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die süddeutsche zeitung von morgen – ein medienpädagogischer lesetipp

alle menschen, die sich mit den folgen des internet, der social-software und vor allen dingen mit jugendarbeit, pädagogik und ähnlichem beschäftigen, könnte eventuell die morgige (samstag 11ter august) ausgabe der süddeutschen zeitung interessieren. denn die wochendbeilage ist eine spezial-ausgabe über das erwachsenwerden im netz. laut ankündigung soll es um formen von „sucht“ im internet, um die motivation von jungen bloggerInnen und vieles mehr gehen.

wie interessant die beiträge wirklich werden, kann ich nicht sagen, doch es klingt nach medienpädagogischen betrachtungen und reportagen. zumindest kann die ausgabe wahrscheinlich zur diskussion anregen. in den nächsten tagen vielleicht mehr darüber.

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schreibpädagogik und arbeit

schreibpädagogik ist nichts anderes, als der versuch, menschen über die verschiedensten wege zum schreibprozess anzuleiten. am umfassendsten kann man dies in einer schreibgruppen-arbeit verwirklichen. dabei wird man als schreibpädagoge zur anleitenden person der gruppe. und dies bedeutet, sich gedanken über die anleitung einer schreibgruppe machen zu müssen. denn auch in diesem arbeitsfeld gibt es sehr verschiedene vorstellungen von der praktischen umsetzung.

generell, wie bei allen anderen (lern)gruppen, kann man eine grobe vorplanung vornehmen, aber nie abschätzen, wie die einzelne gruppe sich zu den vorschlägen verhält. nun gibt es zwei möglichkeiten: stringent die eigenen vorgaben zu verfolgen und durchzusetzen (zum beispiel, wenn es sich um die umsetzung von lehrplänen handelt) oder dem eigentlichen gruppenprozess mehr gewicht zu geben und auf jede gruppe zugeschnitten das angebot zu verändern (mit der folge, dass die lernergebnisse einer gruppe sehr verschieden ausfallen).

um es einmal platt zu formulieren: die stringenz kostet weniger planungsaufwand dafür aber mehr durchsetzungsaufwand. die ausrichtung auf die gruppe kostet dafür mehr planungsaufwand, dafür ermöglicht sie aber individuelles lernen, das für die anleitung weniger energie benötigt. insgesamt benötigen aber beide vorgehensweisen die aktive auseinandersetzung mit den teilnehmenden durch die schreibpädagogInnen. dies ist arbeit. die wertigkeit sozialer und pädagogischer berufe ist in unserer gesellschaft nicht sehr hoch angesiedelt. es wird davon ausgegangen, dass kommunikation zwischen menschen keinen sehr hohen aufwand bedeutet.

die wissenschaft spricht da eine andere sprache. nimmt man einmal den dienstleistungssektor, dann hat man inzwischen festgestellt, dass ständige freundlichkeit und das eingehen auf die bedürfnisse der anderen, ungemein stresst. grund dafür ist, dass die eigenen emotionen in schach gehalten werden müssen, da sonst die gefahr, einen kunden zu verlieren, groß ist. auch die pädagogischen tätigkeiten verlangen Weiterlesen

wie man den spass am schreiben abgewöhnt (11)

zu wenig zeit

dem schreiben wird zu wenig zeit gegeben. betrachtet man sich unsere schulischen und hochschulischen ausbildungen, dann fällt eines auf: für mathematik, den damit verbundenen kaufmännischen, statistischen und methodologischen vorgehensweisen gibt es in allen ausbildungsgängen genug raum. doch für das schreiben, dem zweiten standbein unseres arbeitslebens und einer der grundlagen unserer kommunikation, wird vergleichsweise sehr wenig zeit zur verfügung gestellt.

es ist nicht nachvollziehbar, weshalb beim schreiben davon ausgegangen wird, dass es keine notwendigkeit des weiteren lernens gibt. besonders auffällig ist dies zum beispiel in den hochschulen, der wissenschaft und der forschung. studiengrundlage in beinahe allen fächern ist die statistik. doch kaum ein fach kommt auf die idee, das wissenschaftliche schreiben und recherchieren ebenso auf den plan zu setzen. hierzu würde gehören, wie man die angemessene literatur finden, wie man sinnvoll exzerpiert, wie man ansprechende präsentationen erstellt oder wie man abschlussarbeiten, forschungsberichte und hausarbeiten verständlich und schlüssig verfasst.

meist taucht die frage des schreibens für die lernenden erst dann auf, wenn es eigentlich zu spät ist. es wird sehr plötzlich und möglichst schnell versucht, sich die notwendigen weiteren schreibkompetenzen anzueignen. lehrende oder arbeitgeber wiederum sind entsetzt, was sie für texte von den lernenden erhalten. doch kaum jemand fordert bei uns, dass auch in fortführenden ausbildungen die weiterentwicklung des schreibens betrieben werden sollte. und wie geschrieben, im mathematisch-statistisch-kaufmännischen bereich ist es eine selbstverständlichkeit.

ich kann nur darüber spekulieren, weshalb dies so ist. eventuell liegt es daran, dass auch lehrende nie gelernt haben, dass schreiben gelernt werden kann. auch sie unterlagen der vorstellung „entweder man kann es oder man kann es nicht“. diese schlechte tradition geben leider viele weiter. machen sie doch einmal die probe aufs exempel und fragen sie ihre lehrenden nach hinweisen zum schreibstil. am besten fragen sie drei personen – und sie werden fünf antworten erhalten.

