverlag in köln erschienen. ISBN 978-3-8321-9649-3 .

wie schriftsteller schreiben – eine reise mit jonathan franzen – auf arte

der autor der „korrekturen“ hat einer journalistin die möglichkeit gegeben, ihn auf einer lesetournee zu begleiten. dabei bekommt mann einen tiefen einblick in seine form des schreibens, in sein hobby, das „bird-watching“, und in die jüngere amerikanische literaturszene.

vor allen dingen die anmerkungen zum schreibprozess und zur literarischen darstellung der gesellschaft sind aufschlussreich. die doku kann hier 7 tage lang angesehen werden: Fünf Tage mit Jonathan Franzen – videos.arte.tv.

wissenschaftliches schreiben und zufall

wissenschaftliches schreiben lebt eigentlich davon, den zufall auszuklammern, zu bewältigen und in den griff zu bekommen. darum erscheint hier der zufall eher als störfaktor, denn als bereicherung. das fängt schon im vorfeld bei wissenschaft und forschung an, bevor ein wort niedergeschrieben wird. versuchsanordnungen sollen eines schaffen, zufällige variablen ausschließen. dass dies nicht schwer gelingt wissen alle wissenschaftlerInnen. auch die kritik an der statistik, eine zufallserhebung zu sein, soll möglichst ausgehebelt werden.

aber wie geht man nun damit um, wenn einem mitten im wissenschaftlichen schreiben ein zufälliger geistesblitz die vorannahmen des forschungssettings verhagelt? alles noch einmal neu schreiben? die idee unter den tisch fallen lassen? einen einschub formulieren, der den neuen gedanken anreisst? einen zweiten wissenschaftlichen text verfassen, der sich ganz dem geistesblitz widmet? zu empfehlen ist, dass man als erstes rücksprache mit anderen wissenschaftlerInnen hält. was scheint ihnen vorstellbar? teilen sie die neue erkenntnis oder ist sie zumindest nachvollziehbar?

das ist ein heikles thema, da die wissenschaft heute von einem gehörigen konkurrenzverhältnis lebt. der freie austausch von ideen und entdeckungen ist selten üblich. kommen noch hierarchien im akademischen umfeld dazu, gestaltet sich das vorgehen noch schwerer. man mag zwar für sich entscheiden, den geistesblitz erst einmal für sich zu behalten, das anschließende weiterschreiben wird sich schwer umsetzen lassen, ohne immer wieder den neuen gedanken einzubeziehen. aber auf gut glück das neueste aufzunehmen, wenn man sich beim verfassen einer bewerteten abschlussarbeit befindet, dann kann dies Weiterlesen

schreibidee (370)

dieses mal lasse ich all meine guten vorsätze sausen, schiebe ethische und moralische bedenken beiseite und empfehle ein schreiben, das alle vorurteile erlaubt, das jegliche spekulation einlädt, sich zu offenbaren. es darf auf teufel komm raus gedeutet und spekuliert werden. vielleicht entsteht ja ein fünkchen realität oder auch nur der spaß am schubladen entwerfen und füllen. darum eine schreibanregung zu „deut-lichen ge-schicht-en“.

man nehme als erstes ein gedicht von paul celan. die garantie, sperriges, metaphorisches und teils unergründliches zu lesen, ist gegeben. somit ist den gruppenteilnehmerInnen viel spielraum gegeben, sich im deuten auszuprobieren. zu dem gedicht werden jeweils zwei kurze deutungen geschrieben: zum einen eine deutung des gedichts (maximal zwei seiten), zum anderen eine deutung des autors (maximal zwei seiten). also: was meint das gedicht? wie der autor so? – so schlicht lässt sich die übung fassen. anschließend werden die ergebnisse nacheinander vorgetragen und zum abschluss über die verschiedenen deutungen diskutiert.

kennt sich die schreibgruppe gut und sind alle damit einverstanden, können gegenseitig texte zur deutung zur verfügung gestellt werden. sollte man lieber vorsicht walten lassen, empfiehlt es sich, dass die schreibgruppenleitung einen kürzeren literarischen text auswählt, den autor und die autorin vorstellt und alle schreibgruppenteilnehmerInnen dazu auffordert, anhand des textes ausführliche deutungen über die intention des autors, der autorin zu formulieren (etwas, das in einem sinnvollen text-feedback eigentlich nichts verloren hat). es dürfen rückschlüsse auf die person gezogen werden. die deutungen werden vorgelesen, es findet keine feedbackrunde statt. die aufgabe kann noch um deutungen von fotografien, gemälden oder skulpturen erweitert werden.

