Monatsarchiv: April 2011

„empört euch!“ von stéphane hessel – ein buchtipp

eigentlich ist es ein büchlein, wie man es selten in den buchhandlungen findet. gerade einmal 30 seiten und doch inzwischen so viel gelesen. da äußert sich ein über neunzigjähriger diplomat und philosoph über die möglichkeit und notwendigkeit des widerstands in der heutigen gesellschaft. aus der eigenen lebensgeschichte ergibt sich für ihn ein postulat der empörung gegen die verletzung der menschenrechte. sein aufruf überschreitet die forderungen des neudeutschen „wutbürgers“ bei weitem.

so formuliert er: „ich sage den jungen: wenn ihr sucht, werdet ihr finden. „ohne mich“ ist das schlimmste, was man sich und der welt antun kann. den „ohne mich“-typen ist eines der absolut konstitutiven merkmale des menschen abhanden gekommen: die fähigkeit zur empörung und damit zum engagement.“ er fordert alle auf, verantwortung zu übernehmen, gewaltfrei widerstand gegen eine welt im gewinn- und konkurrenzwahn zu leisten. er erinnert an die überlegungen der résistance für eine gerechte welt, um zukünftig totalitarismus und nationalsozialismus zu verhindern.

so klein das büchlein sein mag, so verständlich ist die kurze botschaft. wahrscheinlich benötigt man ab und zu eine erinnerung an die kraft der empörung und notwendigkeit einer veränderung. also, wo sind die ideale und utopien der zukunft? stéphane hessel bietet mit „empört euch!“ einen anstoss zum nachdenken. das buch ist 2010 bei ullstein in berlin erschienen. ISBN 978-3-550-08883-4

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selbstbefragung (94) – schuld

die fragebögen zur selbstbefragung versuche ich unter rubriken zu bündeln. dieses mal geht es um die „schuld„.

  • wann haben sie sich das letzte mal schuldig gefühlt? warum?
  • wofür geben sie ihren eltern die schuld?
  • in welchen momenten suchen sie nach schuld? warum?
  • für was fühlen sie sich verantwortlich in ihrem leben?
  • für was können sie nicht die verantwortung übernehmen? beschreiben sie.
  • wo liegt für sie der unterschied zwischen „schuld sein“ und „gute gründe haben“?
  • wer hat ihnen geschadet? beschreiben sie.
  • wem haben sie absichtlich oder unabsichtlich schaden zugefügt?
  • können sie die schuld auf sich nehmen? wie machen sie das?
  • wen würden sie gerade gern be“schuldigen“?

jonathan franzen über das schreiben und den umweltschutz – ein lesetipp

in der aktuellen ausgabe der zeitschrift „cicero“ ist ein längeres interview mit jonathan franzen abgedruckt. auslöser ist die frage nach seinem umweltpolitischen engagement. auslöser sind der boom der grünen in deutschland und die umweltpolitischen essays von franzen in us-amerikanischen zeitschriften.

und es wird interessant. denn die umweltpolitik ist nur ein aspekt eines gesellschaftskritischen autors, der sich mit der frage auseinandersetzt, wie viel der aktuellen schwierigkeiten in der literatur platz finden kann und vor allen dingen in welcher form. anschließend wird der bogen vom gesellschaftlichen engagement zur persönlichen verfassung beim schreiben geschlagen.

auch hier sind die ausführungen recht interessante. hier traut sich jemand zu formulieren, dass das schreiben auch immer eine persönliche verarbeitung von anliegen und schwierigkeiten ist. der interviewer wolfram eilenberger möchte im schreiben noch stärker eine therapeutische funktion sehen als franzen selber. franzen hält sich da ein wenig bedeckt, will aber die chancen der selbstvergewisserung beim schreiben nicht klein reden.

auch wenn sich die interviews mit schriftstellerInnen über ihr schreiben in letzter zeit in den zeitschriften und zeitungen häufen (eine interessante frage, weshalb das schreiben so einen großen stellenwert bekommt), ist auch dieses interview recht aufschlussreich. es zeigt, wie unterschiedlich die beweggründe für das schreiben sein können. und es zeigt gleichzeitig, dass es wirkung zeigt, sowohl beim autor als auch bei den leserInnen. das ist ein aspekt, der heute gern klein geredet wird. wahrscheinlich unterschätzt sich der mensch an diesem punkt selbst ganz gern.

schreibidee (253)

wer schreibt, liest meist auch viel. und wer viel liest, baut nicht selten eine besondere beziehung zu büchern auf. bücher sind gegenstände, die ähnlich den autos, für menschen eine außergewöhnliche bedeutung haben. oder warum werden sonst bücher veröffentlicht, in denen menschen sich in ihren eigenen kleinen bibliotheken ablichten lassen? darum wird diese schreibanregung, nach den „fetisch-geschichten“ der letzten schreibidee, das schreiben von „liebe-zu-büchern-texten“ vorschlagen.