beim schreiben setzen viele voraus, dass der lernprozess mit der ausbildung an der schule ein für allemal abgeschlossen ist, und der rest nur noch feinheiten sind, die man sich selbst Weiterlesen

wie man den spass am schreiben abgewöhnt (08)

kleinliche korrektur

schreiben kann auch menschen, die sich in der rechtschreibung und grammatik nicht so gut auskennen, viel spaß machen. leider verschwindet die freude am schreiben sehr schnell, wenn das augenmerk mehr auf die fehlerkorrektur gelenkt wird, denn auf den inhalt der texte. natürlich kann ein text anstrengend sein, wenn die schreibfehler den inhalt enorm verändern und der lesefluss vollständig unterbrochen wird. doch dies ist selten der fall. wir menschen sind erstaunlicherweise fähig, nur andeutungen von worten und aussagen trotzdem zu entschlüsseln und aufgrund unserer leseerfahrungen zu ergänzen.

also könnte man sich getrost dem inhalt zuwenden und die geschichten, aussagen oder ereignisse genießen. doch da sind wieder einmal das „lernziel“ oder die „vergleichsvorgaben“ vor. teilweise wird beim schreiben von aufsätzen, von stories oder von abschlussarbeiten vor allen dingen der rotstift der fehlerkorrektur gezückt. auch das wäre noch nicht so tragisch, wenn in der endbewertung eines textes vor allen dingen der inhalt beurteilt werden würde. aber es kommt immer noch zu oft vor, dass die fehlerkorrektur in den vordergrund gedrängt wird.

dies führt zum beispiel bei menschen mit schreibschwächen (legasthenie etc.) oder bei menschen, die deutsch als fremdsprache erleben, schnell zu frustrationen. da hat sich jemand eine tolle, fantasievolle geschichte ausgedacht und niedergeschrieben und dann wird der inhalt kaum beachtet. und selbst wenn jemand rechtschreibung und grammatik ganz gut beherrscht, so kann es doch jedem passieren, dass man dinge übersieht. selbst nach dreimaligem korrekturlesen können noch fehler auftauchen.

ich möchte hier nicht generell gegen die fehlerkorrektur argumentieren. die kann und soll stattfinden, auch um beim schreiben stetig etwas dazu zu lernen. aber sie muss nicht im vordergrund stehen. spaß man schreiben macht sicherlich nicht Weiterlesen

wie man den spass am schreiben abgewöhnt (07)

fürchterliche fantasie

fantasie hat für manche menschen, die ein geordnetes, klares und striktes leben führen, etwas bedrohliches. diese menschen sind erwachsene, die in der rolle als eltern oder lehrerInnen kindern zu verstehen geben, dass ihre fantasie zu ausufernd ist. schon junge menschen sollen verstehen, wie die knallharte realität in dieser welt aussieht. fantasie wird in solchen momenten mit flucht und unaufmerksamkeit gleichgesetzt.

wer glaubt, diese haltung erwachsener sei heute nicht mehr vorhanden, die pädagogik und erziehung hätten sich geändert, der täuscht sich gewaltig. da mögen zwar mutti und vati in den film „avatar“ gehen, wenn aber ihre lieben kleinen mit einer schlechten note im aufsatz zurückkommen, da der zu ausufernd war und sich nicht an den vorgegebenen lernzielen orientierte, dann verteidigen sie die ideen des eigenen kindes viel zu selten.

ja, immer wieder soll man sich zusammenreissen, schon in der kita, da oft nur gelenkte fantasie gewünscht ist. malt ein kind eine blumenwiese mit vielen bunten blüten, dann sind alle begeistert. sitzen aber zwei kinder in einem bus und spielen in ihrer fantasie und nur verbal kampfszenarien durch („du hast, ich sage mal, 100 einzelkämpfer!“ – „ninjas?“ – „nein, ganz normale einzelkämpfer.“ – „okay“ – „ich komme dann mit meinem panzer! pchch-puff!“- „aber dein panzer bleibt liegen, weil der motor brennt!“ – „dann hole ich erst einmal …“), dann fühlt sich sofort eine ältere matronenhafte dame berufen, die kinder anzusprechen. sie erklärt ihnen, dass sie vom gehörten ohrenschmerzen bekommen würde und fragt, ob die beiden nicht mal mit einem ball spielen könnten. aber ihren „tatort“ möchte die ältere dame am sonntagabend bestimmt nicht verpassen.

ja, kinder können fantasie entwickeln, die uns nicht gefällt. sie können ganze eigene welten erfinden, zu der wir keinen zutritt haben. und sie können, wenn sie etwas älter sind, dies mit vorliebe Weiterlesen

wie man den spass am schreiben abgewöhnt (05)

lustlos lesen

bei dieser rubrik lande ich anscheinend immer wieder bei der schule, bei pädagogik und erziehung. dies hat mit unser aller biografien zu tun, mit unseren frühen erfahrungen – die nicht selten auswirkungen auf unser späteres leben haben. und doch, auch dies sei hier mal erwähnt – einmal etwas abgewöhnt, heisst nicht, es sich nicht wieder zu holen, es wieder zu entdecken. es gibt zwar etliche krude theorien, die immer noch von prägungen wie bei wildgänsen ausgehen und der meinung sind, einmal die lust am lesen verloren (oder jedweder anderen kompetenz), bleibt das auch so für den rest des lebens. langjährige tätigkeiten in der altenpflege haben mich eines besseren belehrt: der mensch kann (muss aber nicht) ein leben lang lernen, sich entwickeln.