zum abschluss wird eine längere geschichte oder ein dialog geschrieben, in denen die deutung einer anderen person ein wichtiger bestandteil ist. wie dies umgesetzt wird, bleibt den schreibenden überlassen. es können sich zum beispiel die autorInnen in den text einschalten, es können therapeutische sitzungen nachvollzogen werden, es kann ein psychogramm erstellt werden oder es können beziehungskonflikte, die oft in deutungen münden, notiert werden. der spielraum ist groß – er darf ausgeschöpft werden. anschließend werden die texte vorgetragen und es findet eine ausführliche feedbackrunde statt (möglichst ohne deutungen).

kreatives schreiben und zufall

kreatives schreiben ist eigentlich purer zufall, andere würden pure intuition dazu sagen. man überlässt seine gedanken und das damit verbundene schreiben dem, was einem gerade durch den kopf geistert. klar kann man im vorfeld eine struktur festlegen, ein hauptthema, dem ganzen eine richtung geben. doch in der letztendlichen konsequenz könnte niemand vorhersagen, was er oder sie jetzt tatsächlich auf das papier bringen oder in computer tippen.

man kann beim kreativen schreiben bezüge herstellen. man kann seine ideen auf die tagesform zurückführen, auf erlebtes oder auf menschen, denen man begegnet ist. man kann sich vornehmen, botschaften in den text zu integrieren, bestimmte worte zu verwenden, einen dialog zu schreiben und vieles mehr. aber wie der einzelne satz entsteht, wie das einzelne wort gefunden wird, lässt sich im nachhinein nicht mehr klären.

wenn man es schafft, den inneren zensor im zaum zu halten, wenn man sich „gehen lässt“ und dem zufall raum gibt, dann trägt einen die eigene geschichte, der eigen text an orte, die man vorher noch nicht betreten hatte. das macht die texte so lebhaft und oft so intensiv. das kreative schreiben geht in solchen momenten viel weiter als oft spekuliert wird. natürlich fließt persönliches ein, natürlich haben viele ihren stil und natürlich hält man sich auch an manche konvention.

aber zufälliges kreatives schreiben geht meist über die von vielen vermutete naive freizeitbeschäftigung hinaus. in vielen fällen entsteht literatur, doch sie findet kaum den weg an die öffentlichkeit. regelmäßiges kreatives schreiben ist auch eine form von arbeit, wie es immer wieder für das literarische schreiben betont wird. hier verschränken sich die vorgehensweisen Weiterlesen

das 13te poesiefestival in berlin ab dem 01ten juni – ein veranstaltungstipp

lyrik und dichtung der lebhaften sorte kann man anfang juni wieder in berlin erleben. das 13te poesiefestival startet am freitag mit lesungen, diskussionen, workshops und konzerten.

wie schon die diskussion um das gedicht von günter grass und sein neues gedicht zur lage griechenlands gezeigt haben, die lyrik, das gedicht sind alles andere als verschlafen oder im sterben begriffen. ob nun poetry slam, songtexte oder performances, die kürzere form der literatur zeigt weiterhin wirkung.

das poesiefestival bildet all dies einmal im jahr ab. an verschiedenen auftrittsorten mit verschiedenen konzepten kann man sich 9 tage lang der posie und lyrik annähern. man kann gesprächen mit den dichterInnen lauschen und sich vielleicht nach dem besuch einer veranstaltung selbst wieder einmal an ein gedicht setzen.

das programm findet man hier: http://www.literaturwerkstatt.org//index.php?id=1225 .

VERSschmuggel/RéVERSible – Machen Sie mit! – ARTE

lyrik übersetzen, vertonen oder filmen – deutsch-französisch – französisch-deutsch. ein wettbewerb, eine kreative aufgabe und spass am gedicht. einsendeschluss ist der 01.07.12 für übersetzungen und 15.09.12 für audio-und videoclips.