einstieg ist dieses mal eine leserunde. vor dem treffen der schreibgruppe werden die teilnehmerInnen aufgefordert, eine rezension ihres lieblingsbuches, die nicht länger als eine seite sein sollte, zu verfassen. diese rezensionen werden zu beginn des gruppentreffens vorgelesen.

anschließend wird der blick auf die eigene lebensgeschichte der teilnehmerInnen gelenkt. es ist eine zweiseitiger kleiner text zu verfassen. darin soll geschildert werden, wie ein buch das eigene leben nachhaltig beeinflusst hat. es gibt keine vorgabe, welche entwicklung das buch ausgelöst haben sollte. es sollte nur eine veränderung ausgelöst werden. die texte werden ohne feedback vorgetragen.

nun ist eine längere „bücherwurm“-geschichte zu verfassen. die geschichte handelt von einem menschen, dessen leben vor allen dingen von büchern beeinflusst wird. es kann jemand sein, der in eine bibliothek einzieht, jemand, der an keinem antiquariat vorbeigehen kann, jemand der sein leben lang ein einziges buch sucht oder jemand, der ohne lesen entzugserscheinungen verspürt. den ideen sind keine grenzen gesetzt, nur eine enge bindung zu büchern muss erkennbar sein. die geschichten werden anschließend vorgetragen und in der feedbackrunde wird betrachtet, wie treffend die bindung zum buch dargestellt wurde.

zum abschluss wird in anlehnung zu manchen horrorszenarien in einem kurzen text eine welt ohne bücher entworfen. wie sieht diese welt aus? was ersetzt vielleicht die bücher? wie kommunizieren die menschen? die texte werden am ende des schreibgruppentreffens vorgetragen.

schreibidee (252)

neben der liebe gibt es noch ein phänomen, das schwer einzuordnen ist. der mensch ist fähig zu objekten und situationen eine enge beziehung aufzubauen. die lustbefriedigung ist ohne diese objekte oder situationen nicht vorstellbar. man braucht diese emotionale „brückentechnologie“, um lust und leidenschaft positiv erleben zu können. dies wird in der schreibanregung aufgegriffen, um „fetisch-geschichten“ zu schreiben.

alles kann zum fetisch gemacht werden. darum werden zum einstieg die schreibgruppenteilnehmerInnen aufgefordert, sich einen ausgefallenen gegenstand oder ein alltägliches ereignis auszuwählen. so können zum beispiel eine zitronenpresse oder die hektik am fahrkartenautomat gewählt werden. nun sollen eine zweiseitige liebeserklärung oder ode an die gegenstände und ereignisse verfasst werden. diese werden anschließend vorgetragen.

in der folge wird eine geschichte geschrieben, in der das fetischobjekt eine zentrale rolle spielt. so kann es zum beispiel zu einer liebesgeschichte kommen, an deren rand bei jeder lustvollen begegnung der protagonistInnen die zitronenpresse dabei sein muss. vielleicht werden während der körperlichen begegnung zitronen ausgepresst oder auch nur über das objekt der begierde gestreichelt. auch hier sind der fantasie keine grenzen gesetzt. anschließend werden die geschichten vorgetragen und es gibt eine feedbackrunde.

da fetische erst einmal unproblematisch sind, aber doch für schwierigkeiten sorgen können, wenn sie zu außergewöhnlich sind, soll im anschluss noch eine kurze geschichte geschrieben werden, in der der fetisch zum stolperstein der beziehung wird. so finden sich zum beispiel seltsame rollenspielwünsche oder bekleidungswünsche wieder, die es den partnerInnen schwer machen, nähe gemeinsam zu erleben. diese geschichten werden zum abschluss vorgetragen.

schreibgruppe für frauen in berlin ab 10ten mai

Achtung Mädels und Frauen, habt Ihr Interesse und Lust: Ab dem 10. Mai startet in der Kiezoase Schöneberg wieder jeden 2. und 4. Dienstag von 10 bis 12 Uhr die kreative Schreibgruppe „Blood, Sweat & Tears“ für Frauen ab 40.

Hier wird während der ‚zweiten Pubertät’ mit Begeisterung und Spontaneität zum Schreiben angespornt. Schlagfertig und geistreich geht’s durch die Irrungen und Wirrungen des Alltags. Schreibend werden körperliche und emotionale Formveränderungen reflektiert und alles andere natürlich auch. Antreibende und verblüffende Schreibimpulse, kreative Schreibtechniken und viel Spaß sind in dieser Gruppe garantiert. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.