also zurück zum lesen. in der schule gab es (und gibt es vielleicht noch) diese unsäglichen leseübungen (und lesewettbewerbe), die aus dem lesen eine konkurrenzveranstaltung machen. es geht dabei nicht mehr darum, texte, geschichten und literatur für sich zu entdecken, sondern es geht darum, die perfekte betonung, das fehlerfreie wiedergeben des textes vorzuführen. dies führt zum ausschluss mancher jungen menschen, da ihnen das laute deklamieren schwer fällt. die annäherung an literatur geschieht nicht über den inhalt, die aussagen und die eigenen gedanken dazu.

nun kann man einwenden, dass dies ja so nicht stimme, denn neben den leseübungen gebe es ja auch noch die bearbeitung von (welt)literatur. wohl wahr, aber auch hier geht es meist um lehrplanliche vorgaben, um einen literaturkanon, den man auch als kind und jugendlicher vielleicht nicht teilt, der aber als wichtig erachtet wird. oh je, was mussten wir uns durch die klassiker quälen, auch wenn wir in unserer freizeit zu ganz anderer literatur gegriffen haben. aber keine chance, diese literatur in den unterricht zu integrieren. doch, wir hatten einmal einen lehrer, der erlaubte es, ein einziges mal, dass seine schülerInnen, nachdem sie protestierten, ein buch zu wählen, das im unterricht behandelt werden sollte.

man muss da nur einmal zurück auf null gehen: haben sie mal kinder beobachtet, wenn sie die ersten bilderbücher bekommen? und wenn sie dann die ersten worte lesen können, sich bücher stück für stück selber aneignen. wenn man es in diesen momenten nicht vergeigt, wenn man den kindern die wahl, was sie lesen wollen überlässt, dann kann sich so etwas wie eine lust am lesen entwickeln. und das kann sich bis ins hohe alter durchziehen. doch zu dieser freiheit gehört auch, dass man sich literatur aneignet, die in den augen vieler nicht dem eigenen alter entspricht. kinder und jugendliche lesen anders als erwachsene. das, was uns tief berührt, muss jüngere menschen überhaupt nicht ansprechen.

und hat ein mensch einmal entdeckt, in welche welten er sich mit hilfe der bücher begeben kann, wird er diesen weg Weiterlesen

schreibpädagogik und schmerzen

zwei gedanken möchte ich hier darstellen. als erstes greife ich die aussagen des vorherigen post auf. ja, es gibt texte, die man liest oder hört, die einem beinahe körperliche schmerzen bereiten. dies kann einem auch in schreibgruppen so gehen. doch wie sollte man sich dann verhalten? konstruktive kritik fällt einem schwer und man hat das gefühl, dass man der schreibenden person keinen gefallen tut, wenn man das geschriebene schönredet.

auch der folgende schritt benötigt mut und fällt vielen schwer: formulieren sie klar ihre kritik. es kann nicht sein, dass man eine geschichte nicht aushält und dies nicht formulieren darf. man muss den schmerz nicht hinunterschlucken. doch die kritik sollte sich ausschließlich auf den text, auf die technik oder auf die formulierungen beziehen. es sollte klar formuliert werden, dass eine große kritik keine kritik an der person der schreibenden ist. mit einer ausnahme der regel: werden im text menschenbilder vermittelt und persönliche haltungen der autorInnen, die menschenverachtend sind, dann darf auch kritik an der haltung der schreibenden geübt werden.

die begründung, weshalb man auch grosse kritik äußern sollte, besteht in der überlegung, ob es sinnvoll ist, sich so sehr zurückzunehmen, dass man aus den zusammenhängen regelrecht verschwindet. das kann nicht ziel sozialen austausches sein. selber kann man sich auch an den meinungen der anderen orientieren, ob die eigene so sehr abdriftet, dass selbstkritische reflexionen hilfreich erscheinen. und man sollte sich dem folgenden diskurs nicht entziehen, nach dem motto: „ich hau mal kurz drauf und verziehe mich dann.“. aber auch kritisierende müssen sich keinen personalisierenden debatten aussetzen und können diese ebenso abbrechen. schlussfolgerung: nicht jeder schmerz muss in schreibgruppen ausgehalten werden 😉

zweiter gedanke zum thema „schreibpädagogik und schmerzen“ ist ein ganz praktischer: man kann eine schreibgruppe für schmerzpatientInnen gründen. es gibt erkrankungen, die starke und langwierige schmerzen verursachen. dauerhafter schmerz kann einen an die grenzen seiner psychischen kräfte bringen – migränepatientInnen können ein lied davon singen.

