Tagesarchiv: 14. Juni 2012

wortklauberei (108)

rekapitalisierung / restrukturierung der banken

„Im Rahmen des Finanzmarktstabilisierungsfondsgesetzes schließlich können Unternehmen des Finanzsektors den Finanzmarktstabilisierungsfonds für Rekapitalisierungen unter bestimmten Bedingungen in Anspruch nehmen.“ (wikipedia zu „rekapitalisierung“)

aha, da haben wir sie wieder, diese wortungetüme, die etwas „positives“ suggerieren und eigentlich einen „negativen“ hintergrund haben. wer wollte schon begriffen wie „stabilisierung“, „fonds“ und „rekapitalisierung“ etwas zerstörerisches anheften. auch rettungsfonds klingt noch zu hübsch für das, was da gerade geschieht. darum vielleicht einmal im umgangssprachlichen format:

die konstrukte „geld“ und „kapital“ (so ist der geldschein nie so viel wert, wie auf ihm steht, also in der produktion nicht so teuer) waren für menschen, die banken leiten, banken protegieren und banken für die himmelspforten der gesellschaft halten, ein anlass, den besitz andere menschen zu verzocken. sie bauten auf die gedanklichen konstruktionen noch ein paar luftschlösser, die immer höher wuchsen und irgendwann zusammenkrachten. dabei wurde der besitz anderer menschen vernichtet. da man aber angst hat, dass die anderen noch existierenden luftschlösser auch zusammenkrachen, beatmet man die banken künstlich weiter mit dem restlichen besitz der menschen, deren besitz zum großteil schon vernichtet wurde.

faszinierend – diebstahl ist in unserer gesellschaft eine straftat, die im vergleich zu machen körperlichen und sozialen vergehen relativ hoch bestraft wird. ab einer gewissen gesellschaftlichen höhe wird diebstahl nicht mehr bestraft sondern gerettet. noch absurder wird es, wenn die kanzlerin erklärt, man dürfe nun die misswirtschaft einzelner länder der eu nicht der gesamten bevölkerung des zusammenschlusses aufbürden, wobei sie im selben atemzug exakt das gleiche in ihrem land getan hat. die misswirtschaft einzelner banken wurde der gesamten bevölkerung aufgebürdet.

manches kann man vielleicht noch unter solidarität verbuchen, da ein crash noch mehr menschen in mitleidenschaft ziehen würde. aber sich dann einer sprache zu bedienen, die die mechanismen einer zocker- und selbstbedienungshaltung verschleiert, die einigen wenigen weiterhin einen freibrief ausstellt, das zeigt, wie gut sprache funktioniert. folgt man den formulierungen, kann man glauben, dass „wir“ mit all dem nichts zu tun haben, dass es bei uns ja ehrlicher zugeht und wir immer nur in der eu blechen sollen. noch faszinierender finde ich, dass diese sprachliche verschleierung auch noch funktioniert. so werden wir auch morgen noch retten, fonds gründen, rekapitalisieren und restrukturieren, obwohl schon längst die struktur den bach runter und das kapital futsch ist.

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web 2.0 und unsicherheit

die nutzung des web 2.0 ist eine gratwanderung zwischen unsicheren und selbstsicheren momenten. man nehme nur einmal facebook als beispiel. bei facebook vernetzt man sich mit menschen, die man von „sehr gut“ bis „kaum“ kennt. inzwischen kann man staffelungen einstellen, wen man über was informieren möchte. alle nutzerInnen wissen außerdem, dass eigentlich der anbieter dieses netzwerks ständig mitliest. es kann also in keinem moment von privatheit gesprochen werden. doch das spielt bei facebook für viele keine rolle mehr – privates wird zu öffentlichem – immer gekoppelt mit einer leichten unsicherheit im hinterkopf, was denken die anderen über mich.

erst wenn hunderte zur eigenen party kommen, die man nicht kennt, aber da man den verteiler nicht korrekt bedient hat sie sich eingeladen fühlen. erst dann spürt man, wie öffentllich das private bei facebook werden kann. und dann wird man vorsichtig. man möchte teil eines netzes sein, doch eigentlich nur eines sicheren und verlässlichen netzes. aber diese gewissheit gibt es im web 2.0 nicht mehr. die gab es eigentlich auch vorher im internet nicht mehr. der grund ist leicht auszumachen: es ist die virtualität der digitalen welt: ich sehe nicht eins zu eins, mit wem ich kommuniziere, wer was von mir lesen kann. ich kann nur einen vertrauensvorschuss geben, den ich nie überprüfen kann.

wenn man sich dessen bewusst ist, dann kann man sich eigentlich nicht mehr selbstsicher durch das netz bewegen. dann wird immer unsicherheit im spiel sein. dann tauchen fragen auf: bin ich zu weit gegangen? wieso habe ich mich spontan mit meiner meinung so weit aus dem fenster gelehnt? sollte ich mich überhaupt noch im internet bewegen? wie gut sind die freundschaften mit anderen wirklich? auf wenn kann ich mich verlassen? ohne eine reale überprüfung durch treffen und Weiterlesen