Infos und Anmeldung bitte bei Gitta Schierenbeck (M.A. Biographical and Creative Writing, Poesiepädagogin) unter gitta@schreibcollagen.de oder 7828986.

„praxisbuch networking“ von andreas lutz – ein buchtipp

seit der entstehung des so genannten web 2.0 tritt eine soziale kompetenz im arbeitsleben immer stärker in den vordergrund: das „netzwerken“, wie es neudeutsch genannt wird. vor allen dingen selbstständige, aber auch angestellte sind gefordert, sich ein netzwerk aufzubauen, das in erster linie über das internet kommuniziert und sich gegenseitig hilfestellung bei der erledigung von aufgaben gibt.

doch so schlicht sollte man dies nicht formulieren. das networking erfüllt noch mehr aufgaben: zum einen sich überhaupt in ein soziales netz einzubinden, nicht allein auf der welt sein ding durchziehen zu müssen. es bietet also auch einen halt. zum anderen aber auch die verschränkung von privatem und beruflichem. etwas, das in der heutigen arbeitswelt unumgänglich scheint. es geht nicht darum, andere zum eigenen vorteil auszunutzen, es geht darum im laufe der zeit gegenseitige unterstützung und hilfsbereitschaft zu signalisieren.

andreas lutz zeigt in seinem „praxisbuch networking – einfach gute beziehungen aufbauen – von adressmanagement bis xing.com„, dass es nicht nur um die digitalen kontakte, sondern vor allen dingen auch die persönlichen, realen geht. dass networking erst einmal nur darauf basiert, seine eigenen kompetenzen, informationen und möglichkeiten anderen anzubieten, ohne den eigenen vorteil im auge zu haben. ein netzwerk wächst, es hat etwas dynamisches, das gepflegt werden muss, aber gleichzeitig auch sozial einbindet.

es gibt heutzutage viele möglichkeiten, sein eigenes netzwerk aufzubauen. im buch wird eine auswahl der möglichkeiten geschildert. es werden ganz praktische tipps gegeben, wie man am angenehmsten auf andere menschen zugeht, was man kommunizieren kann und wie man ein netzwerk pflegt. auch wenn man sich fragen kann, ob das bisherige soziale netz, in dem man gelebt hat, auch ohne einen begriff dafür zu haben, die gleichen konsequenzen hatte, so scheinen manche tipps für das berufsleben hilfreich und heutzutage notwendig. ein blick in die weite welt des networking lohnt sich.

das buch ist 2009 im linde verlag in wien erschienen. ISBN 978-3-7093-0200-2. und noch mehr infos finden sich unter http://www.jeder-ist-unternehmer.de .

„heringers reizwörterbuch“ von hans jürgen heringer – ein buchtipp

die sprache verwendet worte, die nicht vom himmel fallen, sondern über generationen aus den verschiedensten quellen entstanden sind. das kann man so hinnehmen, die wörter verwenden und sich weiter keinen kopf darum machen. doch manchmal fragt man sich: wer kam auf die idee? was will man damit eigentlich sagen? vor allen dingen die umgangssprachlichen ausdrücke erschließen sich einem nicht gar so schnell.

man nehme nur mal die verabschiedungen: „auf wiedersehen“ versteht ja jeder, auch der gehalt der aussage erschließt sich sofort. doch wie ist das mit „tschüss“? ist das ein abschied für immer, wie bei „und tschüss“? wer kommt auf solch ein wort, es gibt ja nicht wirklich vergleichbares außer „tschö“ oder „tschüssi“. in diesen momenten kann geholfen werden. der sprachwissenschaftler hans jürgen heringer hat sein ganz persönliches, nämlich „heringers reizwörterbuch – unwiderstehlicher deutscher wortschatz“ verfasst.

wie der titel schon erahnen lässt, geht es um eine subjektive auswahl der wörter, die zur analyse „reizen“. darum ist das büchlein auch keine lexikon oder wörterbuch im üblichen sinne, sondern eine lektüre für zwischendurch. es begegnen einem wörter wie „schickimicki“, „luder“, „knutschen“ oder „maloche“, die hergeleitet werden, erklärt werden und deren umfeld ergründet wird.

ein buch, das viele ideen für das schreiben, aber auch worte für texte bietet. zudem spürt man beim lesen, welche freude der autor bei seiner ganz persönlichen auswahl hatte, wie spielerisch die verknüpfungen hergestellt und beschrieben werden. und es zeigt sich, dass für die deutsche sprache beinahe in allen vorstellbaren kulturkreisen und regionen anleihen gemacht wurden, also gelebter multikulturalismus 😉

das buch ist 2011 bei duden – bibliographisches institut in mannheim erschienen. ISBN 978-3-411-71006-5

leben neben der berliner feuerwehr (09)

ja, die grillkohle für ostern liegt bereit, um 17.30 uhr wird dann das osterfeuer mit druckluft entzündet. schön, wenn es so wunderbares wetter an den feiertagen ist. jeder mensch möchte das genießen. doch nicht in einem berliner bezirk. einem bezirk, der unfähig ist, den eigenen städtischen angestellten einhalt zu gebieten. denn sie grillen, sie grillen immer bei schönem wetter, sie gröhlen über den hof und sie bekommen gäste während der dienstzeit, die hier ihre fahrzeuge waschen und reparieren.