schreiben kann im zusammenhang mit schmerzen zwei funktionen übernehmen: Weiterlesen

mein computer und ich – eine umgangslehre (16)

lernen und lehren

faszinierend, wie wenig nutzerInnen die hochtechnologie, die sie verwenden, kennen. eigentliche tappen die meisten im dunkeln, was ihren computer angeht. das lässt sich weiterführen: die meisten tappen auch im dunkeln, was ihr auto angeht, denn dieses fährt inzwischen einen computer spazieren. das ist alles erst einmal nicht tragisch. die meisten menschen wissen auch nicht, wie man artgerecht ein schwein großzieht. ich muss also nicht alle abläufe kennen, um von ihren produkten profitieren zu können – das nennt sich arbeitsteilung.

doch bleiben wir einmal beim schwein. auch wenn ich die abläufe nicht kenne, wie ein schwein auf den teller kommt, so diskutiert unsere gesellschaft schon länger über antibiotika im fleisch, über fettreiche und fettarme nahrung, über tierhaltung und vieles mehr. wir diskutieren also darüber, welche auswirkungen die nahrung und ihre produktion auf uns hat. sie können jeden menschen fragen, alle haben eine meinung zu schweinefleisch.

anders sieht es beim computer aus. die produktion der computer kennen die wenigstens, diskurse über seine nutzung führen nur die egoshooter-und internetsucht-fraktionen, vielleicht nur datenschützer. es mag ein verdienst der piraten-partei sein, überhaupt einen weitergehenden diskurs über den nutzen und den schaden einer digitalisierung ins leben gerufen zu haben. wenn sie menschen zu ihrer haltung gegenüber dem computer befragen, begegnet ihnen viel skepsis, sie vernehmen eher glaubensbekenntnisse, denn eine position, die aus diskursen entstanden ist.

und so wird auch eher die anwendung des computers gelehrt – wie gehe ich mit word, excel oder linux um? – denn die anwendung reflektiert. ach doch, beim urheberrecht, da hört der spaß auf, da wird fleissig diskutiert – hier geht es auch ums geld. aber wer reflektiert schon die vorteile und nachteile eines computers? wer lernt in der schule, Weiterlesen

„wozu lesen?“ von charles dantzig – ein buchtipp

dieses buch ist eine wunderbare ergänzung zu ecos und carrières buch „die große zukunft des buches“. entpuppen sich eco und carriére als büchersammler und -liebhaber, als bibliophile, so ist charles dantzig der ultimative leser. jemand der nicht aufhören kann, beständig zu lesen. seine passion begann als kind. es war der versuch, der erwachsenenwelt näher zu kommen, es den erwachsenen gleich zu tun, in der hoffnung ebenso viel macht über den alltag zu erlangen. dies stellte sich zwar erst einmal als trugschluss heraus, doch es entstand eine lust an der literarischen einkehr. und es stellt eine provokation dar.

so schreibt danzig unter der überschrift „lesen, um sich abzusondern“: „lesen ist ein schwerer fall von selbstabsonderung. ich behaupte, man liest gerade, um sich abzusondern. skandalös! es hat mich immer schon erstaunt, welcher abscheu lesenden menschen, ich meine echten büchernarren, entgegenschlägt. ich selbst wurde von frühester jugend an dafür gehasst, wie ich war, weil ich diesen eigenartigen lesehunger verspürte, … in paris spaziere ich häufig lesen die rue de rennes entlang. seit einigen jahren sind dort … menschen postiert, die umfragen machen. ich kann mich fest darauf verlassen, dass mich einer von ihnen darum bitten wird, ein paar fragen zu beantworten. dabei deutet meine ganze haltung auf innere einkehr hin. ich sehe darin einen feindseligen und gehässigen akt gegen meine person. diese leute vertreten das uniforme denken, gott weiß, dass umfragen eine form von uniformem denken sind. kein wunder, dass sie den anblick von menschen, die ihre einsamkeit offenkundig genießen, nicht ertragen können.“ (s. 78)

und so entpuppt sich charles dantzig in seinem buch „wozu lesen?“ als verfechter des ungestümen, ungebremsten beinahe süchtigen lesens. er erteilt in kleinen, kurzen betrachtungen zu vielen verschiedenen aspekten des lesens zum beispiel pädagogischen zielen des lesens eine abfuhr. denn leserInnen können auch weiterhin mörderInnen sein, diktatorInnen oder despoten sein. sie können es aber auch sein, wenn sie nicht bücher lesen. es stimmt laut dantzig also nicht, dass lesen bildet, dass man beim lesen automatisch lernt. er betrachtet das lesen aus allen blickwinkeln: „lesen verändert uns nicht“, „lesen, um sich auszudrücken“, „lesen, um die buchmitte zu überwinden“, „lesen, um sich zu widersprechen“ oder „lesen, um sich zu verjüngen“ und „lesen als laster“ lauten beispielhaft die überschriften.

ein amüsantes buch für vielleserInnen. denn man fühlt sich bestätigt in all seinem tun und denkt während des lesens: „jawoll ja, er hat ja so recht.“. und man entdeckt am eigenen lesen noch so viel interessantes, das man bis zu dieser lektüre noch gar nicht bedacht hatte. hier meine antwort auf die frage „wozu lesen?“: „wegen diesem buch!“.
das buch ist 2011 im lagerfeld, steidl, druckerei verlag in göttingen erschienen. ISBN 978-3-86930-366-6

schreibpädagogik und kombinieren

man selber muss keinen finger rühren, um immer wieder neue kombinationen erleben zu können. allein die unterschiedliche zusammensetzung einer schreibgruppe oder eines seminars sorgt dafür, dass jeder durchgang einer veranstaltung anders sein wird. selbst wenn man ein angebot sehr oft durchführt gibt es meist kaum identische situationen. gut manche ergebnisse und reaktionen können sich ähneln, aber die meisten sind so unterschiedlich, dass man sich in kürzester zeit sicher ist, den verlauf einer veranstaltung nie vorhersagen zu können.