VERSschmuggel/RéVERSible – Machen Sie mit! | VERSschmuggel/RéVERSible | Rendez-vous littéraire | Kultur entdecken | de – ARTE.

kreatives schreiben und kunst

eigentlich ist alles kunst – die lebenskunst, die kunst der entspannung, das künstliche und künstlerische, das wissen und das nichtwissen (die kunst der ignoranz). und wie es dann auch schon viele künstlerInnen formuliert haben, sind wir alle künstlerInnen, auch wenn es die meisten nicht sein wollen. sagen sie einem mensch, er möge doch einmal kunst schaffen, wird er ihnen antworten, er könne so etwas nicht. fragen sie den menschen, was er den zuletzt gebaut, gebastelt oder gedacht habe, dann stellen sie fest, auch er hat dinge oder gedanken erschaffen, die abbilder der realität sind.

da wir es aber notwendig fanden, für die kunst einen markt zu haben, brauchten wir auch händler und experten, die kunst bewerten und einordnen. und so entstanden aus moden kunst, aus abbildern kunstwerke. jede, absolut jede zeit hat ihre kunst. woher sollten wir wissen, ob nicht in dreihundert jahren die plastiknachbildungen griechischer skulpturen und säulen für den reihenhausgarten der hohen kunst der postmoderne zugerechnet werden? und doch fühlt sich mancher berufen, zwischen kunst und kitsch oder zwischen kunst und krempel zu unterscheiden.

wahrscheinlich geht es nur um die bedeutung des erschaffenen, des abbildes. so kann auch kreativ geschriebenes in den augen der schöpferInnen oder leserInnen kunst sein. doch in den augen der literaturwelt werden die ergebnisse der kreativen schreibprozesse gern belächelt. irgendwo verläuft für sie die grenze zwischen kunst und hobby. betrachtet man aber die schreibprozesse großer künstlerInnen, stellt man fest, dass sie die gleichen zweifel und fragen plagte, wie die teilnehmerInnen von schreibgruppen.

und da ist sie wieder, die bedeutung des geschaffenen. ganz gleich, welcher produktionsprozess im vorfeld beschritten wurde, eigentlich sollte nur das ergebnis zählen, sich die bewertung von kunst also nicht an der person, sondern am text orientieren. es wäre einmal interessant, texte und werke ohne namen der autorInnen und deren biografie zu veröffentlichen. ich bin mir sicher, die urteile über das geschriebene würden anders ausfallen. doch, und dies scheint inzwischen in allen künsten der fall zu sein, der markt könnte zusammenbrechen. die verwertung von kunst ist inzwischen ein großes geschäft, das niemand aufs spiel setzen will.

doch noch einmal zurück zum kreativen schreiben: seien sie sich gewiss – vieles von dem, das in schreibgruppen, mit schreibübungen oder durch die verwendung von schreibtechniken entsteht, vieles davon ist kunst, auch wenn es nie einen verlag finden und gedruckt wird. denn das eigentlich intensive und letztendliche wohltuende ist der schaffensprozess – alles danach ist theater, markt und posse. man mag auch den zweiten schritt schätzen, keine frage, und man möchte, dass andere die eigenen abbildungen interessieren, man möchte damit sogar sein geld verdienen, aber es wird nie an den eigentlich kreativen moment heranreichen.

kreatives schreiben und kunst bedeutet nichts anderes, als einen schriftlichen ausdruck für sich selbst zu finden. na dann, lasst uns kunst machen!

„zehn geschichten übers rauchen“ von stuart evers – ein buchtipp

im zeitalter der gesundheits- und körperpolizei ist es mutig ein buch über das rauchen zu schreiben, zumindest den hinweis auf die sucht im titel zu tragen. wenn man in die zehn geschichten einsteigt, wird man sowohl enttäuscht als auch überrascht. enttäuscht, da das rauchen zwar in stories auftaucht, aber nicht in der direktheit, in der man es erwartet hätte.

