selbsterkenntnis und versuchung

man ist versucht, den ganzen selbsterkenntniskram sein zu lassen, scheint er doch anstrengend, nicht sehr ergiebig und nicht selten wie ein laufen im kreis. betrachtet man zum beispiel spontan geschriebenes aus krisenzeiten oder melancholischen phasen, kann man manchmal sein eigenes gejammer schwer ertragen. selten schreiben menschen nieder, wie gut es ihnen geht, denn dann geht es ihnen ja gut, es scheint nicht notwendig etwas zu verarbeiten.

erst einige zeit später realisiert man meist, wie gut es war, sich die zeit für sein eigenes gejammer zu nehmen. man stellt fest, dass diese kreisbewegungen notwendig waren um die richtige abzweigung zu finden und sich abermals ein stückchen entgegen zu fahren. doch kaum befindet man sich auf der idyllischen landstraße, hadert man schon wieder mit den nächsten schritten der selbsterkenntnis. nicht selten formulieren menschen für sich, dass es ihnen ohne diesen ganzen psychoquatsch und dieses seelenstriptease auch ganz gut gehe. wohl wahr, wer nicht möchte sollte auch keine veranlassung haben die selbsterkenntnis voran zu treiben. es kann nicht zur allgemeinforderung werden, dies zu tun. und es stimmt, manche phasen der aufschlüsselung eigener gefühle und gedanken können verdammt anstrengend sein.

warum macht man es dann trotzdem? da die versuchung, sich hinterher ein stück besser zu fühlen, die versuchung die analyse sein zu lassen, überwiegt. zumindest, wenn man einmal die erfahrung gemacht hat, wie angenehm und befreiend das abwerfen alten ballasts ist und wie spannend es sein kann, neue wege einzuschlagen. und schritt für schritt häufen sich die positiven erfahrungen. man erkennt, dass sie genauso ernsthaft zu betrachten sind, wie die negativen. man verändert seinen blickwinkel, man kostet hochgefühle aus, man findet sich in einer veränderten welt wieder. sie war eigentlich schon immer da, doch sie war verstellt von den mühen, ein annehmbarer mensch zu sein, der keine probleme hat.

das spannendste ist es aber für viele, plötzlich erklärungen für das eigene handeln finden zu können. mir werden die gründe für mein tun sichtbar, ich kann sie benennen und kann ab diesem moment worte für meine bedürfnisse finden. und man hebelt im laufe der zeit das „schuld“-denken aus. wer ist schuld an meiner lage? wer ist schuld daran, dass ich mich selber nicht sehr wertvoll finde? das soll die einflüsse von außen, die erziehung oder die traumatischen situationen nicht kleinschreiben, aber die schuldfrage tritt einfach in den hintergrund. dabei handelt es sich nicht mehr um verdrängung, sondern darum, dass man es durch hat, es abgearbeitet ist und der fokus auf die subjektiven bedürfnisse und nicht auf die nahegelegten gerichtet werden kann.

klingt ein wenig paradiesisch und heilsversprecherisch. dem ist nicht so, denn das würde ausblenden, dass es immer wieder anfeindungen von außen geben wird. wer sein selbstwertgefühl behauptet gegen anforderungen und unberechtigte einflussnahme, wer übergriffigkeiten abwehrt und sich nicht mit allem gemein machen möchte, der kann damit rechnen, dass sich das verständnis für die eigene situation relativiert. menschen in tragischen situationen werden eher umsorgt, als die, die einen selbstbewussten eindruck machen. denn das helfen den hilflosen birgt eine befriedigung für die helfenden in sich. da ist die versuchung groß, von eigenen fragestellungen abzulenken und sich helfend auf andere zu stürzen. gerade diese momente können schnell über die bedürfnisse der hilflosen oder ohnmächtigen hinweggehen. in den gedanken muss es doch möglich sein, sein eigenes ideal anderen vermitteln zu können. diese vorstellung wird immer vom scheitern begleitet.

versuchungen gehen vor allen dingen mit einem zeitfaktor einher. sie sind deshalb so wirksam, weil sie sich die ungeduld zu nutze machen. da flüstert einem jemand ins ohr, du kannst veränderungen doch viel schneller haben, nimm die abkürzung, nimm nicht die passstraße, sie ist nur anstrengend. und so fährt man gern mal auf flachem grund weiter, bekommt aber auch selten einen blick über die ganze landschaft. wie schon erwähnt, dies ist alles so lang überhaupt nicht zu diskutieren, so lang man dies für sich selber als angenehm empfindet. erst wenn der leidensdruck zunimmt, man sich vieles nicht mehr erklären kann, man feststellt, dass man immer wieder am gleichen ausgangspunkt landet, dann können techniken zur unterstützung von selbsterkenntnis hilfreich sein. die entscheidung, sie in anspruch zu nehmen und der versuchung der unerträglichen leichtigkeit zu widerstehen, kann nur jeder mensch für sich selber treffen. und, auch dies ein wunderbarer menschlicher selbstschutzmechanismus, die veränderungen und entscheidungen können meist wieder zurückgenommen werden, wenn man feststellt, dass einem die neuen erkenntnisse eher zu schaffen machen, denn zu einer verbesserung der eigenen situationen führen.

nur eines sollte man an den tag legen, ein wenig geduld. man kann sich ja ein zeitlimit setzen, sollte dies aber nicht zu knapp bemessen. wenn ich anfange mir stück für stück näher zu kommen, sollte ich nicht erwarten, dass in einer woche alles prima sein wird. aber auch dieses limit kann nur ich selber festlegen. es gibt keine klaren regeln. vielleicht ist das das erschreckendste und gleichzeitig das futter für die versuchung, die regellosigkeit bei der analyse der eigenen lebenssituation. denn jeder hat sein subjektives leben, das andere so nie erlebt haben und erleben werden. das fühlt sich einsam an, führt aber schnell zu einer neuen neugierde auf andere. man begegnet sich auf einer ebene, die nicht durch einen entwicklungs- und selbsterkenntnisvorsprung hierarchisiert werden kann. da sind wir uns alle gleich 🙂

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