und es liegt einzig und allein an der neuen kombination verschiedener menschen. es ist erstaunlich, wie viel dies ausmacht. wenn man sich dann zusätzlich noch die freiheit gibt, direkt auf die jeweiligen bedürfnisse der gruppe zu reagieren, dann kann man am ende einer veranstaltung jedesmal woanders landen. das ist auch für einen selber interessant und spannend. denn man arbeitet sich jedesmal in neue aspekte, blickwinkel und themen ein. dadurch wird der eigene blick auf das, was gelehrt oder angeleitet wird, stetig erweitert und vielfältiger.

dies hat natürlich den effekt, dass man beim nächsten durchgang die kombination des angebots ein wenig verändert, neues einfließen lässt. und schon befindet man sich auf einer ganz anderen schiene mit der nächsten gruppe. es kann sein, dass von mal zu mal das angebot dichter und spannender wird. es kann aber auch sein, dass man so viel in die schreibgruppenleitung packt, da man selber so viel neues erfahren hat, dass die rückmeldung eindeutig ist: es ist alles Weiterlesen

schreibpädagogik und medien

bei der anleitung von schreibgruppen können alle medien eine gute unterstützung sein. je nach schreibanregung kann man jedes medium verwenden: radio, fernsehen, zeitung, zeitschriften, bücher, tonträger, internet, film-dvds und was einem sonst noch so in kombination einfällt. der computer ermöglicht es uns heute alles collagierend miteinander zu verbinden. sollte man gut vernetzt sein und eine prima digitale ausstattung zur verfügung haben, dann können multimediale projekte leicht in angriff genommen werden.

leider stehen dem meist noch technische hürden im weg. denn sonst wäre es leicht möglich eine kombination aus kollaborativem schreiben und der verstärkung des geschriebenen durch bilder, töne und filme herzustellen, die wiederum als projekt oder labyrinth im internet der öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können. das ganze eingerahmt von einem ansprechenden und die texte verstärkenden layout ließe „einmalige“ auftritte zu.

doch auch abseits solcher überbordenden collagen genügen manchmal kurze einsätze einzelner medien, um eine schreibidee einzuleiten oder zu verwirklichen. das fängt bei fotografien aus zeitschriften (oder dem internet) an, geht weiter über einzelne zeitungsartikel, bücher, radiosendungen (interviews, hörspiele …), filmausschnitte, kurzfilme oder spielfilme, animierte homepages oder nachschlagewerke im internet bis zu musikalischer untermalung oder präsentationen. in diesem blog habe ich etliche schreibideen vorgestellt, die unter der verwendung einzelner medien umsetzbar sind.

noch konkreter wird die vorstellung der medien beim „uncreative writing“, da dort der gedanke des „remix“ eine große rolle spielt. diese technik kann auf alle eben aufgezählten medien angewendet und mit geschriebenem verknüpft werden oder zu geschichten animieren. einzig zu beachten scheint mir, dass der mediale in schreibgruppen zeitlich nicht dominiert. so kann es für teilnehmerInnen frustrierend sein, erst einen 90-minütigen film anzuschauen, um dann noch eine halbe stunde etwas zu schreiben.

natürlich kann man zwischenzeitlich medial in die vollen gehen, doch man sollte mit der schreibgruppe abklären, ob dies auch in ihrem interesse ist. solche konzentrationen können sehr spannend werden aber auch die schreibmotivation reduzieren. auch der technische aufwand ist zu bedenken. wenn man bei der vorbereitung Weiterlesen

kreatives schreiben und medien

… passen gut zusammen. auf diesen schlichten satz kann man das verhältnis des kreativen schreibens zu diversen medien bringen. alle medien können für das kreative schreiben anregungen und assoziationsmaterial liefern. zeitungen und zeitschriften kann man sogar direkt für das erstellen neuer texte, also für das schreiben mit der schere und dem klebstoff verwenden. fernsehsendungen oder kinofilme können dazu dienen, sie nachzuschreiben, plots für ähnliche genres zu entwickeln oder sie nur zur inspiration zu verwenden. und über das internet habe ich hier schon viel geschrieben, eigentlich die ganze zeit.

spannender erscheinen mir da die immer wieder aufkommenden diskurse, dass die starke verwendung von medien, zum einen das lesen, aber auch zum anderen das (kreative) schreiben stark verändern oder zum verschwinden bringen würden. dass also unter kulturpessimistischen gesichtspunkten unsere vielfältige, geregelte sprache reduziert und verrohen würde, eine regellosen anarchie zum opfer falle. dieser wildwuchs müsse unbedingt eingedämmt und pädagogisch wieder in die richtigen bahnen gelenkt werden.