überrascht wird man von den geschichten. es sind vielfältige, verschiedene und vor allen dingen intensive kurzgeschichten, die jede für sich einen eigenen kosmos eröffnet. der mensch in all seinen höhen und tiefen wird abgebildet, spannung entsteht und oft genug werden der melancholie und der liebe raum gegeben. und immer wieder wird zur zigarette gegriffen.

da schiebt sich von geschichte zu geschichte der glimmstengel in den vordergrund, spielt eine rolle, dient der anbahnung einer romanze, und endet im unvermeidlichen tod. die zigarette als verknüpfungspunkt der seelen, also doch wieder eine gewagte blickrichtung. stuart evers schafft es mit „zehn geschichten übers rauchen“ leselust zu erzeugen, zu erfreuen und zu enttäuschen, man lebt mit seinen heldInnen mit. einfach nur ein schlichter, kurzer genuss, wie die letzte fluppe – die reue kommt später 😉

das buch ist 2011 in der frankfurter verlagsanstalt in frankfurt am main erschienen. ISBN 978-3-627-00176-6

wie man den spass am schreiben abgewöhnt (06)

holde hörbücher

die digitalisierung der welt macht es möglich, bücher und ganze literarische werke auf relativ wenig speicherplatz akustisch festzuhalten. nicht die digitale speicherung der schriftzeichen, sondern die speicherung der laute des vorgelesenen soll uns literatur näher bringen. da das lesen meist von schauspielerInnen oder den autorInnen selber vorgenommen wird, unterwerfen wir uns beim hören von hörbüchern dem rhythmus und der betonung der anderen.

so praktisch das hörbuch sein mag (kann man doch während einer autofahrt oder im öffentlichen nahverkehr ungestört literatur konsumieren), es unterscheidet sich im eindruck stark vom eigenen leseprozess. daraus ergibt sich ein vor- und ein nachteil: sollten wir uns dem schreiben widmen, bekommen wir eventuell ein gespür für einen angenehmen sprachrhythmus, da wir ihn im hörbuch öfter gehört haben. auf der anderen seite wird uns das lesen, die wahrnehmung von schrift und buchstaben immer fremder.

wenn wir sätze und geschichten nur noch hören, dann verwandelt sich die rolle von geschriebenem in einen konsumartikel. der leseprozess geht aber einen schritt weiter – wir bestimmen die geschwindigkeit, in der wir lesen. wir bestimmen die verarbeitung des gelesenen viel direkter während des leseprozesses. natürlich können wir auch ein hörbuch zwischendurch abschalten und uns gedanken über das gehörte machen, aber beim lesen, halten wir kurz inne, überlegen etwas und machen dann weiter.

das hörbuch kommt dem fernsehen nahe, es verwandelt uns in einen literaturkonsumenten, der seine passivität im gegensatz zum lesen erhöht. lesen, so seltsam es scheinen mag, ist ein aktiver prozess und geht mit vielen anderen verhaltensweisen einher. dies hat garantiert auswirkungen auf die lust am schreiben. sich aus einer passiven beschäftigung zu lösen und zu einer aktiven überzugehen fällt uns schwerer, als aus einem aktiven prozess in einen anderen aktiven prozess zu switchen.

schaut man es sich genau an, kann man beim lesen zum beispiel notizen an den rand des buches machen, eigene gedanken und ideen parallel notieren. haben sie schon einmal jemandem mit einem hörbuch gesehen, der ähnliches macht? in einem buch markiere oder unterstreiche ich nur, bei einem hörbuch ist das nicht möglich. doch der prozess des notierens und unterstreichens kann eine effektive vorstufe des eigentlichen schreibens sein. wenige menschen diktieren ihre texte in den computer – obwohl dies auch eine schreibmöglichkeit ist. aber hörbuch hören und gleichzeitig notizen diktieren ist technisch nicht so leicht umsetzbar.

ich glaube nicht, dass hörbücher automatisch die lust am schreiben nehmen. ich glaube aber, dass die verlagerung auf die passive seite, den einstieg in die aktive seite des schreibens erschweren. vielleicht sollte man sich seine bücher selber laut vorlesen und dies aufnehmen, um sie auf einem noch ganz anderen weg wahrzunehmen.

ein aufruf zum urheberrecht – kommentiert

schriftstellerInnen haben in der wochenzeitung „die zeit“ den aufruf „wir sind die urheber!“ zum schutz des urheberrechts gestartet. inzwischen fanden sich viele mitunterzeichnerInnen. hier der aufruf: http://www.wir-sind-die-urheber.de/ . in diesem aufruf wenden sich die schreiben gegen diebstahl und geiz im internet – sie möchten ihr geistiges eigentum schützen. das ist ein verständliches und sinnvolle anliegen.

