biografisches schreiben und sucht

sucht wird in unserer gesellschaft sehr seltsam diskutiert. es gibt kaum eine störung und krankheit, die viele so hilflos macht. damit meine ich nicht die davon betroffenen, denn sie sind süchtig, also in gewisser weise hilflos. sondern ich meine das nähere umfeld. sucht führt oft zum fremdschämen. dies hat damit zu tun, dass in vielen köpfen weiterhin die vorstellung herrscht, dass die süchtigen sich nur ordentlich anstrengen müssten, um ihrem verlangen herr zu werden. die abhängigkeit wird als schwäche verbucht, als persönliches verschulden.

beim biografischen schreiben hat man die chance, einmal zu schauen, auf welche dinge man selber in seinem leben nicht verzichten konnte. was brauchte man auf gedeih und verderb und hat sich damit eventuell auch in schwierigkeiten gebracht? dabei kann man unterscheiden, welche süchte anerkannt sind und welche verurteilt werden. anerkannt ist zum beispiel der workaholic, der sein leben von der arbeit abhängig macht, auch die magersucht findet bis zu einem gewissen punkt anerkennung. andere süchte werden sofort verurteilt (weiterhin betrifft dies hauptsächlich die „harten“ drogen).

schauen sie doch mal in ihrer lebensgeschichte nach, was sie alles angestellt haben, um eine form der befriedigung zu finden, auf die sich nicht verzichten konnten. und war dann, nachdem das bedürfnis befriedigt war, ruhe oder folgte der nächste heftige wunsch? warum fiel es so schwer, den erfolg, die befriedigung zu genießen? was glauben sie, woher die einstellung kommt, dass es immer noch besser, noch toller, noch stärker, noch schneller oder noch befriedigender geht? woher kommt der empfundene mangel in ihrem leben?

ein anderer blickwinkel im biografischen schreiben kann es sein, sich zu fragen, wo im persönlichen umfeld süchte zu tage traten. wie hat man das erlebt? setzte fremdschämen ein oder eventuell sogar co-abhängigkeit? ab wann hat man oder hätte man grenzen ziehen sollen? meist ist der kontakt zu süchtigen jedeweder art ein schwieriger und zwiegespaltener. man erlebt die bedürftigkeit eines menschen, der einem nahe steht und möchte unterstützung geben. gleichzeitig weiß man meist sehr genau, dass man den bedürfnissen der anderen widersprechen sollte, da sie unangemessen geworden sind. in diesem moment kann man leicht in die zwickmühle und angst geraten die anderen zu verlieren, wenn man ihnen grenzen aufzeigt. dabei ist das vielleicht das einzige, das ihnen helfen könnte. wie ist man selber aus diesem „teufelskreis“ rausgekommen?

wenn sich jetzt leserInnen wundern, weshalb ich hier so verallgemeinernd über erfahrungen mit süchten schreibe, weshalb ich also davon ausgehe, dass eigentlich alle in kontakt mit süchten gekommen sind, dann kann ich nur antworten, dass statistisch betrachtet die wahrscheinlichkeit enorm hoch ist, dass jeder in seinem näheren umfeld oder selber mit süchten konfrontiert war. vielleicht handelt es sich bei süchten auch um etwas, ohne das unsere heutige soziale zusammenlebensform gar nicht vorstellbar ist. vielleicht gehört der hunger nach beständiger steigerung von allem zu unserem aktuellen lebenskonzept und wird beständig ideologisch unterfüttert.

wenn dies der fall ist, dann kann beim biografischen schreiben auch betrachtet werden, wie weit man der ideologie folgte und ob man für sich einmal die bremse gezogen hat. verurteilte man die, die nicht mehr die bremse ziehen konnten? und auf welcher basis fällte man sein urteil? wann verwandelt sich zum beispiel selbstschädigung in fremdschädigung? also ein weites feld, das beim blick auf die eigene lebensgeschichte viel offenbaren kann.

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