schaut man sich um, so wird mehr geschrieben denn je. über die qualität lässt sich manchmal streiten, doch die steht beim kreativen schreiben nicht unbedingt im vordergrund. erst einmal geht es darum, sich überhaupt dem schreiben auf einem anderen weg als dem schulaufsatz-artigen anzunähern, das schreiben auch als persönlichen ausdruck zu verwenden und der eigenen kreativität möglichst wenige grenzen zu setzen. unter diesem gesichtspunkt haben eigentlich alle medien zur nachahmung angeregt. man müsste einmal eine umfrage unter medienschaffenden starten, wie viele von ihnen als kinder und jugendliche im spiel vorhandenes mediales nachgeahmt haben.

ein schönes beispiel sind die star-trek-filme, die meist junge menschen dazu veranlassten ganze episoden nachzuspielen, eigene zu entwickeln, einen plot zu schreiben, aufzuzeichnen und zum beispiel auf youtube zu stellen. oder man nehme die umgedichteten songtexte, die satiren auf werbungen und dergleichen mehr. und selbst wenn es nicht zur nachahmung kommt, so zeigen Weiterlesen

liste (92) – erziehung

wer lust hat, kann sich diese seite ausdrucken und ausfüllen. ich schlage listen vor, die einem vielleicht einen überblick zu verschiedenen themen der eigenen lebensgeschichte geben können. dieses mal geht es um die „erziehung“.

ich finde, dies sind die wichtigsten aspekte einer guten erziehung:

ich finde, dies sind die wichtigsten aspekte einer schlechten erziehung:

das fand ich an der erziehung durch meine eltern toll:

menschen aus meiner umgebung, die eine bessere erziehung bräuchten:

was aus meiner sicht generell gegen pädagogische konzepte spricht:

web 2.73 – herrlabig.de

es gibt sie, die lehrer, die das internet verstehen, es nutzen und sich gedanken rund um das lernen, das netz, die pädagogik, die literatur und das schreiben und lesen machen. herr labig ist einer dieser lehrer und betreibt einen blog, in dem viele informationen, links und meinungen zu oben genannten themen zusammengetragen werden.

es liest sich angenehm, was herr labig mitzuteilen hat. und es wird die bandbreite des internet auf der seite ausgeschöpft. da gibt es einen recht neuen podcast, die automatische übersetzung der seite, momentan den blick auf die buchmesse, die auseinandersetzung mit internetdiskussionen und immer wieder der bezug zur schule.

die seite ist auch für schreibpädagogInnen interessant, die mit schülerInnen arbeiten. denn einen überblick über die angebote zu den themen pädagogik und internet bietet die seite http://herrlarbig.de/ in umfassender und aufbereiteter form. einfach mal reinschauen, links nutzen und sich informieren.

„schreibend lernen“ von gerd bräuer – ein buchtipp

dass schreiben mehr als nur das aneinanderreihen von von wörtern auf papier oder auf dem bildschirm ist, das habe ich hier oft beschrieben. doch was ist schreiben denn dann noch? gerd bräuer stellt in seinem buch „schreibend lernen – grundlagen einer theoretischen und praktischen schreibpädagogik“ die verbindung zur pädagogik und zu all den disziplinen her, in denen man im rahmen des lernprozesses schreiben muss.

dabei spannt er den bogen sehr weit und zeigt, dass beinahe jeder lernprozess durch diverse schreibtechniken, selbstreflexionen und gruppenarbeiten gefördert, verändert und vertieft werden kann. es geht ihm also nicht nur um die entwicklung im schreiben, sondern, um die ganzheitliche betrachtung, die alles andere aus dem umfeld und den lebensumständen einbezieht. schreiben (und seine pädagogik) sind sozusagen nur das vehikel, das den weg zu einem autonomeren lernen ebnet.

bei seinen betrachtungen bringt bräuer vor allen dingen erfahrungen aus dem amerikanischen und engschlischsprachigen raum ein und setzt sich mit den dort entstandenen theorien und praxisansätzen auseinander. denn die pädagogischen institutionen in den usa haben schon lang eine schreibkultur etabliert, die in ihrem rahmen einen diskurs über pädagogik und lehr-lern-verhältnisse entfachte. um es sehr verkürzt zu formulieren: wenn man erkennt, dass schreiben immer ein subjektiver prozess ist, dann wird auch lernen ein subjektiver prozess und die rolle der bewertung und beurteilung tritt in den hintergrund, denn wie sollen subjektive entwicklungen in einen notenkanon eingeordnet werden.

bräuer lenkt den blick von produktorientiertem schreiben („schreibe eine erörterung zu den thesen von xy!“) zu prozessorientiertem schreiben. dabei veröffentlicht er unzählige beispiele, schreibanregungen oder fragenkataloge für selbstreflexionen und selbstbefragungen. aus diesem pool lässt sich vortrefflich für sich selber als auch für lehrende oder lernende tätigkeiten schöpfen.

manchmal fragte ich mich beim lesen, ob der bogen der selbstreflexion nicht ein wenig überspannt wird, wenn man den schreibprozess dermaßen kleinteilig durchleuchtet. ob dies nicht ab einem bestimmten moment wieder vom „kreativen“ und „lustvollen“ schreiben und lernen abbringt vor lauter prozess-betrachtungen. irgendwann möchten vor allen dingen menschen, die noch wenige erfolge in ihren schreibbiografien erlebt haben, einen „erfolg“, ein „ergebnis“ in händen halten. ich möchte dabei die stete entwicklung und das lebenslange lernen auch über den schreibprozess nicht in abrede stellen, aber vielleicht muss nicht alles in einer ganzheitlichen selbsterfahrung enden.