nun sollte man meinen, der bezirk hätte ein interesse, dies zu unterbinden. weit gefehlt: „ihm fehle das personal (also dem bezirk)“. man nimmt mit dem ordnungsamt einfach mehr geld ein, wenn man nur nach parksündern sucht, die die abzocke mit parkscheinen in wohngebieten kontrollieren. aber die bezirksstadträtin für kinder … und umweltschutz lässt sich regelmäßig verleugnen. sie fühlt sich dafür nicht zuständig, obwohl der petitionsausschuss des abgeordnetenhauses vor über zehn jahren zu verstehen gegeben hat, es müsse sich etwas ändern. und in zehn jahren ist so gut wie nichts geschehen. (ach so, es gibt da auch diverse informationen des bezirks: hier zum grillen, hier zur kontrolle und hier zum lärm, eine große farce.

eher das gegenteil ist der fall. inzwischen passt die kleinfeuerungsanlage mit leiter oben drauf anscheinend nicht mehr in die fahrzeughalle. sie wird nun dauerhaft auf dem hinterhof geparkt. ohne abgasabsaugschlauch ohne russfilter, immer schön tag und nacht vom hinterhof aus in den einsatz fahren. bei der rückkehr vom einsatz muss das ding dann ordentlich rangiert werden.

ach ja, und dann werden fahrzeuge der mitarbeiter der berliner feuerwehr immer größer, jedenfalls, was die dezibelwerte angeht. ein schichtwechsel kommt so langsam dem leben neben der stadtautobahn gleich. der seit ein paar jahren installierte sicht- und schallschutz tut ein übriges, damit es im hinterhof jeder merkt, dass hier eine neue schicht beginnt. so lässt sich eben auch windgeschützter grillen, nachdem man vorher alle bäume und büsche fällen musste.

ja, die bezirksstadträtin interessiert das nicht, was mitten im wohngebiet geschieht. das umweltamt immer nur sukzessive, aber eigene einrichtungen werden per se nicht kontrolliert. und die leitung der feuerwehr, die lebt vom rettungsbonus. angeblich sollten ihre mitarbeiter in umweltschutz geschult werden, da muss dann aber jemand das mit der nachhaltigkeit nicht verstanden haben. was für ein glück, dass im herbst gewählt wird, auch in berlin wird es veränderungen geben. vielleicht kann man dann das schöne wetter an feiertagen neben städtischen beamten auch irgendwann mal genießen, ohne das gefühl zu haben an einer autobahnraststätte mit grillstation, waschanlage und reparaturbetrieb zu wohnen.

ach, habe ich schon betont, dass die berliner feuerwehr die einzigen im wohngebiet sind, die sich so verhalten?

web 2.56 – 2-3 straßen

es ist ein kunstwerk, es ist ein versuch, es ist der weg vom netz ins buch, es ist biografiearbeit. der künstler jochen gerz hat im rahmen der kulturhauptstadt 2010, als das ruhrgebiet diesen titel trug, das projekt „2-3 straßen“ durchgeführt, das menschen aufforderte über das leben in ihrer strasse zu schreiben. dabei waren sowohl schon lang dort lebende bewohner eingeladen, sich zu beteiligen, als auch 78 kreative, die extra für das projekt in die region und in die strassen zogen. diese 78 personen wurden teil einer ausstellung.

aus diesem projekt ist nun ein buch entstanden, das viele sprachen, viele menschen und viele eindrücke vereint. auf der website wird die entstehung des buches folgendermaßen beschrieben: Die Teilnehmer haben ein Jahr lang ein Buch geschrieben, auch Passanten und Besucher der Ausstellung und besonders die alten Bewohner der Straßen waren eingeladen mitzuschreiben. Die Autoren benutzten eine speziell entwickelte browserbasierte Software. Sie schrieben, ohne die Beiträge der anderen zu kennen. Der Text wurde durch Mausklick oder nach einer Schreibpause von acht Minuten archiviert, verschwand im elektronischen Archiv und war nicht mehr zugänglich. Erst nach dem Ende von 2-3 Straßen wurde das Ergebnis eines Jahres veröffentlicht. Die Beiträge erscheinen als Fließtext, anonym und in der Reihenfolge ihrer Entstehung. Auch die Namen der Autoren sind auf den letzten Seiten in der Reihenfolge ihres Beitrags aufgelistet.