aber! und dies ist ein groooßes „aber“, die begründungen für den schutz des eigenen geistigen eigentums und für die einhaltung des urheberrechts sind seltsam, wenn nicht sogar abstrus. da haben wir schon seit langem eine missachtung der kultur und des geistigen eigentums vor allen dingen durch die „verwerterInnen“. nur ein paar stichworte: tantiemen, bestsellerlisten, lektorat, verträge, übertragung der verwertungsrechte, verlagsgesellschaften, bürokratie, hörbücher, e-books …

faszinierend ist, dass in diesem aufruf nicht klarer position bezogen wird. man könnte mit solch einem aufruf diverses fordern:

  • angemessene entlohnung für geleistete geistige arbeit
  • zugang zur literatur und zu büchern für alle bürger des staates (nur wer geld hat, hat bei uns auch einen wirklichen zugang zu büchern)
  • ausbau der bibliotheken
  • veröffentlichungsmöglichkeiten für nicht abgesicherte schriftstellerInnen
  • überprüfung des verkaufsrankings
  • aufhebung von knebelverträgen
  • unterstützung von autorInnenverlagen
  • eindeutige positionierung zu monopolistischen strukturen im internet und verlagswesen

aber diese kuschelprosa gegenüber den „verwerterInnen“ und dem gesellschaftssystem wird mit großer wahrscheinlichkeit genau das gegenteil vom erhofften erreichen, denn nun haben wir es schwarz auf weiss: literaten verkaufen sich auf teufel komm raus. und plagiieren kommt anscheinend in den besten familien vor. hier verrutscht ein maßstab nach dem anderen. was ist denn nun diebstahl und was nicht? die grenzen sind längst nicht mehr so klar, wie es der aufruf suggerieren möchte. und der ausschluss ganzer bevölkerungsgruppen wird in kauf genommen (nicht ein wort zu den unveröffentlichten, zum geistigen ausschluss ganzer bevölkerungsgruppen). so bleibt das „gschmäckle“, hier will jemand nur seine pfründe sichern, sich aber keine gedanken über die entwicklung der gesellschaft machen. schade!

p.s.: man muss bei uns leider inzwischen gleichzeitig betonen, dass man, wenn man obiges schreibt, nicht dem diebstahl geistigen eigentums das wort redet – auch eine folge dieses verallgemeinernden aufrufs!

eine stilkunde als zeitungsbeilage – ein lesetipp

wenn menschen der meinung sind, dass unsere sprache und unsere schreibe den bach runtergehen, dann tun sie viel dafür, ihr kulturgut zu retten. der vorteil für den einfachen leser, den schlichten schreiberling besteht darin, dass die versuche zur rettung unserer sprache preiswert und vielfältig daherkommt, damit die menschen leicht erreicht werden.

und so findet sich plötzlich in der wochenzeitung „die zeit“ eine über 40-seitige beilage zum stilvollen schreiben, zu regeln des verständlichen schreibens und über die tätigkeiten der schreibenden. unter dem titel „wie sie besser schreiben“ finden sich 20 lektionen einer deutsch-stilkunde von wolf schneider. na, das ist doch mal was nützliches. also meine empfehlung: wer keine bücher von wolf schneider besitzt, dem sei diese beilage als einstieg ins flüssige, verständliche schreiben empfohlen.

eines sollte man dabei aber überlesen: die vorworte. sie bescheinigung uns nur wieder eine sprachverarmung, offerieren wieder den langweiligen hochwertigen kanon „guter“ sprache, um dann in den lektionen das spielerische und kräftige unserer worte zu feiern und zu propagieren. weg von den plattitüden – hin zum ausdruck. das leben ist ein widerspruch. oder wie wäre es sonst zu erklären, dass als „sprachmeister“ in der beilage nur schriftsteller der letzten jahrhunderte vorgestellt werden, die dem bildungsbürgerlichen kanon entspringen – goethe, schiller, nietzsche, kafka, kleist, heine und mann. wie wenn es heute keine sprachvirtuosen mehr gäbe.

wer sich in die auseinandersetzung um den spracherhalt stürzen möchte, der lese das vorwort von wolf schneider: http://www.zeit.de/2012/20/Sprache .