doch ich kann das buch guten gewissens empfehlen, da es zu neuen betrachtungen des schreibprozesses anregen und diskurse verursachen kann, ganz abgesehen von den vielen praktischen vorschlägen, die zudem helfen, die theorie in die praxis zu tragen. das buch ist 1998 in innsbruck, wien beim studien-verlag erschienen. ISBN 978-3-7065-1308-1

web 2.71 – peter elbow

für jede entwicklung im alltag gibt es vorreiter, die meist erst einmal schief angesehen werden, wenn sie versuchen neue ideen umzusetzen. einer der vorreiter einer neuen schreibpädagogik an hochschulen und schulen ist peter elbow aus den usa. von eigenen schreibschwierigkeiten ausgehend hat er sich die frage gestellt, was beim wissenschaftlichen schreiben anders laufen müsste, um die eigene krise zu überwinden.

dabei stieß er neben vielen anderen dingen auf das „freewriting“ als methode, überhaupt in einen regelmäßigen schreibfluss zu kommen. einmal angefangen, fiel ihm auf, dass dem wissenschaftlichen schreiben jegliche form von kreativem geraubt wurde. die starren strukturen des schreibens brach er mit seinen büchern auf. besonders oft wird „writing with power“ von schreibpädagogInnen erwähnt und zitiert.

er lehrt an der university of massachusetts in amherst und befindet sich weiter im diskurs um lern- und lehrkonzepte, auch über das schreiben hinausgehend. das kreative schreiben wird auch in deutschland gern als unwissenschaftliche herangehensweise abqualifiziert, erscheint etlichen wissenschaftlerInnen suspekt. aktuellere texte von peter elbow sind auf dieser homepage zu finden: http://works.bepress.com/peter_elbow/ . alles in englisch, aber weiterhin anregend und nachdenklich machend. es kann sich an hochschulen noch viel verändern, wenn sich jemand dafür einsetzt. elbow macht dies weiterhin.

web 2.0 und soziologie

interview mit sherry turkle auf der homepage der süddeutschen zeitung.
sherry turkle forscht seit jahren am MIT zu den gesellschaftlichen auswirkungen des internets und des web 2.0. es erscheint in den usa ein neues buch von ihr und sie führte im vorfeld eine menge interviews mit den nutzerInnen des webs. das ergebnis erstaunt nicht, aber es zeigt noch einmal auf, was geschehen müsste, damit das internet auch weiterhin für viele menschen attraktiv und interessant ist. denn was bisher viel zu wenig beleuchtet wird, das ist der widerstreit zwischen dem, als was uns das internet verkauft wird, und dem, wie wir die nutzung des netzes selber erleben.

sherry turkle bestätigt in ihrem interview, dass sich etliche menschen durch die formen der kommunikation im netz unter druck gesetzt fühlen. es ist aus ihrer sicht nicht eine automatische folge der technik, sondern eine frage, welchen umgang man mit der technik, mit dem werkzeug internet gelernt und erfahren hat. bei uns werden meist nur die technischen vorgehensweisen bei der verwendung des netzes vermittelt, vielleicht auch noch die rechtlichen grundlagen, aber viel zu selten wird aufgezeigt, wie meine eigenen (kommunikations)bedürfnisse auch befriedigt werden können. was passiert, wenn ich bestimmten trends nicht folge? verliere ich dann soziale kontakte? erscheinen mir die kontakte über das web 2.0 befriedigend? oder was muss ich anstellen, damit sie eine befriedigende form für mich annehmen?

turkle spricht mir aus dem herzen, wenn sie formuliert, dass sie die technik des netzes sehr schätzt, aber das gefühl hat (und sich durch ihre interviews auch darin bestätigt sieht), dass manche menschen die spannenden und interessanten seiten des internets für sich noch nicht entdecken konnten. und vor allen dingen, dass diese seiten auch kaum vermittelt werden. beim internet „lassen“ menschen zu sehr mit sich geschehen. um eine klare position zu dem medium einnehmen zu können, benötigt es anregungen und vermittlungen. es sollte ein bewusstsein für die eigenen anliegen in den vordergrund treten können, denn dann ist die digitale revolution wirklich eine zunahme an gesellschaftlicher teilhabe und eine form von weiteren freiheitsgraden.

ein diskussionswürdiges interview, das unter diesem link nachgelesen werden kann: http://www.sueddeutsche.de/digital/us-soziologin-sherry-turkle-ueber-das-digitale-zeitalter-ich-poste-also-bin-ich-1.1133783

schreibpädagogik und helfen

die schreibpädagogik hat keinen helfenden, sondern eher eine lehrenden charakter. dies bedeutet, es finden anleitungen von schreibgruppen, kurse und seminare zum biografischen, kreativen, literarischen, szenischen, journalistischen oder wissenschaftlichen schreiben statt. hier wird wissen vermittelt und es werden übungen durchgeführt. aber man befindet sich weniger in der beratenden funktion als schreibpädagogInnen.