ein spannendes projekt, das gedanken, regionen, geschichte und geschichten abbildet. hier verschränken sich viele bestandteile unseres alltags zu einem aktuellen abbild des lebens. so kann aktuelle biografie-arbeit aussehen. bin auf die texte gespannt. einen kurzen einblick bietet die homepage: http://www.2-3strassen.eu/ .

web 2.55 – lebenstagebuch.de

immer noch, über 60 jahre später, machen menschen die traumatischen erinnerungen an den zweiten weltkrieg zu schaffen. lange verdrängt, suchen sich die erinnerungen ihren weg. teils drückt sich dies durch psychische störungen oder über körperliche beeinträchtigungen aus. manche der über 65-jährigen fangen nun an, ihre erinnerungen zu verarbeiten. auch ohne beeinträchtigungen kann man feststellen, dass eine auseinandersetzung mit erlebtem generell entlastet.

eine hilfe dabei bietet die homepage http://www.lebenstagebuch.de/ an. die seite bietet eine schreibtherapeutische hilfe für menschen über 65 an, die sich mit ihren traumatischen erlebnissen beschäftigen und sie verarbeiten möchten. das angebot kann nur online genutzt werden, es sind keine realen konsultationen in einer praxis vorgesehen. hier wird das schreiben als entlastende hilfe und zur umstrukturierung der erinnerungen genutzt.

um menschen, die an ihren traumen erkrankt sind, nicht in der virtuellen welt behandeln zu müssen (dies ist nicht vorgesehen), ist im vorfeld ein fragebogen zu beantworten. sollten psychische oder körperliche störungen vorliegen, wird lieber an andere angebot abseits des internets vermittelt. das angebot des „lebenstagebuchs“ wendet sich an menschen, die genug eigene ressourcen aktivieren können, um einen umgang mit dem erlebten zu finden.

das „lebenstagebuch“ ist eine kooperation von berliner und stralsunder beratungs- und forschungsstellen zum thema traumatisierung. ein interessanter versuch, schreiben, das internet und biografiearbeit miteinander zu verbinden.

was ist eine muse und was hat sie mit liebe zu tun?

musen sind mysterien, die schwer zu beschreiben sind und sehr subjektiv ihre wirkung entfalten. musen sind menschen, die künstlerisch tätige menschen in ihrem schaffensprozess animieren. doch wodurch sie die künstlerInnen zu ideen anregen, das ist beinahe unmöglich zu beschreiben. die verbindung zwischen künstlerInnen und ihren musen geht weiter als eine freundschaft.

in einer guten freundschaft tauscht man seine erlebnisse und stimmungen aus, man unterstützt sich gegenseitig und man gestaltet die freizeit gemeinsam. im laufe der zeit lernt man sich sehr gut kennen, weiß wie der oder die andere denkt und fühlt. mit einer muse muss einen keine freundschaft verbinden. es genügt eine schwingen auf der kreativen ebene. die muse muss anscheinend gar nicht viel tun, muss sich nicht mit der lebenssituation der kreativen auseinandersetzen. sie muss nur da sein und so sein, wie sie ist.

eine muse hat anscheinend eine ausstrahlung, die einen auf ideen bringt. natürlich transportiert sich die ausstrahlung auch über die kommunikation zwischen künstlerInnen und musen. man muss sich das vielleicht wie zwei menschen vorstellen, die einen gedanklichen faden ständig weiterspinnen, sich in den weiten der fantasie verlaufen und zum schluss an einem punkt rauskommen, den sie nicht für möglich gehalten hätten. die künstlerInnen setzen dieses erlebnis in ein werk um, die musen haben diese ambition meist nicht.

doch auch diese verallgemeinerung trifft das verhältnis zwischen musen und den künstlerInnen nicht vollständig. manchmal mag es nur der körperliche ausdruck einer person sein, der einen zu ideen anregen kann, manchmal ist es der stimmfall oder auch nur der augenaufschlag. das besondere an einer muse ist, Weiterlesen

selbstbefragung (93) – liebe zum buch

die fragebögen zur selbstbefragung versuche ich unter rubriken zu bündeln. dieses mal geht es um die „liebe zum buch„.