Lange Buchnacht in der Oranienstrasse in Berlin

für alle, die heute nicht wissen, was sie am abend machen sollen oder die schon genug gelesen haben: Lange Buchnacht in der oranienstrasse in kreuzberg.

viel spaß und viele bücher

web 2.90 – epubli.de

bücher veröffentlichen war bis vor ein paar jahren aufwendig, umständlich und für viele nicht unbedingt von erfolg gekrönt. das internet hat nicht nur unsere kommunikationsformen revolutioniert, sondern inzwischen auch den buchdruck (korrekterweise sollte ich schreiben: die digitalisierung). so wie die blogs, twitter und co inzwischen etlichen zeitungen und zeitschriften den rang ablaufen, so tuen es „books on demand“ und „e-books“ den verlagen und dem buchhandel.

das bedeutet nicht, dass es inzwischen bücher für lau gibt (höchstens illegal oder wenn autorInnen sie ins netz stellen), aber die vertriebswege und die veröffentlichungsmöglichkeiten haben sich vervielfältigt. man kann darüber streiten, ob dies nicht insgesamt den buchmarkt zerstört oder ob dadurch die verlegerische vielfalt zunimmt. ich finde die diskussion ist noch nicht entschieden.

man kann der überzeugung sein, dass man ein tolles werk verfasst hat. man hat es an verlage gesendet, hat absage über absage einheimst und zweifelt an den eigenen fähigkeiten. ja, eigentlich hat man etwas geschrieben, das bis heute nie geschrieben wurde. gute freundInnen bescheinigen einem: total spannend, total gut. doch was tun. man konnte auch schon bisher im eigenverlag veröffentlichen, eine aufwendige und teure angelegenheit. und wissenschaftlerInnen kennen das problem, dass ihre veröffentlichungen von ihnen bezahlt werden müssen, da sonst kein verlag mehr bereit wäre, zu drucken.

inzwischen gibt es alternativen – ein beispiel ist „epubli.de“ von der holtzbrinck-verlagsgruppe: eine internetseite, auf der man sein buch als pdf-datei hochladen, die form und ausführung wählen kann (wenn man möchte mit isbn und vertrieb über amazon, den buchhandel und apple) und dann abwartet. wenn andere menschen an dem von einem selbstgeschriebenen werk interesse haben, dann können sie es online bestellen und das buch geht dann erst in druck, oder das e-book ist nach bezahlung herunterladbar.

das schöne an dem angebot ist, man muss keine exemplare vorab drucken lassen (man erhält aber rabatte und kann damit den gesamtpreis senken, wenn man gewisse stückzahlen vorab drucken und lagern lässt). man kann den preis für das buch selber festlegen – beim e-book wird sich an anderen kriterien orientiert. man entscheidet also über die eigene gewinnspanne und kann ebenso schnäppchen anbieten (an denn man nichts weiter verdient). lässt man nichts vordrucken, dann dauert die lieferzeit 8 bis 10 tage, liegen die bücher schon im lager, handelt es sich um die üblichen lieferzeiten.

die bücher werden nicht verschenkt, aber man kann sich leicht an einem kleinen „beispielrechner“ die verteilung der kosten und einnahmen wunderbar aufschlüsseln lassen. man achte dabei aber unbedingt auf die versandkosten, die noch dazu kommen (bei amazon marketplace zum beispiel immer 3,- €). wer sich ein wenig bei layout und gestaltung auskennt, kann also beinahe ohne hilfe sein eigenes buch veröffentlichen, ohne dass so hohe kosten wie bei einem selbstverlag entstehen (isbn und anderes sind aber zu zahlen). die werbung muss man natürlich auch teilweise selbst übernehmen. aber vielleicht kann man feststellen, dass großes interesse an dem eigenen werk besteht und sich die verlage geirrt haben 😉 ein zusätzliche chance für viele schreibende.

http://www.epubli.de

Interview mit René Pollesch über Liebe und Rücksicht. – Aus dem SZ-Magazin

ein mensch, der viel zu sagen hat. zum beispiel den bemerkenswerten satz „ich glaube, dass literatur vorübergehen wird“. na dann: ein interview mit einem theaterautor, der gesellschaftskritik noch ernst nimmt 😉

Interview mit René Pollesch über Liebe und Rücksicht. – Aus dem Magazin.