doch natürlich ergeben sich situationen, auch im pädagogischen kontext, in denen geholfen wird. es wird gerade beim schreiben und beim lernen von schreibtechniken ebenso zu schreibkrisen oder schreibblockaden bei einzelnen teilnehmerInnen kommen können, wie dies in den schreibberatungen verhandelt wird. darum kann es leicht passieren, dass teilnehmerInnen an die schreibgruppenleitung oder lehrenden herantreten und ihre problematiken schildern.

in diesen momenten sollte man gut abwägen, wie viel unterstützung man geben kann. sicherlich lassen sich in einem kurzen beratungsgespräch oder in einer sprechstunde hinweise, tipps und übungen aufzeigen, die den teilnehmerInnen mit schreibproblemen eventuell weiterhelfen können. doch man gerät als anleiterIn schnell in die ausführlichere beratungsrolle, wenn man sich nicht klar abgrenzt und auf weiterführende hilfen verweist. dies können natürlich auch hilfen sein, die man selber anbietet. doch beratungsgespräche zwischen tür und angel sind für niemanden hilfreich.

es lassen sich feste termine vereinbaren (unentgeltlich oder gegen eine gebühr). man kann auf andere unterstützende institutionen oder beraterInnen aufmerksam machen, an die sich die teilnehmerInnen selber wenden müssen. oder man gibt buchempfehlungen, die bei schreibschwierigkeiten weiterhelfen können. generell sollte man aber eine ahnung davon haben, in welcher form und aus welchen gründen Weiterlesen

schreibberatung und helfen

jemand, der seinen text oder seine abschlussarbeit nicht fertig bekommt, wirkt meist, wenn er dann in eine schreibberatung geht, recht hilfsbedürftig. doch man tut ihm keinen gefallen, wenn man versucht alle verantwortung für die situation von seiner schulter zu nehmen. auf die spitze getrieben: schreibberaterInnen schreiben für ihre klienten die nötigen texte nicht. sie sind auch nicht als pädagogen mit dem erhobenen zeigefinger unterwegs, die sagen: mach das alles mal schön selber.

es geht darum, dass es in beratungen meist gefühlte notsituationen sind, die die menschen vorbeischauen lässt. darum ist es auch nicht selten der fall, dass zeitknappheit besteht, dass die schwierigkeiten sich schon ein wenig angehäuft haben oder dass die existenz bedroht ist. natürlich löst das bei jedem menschen erst einmal den wunsch aus, schnell und mit aller kraft zu helfen. doch diese form des helfens übernimmt für einen anderen menschen so viel verantwortung, dass es schnell zu viel werden kann.

abgesehen davon, dass mit der umfassenden hilfe oft auch eine form der entmündigung des hilfesuchenden einhergehen kann, so ist das problem damit noch nicht gelöst. natürlich wird bei großen notfällen eine krisenintervention durchgeführt, auch in der schreibberatung: es wird also geschaut, wie kurzfristig eine lösung gefunden werden, die die situation ein wenig entspannt.

doch dann ist auch in der schreibung „die hilfe zur selbsthilfe“ am zug. würden nämlich schreibberaterInnen allen klientInnen alle probleme abnehmen, dann könnten schreibberaterInnen bald nicht mehr arbeiten, da sie mehrere abschlussarbeiten fertig stellen müssten und einen packen geschäftsbrief schreiben sollten. Weiterlesen

wortklauberei (74)

„lehruntauglich“

heutzutage verbreiten bildschirme in u-bahnen die wichtigen dinge aus der welt. und vor ein paar tagen flackerte auf einen die aussage „etliche prozent der schülerInnen in deutschland seien lehruntauglich“ herab. was für ein ätzendes wort. dies zeigt eigentlich schon, wie schülerInnen betrachtet werden: als gegenstand. wenn schuhe regenuntauglich, uhren wasseruntauglich oder fahrradlichter strassenuntauglich sind, dann kann man dies verstehen. doch schülerInnen können nicht lehruntauglich sein.

lernen ist ein subjektiver prozess. doch unser schul- und lehrsystem basiert auf verallgemeinerungen, um eine bestimmte form der wissensvermittlung durchführen zu können. schon lange gibt es andere vorstellungen von lehren und lernen. es gibt auch verschiedene vorstellungen, wie zwingend zeitliche abläufe sein müssen. ich schreibe nur kurz „summerhill“ als alternative form des üblichen lehrens und lernens, ein projekt, das der selbstbestimmung den vorrang gibt.

„lehruntauglich“ sagt jedoch aus, dass die jugendlichen nicht zur „lehre“ passen. andersrum wird ein schuh daraus: die „lehre“ passt oft nicht zum lernen und vor allen dingen zu den jugendlichen. es wäre zu wünschen, dass dies endlich einzug in viele pädagogische konzepte erhält. „lehruntauglich“ personalisiert vor allen dingen und bereitet den weg, junge menschen vom lernen schon sprachlich fern zu halten. wenn sie es nicht schon verlernt haben zu lernen, dann sorgt die wortwahl für den rest. und vor allen dingen: was macht man nun mit so einem wissenschaftlichen ergebnis?

einziges ziel sollte es sein, die lehre zu verändern. das wäre konsequent, könnte persönlichkeitszuschreibungen unterbinden und sollte die lehre als lernuntauglich befunden werden, kann sie abermals reformiert werden. dann muss auch nicht an den persönlichkeiten der lehrenden rumgekrittelt werden.