  • lesen sie gern bücher? warum?
  • was halten sie von e-books?
  • welches ist ihr lieblingsbuch? beschreiben sie.
  • lesen sie anderen menschen aus büchern vor? warum?
  • was ist für sie das besondere an büchern?
  • was für bücher lesen sie? zählen sie auf.
  • welches buch hätten sie gern selber geschrieben? warum haben sie das bis heute nicht gemacht?
  • was stört sie am meisten beim lesen?
  • wie wählen sie die bücher aus, die sie lesen?
  • wie stark beeinflussen bücher ihr leben? beschreiben sie.

digitaler diskurs (2) – ein lesetipp

es gibt einen zweiten sehr interessanten artikel zu den folgen des internets in „lettre international“ – frühjahr 2011, Nr.92. manuel arias maldonado schreibt über den „planet wikipedia – eine digitale enzyklopädie oder ein spiel um vernetztes wissen„.

der titel des textes verrät eigentlich schon alles. die auseinandersetzung ist auch keine neue: ist wikipedia wirklich ein gutes lexikon, eine gute enzyklopädie? kann das funktionieren, bürgerInnen bei der erstellung einer wissenssammlung zu vertrauen und die sammlung ihnen zu überlassen? spannend scheint, dass etliche untersuchungen gezeigt haben, dass das digitale lexikon in vielen bereichen den vergleich mit anderen lexika nicht scheuen muss.

und doch tickt der „planet wikipedia“ ein wenig anders. es werden stärker aktuelle und populäre themen aufgegriffen. schadet das einem lexikon oder verändert sich nicht auch unsere form der wissensbeschaffung? man kann noch einen schritt weitergehen und fragen, ob durch die vernetzung von wissen unser denken beeinflusst wird, wir also anders denken? manuel arias maldonado trägt viel wissen um wikipedia in dem langen artikel zusammen.

dabei diskutiert er die frage, ob es sich inzwischen nicht um ein wissenspiel handelt, dessen ausgang immer offen bleibt. wikipedia ist ein prozess. dies kann ein großer vorteil sein, wenn man wissenschaften und forschung betrachtet, die inzwischen ihre erkenntnisse in vielen bereichen nicht mehr mit der gleichen absolutheit vertreten können, wie dies früher der fall war. auch die natur und der mensch basieren auf formen der vernetzung, verändern sich ständig, erreichen nie einen absoluten status quo. eventuell kommt wikipedia diesem prinzip viel näher als die bis dahin üblichen enzyklopädien.

doch die schnelligkeit und teilweise laienhafte bearbeitung von themen verlangen abstriche bei der tiefe des wissengehalts mancher einträge bei wikipedia. schadet dies den gesellschaften nun oder macht das nichts aus? die folgen von wikipedia sind noch nicht geklärt, aber da der prozess ja nicht endet, sind viele zukunftsszenarien vorstellbar. mit etwas misstrauen genossen, bietet wikipedia eine enorme vernetzung, die ganze wissensgebilde vermittelbar macht. hier ein kleiner vorgeschmack: http://www.lettre.de/aktuell/92-Arias-Maldonado.html

schreibpädagogik und liebe

so, wie menschliche beziehungen in der literatur und im kreativen schreiben eine große rolle spielen, so spielen sie natürlich auch im realen leben und damit auch in schreibgruppen eine große rolle. man mag darüber streiten, ob die auseinandersetzungen um beziehungen nicht überbewertet werden, aber sie finden statt.

ganz schlicht beginnt es bei den gruppendynamiken oft mit der bildung von klein- und untergruppen. menschen, die sich sympathisch scheinen, gruppieren sich umeinander, übernehmen gern gemeinsam aufgaben und lernen sich langsam kennen. natürlich bieten schreibgruppen einen zusätzlichen zugang: wenn menschen gemeinsam texte schreiben und diese sich gegenseitig vorstellen, geben sie eine ganze menge von sich preis, meist mehr als zum beispiel in einem sportverein.

das ist weder gut noch schlecht, es macht wahrscheinlich nur spaß, sich intensiv auszutauschen. doch diese teilhabe an den gedanken der anderen kann schnell sympathie verstärken oder auch ablehnung steigern. da ist es nicht verwunderlich, dass in kreativen zusammenhängen die gruppendynamiken teils eine verstärktere form annehmen. da ist es auch nicht verwunderlich, dass liebevolle gefühle raum finden und sich teilnehmerInnen ineinander verlieben können.

wenn dann noch geschichten über beziehungen geschrieben werden, dann kommt es beinahe schon gruppenabenden gleich, an denen „therapy“ oder „wahrheit oder pflicht“ gespielt werden. auch gruppenleitungen sind nicht gefeit davor, dass sie angeschwärmt werden oder selber gefallen an teilnehmerInnen finden. Weiterlesen

nabelschau (42)

zitronenkern und blinddarmentzündung. das internet hat seine tücken, die schwer zu überwinden sind. da sitzt ein mensch zuhause, macht sich gedanken, ob das verschlucken eines zitronenkerns, wie auch das verschlucken eine kirschkerns zu einer blinddarmentzündung führen kann. viele menschen gehen davon aus, dass ein zusammenhang zwischen beidem besteht.

also gibt man in der suchmaschine die begriffe „zitronenkern“ und „blinddarmentzündung“ ein, um weitere informationen zu bekommen. das ist eine gute möglichkeit, seinen wissenshorizont zu erweitern, denkt der mensch. doch weit gefehlt: bei der suchmaschine wird an erster stelle dieser blog angegeben. nun gibt es aber hier kein post zum thema, wie weit obstkerne zu blinddarmentzündungen führen können. nein, es gibt hier nur eine schreibidee, in der auch zitronenkerne eine rolle spielen. und es gibt einen „blinddarm“, der gern mal kommentiert.

dies fasst die suchmaschine zusammen und verknüpft die beiden begriffe zu einem suchergebnis. in der darstellung der ergebnisse erscheint es, wie wenn in einem text die begriffe „zitronenkern“ und „blinddarmentzündung“ gleichzeitig auftauchen. aber weit gefehlt. und so verirrt sich der mensch in der digitalen welt, wenn er einen schreibpädagogischen blog vorfindet, der ihm vieles geben kann, nur keine antwort auf die leibesschmerzen, die er nach dem verschlucken eines zitronenkerns verspürt.

aber ich sehe diese suchbegriffe in der statistik und frage mich, wie man denn bei diesen suchbegriffen ausgerechnet auf den schreibschrift-blog kommt. also gebe ich diese suchbegriffe ein und finde den blog an stelle eins der suchergebnisse. doch damit fördere ich die position eins noch. und mit dem nun hier verfassten text zum faszinosum wortkombinationen in suchmaschinen steigere ich die wahrscheinlichkeit, abermals bei dieser wortkombination auf dem blog zu landen. aber lieber mensch, falls sie mit schmerzen vor ihrem computer sitzen und sich fragen, wie sie hier landen konnten: es ist ein irrtum. suchen sie lieber weiter und geben sie vielleicht die begriffe „kirschkern“ und „blinddarmentzündung“ ein. ich wünsche gute besserung.

schreibberatung und liebe

nein, es soll hier nicht darum gehen, dass sich ratsuchende oder klientInnen in ihre beraterInnen oder therapeutInnen verlieben können. das kann vorkommen, wie in jedem anderen job auch. es macht vieles kompliziert und widerspricht teilweise dem berufsethos, doch es kann nur persönlich geklärt werden.

es soll hier um ein anderes phänomen gehen, das oft einhergeht mit anstrengenden situationen. wer kennt es nicht, dass in prüfungszeiten oder wenn der stress am größten ist, prompt alles zusammenkommt. das heisst, plötzlich wird in diesen momenten auch die beziehung zu anderen menschen zusätzlich thema. man muss eine abschlussarbeit verfassen und die existierende beziehung fängt an zu kriseln. oder man lernt ausgerechnet in diesem moment eine person kennen, die einen verwirrt.

zu erklären ist das phänomen schwer, man kann nur vermutungen darüber anstellen. so kann es damit zu tun haben, dass in sehr fordernden und konzentrierten situationen die emotionalen fühler und die persönlichen gefühle auf einem sensibleren niveau liegen. also kann es in der schreibberatung passieren, dass diese emotionalen ausnahmesituationen den schreibfluss und die schreibkrise beeinflussen.

nun kann man natürlich versuchen, die persönlichen gefühlslagen in der beratung auszuklammern, sich auf den schreibprozess zu konzentrieren. doch wenn man davon ausgeht, dass schreibschwierigkeiten beeinflusst werden von diversen lebenslagen und die schreibberatung diese einbeziehen sollte, um gemeinsam handlungsmöglichkeiten zu finden, dann müssen die beziehungskonstellationen auch thema sein dürfen.

so kann die schreibberatung, wenn das thema gefühle und liebe thematisiert wurden, schreibtechniken anbieten, die zum einen der klärung des gefühlschaoses zuträglich sein können, und die zum anderen schreiben trotz eines gefühlschaoses ermöglichen. Weiterlesen

web 2.0 und liebe

das web 2.0 verheisst die wahre liebe, das perfekte pendant zu einem selber. auf diese kurze aussage lassen sich die funktionsmechanismen einer (beinahe) globalisierten kommunikation reduzieren. wie schon in dem buch „das ende der liebe“ von sven hillenkamp aufgezeigt wird, suggeriert das internet ein unendliches angebot an potentiellen partnerInnen.

doch dies ist ein trugschluss, beschränkt sich das angebot doch auf die menschen, die einen netzzugang haben, die sich in soziale netzwerke einklinken und die darüber partnerInnen suchen. so wird sich die auswahl im absoluten idealfall auf die weltbevölkerung im beziehungsfähigen alter beschränken, wenn man nicht glaubt, dass in absehbarer zeit zusätzlich potentielle partnerInnen aus dem weltall teil der kommunikationsnetze werden.

und es folgen weitere einschränkungen: jeder mensch kann für sich prioritäten benennen, die potentielle partnerInnen erfüllen sollten. doch allein diese prioritäten gehen durch einen engen filter, den der virtuellen kommunikation. es ist nicht nachvollziehbar, wie weit die angaben in profilen der realität entsprechen, wie weit das aussehen dem digitalisierten bild entspricht und wie weit die schriftliche kommunikation ein spiegel des gegenübers ist.

also muss die versprochene möglichkeit, perfekte partnerInnen durch das netz finden zu können, abermals eingeschränkt werden: die eigentlich menschlichen komponenten kann das web 2.0 nicht abbilden. dazu zählen der körpergeruch, der klang der stimme, die ganz subjektive bewegung, die gelebten emotionen und vor allen dingen die nicht in worte zu fassende ausstrahlung. im computer strahlt nur ein abbild, das eventuell und maximal einen vorgeschmack Weiterlesen

zum digitalen diskurs – ein lesetipp

wie weit beeinflussen die modernen medien, besser geschrieben, das eine medium „internet“, das viele medien in sich vereint, unser denken. der diskurs ist nicht neu, die entwicklung schreitet voran und es kann hilfreich sein, eine zwischenbilanz der erkenntnisse und veränderungen zu lesen.

sehr empfehlenswert in diesem zusammenhang erscheint mir der artikel „feindliche übernahme – die mediale wirklichkeit – zur digitalisierung der verwalteten welt“ von hans günter holl in „lettre international“ – frühjahr 2011, nr.92, s.55ff. (hier ein auszug aus dem artikel: http://www.lettre.de/aktuell/92-Holl.html )

ja, man kann der meinung sein, dass das durch den computer und das web 2.0 angebotene wissen eigentlich nur information ist und einem einzigen zweck dient, nämlich werbung zu sein. werbung für das angebotene vermittelte und gleichzeitig zusätzlich nochmals staffage für offensichtliche werbung. man kann auch der meinung sein, dass sich unser denken den vorgaben durch das medium computer anpasst. dieser diskurs ist nicht neu, aber es schadet nicht, ihn weiterhin aufzurollen.

denn es gibt heute vor allen dingen in den wissenschaften die tendenz, durch gleichrichtung und neurophysiologie unser wissen und unser lernen auf verschaltung und verwertbarkeit zu reduzieren. hier lohnt ein kritischer blick, was in diesen momenten verloren geht, wie wir distanz zum weltbezug gewinnen. dies aber nur, wenn wir diesen vorgaben und interessen folgen. interessen, die in erster linie keine menschlichen sondern kapitalistische, also ideologische und politische sind.

man kann diesem wahn von gleichschaltung der wissenschaften durch credit-points und technologie-verheissungen nur kritisch etwas entgegensetzen, wenn man die mechanismen, die dahinter stecken, versteht und eine kritische distanz dazu einnimmt. denn was den menschen auch heute noch auszeichnet, ist seine fähigkeit der reflexion kombiniert mit kreativität. und wie hier schon öfter beschrieben fließen in die kreativität immer wieder subjektive lebenserfahrungen mit ein. ganz individuelle emotionen, subjektive historizität und persönliches lernen.

die schlussfolgerungen der analyse im artikel scheinen meiner ansicht nach, den menschen zu unterschätzen. es herrscht das bild des sehr prägbaren menschen vor, der sich jedem gesellschaftlichen konstrukt ohne wenn und aber unterwirft. doch dazu gibt es zu viele kritische stimmen. aber die analyse im artikel regt definitiv zu einem spannenden diskurs an, sie ist lesenwert.

selbstbefragung (92) – liebe (2)

die fragebögen zur selbstbefragung versuche ich unter rubriken zu bündeln. dieses mal geht es um die „liebe„.

  • können sie sich selbst lieben? begründen sie.
  • wie zeigen ihnen andere menschen, dass sie sie lieben?
  • was ist für sie beim lieben anstrengend?
  • was oder wen lieben sie gerade?
  • woran bemerken sie, dass sie lieben?
  • welche worte verwenden sie, wenn sie lieben? nennen sie beispiele.
  • macht ihnen liebe manchmal angst? warum?
  • fällt es ihnen leicht, schöne gefühle auszudrücken?
  • wann schwebten sie das letzte mal auf rosa wolken?
  • versuchen sie schöne gefühle festzuhalten? beschreiben sie.

eine weitere selbstbefragung zum thema liebe findet sich hier: https://schreibschrift.wordpress.com/2009/04/19/selbstbefragung-11-liebe/